Archiv der Kategorie: kolumne

na, altes haus?!

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es ist noch nicht allzu lange her, da konnte ich legal das lange leerstehende pöge-haus in leipzig in der hedwigstraße besichtigen. natürlich im rahmen einer kunstakion, aber besser so als gar nicht. viele bilder davon habe ich noch gar nicht gezeigt. denn es war für mich nicht nur geruchlich eine reise in die vergangenheit – es roch nach altem linoleumbelag, nach alten lösungsmitteln und neuen, nach der vermoderten tapete, nach jahrelang ungelüftetem wohnraum. die treppen knarrten, die dielenbretter auch. an den wänden klebten teilweise die tapetenmuster aus der ddr. in einigen räumen fanden sich fundsücke aus der ruine als ausstellungsstücke wieder. wenn wir unsere erinnerungen in einen karton packen und ihn zuschnüren und ihn auf den dachboden oder in den keller bringen würden, kehrten sie nicht als diffuse teilchen und unerwartet wieder in unseren kopf zurück? kennen erinnerungen so etwas wie ruhezeiten? können sie zu einem anderen zeitpunkt nicht wie ein schnell geschnittener film vor uns aufflackern? könnten wir doch manchmal einfach nur play drücken oder pause, schneller oder langsamer zurückspulen… und doch haben wir kein steuer für unsere erinnerungen in der hand. sie sind scheinbar willkürlich da oder verschwunden. und ich weiß nicht, wo sie sich gerade aufhalten, ob im vorzimmer oder im oberstübchen, im souterrain oder auf dem balkon.

in diesem gebäude wurde mir die damalige ddr-mangelwirtschaft mal wieder so richtig bewußt. ich stand in den schmalen fluren und erblickte die laienhaft eingezogenen zwischenböden an den wänden, die aus allem möglichen material zusammengebastelt wurden. manchmal aus türen zurecht gesägt, manchmal aus brettern, manchmal aus alten möbelstücken. alles wurde irgendwie weiterverwertet. nachhaltigkeit aus mangel an rohstoffen. nun sind die rohstoffe der welt noch genauso endlich, aber auch immer noch ungleichmäßig verteilt. gerade deswegen finde ich es schön, wenn alte dinge aussortiert werden, die einfach überflüssig sind, diese aber nicht einfach weggeworfen werden, sondern verschenkt oder für einen symbolischen wert an einen neuen liebhaber verkauft werden. heute finden wir das bei fudelchen, vor kurzem hat paradalis ihre taschensammlung teilaufgelöst. dieser virtuelle flohmarkt ist ein anfang und ein beitrag dazu. noch besser wäre es allerdings, wenn wir unseren konsum stärker auf das wirklich notwendige beschränkten. dabei muß ich nicht mal den zeigefinger ausstrecken. ich kann gleich mal bei mir anfangen. irgendwann zwischen den jahren wird es bei mir auch wieder so weit sein. das aussortieren und neusortieren und umordnen am jahreswechsel ist mein ritual. ob ich meinen kopf auch ein bißchen umräume? es stände ihm bestimmt gut zu gesicht. und bis zum jahreswechsel kann ich dieses mal nicht ausharren. manchmal ist das leben eines menschen wie ein altes haus. es muß gelegentlich saniert oder ausgebessert werden. einiges muß komplett herausgerissen werden, manches darf bleiben, wie es ist, anderes wird neu angemalt. und nun mache ich mich mal an die arbeit.

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fast eine hommage

als ich 2004 nach leipzig zog, erlebte ich die letzte party im café maitre (es war ein abend mit country-musik, eigentlich gar nicht mein fall, aber das lokal war wundervoll). dann schloß diese kulturelle instanz. das café galt in den 80ern und 90ern als der treffpunkt für die künstler, intellektuellen und die bürgerrechtler, wurde dann auf der szenemeile karlie in leipzig nahezu okkupiert. die einstigen gäste verstreuten sich in alle windrichtungen, sammelten sich neu und treffen sich heute anderswo. nun wird das gründerzeithaus schon seit anfang mai saniert. zunächst tauchten hinter den von den fenstern und türen abgerissenen preßspanplatten die alten streetart-werke wieder auf, die ich noch schnell für die nachwelt festhalten konnte. als ich am samstag vorbeilief, klafften riesige löcher in den außenwänden, so daß ich einen schönen einblick in das gebäude erhielt und ein bißchen wehmut aufkeimte.

