Archiv der Kategorie: journalismus

verspeckte (sic!) kamera

erhebe nicht den mittelfinger in richtung einer überwachungskamera, denn du könntest einen beamten beleidigen. heute habe ich auf einem firmengrundstück sogar welche an einem baum entdeckt. immer mehr privathäuser rüsten auf. schon beim klingeln wirst du auf manchem display sichtbar. auch deutsche reportagesendungen bedienen sich immer inflationärer eines stilmittels, das an videoüberwachung erinnert. angeblich, um betrug zu entlarven und verbraucher vor miesen maschen zu warnen. selten flimmert nach dem einsatz von versteckten kameras investigativer journalismus auf dem niveau eines günter wallraff oder eines markus breitscheidel über die bildschirme in die guten stuben, sondern größtenteils zum skandälchen aufgebauschte banalitäten von bösen bübchen und mädchen. das betrifft nicht nur privatsender wie rtl oder sat 1, sondern auch die öffentlich-rechtlichen sender.

alle sender sehen nun ihre pressefreiheit in gefahr, weil mit dem billigfernsehen ohne aufwendige recherchen und ohne drehgenehmigungen massiv schindluder getrieben wurde. rtl stand und steht immer wieder am pranger mit seinen vermeintlichen enthüllungsgeschichten. auch die mdr-umschau hat vor gericht schon verloren. dabei werden oftmals das hausrecht und das persönlichkeitsrecht der betroffenen verletzt, die ohne ihr wissen vor der kamera zappeln müssen. die laut ndr-zapp „strengeren regeln“ bei den öffentlich-rechtlichen bestehen lediglich darin, die gefilmten personen zu verfremden und gespräche nicht im o-ton wiederzugeben, sondern als gedächtnisprotokolle. hm ja, ich sehe da eigentlich keinen frappierenden unterschied, nur eine verteidigungsstrategie.

(c) wikipublisher.org

es dient durchaus dem öffentlichen interesse und vor allem den erniedrigten menschen, wenn etwa breitscheidel die unhaltbaren zustände in pflegeheimen aufdeckt oder wallraff u.a. katastrophale arbeitsbedingungen bloßstellt. aber muß ich mir wirklich über fünf minuten (umschau, 04.05., sendezeit = 09:05 – 14:48, wer es sich unbedingt antun will) lang mit mit anschauen, wie zwei mdr-tester  mit einer ledertasche heimlich in plastedosen abgefüllte spargelportionen aus restaurants schleusen, um das auf den speisekarten angegebene gewicht von 500 g mit einer „staatlich geprüften und geeichten waage“ zu kontrollieren? und das referenzgewicht dann auch noch von einem hotelier aus berlin ermitteln lassen? wenn es sonst nichts armseligeres zu berichten gibt, dann zeigt doch lieber wieder ein testbild. das dürfte noch viel weniger kosten als diese mit heißen nadeln gestrickten, lauwarmen nichtigkeiten. GEZahlt, konsumiert und wieder ausgekotzt! denn mit dem zuschauer sollte man auch rechnen (sinkende einschaltquoten).

the time machine

kennt zufällig noch jemand das adventure-game myst? da mußte man ja immer an so rädchen drehen, knöpfe drücken, töne kombinieren, um den mechanismus von maschinen zu knacken und um die nächste spieleebene zu erreichen. obwohl diese zeitmaschine leider noch nicht erfunden wurde, bietet sie doch genug stoff für phantasiereiche filme, romane und kunstwerke. ich liebe die vorstellung, in eine mir unbekannte epoche der vergangenheit oder zukunft zu reisen. käme ich von so einer reise aus der zukunft zurück in das jetzt, könnte ich mich vielleicht gelassen zurücklehnen, wenn ich prophezeihungen von wahrsagern lausche, wahlprognosen präsentiert bekomme oder zukunftsforscher mir wieder irgendeinen schnulli als das opus magnum oder non plus ultra andrehen wollen.

als archivar beschäftige ich mich meistens mit dem fernsehen von gestern. ich sehe deswegen kaum in der gegenwart fern. außerdem ist heutzutage beinahe jede meldung im sekundentakt überholt, weswegen ich eigentlich sowieso fast ausschließlich nachhole, wenn ich mir nicht meinen eigenen erlebniszeitraum schaffe. heute war wieder so ein tag, da hätte ich kalenderblätter für drei monate abreißen müssen, um eben schon mal zu wissen, was ein staatsanwalt in dresden zu einem prozeß sagt, in dem bereits am freitag das urteil fiel. man hatte also bei einer mdr-sendung archivaufnahmen eingeblendet und sie mit der datumsangabe august 2010 versehen. ja, wir schreiben das jahr 2010. nur noch nicht august. solche falschen jahreszahlen kennen wir normalerweise aus der zeit kurz nach dem jahreswechsel. ach, wenn ich doch nur auch schon heute wüßte, was ich im august alles erzähle… wer bietet mir diesen blick in die glaskugel? natüüürlich die mattscheibe.

