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farbe bekennen 2010: rot

folgt heute doch gleich der rote tag im projekt farbe bekennen 2010 von frau himbeermarmelade, damit ich nicht noch opfer der prokrastination werde. außerdem hat mich die farbe lila in woche drei etwas in aufruhr versetzt. lila hat zwar zwei modesaisons durchgehalten, nur hat nichts dergleichen eingang in meinen kleiderschrank gefunden. eine farbe, die mir vollkommen grundlos widerstrebt, aber dafür richtig. nüscht zu finden. der flieder ist auch schon verblüht… *grübel, kopfkratz*

die farbe rot löst in mir auch ein paar zwiespältige assoziationen aus, was einfach mit meiner herkunft zu erklären ist. alle farben haben ja auch eine symbolische bedeutung. wenn man ihnen aber auch noch die last einer politischen propaganda aufbürdet, wie das im sozialismus mit der farbe rot geschah, geht mir das zu weit. rote nelken, rote fahnen, rote bücher und halstücher, rote socken… ich habe mich deswegen entschieden, die politische okkupation der farbe darzustellen und zwar mit leninbüchern.

diese ausgabe von wladimir iljitsch lenins ausgewählten werken in sechs bänden (dietz verlag berlin, 1986 – 1987) habe ich während meines studiums der osteuropäischen geschichte geerbt. in einem seminar haben wir die gerade veröffentlichten dokumente aus geheimarchiven übersetzt und in den sozialistischen ausgaben nach anzeichen des terrors und der gewalt gesucht und gefunden. aber erst in den einstmals streng geheimen unterlagen offenbarte sich lenin als wegbereiter des großen terrors unter stalin. er forderte bspw. 1918 den rat der deputierten in nishegorod auf, den geplanten aufstand der weißgardisten mit massenterror zu unterdrücken und hunderte prostituierte zu erschießen, um die soldaten der roten armee gefechtsbereit zu halten.

wolkogonows biographie lenin. utopie und terror (econ verlag, 1994) berücksichtigte ersmals die nun zugänglichen informationen und geheimen dekrete von lenin aus den sowjetischen archiven. so erließ lenin 1922 ein dekret zur gewaltsamen plünderung der kirchenschätze. mit den werten wurde aber nicht etwa der kauf von getreide während der großen hungersnot finanziert, sondern die kirche unter die kontrolle der bolschewiki gebracht. während ich die details über die greueltaten laß, habe ich gelitten wie ein tier. aus der staatsbürgerlichen ddr-erziehung kannte ich ja lediglich einige gehaltlose leninsche propagandaparolen wie z.b.: kommunismus = sowjetmacht + elektrifizierung des ganzen landes. daß es sich dabei meistens um euphemismen handelte, spürte ich sehr früh. welche opfer der aufbau des sozialismus tatsächlich forderte, lernte ich erst sehr spät. man munkelte zwar, aber sehr verhalten, ängstlich. daß dieser meinungsunterdrückung jahrelange massive repressionen vorausgegangen waren, ich wußte es als kind und jugendliche nicht. denn in unseren geschichtsbüchern existierte diese düstere seite der geschichte nicht. sie wurde absichtsvoll ausgeblendet, damit das kartenhaus nicht in sich zusammenfällt. was kam, war ein revolutionärer sturm, der es zum einsturz brachte. und ich studierte entsetzt die ostpolitische vergangenheit, deren produkt ich bin. es gibt nichts zu beschönigen. wofür sich ein erbitterter kampf lohnt, bleibt die meinungsfreiheit.

wahrheit im gegenlicht

bundesverwaltungsgericht mit wahrheitsfigur im gegenlicht, erbaut 1888- 1895 nach einem entwurf der architekten ludwig hoffmann und peter dybwad im stil der italienischen hochrenaissance.

ganz oben auf der kuppel des heutigen bundesverwaltungsgerichts in leipzig thront sie als hehres ziel – die eherne figur der ‚wahrheit‘. die tief stehende herbstsonne blendete derartig beim fotografieren, daß mir tränen in die augen schossen. was der nd-filter übrigläßt, erscheint beinahe als schattenriß. wo sich heute anwohner um fluglärm streiten, wurde im dezember 1933 der arbeiter marinus van der lubbe im reichstagsbrandprozeß wegen hochverrats und brandstiftung zum tode verurteilt. seine tatbeteiligung ist bis heute umstritten. ob brandstifter oder nicht, das spielte in diesem faschistischen schauprozeß kaum eine rolle. die verhandlung wurde auch nur so lange per lautsprecher auf die straßen übertragen, wie die nazis die anschuldigungen des kommunisten georgi dimitrow gegen  den als zeugen geladenen göring duldeten. danach stand eine teilöffentliche, gleichgeschaltete, manipulierende nazi-machtdemonstration mit drakonischen strafen im vordergrund, keine politische verwarnung des gegners, sondern einschüchterung mit todesangst und schreckensherrschaft. es hat bis 2007 gedauert, van der lubbe politisch und juristisch auf grundlage des ns-aufhebungsgesetzes zu rehabilitieren, weil das urteil auf nationalsozialistischem unrecht beruhte. einen tag nach dem reichstagsbrand in berlin begann die verfolgung politischer widersacher der nsdap (lex van der lubbe – rückwirkende einführung der todesstrafe).