irgendwie hoffe ich ja, daß sich der eigentümer dafür entscheidet, dieses mural zu erhalten. ich habe mich nicht reingetraut, weil auf der gegenüberliegenden straßenseite ein mann am restauranttisch saß und mich argwöhnisch beäugte. so kann ich selbst kaum lesen, was dort steht: work-shop. regeln der selbstorganisation. in der linken sprechblase heißt es: 1 viele kuchen backen, 2 gäste haben, 3 musik, 4 aktio = reaktio (obwohl man beides eigentlich mit c schreibt, da lateinsch), 5 olympiakompatibel. in der rechten sprechblase steht: … wie geil wirds denn noch! außerdem konnte ich noch die komplette zwischenwand aus glaus und holz , die die gasträume trennte, im gründerzeithaus erspähen, die vom rauch und der zeit stark vergilbt ist.

wie gerne würde ich darin jetzt noch mal alles fotografieren, traue mich nur nicht einfach in die ruine hinein. es ist, als sähe ich überall unsichtbare verbotsschilder rumstehen, die mich aufhalten.

dieses paste up des szenigen pärchens ist verschwunden, das fenster herausgerissen. kein kirschroter knutschmund mehr.

die sticker sind auch weg, weil der gesamte eingangsbereich an der karlie demontiert wurde.

alles weg. nur ein großes loch als guckkasten in der wand.

gibts auch nicht mehr. liegt vermutlich auf irgendeiner sächsischen müllhalde.

tja, gevatter tod ließ/läßt grüßen. die wohnungen werden bereits zum erstbezug nach sanierung angeboten, neun euro warmmiete. zum vergleich: ich wohne nicht weit weg und nicht an einer hauptstraße mit straßenbahn vor der tür, die unglaublich viel lärm macht – meine sanierte wohnung kostet 6,90 warm. die preisspirale in der südvorstadt dreht sich weiter. ob wohl das café wieder öffnet? wie wird es aussehen? wird es seinen charme von damals vollständig verloren haben? haben wir es damals zu zeiten der schließung verloren, das traditionelle café, oder verlieren wir es erst jetzt? oder wird alles viel schöner, besser, luxuriöser, edler, teurer…?

nur noch fünf minütchen…

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manchmal bin ich noch wach, wenn die stadt schläft. dann genieße ich diese stille. manchmal ist die stadt schon wach, wenn ich noch schlafen will. dann stimmt mein timing nicht, weil es draußen krakeelt. und montags sind sowieso immer alle müde. die kollegen klagen über schlafmangel, gähnen, halten mühsam ihre augen offen, recken sich, ringen mit den schweren lidern. montags klingelt der wecker immer zu früh. und alle fünf minuten klingelt er wieder, wenn ich nicht sofort die gemütliche nestwärme verlasse. unwillig. gegen alle gesetze der vernunft. weil wach bin ich nicht.

der schlaf hat viele gesichter. mal ist er tief, mal kurz, mal lang, mal mit angenehmen träumen, mal mit alpträumen, mal unruhig, mal totenstill, mal fiebrig, mal zitternd, mal unauffindbar, mal dringend notwendig. und nicht immer ist er erholsam. auch die schlafpositionen variieren. mal liegt man auf dem rücken und schnarcht vor sich hin, mal auf der seite, mal mit arm unter dem kopf, der am nächsten morgen wie blei und minutenlang unbeweglich wirkt, mal auf dem bauch, mal bis zur nasenspitze einmummelt, mal mit freiheitsbestrebungen der beine, mal ganz ohne decke.

oft sind die unausgeschlafenen reizbar und fühlen sich hundeelend. und wenn sie dann in den schlaf finden wollen, dann verzieht sich die gleiche müdigkeit, die sie den lieben langen tag vollkommen ausgebremst hat. wtf. am tag des schlafes plädiere ich für mehr schlaf und weniger wecker. bei dem heutigen flashmob in leipzig fehlte die weiche unterlage. mal bettete man sich auf den gehwegplatten, mal auf einer decke, mal im schlafsack, mal mit kuscheltier, mal mit hund, mal mit spielendem kind, mal im op-kittel und hut, mal in jeans und t-shirt. einfach so. aus spaß. weil man eine internetbotschaft erhielt oder fand oder per traditioneller mund-zu-mund-propaganda. nur fünf minütchen. und dann klingelte wieder so ein verfluchter wecker. und weil mein schlepptop sich heute mit schlaftabletten bedröhnt hat und ich selbst ähnlich gedankenträge bin, verschiebt die faule wortfeile ihre bildbeiträge für farbe bekennen eben mal auf morgen. let sleeping dogs lie! gääähn. schlaft schön!

