Archiv der Kategorie: kunst und kultur

verrückt

ver:rückt ist das, was für andere nicht norm:al ist. norm:al ist das, was andere als ver:rückt empfinden. gemeinsamkeiten gibt es nicht. nur abweichungen. (ist) irre (sein)!? meschugge, gaga, dada und plemplem. wahnsinnig. schrill. schlicht. aberwitzig. hirnrissig. gestört. ungestört. gelitten. zersplittert. verfolgt. verrucht. absurdes (wort)theater. ein zerrissenes ich. welten. realitäten. unmöglichkeiten. wünsche. träume. fallenlassen.

verrückt (kopfhörer auf die lauscher, volle pulle aufdrehen und einmal urschrei dazu, yeah!)

…, denn die seelentänzerische musik von illute habe ich im schaufenster des leipziger plattenlabels analogsoul entdeckt. einfach weil ich über den cd-titel stolperte, der da lautet: „immer kommt anders als du denkst“ und das zunächst für einen grammatikalischen fehler hielt. cd-cover und die seite in der schreibmaschine belehrten mich über eine störung im wortgefüge, die sinn ergibt. denn es ist, wie es ist. so. richtig. und wer kein tip-ex hat, korrigiert nicht. basta! früher war es manchmal einfacher, weniger perfektionistisch. das geht auch heute noch, wenn man willkanndarf. immer ist eine lebenslüge.  und nie? wann ist das? immer ist nur jetzt in dem moment. just. eben. und du so?

mit diesen beiden fotos setze ich meine reihe mit außergewöhnlichen fensterdekorationen fort. die anfänge kann man hier und da sehen.

dok leipzig

heute hat das 53. internationale leipziger festival für dokumentar- und animationsfilm begonnen. bis zum 24. oktober laufen unter dem motto the art of documentary viele filme im wettbewerb, in sonderreihen, es finden meisterklassen mit dem kasachischen regisseur sergey dvortsevoy, dem deutschen dokumentarfilmer klaus wildenhain und dem animationsregisseur bill plympton statt, ebenso wie diskussionsrunden für insider und interessierte. in diesem kleinen, leuchtend roten baucontainer in der petersstraße können einzel-, tages- und dauerkarten sowie die üblichen devotionalien zur erinnerung gekauft werden. in der fußgängerzone ist das rote quader gar nicht zu übersehen.

lyrik am bauzaun

glücksmoment. gefunden am bayerischen platz in leipzig.

in der partyplüschschlinge

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naja, irgendwie beschweren sich unsere sog. leipzscher subkulturler ja auch immer nur mehr oder minder lautstark über behördenwillkür oder finanzielle kürzungen in der kulturszene. aber wenn es mal darum geht, kommerz von street art zu unterscheiden, da pennen die einfach. die partypeople trampelten heute am frühen mittag ziemlich dröge und ohne die stencils überhaupt wahrzunehmen während der global space odyssey 2010 über das a-team hinweg. gestern hatte ich bereits darauf hingewiesen, daß es sich um guerilla-marketing der werbeagentur des filmverleihers von „a-team – der film“ handeln muß, die hier mit einer ganz billigen masche „it-people“ aus den szenevierteln der großstädte in den kinosessel knüllen wollen. aber leipzigs street art szene scheint weitgehend unpolitisch zu agieren (einen artikel aus der sz zum thema hatte mir lebensumbau mal zukommen lassen – ihr findet das pdf am textende als wortfeile0001). in berlin haben die aufmerksamen sprayer bereits reagiert. klar, natürlich ist protest gegen die kulturpolitik dieser stadt notwendig, die es nach der wende geschafft hat, eine verlagslandschaft nahezu in den ruin zu treiben und die fette kulturmaus nach berlin, köln und hamburg verjagt hat, dorthin, wo es noch was zu erleben gibt, wo kultur noch gefördert wird, wo man erfahrung mit gegenkultur hat und wo man sich – wie in berlin – sogar noch werbetechnisch damit brüstet. ein geiles feeling, wenn man so arm ist, daß man sich noch sexy fühlt.

aber ja doch, in leipzig gibt es auch ein paar sehr engagierte menschen in der kulturszene, ein paar, die etwas bewegen, die ein paar wagen durch die stadt rollen lassen, einen  rave der alternativen. alternativlos jedoch die ganzen mitläufer, die man sich ans bein bindet oder als fünftes rad am wagen mitschleift, die nix als spaß wollen, die ohne party am wochenende einfach vor langeweile zu grunde gehen oder nur durch ihre sesselpupse hochfahren und schon in anderen sphären  (dem eigenen dunstkreis) schweben. in sachsen sollen in diesem jahr 25 millionen euro im sozialbereich eingespart werden? ach, ich geh erst mal abhotten, den frust runterspülen, am frühen nachmittag mit einem kühlen bierchen lässig in der hand durch die stadt ziehen. mögen die macher große worte haben, die mitläufer nuscheln doch in der uni dann wieder ihre lippenbekenntnisse vor sich hin und fühlen sich so heldenhaft, daß sie dabei waren – beim „protest“. es reicht ja, die beine tänzelnd zu bewegen und mit den lippen ein paar worte zu säuseln, wenn man selbst nicht betroffen ist. irgendwas geht immer!