76 jahre später müssen die richter des bundesverwaltungsgerichts gegen die kehrseite der wahrheit, gegen holocaustleugner verhandeln. so kritisch ich zahlreichen entscheidungen des bundesinnenministeriums auch gegenüberstehe, über die bestätigung des verbots der  geschichtsrevisionistischen vereine collegium (in)humanum und bauern(fänger)hilfe bin ich erleichtert, auch wenn das urteil leider wenig an der hitlerglorifizierung ihrer vereinsmeier ändern kann, weil es nur die organisationsstruktur verhindert. ein grund mehr, an die ursprünge zu erinnern.

alles in allem brauchen sich haarspalter in deutschland nicht über beschäftigungsmangel zu beklagen, denn gestritten wird gerade im zivilrecht inflationär. und wenn sie nicht vor dem kadi landen, dann streiten sie auf dem sofa um die fernbedienung, prügeln sich um ramschware im schlußverkauf oder befehden eine mir bisher unbekannte form der lärmbelästigung, die mein blog als suchanfrage ereilte: nächtlicher lärm durch raucherhusten. bisweilen überkommt mich ein beinahe hysterisches unbehagen an gelebter kultur und an praktizierter sozial- und individualethik.

(k)eine (m)ahnung

beflügelt schwang sich horst köhler auf der festveranstaltung 60 jahre bundespressekonferenz zum botschafter des qualitätsjournalismus auf. sicher ist die laberbranche auch ein auffangbecken für quereinsteiger, dilettanten und schreiberlinge, die information mit meinung gleichsetzen. die twitteritis bringt den  meinungsbrei, der vorher mehrfach durch die flotte lotte gedreht und püriert wurde, wohl alsbald zum überkochen. noch bevor die meldungen verifizierbar werden, verbreiten sie sich wie ein lauffeuer über das netz und die ticker. die leitungen glühen leider schon, bevor aus den spekulationen fakten werden. der neuigkeitendruck führt immer häufiger zum verlust journalistischer glaubwürdigkeit.

ach ja, und dieser elende klatsch und tratsch in den boulevardmedien. unterhaltung mit einem wahrheitsquotienten bei gefühlten null bis fünf prozent. ganz erschröcklich wie private vergehen von politikern zum politikum hochstilisiert werden, wo doch der wert an ihren staatstragenden fähigkeiten bemessen werden sollte. peinliche dienstwagenaffäre kontra ‚genial‘ krachen gehender gesundheitsfonds. mäuler und löcher stopfen, so stellt sich der mondän quäkende politiker das recht auf information und freie meinungsäußerung wohl vor.

allerdings sollte, wer auf journalistische sorgfaltspflicht pocht, selbst ein wenig besser auf die wortwahl achten. in der ndr-zapp-sendung (durchgezappt) vom 14.10.2009 hört man den sichtlich echauffierten horst dann eifrig rüffeln: haltung haben – es ist ein ziemlich altes wort, aber ich finde, es könnte mal wieder in mode kommen. genau wie ein anderes, viel schlichteres wort – ahnung haben. genau genommen handelt es sich ja in beiden fällen nicht nur um ein wort, sondern um zwei (*oooch, ist die heute wieder pingelig). überdies gibt es eine vielzahl von haltungen, die aber offensichtlich nicht köhlerkonform sind. derweil hapert es an konkretisierung, da in einer demokratie die denkrichtung nicht vorgegeben werden kann. horst tritt also gleichzeitig gaspedal und bremse, um auf diese weise durch die fahrprüfung durchzurauschen. kommen wir nun zur ahnung. unumstritten, journalisten brauchen einen guten spürsinn. ahnung alleine reicht jedoch nicht aus, um etwas wie qualitätsjournalismus hervorzubringen. neben der vorwissenschaftlichen, irrationalen ahnung gehören eine gute allgemeinbildung, kritisches denkvermögen, recherche, kontakte und hartnäckigkeit zum handwerkszeug eines journalisten, sonst trällern die vögel aus dem blattwerk irgendwann nur noch das unkende nachtigall, ick hör dir trapsen. information steht aber auf einem andern erkenntnisblatt als ahnung. oder züchtet die regierung nun vogelstimmenimitatoren?

