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na, altes haus?!

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es ist noch nicht allzu lange her, da konnte ich legal das lange leerstehende pöge-haus in leipzig in der hedwigstraße besichtigen. natürlich im rahmen einer kunstakion, aber besser so als gar nicht. viele bilder davon habe ich noch gar nicht gezeigt. denn es war für mich nicht nur geruchlich eine reise in die vergangenheit – es roch nach altem linoleumbelag, nach alten lösungsmitteln und neuen, nach der vermoderten tapete, nach jahrelang ungelüftetem wohnraum. die treppen knarrten, die dielenbretter auch. an den wänden klebten teilweise die tapetenmuster aus der ddr. in einigen räumen fanden sich fundsücke aus der ruine als ausstellungsstücke wieder. wenn wir unsere erinnerungen in einen karton packen und ihn zuschnüren und ihn auf den dachboden oder in den keller bringen würden, kehrten sie nicht als diffuse teilchen und unerwartet wieder in unseren kopf zurück? kennen erinnerungen so etwas wie ruhezeiten? können sie zu einem anderen zeitpunkt nicht wie ein schnell geschnittener film vor uns aufflackern? könnten wir doch manchmal einfach nur play drücken oder pause, schneller oder langsamer zurückspulen… und doch haben wir kein steuer für unsere erinnerungen in der hand. sie sind scheinbar willkürlich da oder verschwunden. und ich weiß nicht, wo sie sich gerade aufhalten, ob im vorzimmer oder im oberstübchen, im souterrain oder auf dem balkon.

in diesem gebäude wurde mir die damalige ddr-mangelwirtschaft mal wieder so richtig bewußt. ich stand in den schmalen fluren und erblickte die laienhaft eingezogenen zwischenböden an den wänden, die aus allem möglichen material zusammengebastelt wurden. manchmal aus türen zurecht gesägt, manchmal aus brettern, manchmal aus alten möbelstücken. alles wurde irgendwie weiterverwertet. nachhaltigkeit aus mangel an rohstoffen. nun sind die rohstoffe der welt noch genauso endlich, aber auch immer noch ungleichmäßig verteilt. gerade deswegen finde ich es schön, wenn alte dinge aussortiert werden, die einfach überflüssig sind, diese aber nicht einfach weggeworfen werden, sondern verschenkt oder für einen symbolischen wert an einen neuen liebhaber verkauft werden. heute finden wir das bei fudelchen, vor kurzem hat paradalis ihre taschensammlung teilaufgelöst. dieser virtuelle flohmarkt ist ein anfang und ein beitrag dazu. noch besser wäre es allerdings, wenn wir unseren konsum stärker auf das wirklich notwendige beschränkten. dabei muß ich nicht mal den zeigefinger ausstrecken. ich kann gleich mal bei mir anfangen. irgendwann zwischen den jahren wird es bei mir auch wieder so weit sein. das aussortieren und neusortieren und umordnen am jahreswechsel ist mein ritual. ob ich meinen kopf auch ein bißchen umräume? es stände ihm bestimmt gut zu gesicht. und bis zum jahreswechsel kann ich dieses mal nicht ausharren. manchmal ist das leben eines menschen wie ein altes haus. es muß gelegentlich saniert oder ausgebessert werden. einiges muß komplett herausgerissen werden, manches darf bleiben, wie es ist, anderes wird neu angemalt. und nun mache ich mich mal an die arbeit.

makabre, schmutzige schönheit

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lange habe ich die bilder von unserem pfingstausflug in meinem hinterstübchen hin- und hergewendet. einfach nur ein paar hübsche fotos veröffentlichen mit dem touch des ruinösen, verwitterten ddr-charmes, der immer häufiger für filmsets oder für fotoshootings herhalten muß, kam irgendwie nicht in frage. zumal einige aufnahmen eine makabre schönheit in sich tragen. wie kann etwas gespenstisch und gleichzeitig faszinierend sein? weil wir oft vergessen und nur noch sehen, was davon übrig blieb. also schauen wir doch mal zurück.