makabre, schmutzige schönheit

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lange habe ich die bilder von unserem pfingstausflug in meinem hinterstübchen hin- und hergewendet. einfach nur ein paar hübsche fotos veröffentlichen mit dem touch des ruinösen, verwitterten ddr-charmes, der immer häufiger für filmsets oder für fotoshootings herhalten muß, kam irgendwie nicht in frage. zumal einige aufnahmen eine makabre schönheit in sich tragen. wie kann etwas gespenstisch und gleichzeitig faszinierend sein? weil wir oft vergessen und nur noch sehen, was davon übrig blieb. also schauen wir doch mal zurück.

auf dem gelände des heutigen bildungs- und entwicklungszentrums der stadtwerke leipzig wurde von 1908 – 1910 das elektrizitätswerk (hauptwerk süd) errichtet und mit braunkohle aus der innerstädtischen tiefbaugrube dölitzer schacht (als technisches denkmal erhalten) befeuert. zu pfingsten 1910 – also genau hundert jahre vor entstehung dieser fotos – begann man mit der stromlieferung an die leipziger elektrische straßenbahn. die braunkohle transportierte man ab 1927 mit einer seilbahn vom schacht zum werk in der bornaischen straße. die seilbahn wurde 1928 wegen umweltverschmutzung stillgelegt. im 2. weltkrieg wurde das kraftwerk bei luftangriffen (1943/44) schwer beschädigt. nach dem krieg befahl die sowjetische militäradministration die demontage von kesseln und großturbinen (reparationen), wodurch sich die leistungsfähigkeit halbierte. sperrstunden und kontingentierung waren bis 1953 die folge. (ich erinnere mich an abende bei kerzenschein, weil die stromversorgung in der ddr auch in den 70ern und 80ern sehr instabil war. unsere weihnachtsgans mußte bereits zwei tage vor dem ersten weihnachtsfeiertag im ofen brutzeln, weil die gasversorgung an den feiertagen extrem spärlich war.) später wurde aus dem hauptwerk süd das kraftwerk ernst thälmann. 1992 übernahmen die stadtwerke leipzig die städtische energieversorgung. das lößniger heizkraftwerk wurde 1996 mit dampferzeugern auf erdgasbasis ausgestattet. die geräte brummen weiter vor sich hin.

auf dem gelände zeugen alte schilder, geräte und die bauwerke selbst von der umweltverschmutzung, die in der ddr offiziell nicht existierte. die luft war im winter stets kohlenstaubgeschwängert (heute heißt das smog). auf den flüssen trieb eine schaumschicht, weil abwässer ungeklärt einflossen. in den meisten gewässern konnte man nicht baden, ohne sich diverse hauterkrankungen zuzuziehen. es stank entsetzlich. und heute können wir die nase rümpfen, wenn ein trabant an uns vorbeituckert, weil sich seitdem sehr viel verändert hat. renaturierungen, sanierungen und ausbau des abwassersystems, filteranlagen etc. diese bunte farbenpracht der ölverschmierten fenster in der sonne und dann die ölkatastrophe im golf von mexiko – die kontraste könnten stärker kaum sein. umweltverschmutzung in einem immer noch nicht abzusehenden ausmaß. und ich bin skeptisch, ob hier ein konsumentenbokyott, wie ich ihn bei einer facebookgruppe entdeckt habe, wirklich zu helfen vermag. diese fordert, nicht mehr bei bp oder aral zu tanken. ich halte das langfristig für kurzsichtig. erstens ist das „saubere, grüne“, in der werbung suggerierte image von bp ohnehin flöten. zweitens: wer bezahlt für die schäden, wenn bp pleite geht? drittens: bp liefert erdöl ja nicht nur an tankstellen. aus erdöl wird alles mögliche hergestellt, auf das wir bequemen menschen so ungern verzichten wollen: bitumen für das bauwesen, kraftstoff für urlaubs- und businessflüge, flüssiggas, heizöl, schifffahrt, petrolchemie, ja selbst „nachhaltige“ solarmodule. das teil, auf dem ich gerade schreibe, dürfte ich, wenn ich das wirklich konsequent durchziehen wollte, nie wieder berühren. ich dürfte essensreste nicht in tiefkühlboxen im kühlschrank aufbewahren, sondern müßte immer alles sofort verzehren. ich müßte sofort die heizung abstellen. es reicht nicht, bp anzuklagen. alle geschäftskunden, die ihre rohstoffe von bp beziehen und wir als konsumenten tragen die verantwortung mit.