schenkt dem mann doch endlich mal das buch sag es treffender!

wa(h)re helden

wahre_heldenin der karli /ecke steinstraße in leipzig mischen sich die alten und neuen helden zu einem skurrilen optischen und historischen ensemble. während auf dem völlig verblichenen wandbild in der tradition des ddr-arbeiterkampfes zum 1. mai eine militärkapelle aufmarschiert, dynamische mitglieder des dtsb (deutscher turn- und sportbund) in reih und glied antreten, schwenken oben pioniere eine flagge mit der schrift kjvd (kommunistischer jugendverband deutschlands). ganz blaß ist auf der weißen fahne in der mitte das wort freiheit, das in den sozialistischen ländern des ehemaligen ostblocks lediglich postulierte ideal, zu erkennen. rechts stampft ein fanfarenzug schnurstracks in richtung abgrund aus dem bild im stil des sozialistischen realismus. als mahnmal nicht zu unterschätzen!

die werbetafel auf dem brachgrundstück zeigt die zeitgemäßen helden. die biertrinker (ob johlender jugendlicher – natürlich ü-16 oder pantoffelheld). mit dem feucht-lakonischen slogan ‚wahre helden stehen mitten im leben‚ lockt die sächsische brauerei ur-krostitzer direkt zum überfahren der orangefarbenen ampel, um noch ein hübsches schwarz-weißes erinnerungsfoto aus dem blitzer links im bild zugeschickt zu bekommen. das dürfte teurer werden als ein kasten kühles blondes. wie viele sausen kann man ohne führerschein feiern! nahezu steuerlos.

wie sangen die fehlfarben einst in ihrem lied ‚ein jahr (es geht voran)‚ so schön zum thema historische umbrüche?

keine atempause,
geschichte wird gemacht,
es geht voran!

spacelabs fallen auf inseln,
vergessen macht sich breit,
es geht voran!


berge explodieren,
schuld hat der präsident,
es geht voran!


graue b-film-helden
regieren bald die welt,
es geht voran!

wahlk:r:ampf

veb_fdp_leipzig

???

haben wir gerade 1989 oder 2009? habe ich aus versehen wieder den zeitmaschinenknopf gedreht und bin 20 jahre in die vergangenheit gebeamt worden? hilft augenreiben gegen optische trugbilder? nööö!

welcher ewig gestrige hat sich denn bloß diese antiquierte wahlkampagne einfallen lassen? vielleicht hat die leipziger fdp die letzten 20 jahre, die privatisierung von 8000 kombinaten und VEB verschlafen? gar nicht mitbekommen, daß es eine treuhandanstalt gegeben hat, die 1994 aufgelöst wurde und deren aufgaben an folgegesellschaften übergegangen sind? naja, wenn der werte leser sich gerne selbst von der aktualität des fdp-wahlkrampfes 2009 in leipzig überzeugen möchte, kann er das hier. ich sage nur, brandheiße neuigkeiten vom 31. märz 2009… welches datum ist eigentlich heute?

soviel geschichtsverzerrung habe ich selten gesehen. noch dazu an jeder magistrale. wer unbedingt auf dumme und vergeßliche wähler setzt, sollte wirklich mit ignoranz auf dem wahlzettel bei der stadtratswahl bestraft werden. ich will keine ddr-nostalgiker in schutz nehmen, aber diese geschichtslüge ist so offensichtlich, daß ich am liebsten mit leiter und müllsäcken losziehen würde.

jajaja, ich benutze auch immer noch unreformierte rechtschreibung, könnte gegen mich argumentiert werden. das hat aber etwas mit persönlicher ß-vorliebe zu tun. nichts mit veränderungsunwillen. ich beherrsche beide varianten ganz passabel, und die temporären subformen klemmen in irgendeiner hirnwindung fest. mit nachdenken ließe sich da gewiß etwas hervorkitzeln.

außerdem fühle ich mich alleine wegen meines blog-namens (VEB wortfeile = verlegenheitsedition babel) autorisiert, gegen solche verunglimpfung der gegenwart  und gegen die verdrängung der parteivergangenheit vorzugehen.  schließlich hat die fdp 1990 mit den blockflöten ndpd und ldpd paktiert und gemeinsam orchestriert. feiner zwirn und drunter schmutzige westen.

herzlich willkommen im gedankenzoo bei elefant, tiger, fdp & co. streicheln verboten. vorsicht, lama spuckt! bitte nicht füttern! da wäre die forderung ‚primaten in die politi:c:k!‘ eine beleidigung für unsere ahnen.