auf dem gelände des heutigen bildungs- und entwicklungszentrums der stadtwerke leipzig wurde von 1908 – 1910 das elektrizitätswerk (hauptwerk süd) errichtet und mit braunkohle aus der innerstädtischen tiefbaugrube dölitzer schacht (als technisches denkmal erhalten) befeuert. zu pfingsten 1910 – also genau hundert jahre vor entstehung dieser fotos – begann man mit der stromlieferung an die leipziger elektrische straßenbahn. die braunkohle transportierte man ab 1927 mit einer seilbahn vom schacht zum werk in der bornaischen straße. die seilbahn wurde 1928 wegen umweltverschmutzung stillgelegt. im 2. weltkrieg wurde das kraftwerk bei luftangriffen (1943/44) schwer beschädigt. nach dem krieg befahl die sowjetische militäradministration die demontage von kesseln und großturbinen (reparationen), wodurch sich die leistungsfähigkeit halbierte. sperrstunden und kontingentierung waren bis 1953 die folge. (ich erinnere mich an abende bei kerzenschein, weil die stromversorgung in der ddr auch in den 70ern und 80ern sehr instabil war. unsere weihnachtsgans mußte bereits zwei tage vor dem ersten weihnachtsfeiertag im ofen brutzeln, weil die gasversorgung an den feiertagen extrem spärlich war.) später wurde aus dem hauptwerk süd das kraftwerk ernst thälmann. 1992 übernahmen die stadtwerke leipzig die städtische energieversorgung. das lößniger heizkraftwerk wurde 1996 mit dampferzeugern auf erdgasbasis ausgestattet. die geräte brummen weiter vor sich hin.

auf dem gelände zeugen alte schilder, geräte und die bauwerke selbst von der umweltverschmutzung, die in der ddr offiziell nicht existierte. die luft war im winter stets kohlenstaubgeschwängert (heute heißt das smog). auf den flüssen trieb eine schaumschicht, weil abwässer ungeklärt einflossen. in den meisten gewässern konnte man nicht baden, ohne sich diverse hauterkrankungen zuzuziehen. es stank entsetzlich. und heute können wir die nase rümpfen, wenn ein trabant an uns vorbeituckert, weil sich seitdem sehr viel verändert hat. renaturierungen, sanierungen und ausbau des abwassersystems, filteranlagen etc. diese bunte farbenpracht der ölverschmierten fenster in der sonne und dann die ölkatastrophe im golf von mexiko – die kontraste könnten stärker kaum sein. umweltverschmutzung in einem immer noch nicht abzusehenden ausmaß. und ich bin skeptisch, ob hier ein konsumentenbokyott, wie ich ihn bei einer facebookgruppe entdeckt habe, wirklich zu helfen vermag. diese fordert, nicht mehr bei bp oder aral zu tanken. ich halte das langfristig für kurzsichtig. erstens ist das „saubere, grüne“, in der werbung suggerierte image von bp ohnehin flöten. zweitens: wer bezahlt für die schäden, wenn bp pleite geht? drittens: bp liefert erdöl ja nicht nur an tankstellen. aus erdöl wird alles mögliche hergestellt, auf das wir bequemen menschen so ungern verzichten wollen: bitumen für das bauwesen, kraftstoff für urlaubs- und businessflüge, flüssiggas, heizöl, schifffahrt, petrolchemie, ja selbst „nachhaltige“ solarmodule. das teil, auf dem ich gerade schreibe, dürfte ich, wenn ich das wirklich konsequent durchziehen wollte, nie wieder berühren. ich dürfte essensreste nicht in tiefkühlboxen im kühlschrank aufbewahren, sondern müßte immer alles sofort verzehren. ich müßte sofort die heizung abstellen. es reicht nicht, bp anzuklagen. alle geschäftskunden, die ihre rohstoffe von bp beziehen und wir als konsumenten tragen die verantwortung mit.

und noch ein lesebefehl zur sozialen verantwortungslosigkeit von unternehmen: suizid in der arbeitshölle von tom.