und noch ein lesebefehl zur sozialen verantwortungslosigkeit von unternehmen: suizid in der arbeitshölle von tom.

land/striche

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manches, was ist, wird fehlen. manches, was war, wird vergessen. noch können die touristenboote nur durch den karl-heine-kanal schippern und gelangen zwangsläufig an den wendepunkt. doch bis 2012 soll der kanal aber an den lindenauer hafen angeschlossen werden, später noch an den elbe-elster-kanal. der lindenauer hafen wurde zwischen 1938 und 1943 gebaut. kurz vor ende des 2. weltkrieges ging für die anbindung an das wassernetz das geld aus, überdies war die gefahr der zerstörung bei einem bombenangriff damals ziemlich hoch.

die stadt leipzig verspricht sich von dem bereits begonnen großbauprojekt offenbar einen boom im westteil der stadt, der momentan noch deutlich von spuren des verfalls der ddr-industrie geprägt ist. pflanzen und bäume wachsen in und auf den bauruinen, frösche quaken im hafenbecken, entenfamilien ziehen mit frisch geschlüpften küken ihre runden. hier und da wurde mit dem abriß von baracken begonnen, eine einzelne wand mit fliesen und fenstern ragt in den himmel. davor stapelt sich bauschutt. daneben zeugt eine brandruine von heißem abriß. landstriche, die jetzt noch wild und wüst erscheinen, werden von stadtplanern und landschaftsgestaltern begradigt, die flur bereinigt, die drei verfallenen speicherhäuser am hafen werden wohn- und gewerbeansiedlungen weichen, falls sich denn firmen finden, die ihre produktion von china zurück in die messestadt verlagern wollen. wo sich bald elefantische bauherren die kopfhaut unterm schutzhelm kratzen, werden die mieter wohl mehr mit mückenjagd beschäftigt sein. nur, wen juckt das schon?

es juckt nur diejenigen, die sich wenig mit diesen neuen betonlandschaften für die bequemen anfreunden wollen. genauso wenig wie mit diesen ferienhaussiedlungen am leipziger neuseenland, den entstandenen und im werden begriffenen stereotypen, den musterwohnungen und dem musterhaften doppelleben. die einen teil bewahren wollen und doch dabei zusehen müssen, wie abrißbirnen und planierraupen, bagger und straßenfertiger sich durch die landschaft walzen, nichts übriglassen. der ästhetik des verfalls folgt der ohrenbetäubende äther des baulärms, die vertreibung und schließlich die lust aufs paradiesische wohnen in der peripherie, die nur der lärmende nachbar trübt. hübsch machen wir’s uns. wie schön wär DAS denn?!

was wirklich fehlt? auch so etwas vom aussterben bedrohtes. ein gutes buch über die architektur- und industriegeschichte von leipzig. mehrere tage habe ich vergeblich im netz recherchiert und gestern ratlos den buchhändler meines vertrauens in der connewitzer verlagsbuchhandlung konsultiert. kein angebot, viel nachfrage: ddr-reloaded. dabei war seine auswahl an leipzig-büchern überdurchschnittlich gut: prachtvolle bildbände, texte zu spezialthemen, reiseführer. in letzterem von dumont blätterte ich vollkommen lustlos. ich suchte ja keine ach so geheimen tips zum ausgehen oder shoppen. dafür kenne ich die szene dann doch schon ein bißchen zu gut. ich vermisse ein ausführliches werk zur stadtgeschichte. nur noch antiquarisch wurde ich fündig und habe umgehend das hier bestellt: horst riedel. stadtlexikon leipzig von a bis z, hg. v. pro leipzig.