protest sieht anders aus. protest ist ein großes wort. protest ist keine spaßparade mehr in diesen zeiten, wo die regierung immer mitten in der feierlaune irgendwelche gesetze verabschiedet und kürzungen beschließt, von denen nur ein bruchteil der bevölkerung überhaupt etwas wahrnimmt, weil – es gibt ja so viele andere möglichkeiten, sich den kopf vollzudröhnen. hohle phrasen würden das loch im kopf auch nicht füllen. leuts, sooo wird das nix! und es ist  ja schon so, daß ich zwar die beats mag, aber schnell wieder leine gezogen bin, weil irgendwie doch alle „zuhörer“ nur über dieses und jenes banale palavern, während sich jemand mit einer rede abmüht. man versteht kaum was, so laut murmeln die teilnehmer um ihr privates glück. tja, und die schönen parolen auf den wagen, was sind die wert, wenn man high ist? in slowmotion sehe ich nichts radikales, nur ein paar polizisten und ordner und ein paar harmlose, geduldete kiffer. da zieht er ab, der traum von einer gerechten gesellschaft, platzt wie eine seifenblase. und der rauch wird vom winde verweht. und einer, der kaum geld hat, weiß wo er es sich verdienen kann. er begleitet den feierzug mit fahrrad und al:di-tüten und sammelt leere pfandflaschen. ein kontrastprogramm der sonderklasse.

ach so, die mugge vom wagen „le cirque de la curiosité war übrigens grandios. ich wollte doch auch mal was positives vermelden…

Wortfeile0001

liebe im freien

freie liebe oder liebe im freien oder wenn die prüderie ausbricht, dann lautet die anklage: erregung öffentlichen ärgernisses. zwar fühlen sich liebende in der natur gerne alleine, wenn sie glück haben, sind keine spanner in der nähe, aber ein paar tiere schauen immer zu. ich bin  mir auch nicht ganz sicher, ob das ein linolschnitt oder doch eher ein holzschnitt ist, dazu kenne ich mich in den feinheiten der kunstbewertung nicht gut genug aus. mich erinnert es aber an die schulzeit und den malzirkel, in dem ich so ähnliche arbeiten auch angefertigt habe. zugegeben, weniger das motiv des liebespaares, aber eine katze war auch mit drauf und natürlich auch nicht mit dieser handfertigkeit ausgeführt. die signatur des künstlers kann ich auch nicht eindeutig entziffern, scheint aber womink zu heißen. der druck ziert nun die gute stube des bauernhauses meiner anverwandten. schönes stück und paßt dort gut hin. der preis, wo wir doch hier die überzogenen sümmchen der leipziger schule gewohnt sind, war auch erschwinglich. leider war in der kunsthalle des gutes conow in wittenhagen keine arbeit mehr zu haben. ich hätte das glatt gekauft, nur um mich an einem ähnlichen, traumhaften bild zu erfreuen. denn mir als urtikaria-patientin ist ein solches vergnügen, ohne decke auf der wiese oder auf dem feld auch nur zu liegen, leider nicht gegönnt. ich würde hinterher aussehen wie pischti pustel.

mann ohne eigenschaften

hans magnus enzensberger

der unverwundbare

in der wissenschaft der unterlassung
hat er es weit gebracht.
blutrünstig die verbrechen,
die er nicht beging,
endlos die heerschar der fehler,
die er vermieden hat.
passende bemerkungen,
ungeschwängerte mädchen
säumen seinen weg.
seine geruchlosigkeit
ist atemberaubend,
sein leumund
macht jede chemische reinigung brotlos,
er ist weiß, er niest nicht,
er segnet uns, ist gesegnet.
andere lebenszeichen
von seiner seite
sind nicht zu befürchten.
warzenlos verschwindet er
in seinem eigenen foto.
(1980er jahre, quelle: deutschlandfunk-lyrikkalender 2010, kalenderblatt vom 19. juli, verlag das wunderhorn).

scharfes unscharf

die freidenkerin hat mal irgendwann das lustige fotoprojekt cam unsharp initiiert. und da ergreife ich doch mal die gelegenheit, eines meiner mißlungenen fotomotive hier einzustellen. puppenstube heißt diese installation von den kunstpädagogikstudentinnen sarah neufeld und sophie girwert aus barbie/puppen und einer sexpuppe, die im pöge-haus während der aktion kunst am markt zu sehen war. durch ein guckloch durfte ich einen verstohlenen blick auf ein symbol für die sexualisierung der gesellschaft werfen.

die zweite aufnahme erscheint mir dann doch etwas schärfer. aber die unscharfe, überbelichtete variante versinnbildlicht so plastisch  die vielfältigen betrachtungsweisen zum thema prostitution. im männlichen blick der befriedigung liegt ein bißchen die rosatönung. in einem sozialen brennpunkt wie dem eisenbahnstraßen-kiez in leipzig scheint das neben drogenhandel ein großes thema zu sein. ich treibe mich da jedenfalls nachts nicht in der gegend rum und kann also auch nicht aus erster hand berichten. natürlich gibt es auch immer die seite der anwohner, die sich von freiern oder luststöhnern belästigt fühlen. und dann existiert die armut der frauen, die ihren körper verkaufen, um zu leben, die das vielleicht auch nicht immer ganz freiwillig tun (stichwort: menschenhandel). ich denke aber auch, daß das älteste gewerbe der welt seine berechtigung hat und legal sein muß. irgendjemand muß sich um die sexuelle befriedigung kümmern, wenn die unerfüllte lust daheim zum frustpotential wird. ein bißchen bewundere ich die fähigkeit der nutten, ihren ekel, den sie bestimmt manchmal empfinden, zu überwinden. andererseits kann ich mir nicht vorstellen, meinen körper zu entwürdigen. auch wenn viel schönes heutzutage nicht mehr nur geil ist, sondern porno. dafür da bin ich wohl viel zu sehr stino und naivchen, aber vor allem romantikerin.