system:fluch:t – kindheit im s:pionier:getriebe

pionier_blog1

das foto wurde während der 4. berlin biennale in einem ehemaligen jüdischen mädchengymnasium in der auguststraße in berlin-mitte aufgenommen. zu ddr-zeiten war dort die bertolt-brecht-oberschule untergebracht. natürlich gehörte der abbröckelnde schriftzug nicht unmittelbar zur ausstellung unter dem motto ‚von menschen und mäusen‘. dennoch paßte gerade dieses gebäude perfekt in das ausstellungskonzept. als ich das bild jüngst wieder in meinem bilderordner entdeckte, löste es eine erinnerungslawine aus,  im einklang  mit dem derzeitigen trend der inflationären veröffentlichung von büchern mit ddr-thematik.

vielleicht sind die 20 jahre seit dem systemkollaps für einige ein anlaß für ein jubiläum (eine feier für oder gegen den untergang der ddr?). ich habe weder sehnsucht, noch nostalgische gefühle. aber auch ich bin bereit (nicht immer bereit – wie der pioniergruß suggerierte), mich auf die suche nach fundstücken zu machen, literarische wiederentdeckungen zu würdigen (brigitte reimann, christoph hein, heiner müller), in dokumenten und archiven zu stöbern… ich will die prägungen aufspüren und neu einordnen. es war, wie es war. was ist aus dem war geworden? auch erinnerungen brauchen manchmal ein staubtuch.

was für eine wunderbare vorstellung, einfach den fluchtweg zu nehmen, um aus den systemzwängen der ddr vor november 1989 ausbrechen zu können. dieser hang zu massenorganisationen, zur uniformierung schon im kindesalter, war typisch für meine generation. 1978 eingeschult, kurz darauf automatisch als jungpionier rekrutiert, ab der 4. klasse als thälmannpionier, ab der 8. klasse als mitglied der fdj.

kindern aus religiösem elternhaus blieb die typische politische kinderschulung größtenteils erspart. meine mutter war parteilose lehrerin, arbeitete aber als horterzieherin (mehrmals täglich wurde ich ermahnt, nie, nie, nie auch nur  ein sterbenswörtchen über das ‚westfernsehprogramm‘ zu erwähnen). und so blieb mir der weg in die freiheit und individuelle freizeitgestaltung einmal wöchentlich verstellt. die mittwochnachmittage gehörten nicht mir, sondern dem staat. die stunden wurden ausgefüllt mit spenden- und altpapiersammlungen. wohin das geld floß, ist mir bis heute schleierhaft. in erzwungen geselliger runde wurde sozialismus glorifiziert und linientreu debattiert. ich kann mich nicht erinnern, mich jemals auf einen dieser nachmittage gefreut zu haben.

mit den blauen und roten dreieckstüchern sahen die pioniere doch immer aus, wie ‚echte kameraden‘ der künftigen ‚arbeiterklasse‘ – oder aber wie dressierte äffchen. militärjargon und drill begannen frühzeitig. nur wenn die eltern einen antrag auf ausschluß aus den politischen organisationen stellten, konnten sich kinder anderweitig beschäftigen. das hatte aber auch zur folge, aus der ‚gruppe‘ ausgeschlossen zu werden. schon alleine deswegen habe ich eine freundin ab und an heimlich zum religionsunterricht begleitet (sorry mom!).

etwas besser war dann die schul-ag. erstens konnte man sich selbst aussuchen, welche besucht wird. zweitens war die teilnahme fakultativ. auf diese weise habe ich gemalt, mikroskopiert und grundlegende englischkenntnisse erworben. quasi das intellektuelle gegenprogramm zum massenkult.  da ist der ursprung meines interesses für subkultur und alternative lebensformen zu verorten.

dennoch entspringt genau dieser kindheit und jugend meine ausgeprägte abneigung gegen gesellschaftliche zwänge und pflichten. das fängt bei der betriebsfeier an (selbst wenn die kollegen sympathisch sind) und geht bis hin zur teilnahme an demonstrationen (obwohl ich gegen einige staatliche und unternehmerische entscheidungen innerlich revoltiere). diese widersprüche muß ich dann im privaten austragen. nur widerwillig setze ich mich bei solchen terminen in bewegung, suche nach glaubwürdigen vorwänden. entschuldigtes fehlen aus triftigen gründen war schon damals erlaubt. seinerzeit war es meine kleine revolte, geigenstunden zu nehmen, und mich dadurch der massenbewegung zu entziehen. heute heißt es, sozialstreß in maßen zu tolerieren.

ps: übrigens bietet das schulmuseum in leipzig unterricht als rollenspiel in einer polytechnischen oberschule (pos) an. ich muß das nicht noch mal erleben. für menschen, die sich für den alltag in der ddr interessieren und die eine zeitreise machen wollen, ist das sicherlich spannend.