rauchzeich(n)en

wärmende frühlingssonne bringt meinen körper auf dem balkon zum dampfen. während ich diesen text klöppele, rauche ich bzw. der kopf qualmt, die lunge inhaliert, neos bilder hängen. heute wurde die retrospektive pünktlich zum 50. geburtstag von neo rauch im museum der bildenden künste leipzig eröffnet (es folgt die eröffnung der doppelschau in der pinakothek der moderne münchen am 20. april). ich zerlaufe also in der sonne, versuche mit dem mund rauchkringel zu formen, starre den gelungenen verträumt hinterher, während sich die kunstsinnigkeit im museum vor den gemälden ballt und sich meine gedanken knäulen, weil es doch so besondere ereignisse sind, über die ich schreiben möchte. fünfzig zu werden und dabei neo zu heißen, weltberühmt zu sein und von den härtesten kritikern als maler mit deutschem dackelblick geschmäht zu werden. eine doppelschau zum runden geburtstag bei gleichzeitig eingepackten verbalen tiefschlägen. schleife auf, geschenkpapier entfernt. und naja, manche geschenke könnten wirklich nicht schlechter ausgesucht sein. das kennen wir alle. manche täuschen daraufhin freude vor, andere zeigen ihre enttäuschung. neo rauch gehört zu den verletzlichen. in den feuilletons versammeln sich also freund und feind, die sektflöten klirren beim anstoßen und die säbel rasseln beim aufstoßen. und ich, ich habe lange auf diese ausstellung gewartet. vorher immer nur einzelne werke gesehen, die dann schnell in privatbesitz verschwanden. denn rauch verkauft sich gut, nach wie vor. manche sollen ja sogar nach rauch süchtig sein.

ich sitze nicht gerne zwischen den stühlen, denn der harte boden ist kalt, auf dauer unbequem. ich bin keiner von diesen fans, die jede gelegenheit nutzen, ihrem star auf die pelle zu rücken. die nach new york reisen, nur um dieses eine, neue gemälde zu sehen. mit einer kritischen natur geboren, wird man schlecht zum anhänger, jünger, prediger. ich bleibe auf distanz, zu den dingen und zu den meisten menschen. und doch ist mein innenleben keinesfalls ein unterkühltes. die emotionen brodeln in den eingeweiden, jagen durch die adern, rasen im hirn, bis sie wieder eingefangen werden. von der ratio geschnürt und gedrosselt. in den träumen weiter abgehandelt zwischen halb realem alpdruck und phantasie. wiedergänger im schlaf. nichts vergessen. alles verwirren. feuer entfachen. brandherde löschen oder ersticken. plötzliches begreifen, um dann aufzuwachen und nur noch bruchstücke von dem erträumten zu wissen, bis alles aus dem kopf gelöscht ist. und die fragen mich bestürmen. die rätsel, die ich noch nicht oder nicht mehr lösen kann.

so bin ich am ehesten apologetin, wenn ich an eine diskussion über das für und wider der kunst von neo rauch zurückdenke. der einwand, wahre kunst könne niemals mainstream werden, er klang unlogisch. er klang wie: nur ein toter künstler ist ein guter künstler. oder nur ein verkanntes genie wird in der nachwelt gewürdigt. der lebensleidensweg als pfad zum postumen erfolg. als ob leben nicht schon genug leiden (und sei es das der anderen) wäre. als ob der schrei des menschen stumm sein müsse und erst als verspätetes echo gehört würde. als ob es keinen schmerz gäbe und die welt nur aus freudentänzen bestünde.  also ob tränen nur als freudentränen über die wangen kullern. jauchzet! frohlocket! los, das ist ein befehl! und dann tun sich gräben auf, zwischen den empfindsamen und den hartgesottenen. zwischen den ängstlichen und den zupackenden angreifern. zwischen denen, die licht- und schattenseiten kennen und denen, die den schatten im innersten verschließen, um als stählerner barbar das fürchten zu lehren. das eine und das andere. das kämpfende ich und die konflikte der welt. ich sehe  sie wieder in den simultanen oder überlagerten sur/realen bildwelten von neo rauch. deren inhalt sich mir bis zu einem gewissen grad erschließt, nur um ein quentchen an deutbarer verweigerung in mir einzupflanzen. die unerträgliche schwierigkeit des seins, das unaussprechliche, die vielen offenen fragen. und eine, die sich klärte. künstlerischer erfolg heißt nicht zwangsläufig inhaltliche nichtigkeit oder oberflächliche ’schönheit‘. die zwei abstrakten striche des künstlerischen gegentrends bedeuten mir die linien ins nichts des denkens. die sich wohlgefällig in eine kühle, großzügige wohnlandschaft einfügen, in der das graue schneller graut. wo die nägel und haare wachsen, aber die gefühle tot sind. wo das bett der vorzeitige sarg ist. und die dort lieblos verschossenen spermien vermutlich eine weitere totgeburt zum leben erwecken. die genetik des bösen und der eisernen härte gegen sich selbst und das fremde.