drill-tillich

der wahlmarathon in sachsen erlebt heute nach der kommunalwahl im juni und vor der bundestagswahl im september mit der landtagswahl sein bergfest. prophezeit wird für sachsen eine cdu-mehrheit. zwar werde ich mich gleich an der wahl beteiligen, aber nicht, um einen nächstenlieblichen sachsenweinkönig zu wählen. erinnern wir uns an stanislaw tillichs erinnerungslücken als cdu-blockflöte. 1999 – verdammt lang her? ach, zehn jahre reichen für verjährung von falschen angaben? haben wir ein rechts- oder ein linksdrehendes rechtssystem? tillichs joghurtkultivierung – mit der jeweils erfolgreichen masse drehend – wird in einem faz-beitrag über die stasi-vorwürfe deutlich: ich war damals kein held. nun, heute etwa? nachdem er sich acht monate vor einer stellungnahme gedrückt hat und dann den fragebogen in der blödi-bild-zeitung veröffentlichte? solch öffentliches hitze- und druckempfindliches verhalten brüllt regelrecht nach einer auszeichnung mit dem bundesnarrenkreuz. aber tillich mault weiter, er habe keine lust mehr, seine vergangenheit, sein ‚privatleben immer wieder zu erklären. ja, einmal ausführlich und vollständig hätte auch gereicht. dann nämlich könnte man ihm keine ddr-demenz vorwerfen, sondern müßte sich jetzt versäumnisse bekrittelnd an die prüfenden behörden wenden. vergessen, das kann schon mal passieren so im prüfungsstreß. monatelang heimlich angstschweiß von der stirn tupfen; dann so tun, als ob man nichts zu verbergen hat und gutgläubige kaschen. entfallen war ihm auch die teilnahme an einem lehrgang an der ‚akademie für staat und recht‚ im frühjahr 1989 in potsdam babelsberg, denn schon im november des jahres überschlugen sich die politischen ereignisse. da kann man schon mal hadern mit den kadern und der eigenen vergangenheit.

also ich erinnere mich an meinen besuch des illegalen punkkonzerts am 1. mai 89 (tillich-sprech = frühjahr) in kromsdorf, obwohl ich ziemlich betrunken war. am nächsten tag wurden an unserer eos friedrich schiller in weimar mehrere schüler der angegliederten lehrerausbildung in das büro des direktors zum rapport gebeten. er wollte namen weiterer konzertbesucher hören und stieß trotz drohungen auf eisernes schweigen. nichts passierte. niemand wurde geext. das bißchen nonkonformismus würde ich weder als staatsfeindlichen akt einstufen, noch als aktiven protest, sondern eher als jugendliches aufbegehren. nichts, was heldentum ebenbürtig wäre. revoluzzer wurden wir erst im november. dazwischen lag die sorge um die wiederkehr von freunden und verwandten aus ungarn und der čssr. und die menthol-zigaretten-mär im neuen deutschland vom 21. september 1989 um den angeblich von menschenhändlern mit einer präparierten zigarette entführten mitropa-koch… oder wissen sie das etwa auch nicht mehr? das war imho der unglaubwürdigste aufmacher der ddr-pressegeschichte.

ob doppelherz auch gegen doppelmoral hilft?

wa(h)re helden

wahre_heldenin der karli /ecke steinstraße in leipzig mischen sich die alten und neuen helden zu einem skurrilen optischen und historischen ensemble. während auf dem völlig verblichenen wandbild in der tradition des ddr-arbeiterkampfes zum 1. mai eine militärkapelle aufmarschiert, dynamische mitglieder des dtsb (deutscher turn- und sportbund) in reih und glied antreten, schwenken oben pioniere eine flagge mit der schrift kjvd (kommunistischer jugendverband deutschlands). ganz blaß ist auf der weißen fahne in der mitte das wort freiheit, das in den sozialistischen ländern des ehemaligen ostblocks lediglich postulierte ideal, zu erkennen. rechts stampft ein fanfarenzug schnurstracks in richtung abgrund aus dem bild im stil des sozialistischen realismus. als mahnmal nicht zu unterschätzen!

die werbetafel auf dem brachgrundstück zeigt die zeitgemäßen helden. die biertrinker (ob johlender jugendlicher – natürlich ü-16 oder pantoffelheld). mit dem feucht-lakonischen slogan ‚wahre helden stehen mitten im leben‚ lockt die sächsische brauerei ur-krostitzer direkt zum überfahren der orangefarbenen ampel, um noch ein hübsches schwarz-weißes erinnerungsfoto aus dem blitzer links im bild zugeschickt zu bekommen. das dürfte teurer werden als ein kasten kühles blondes. wie viele sausen kann man ohne führerschein feiern! nahezu steuerlos.

wie sangen die fehlfarben einst in ihrem lied ‚ein jahr (es geht voran)‚ so schön zum thema historische umbrüche?

keine atempause,
geschichte wird gemacht,
es geht voran!

spacelabs fallen auf inseln,
vergessen macht sich breit,
es geht voran!


berge explodieren,
schuld hat der präsident,
es geht voran!


graue b-film-helden
regieren bald die welt,
es geht voran!

sprühkraft

‚demokratie versprühen‘ – so nannten sich der workshop und ein battle des graffiti vereins leipzig. mitte mai trafen sich die straßenkünstler, um sich in theorie und praxis mit dem thema auseinanderzusetzen. das ergebnis kann man seit mitte juni in der arthur-hoffmann-straße  an einer hausfassade kurz vor dem bayrischen bahnhof sehen. farblich paßt sich das graffito wunderbar in die umgebung mit der brachfläche ein. unter dem hausgiebel prangt der schriftzug ‚demokratie versprühen‘. ich habe das bild extra groß hochgeladen, damit man auch die schriftzüge auf den kleinen transparenten sehen kann, wenn man das foto vergrößtert. dort wurden teilweise die politischen parolen der demokratieverfechter aus dem herbst 1989 von den montagsdemonstrationen dargestellt: ‚wir sind das volk!‘, ‚keine gewalt!‘ und ‚freiheit‘. dazu gesellen sich die zeitgemäßen versionen ‚demokratie vermalen‘, ‚anties‘ und ’nerd for love‘. man kann das projekt auch als aktiven beitrag zur politischen bildung jugendlicher deuten, denen ddr-geschichte und wendezeit manchmal durchaus unter einem nostalgisch-verklärten blickwinkel vermittelt wurde.

während weder in der ratsversammlung am 17.06.2009 noch im kulturausschuß des bundestags irgendwelche ergebnisse über die standorte der ‚freiheits- und einheitsdenkmäler‘ in leipzig und berlin erkennbar sind, d.h. die wettbewerbe immer noch nicht ausgeschrieben werden, darf sich der graffiti verein nun der sprühkraft rühmen, noch vor dem offiziellen 20. wendejahrestag am 9. november einen ort des erinnerns erschaffen zu haben. ich kann nicht mal sagen, ob das ein privathaus ist oder ob das haus einer immobiliengesellschaft gehört. auf jeden fall sieht das gebäude nun – wie ich finde – besser aus als mit den tags vorher. in leipzig kommen immer mehr hauseigentümer auf den geschmack, sich die fassaden mit legaler street art aufzuhübschen. das muß auf lange sicht wohl wesentlich preisgünstiger sein, als alle paar tage ein paar schriftzüge übermalen zu lassen. es gibt hier fast kein verkehrsschild, kein regenrohr, keinen stromkasten, keine fassade mehr ohne diese signifikantenwut. wahrscheinlich besteht das dilemma aber darin, daß der reiz des verbotenen und der kapitalvernichtung fehlt, wenn flächen zum sprayen freigegeben werden. oder wie sieht man das in der szene oder als eigentümer?

demokratie_verspruehen

VR deutschland?

in vielen beiträgen, die ich in letzter zeit über das thema internetzensur gelesen habe, wird das meist als ein künftiges phänomen beschrieben. die bundesregierung hat unter zensursula und schäublone einen gesetzentwurf verabschiedet, womit dem akb (123-321) das anlegen geheimer internetsperrlisten gestattet wird. internetanbieter sind dann gesetzlich dazu verpflichtet, den zugriff auf solche webseiten zu blockieren (vgl.).

nun gibt es aber bereits seiten, die von deutschland aus nicht mehr ohne weiteres lesbar sind. ob es der mißachtung von datenschutz, denunziantentum oder verletzung der privatsphäre geschuldet ist, sei dahingestellt. ich finde die seite http://www.rottenneighbor.com/ bietet für mich auch keine lösung, um nachbarschaftliche, freundschaftliche, private, familiäre, berufliche, strafrechtliche oder gesellschaftliche probleme zu lösen. für andere scheint ‚rache‘ oder öffentliche bloßstellung der einzige ausweg zu sein. dies soll aber nicht gegenstand des beitrags sein, sondern die permanente unerreichbarkeit der seite mit dem hinweis: ‚we’re sorry, we are currently down for maintanence.‚ (übrigens mit einem schreibfehler im dauerhinweis des deutschen providers. richtig wäre: ‚we’re sorry, we are currently down for maintenance.‘). es stellt sich aber nun bei meinen recherchen dazu heraus, daß dies schon mindestens seit ende februar 2009 der fall sein muß, wie in dem artikel ‚rottenneighbor.com ist für deutsche internetuser unerreichbar‚ nachzulesen ist. also falls auf meiner wordpress-seite bald der hinweis ‚wartungsarbeiten‘ auftaucht, würde ich vermutlich ungläubig gucken, aber es würde mich auch nicht sonderlich verwundern. man kann diese sperren übrigens umgehen, mit proxy-servern (siehe screenshot von heute) oder durch surfen über sog. virtual private networks (vpn). das ausmaß  der internetzensur, die vor ’sicherheitslücken‘ nicht schützen kann, wird deutlich, wenn man den artikel über netzschnüffler und zensurunterwanderung in der volksrepublik china liest.