sich in etwas vertiefen. eindringen. vordringen. es erobern. sich intensiv mit dem sanftwütigen beschäftigen. sich auf etwas einlassen. graue theorie und bunte wirklichkeit. für mich vermischt es sich zu einem vielstimmigen konzert. ich lausche. lasse mich mitreißen, nicht vom schluchzenden einlullen. entziehe mich dem selbstmitleid. wechsle zum ironischen. wandere durch die zeilen des ausstellungskatalogs begleiter. verfange mich in uwe tellkamps großartigem, dichten und wissenden text hermeswerft. uhrenvergleich mit neo rauch. hadere mit dem wahnsinn in jonathan meeses beitrag neo rauch, dienstvermerk „saint just“ – stets zu diensten: diene der kunst wie neo, es bringt’s: ei, der mit den stilistisch arm, aber eng umklammerten worten schließt: (der mensch ist spielzeug der kunst, toll, toll, toll, sehr gut, neo). die ‚billigausgabe‘ des katalogs (38 €) erinnert mich äußerlich an die alten schutzumschläge aus pvc-belag für bücher, in der farbwahl an ddr-schulfußbodenbelag. die farbgestaltung bei der hardcoverausgabe (49,80 €) ist deutlich gelungener. und die druckerfarbe der günstigen variante stinkt zum himmel, sie riecht nicht wie ein gutes, druckfrisches buch, weswegen ich das großformatige dann doch nur auf dem balkon lesen kann. ich habe mir den katalog schon vor dem ausstellungsbesuch gekauft, um ein einen tiefen atemzug lang an der gestaltwelt des neo rauch zu schnuppern. das ist unter den gegebenen olfaktorischen belastungen nur schwer möglich. ebenfalls zum naserümpfen ist die abbildung querformatiger gemälde über zwei seiten. auf diese weise hat man immer schön einen knick in der optik. nun ja, ein paar details sind schon erkennbar. und überhaupt kann man den katalog drehen und wenden, wie es einem beliebt. man könnte beim lesen auch einen kopfstand machen.

den gesamteindruck werde ich ohnehin erst beim besuch der ausstellung bekommen. bis dahin verbleibe ich in aufgeregter vorfreude mit den besten glückwünschen zum geburtstag.

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neo rauch. begleiter. ausstellungskatalog. hrsg. v. bernhart schwenk, hans-werner schmidt. gestaltung: maria magdalena koehn. hatje cantz verlag: ostfildern, 2010.

link zur doppelausstellung

tanz um das goldene kalb

jeder sitzt irgendwie in einem käfig, seinem inneren gefängnis aus angst und überzeugung, glaube und hoffnung, seinem äußeren käfig aus körperlichkeit und statussymbolen. immaterielles und materielles sind wertvorstellungen und deren -symbole. ich kenne kaum arme menschen, die nicht aus ihrer misère auszubrechen versuchen, die nicht mit ihrer not hadern, die nicht ein mindestmaß an  gediegenem lebensstandard erreichen möchten. indes fehlt es ihnen an möglichkeiten, sich mit gut bezahlter arbeit auch nur ansatzweise zu verbessern, weil diese jobs einfach nicht existieren oder ihnen die nötige qualifikation fehlt oder aber vitamin b. und dann gibt es jenen kleinen teil der gesellschaft, der genügend mittel hat, sich das leben mit überflüssigem zu versüßen und die mittelschicht, die oftmals mit dem geschlossenen luxuskreis der oberschicht liebäugelt, sie als das maß aller d(r)inglichkeit und allen bemühens erachtet.

ich selbst bewege mich wohl am unteren rand der mittelschicht, habe keine ambitionen, mich nach den dukaten eines goldesels zu bücken. mir steht der sinn nach muße ohne trägheit, die nur durch einen besser dotierten job mit einer 30-stunden-arbeitswoche zu erreichen wäre. und einmal im jahr würde ich gerne verreisen, nicht um mich auf einem strandlaken zu räkeln, sondern um die kultur anderer länder zu entdecken. insofern halte ich meine wünsche, im rahmen des realisierbaren, klein und den blick nach allen seiten offen.