screenshot rottenneighbor.com

screenshot rottenneighbor.com

viel zu oft habe ich, wenn ich das thema internetsperren oder schutz der privatsphäre und verhinderung von vorratsdatenspeicherung in diskussionen ansprach, die antwort erhalten: ‚ich?! ich habe nichts zu verbergen!‚ aha, natürlich wedeln nun alle mit ihren weißen westchen wie mit patriotischen winkelementen herum. meine gegenfragen lauten: und wie sieht es mit deinem steuerbetrug in den letzten drei jahren aus? wie hoch ist dein kontostand und dein sparvermögen? wann hast du geburtstag? wie lautet deine sozialversicherungsnummer? wo wohnst du genau? wie hoch ist dein jahreseinkommen? wie oft bist du schon fremdgegangen? sorry, wenn sich da mal bei den antworten nicht die balken verbiegen vor lügen. dieses argument ist schlicht und ergreifend viel zu kurz gedacht. das neue gesetz ermächtigt das akb, bereits im verdachtsmoment kurzfristig durchsuchungsbefehle zu beantragen. das juristische prinzip ‚im zweifel für den angeklagten‚ wird einfach unterwandert. bei dem jetzigen personalmangel möchte ich sehen, wie da hinreichend im vorfeld ermittelt wird. es erscheint noch nicht mal eine streife, wenn man bei der polizei leipzig häusliche gewalt in der nachbarschaft vermeldet…

es bleiben nur noch zehn tage, die e-petition von franziska heine ‚internet – keine indizierung und sperrung von internetseiten vom 22.04.2009hier zu unterzeichnen (deadline 16.06.2009!!!!!). dazu muß man freilich seine echten daten preisgeben. der kampf um die grundrechte einer demokratie, wozu die freie meinungsäußerung nun einmal gehört, sollte nicht irrtümlich als etwas eingestuft werden, was das volk nichts angeht oder wogegen man sich mit  viel aufwand  wehren muß. dazu braucht man nicht mal den sessel zu verlassen! über 114.600 bürger haben bereits unterzeichnet, so viele wie bei keiner anderen auf den seiten vom bundestag derzeit laufenden petitionen.

warum macht mich aber diese ganze debatte überhaupt so fassungslos? zum einen ist da der viel zu späte aufschrei der journalisten, die sich plötzlich und (haha) völlig unbegründet bespitzelungen ausgesetzt sehen. bei der reaktionszeit einer schnecke muß man wahrhaftig ins grübeln geraten. bereits 1996 wurde in das telekommunikationsgesetz ein abhörparagraph integriert. kaum mediale zuckungen damals! dann nach den anschlägen vom 11. september 2001 die verschärfte rasterfahndung, die übrigens teilweise als verfassungswidrig eingestuft wurde. der ruf nach sicherheit und schutz vor terrorismus. die geheimagenten scheinen ziemlich überfordert mit der orwellschen technikvisionsverwirklichung. politiker kämpfen aber an der front der legitimierten desinformation. die vr china – unsere kritikpunkte bei der mißachtung der menschenrechte, aber nun unser vorbild bei der internetzensur? geht’s noch?

'operative personenmaskierung' (opm) - verkleidungskoffer in den ausführungen 'bauarbeiter' und 'araber' für ausgewählte mfs-mitarebeiter. zu sehen im stasi-museum in der runden ecke in leipzig.