und wenn ich dann die penner in connewitz unter einem selbstgebastelten partyzelt sehe, den blicken der öffentlichkeit nur halb entzogen, dann kann man ihnen nicht mehr viel wegnehmen, außer dieses bißchen lebenslust, das sie wohl verspüren, wenn sie sich nicht mehr in der wärmestube aufhalten müssen, sondern die wärmende sonne genießen wie jeder andere auch. wo wir am spätnachmittag den feierabend einläuten, reicht ihr geld nicht für den vom barmann fein säuberlich geschichteten latte macchiato im café. hier grenzen sie sich ab, vermutlich um ihre befleckte menschenwürde zu schützen. wer sucht schon das gespräch mit ihnen? sitzen sie auf einer parkbank, machen wir einen großen bogen. die bänke in ihrer nächsten nähe bleiben leer. wir meiden kontakt und suchen distanz. unser kleingeld stecken wir ihnen mit spitzen fingern zu, als ob ihre armut ansteckend wäre. so zu enden wie sie, der gesellschaftliche abstieg ist unsere größte sorge. wir nennen es vermeidungsverhalten, wegschauen, ausblenden. keine spur von neid zu entdecken, höchstens mildtätigkeit.

im stadtteil connewitz zeigen sich derzeit die sozialen kontraste und die spuren der gentrifizeirung am stärksten, während in der südvorstadt und schleußig kaum noch unsanierte häuser zu finden sind. der sonnige süden. zwischen partyvolk und familienausflug. ein lebensgefühl: für immer jung und satt. zwischen boutique und biomarkt, zwischen teurem, knarzendem aniktrödel und neuestem schrei. zwischen carport, tiefgarage und knöllchen.

wenn da nicht die ideale wohnlage direkt am clara-zetkin-park wäre, wo die stadtvillen wie pilze zwischen den ddr-plattenbauten aus dem boden schießen.

und wo mit der central park residence die zweite gated community deutschlands gerade direkt neben die ruine einer ehemaligen plattenbauschule gebaut wird (außer baukran und fundament kann man noch nicht viel sehen). zwischen „aufwertung“ und geplantem abriß, zwischen hochsicherheitswohnen und dem revier der illegalen street-artists. neben der pferderennbahn für gut betuchte hütchen-zocker und dem park als ort der kostenlosen volksbelustigung. zwischen empfang durch den concierge und zwanglosem treffen mit freunden. zwischen sprudelbad im jacuzzi und fußbad in der pleiße. zwischen isolation und inklusion.

in connewitz leben momentan noch alteingesessene neben hausbesetzern und eigentümern von stadtvillen. ob das immer so ton in ton und reibungslos funktioniert wie hier vor dem graffito in der biedermannstraße, steht laut aussagen von bewohnern zu bezweifeln, auch wenn die kleidung der rentnerin sich fast in den farben der mauer aufzulösen scheint (sehr wahrscheinlich verbirgt sie aber keinen iro unter ihrer mütze). freunde, die in ihrem jugendlichen partyeifer dorthin zogen, sind nun selbst berufstätig geworden. während sie den nächtlichen lautstärkepegel vor der wohnung früher noch hoben, möchten sie nun nachts einfach schlafen. ihr wunsch nach nachtruhe und umzug wird also akut.

wo jetzt noch graffiti und plakate in der stockartstraße an den teilweise maroden fassaden prangen und konflikte das gegeneinander anheizen, wird bald baulärm, staub und anpassung an den mietspiegel nach der erfolgreichen sanierung die bunte bevölkerungsmischung in ein familienfreundliches, gutbürgerliches wohnparadies verwandeln. und so wird der wilde pogo sich irgendwo anders austoben müssen, während in den kleingärten am stadthaus die kinderschaukeln quietschen und man sich ganz unnachbarschaftlich-kleinbürgerlich vor gericht zerrt, um den störenfried zur regelmäßigen ölung zu verdonnern. dann ist aber endlich ruhe im karton! und der tanz ums goldene kalb wird im ballsaal breitgetreten.

weiterführende links zum thema gated communities und gentrifizierung: video wohngebiete für die oberschicht in warschau, artikel und video todsicher in der isolation, video „fuck yuppies“ – der widerstand gegen die gentrifizierung.