'operative personenmaskierung' (opm) - verkleidungskoffer in den ausführungen 'bauarbeiter' und 'araber' für ausgewählte mfs-mitarbeiter (stasi-museum in der runden ecke in leipzig).

wie viele formen der zensur muß ich eigentlich noch miterleben? da war die kindheit und jugend in der sennheiser-verwanzten ddr.

technik aus niedersachsen - 1952 im einsatz als wanzen der stasi.

technik aus niedersachsen - 1952 im einsatz als wanzen der stasi.

jeder aufsatz, jede klassenarbeit in geschichte oder dem fach staatsbürgerkunde mußte mit einem statement für den ach so fortschrittlichen sozialismus enden (viele wollen sich daran nicht mehr erinnern, schwelgen dennoch in einer mir unerklärlichen nostalgie). eide wurde geschworen (pioniere, fdj, parteitreue), schmutzige hände gewaschen. zwanzig jahre danach, beim besuch im stasi-museum in der runden ecke in leipzig kommt mir diese ddr-überwachung wie ein schlechter witz vor – natürlich in relation zur subtilität heutiger methoden. man schaue sich doch bitte einfach diese bilder zur ‚operativen personenmaskierung‘ an, die so einfach zu enttarnen waren. die spitzel verhielten sich nicht selten so ostentativ und laienhaft unauffällig, daß wir in unserem pubertär-naiven denken über jeden menschen mit lodenmantel, dederonbeutel, hut, brille sowie ausgebeulten taschen dachten, er sei ein spitzel. heute kann man die observierung nur ahnen. wenn die internetverbindung erlahmt oder ganz zusammenbricht. da werden heimlich 5pionage-computerprogramme auf dem rechner installiert, wenn ‚falsche‘ seiten besucht werden wollen, die u.a. nach schlüsselbegriffen durchforstet werden.

falsche nasen, falsche haare - maskeraden für stasi-spitzel made in gdr.

falsche nasen, falsche haare und glatzan - maskeraden für stasi-spitzel made in gdr.

ich ertappe mich oft dabei, wie ich mich bei meinem nicht mal dreimonatigen bloggen selbst zensiere, wie ich in ddr-denkstile zurückverfalle (zwischen den zeilen schreiben und lesen), die zwanzig jahre zurückliegen. und ich hatte mit der politischen wende gehofft, daß dieses selbstbeschnittene denken und reden ein ende hat. vergeblich, wie sich bereits ein jahr später bei meinem zeitungsvolontariat herausstellte. ich lernte zu schnell, daß ich nicht als journalist arbeiten wollte, weil konträre meinungsäußerung unerwünscht ist. warum selbstzensur? einerseits, um mir die schweinepriester vom leib zu halten, andererseits um nicht beim verfa55ung55chutz registriert zu werden. nun gut, jetzt habe ich die petition ‚mitgezeichnet‚, wie es so schön heißt auf der bundestag-internetpräsenz. ich hoffe, der datenschutz funktioniert?!

für die stasi bereits staatsfeindliche hetze - anonyme kritik am agitatorischen staatsfernsehen aus dem jahr 1969. abschnittsbevollmächigte (abv) kontrollierten damals die ausrichtung von fernsehantennen.

für die stasi bereits staatsfeindliche hetze - anonyme kritik am agitatorischen staatsfernsehen aus dem jahr 1969. abschnittsbevollmächigte (abv) kontrollierten damals die ausrichtung von fernsehantennen.

ich lebe heute in leipzig, in der stadt, in der am 26.juni 1981 die letzte todesstrafe durch genickschuß in der hinrichtungsstätte in der alfred-kästner-straße an werner teske (mfs-mitarbeiter mit ddr-fluchtplänen) vollstreckt wurde. als kind und bis zu meinem 18. lebensjahr blickte ich beim frühstücken allmorgendlich auf den glockenturm des ehemaligen konzentrationslagers buchenwald, später waren hier politische gefangene der sowjetischen besatzungsmacht untergebracht. lediglich über das kz durfte in der antifaschistischen ddr offiziell gesprochen werden. hinrichtungen und sowjetische internierungslager unterlagen strenger geheimhaltung. dennoch sickerten andeutungen durch. weimar ist eine kleinstadt, leipzig eine großstadt mit kleinstädtischem charakter. jüngst fiel mir auf, daß die hinweistafel zur hinrichtungsstätte demontiert wurde. ich habe keine ahnung, von wem und warum und ob sie wieder angebracht wird. restaurierungsbedürftig sah sie vor ein paar monaten noch nicht aus…

zum abschluß noch ein kurzer blick in die länger zurückliegende zensur-historie (oder besser zensurhysterie). wachsamkeit war schon das schlagwort des stalinismus, um nachbarn, freunde, feinde, konkurrenten, ehepartner in der sowjetunion unter dem vorwand der staatsfeindlichkeit zu internieren. der ‚große terror‚ (auch ‚große säuberung‘) unter stalin und nkwd-leiter jeschow in den jahren 1935 – 1939  forderte millionen opfer, die in arbeitslagern verschwanden, erschossen wurden, ohne jeden prozeß. die schauprozesse mit gefälschten anklagen und erpressten zeugen – sie überzeugten sogar eine menge westlicher kommunisten von der notwendigkeit, die politische macht mit allen mitteln zu erhalten. welche verblendung. oder nehmen wir die mccarthy-ära in den usa, der ausschweifende antikommunismus von senator joseph mccarthy bis etwa 1956. auf mitglieder der amerikanischen kommunistischen partei und deren vermeintliche sympathisanten wurde eine regelrechte hetzjagd gemacht (auch hier wieder gefakte prozesse; filmtips: ‚schuldig bei verdacht‚, ‚good night, and good luck‚). und noch heute wird der begriff mccarthyism verwendet, wenn die bevölkerung medial oder politisch in angstzustände versetzt werden soll. oder der fall richard gere, der china bei der oscar-verleihung 1993 für die tibet-politik kritisierte. er wurde dort flugs zur unerwünschten person erklärt und bekam auch spürbar weniger rollen in der heimat… usw.

um eins klarzustellen: ich bin kein freund von strafrechtlich relevanten internetseiten. aber es geht auch ohne internetsperren, wie dieser artikel zeigt. löschen, löschen, löschen! manchmal hilft aber nur noch ein guter fachanwalt für internetrecht. und das wird teuer! soweit sollte es nicht kommen, sonst muß ich nach fast 18 jahren ddr und  fast 20 jahren brd doch noch auswandern. oder wenigstens mein handy gegen trommeln und rauchzeichen eintauschen bzw. mein laptop gegen eine schiefertafel.

wahlk:r:ampf

veb_fdp_leipzig

???

haben wir gerade 1989 oder 2009? habe ich aus versehen wieder den zeitmaschinenknopf gedreht und bin 20 jahre in die vergangenheit gebeamt worden? hilft augenreiben gegen optische trugbilder? nööö!

welcher ewig gestrige hat sich denn bloß diese antiquierte wahlkampagne einfallen lassen? vielleicht hat die leipziger fdp die letzten 20 jahre, die privatisierung von 8000 kombinaten und VEB verschlafen? gar nicht mitbekommen, daß es eine treuhandanstalt gegeben hat, die 1994 aufgelöst wurde und deren aufgaben an folgegesellschaften übergegangen sind? naja, wenn der werte leser sich gerne selbst von der aktualität des fdp-wahlkrampfes 2009 in leipzig überzeugen möchte, kann er das hier. ich sage nur, brandheiße neuigkeiten vom 31. märz 2009… welches datum ist eigentlich heute?

soviel geschichtsverzerrung habe ich selten gesehen. noch dazu an jeder magistrale. wer unbedingt auf dumme und vergeßliche wähler setzt, sollte wirklich mit ignoranz auf dem wahlzettel bei der stadtratswahl bestraft werden. ich will keine ddr-nostalgiker in schutz nehmen, aber diese geschichtslüge ist so offensichtlich, daß ich am liebsten mit leiter und müllsäcken losziehen würde.

jajaja, ich benutze auch immer noch unreformierte rechtschreibung, könnte gegen mich argumentiert werden. das hat aber etwas mit persönlicher ß-vorliebe zu tun. nichts mit veränderungsunwillen. ich beherrsche beide varianten ganz passabel, und die temporären subformen klemmen in irgendeiner hirnwindung fest. mit nachdenken ließe sich da gewiß etwas hervorkitzeln.

außerdem fühle ich mich alleine wegen meines blog-namens (VEB wortfeile = verlegenheitsedition babel) autorisiert, gegen solche verunglimpfung der gegenwart  und gegen die verdrängung der parteivergangenheit vorzugehen.  schließlich hat die fdp 1990 mit den blockflöten ndpd und ldpd paktiert und gemeinsam orchestriert. feiner zwirn und drunter schmutzige westen.

herzlich willkommen im gedankenzoo bei elefant, tiger, fdp & co. streicheln verboten. vorsicht, lama spuckt! bitte nicht füttern! da wäre die forderung ‚primaten in die politi:c:k!‘ eine beleidigung für unsere ahnen.