leider ist der beitrag nicht in der mediathek verfügbar und kann nicht als leuchtendes anschauungsmaterial für unseren futuristischen, stets innovativen heimatkuschelsender aufgeführt werden.

anruf aus tollywood (l.e., east germany)

sein name war nicht hase, aber auch er hatte keine ahnung. er rief heute vier mal auf meinem handy an, also mußte es gaaanz dringend sein. endlich faßte ich mir ein herz, auch wenn mich das bei meinem anderen job wirklich stört, zwischendurch mal wieder in den anderen zu wechseln. ich bin schließlich kein chamäleon, sondern auch nur ein mensch. es stellte sich mir ein geschwätziger mitarbeiter einer brandneuen mediaagentur vor, der gerne einen film über unser unternehmen drehen wollte. mich befiel gleich so ein magengrummeln, daß es sich bei diesem film um einen imagefilm handeln sollte, von dem wir selbstverständlich in ungeahntem ausmaß profitieren würden. dabei habe ich einen ausgesprochen heißen draht zu den medien und das wäre also gar nicht notwendig. aber herr wichtig erwartete offenbar ob des angebots einen am anderen ende hörbaren kniefall und eine stimme, die von bauchpinselei geschmeichelt säuselte. den gefallen konnte ich ihm leider nicht tun. ich fragte nach, worauf das hinauslaufen soll und die quasselstrippe redete weiter um den heißen brei herum. schließlich stellte er seine inkompetenz vollkommen bloß.

er: ich habe da auf ihrer homepage so ein bißchen gelesen. aber was macht ihr unternehmen eigentlich genau?
ich: sagten sie nicht, sie wollen einen film über uns drehen? (*auf der webseite stehen so ziemlich alle wichtigen informationen über die firma, inklusive neuester projekte*)
er: ja.
ich: sind sie nicht ein bißchen unvorbereitet?
er: ich habe mir ihr logo und die kontaktdaten angeschaut.
ich: und das halten sie für eine journalistische recherche?
er: ich dachte, sie erzählen mir das alles…
ich: ach, sie wissen also gar nicht, über wen sie einen film machen wollen? interessant…
er: ich halte meinen job für ein frage-antwort-spiel.
ich: das wird ja immer interessanter.
er: wer ist denn nun bei ihnen der ansprechpartner für unseren film?
ich: was soll das gleich noch mal für ein film werden?
er: ein imagefilm.
ich: ach, hätten sie das doch gleich gesagt!
er: wieso?
ich: gemeinnützige projekte haben prinzipiell kein geld für werbung.
er: wir sind extrem günstig.
ich: danke, nein. (*klar, ihr habt auch keinen blassen schimmer. dafür will niemand geld ausgeben.*)
er: aber…
ich: nochmals, nein danke und auf wiederhören.
er: scheiße!

ja, das kann man laut sagen, wenn die akquise derart in die binsen geht. scheinbar liegt dem auch eine gesetzmäßigkeit zugrunde: je wichtiger sich manche medienhure nimmt, um so weniger weiß sie. bei einer preisverleihung habe ich jüngst erlebt, wie ein unpünktlicher kameramann alle möglichen leute filmte und filmte und filmte. erst nach der veranstaltung stellte sich heraus, daß er gar nicht wußte, wie der preisträger aussieht. und dabei war der geehrte kein unbekannter. noch peinlicher ist es nur, wenn der journalist gar kein thema hat, sondern eins erfinden muß. so geschehen, werden im wasser treibende stöckchen schon mal zum krokodil. schon blöd, wenn auf dem unscharfen ‚beweisfoto‘ rein gar nüscht zu erkennen ist. alle meine zeitungsentchen bedeuten aber auch den raschen untergang der karriere. man endet dann vermutlich beim anzeigenblättle in der provinz. ich weigere mich konsequent, ahnungslose loser der branche mit wertvollen informationen zu füttern, die sie dann nicht mal richtig wiedergeben können. nur weil x oder y vom film ist oder beim fernsehen arbeitet oder bei irgendeinem blättchen, fresse ich ihm noch lange nicht aus der hand.

fortsetzung folgt bestimmt!

dreigroschenjournalismus

tiefe kulturelle gräben zwischen unterschichten-bewerbern und verzärtelten sprößlingen des bildungsbürgertums entdecken spon-redakteure in den beiden castingshows „deutschland sucht den superstar“ (dsds) und „unser star für oslo“. nun gut, wenn man den ganzen telemedialen karrierestuß unbedingt aufrechnen möchte, entblößung und selbstdarstellung in feinen graustufen abmildern könnte und sich über die legasthenischen dsds-teilnehmer amüsiert, deren elende schicksale man auch noch mal schön breitwalzt, sollte man meinen, die schriftkundigen seien stilsicher. *hüstel*

nun versuche ich mir gerade vorzustellen, wie ich vom messer attackiert werde, wie klinge und griff – wie mit geisterhand geführt – in der luft auf mich zustoßen. bin ich in eine magiershow geraten? ich dachte immer, es bräuchte auch einen täter zum angriff, der die waffe führt und mich mit dem messer verletzen will. wer die sozialen verhältnisse sezieren möchte, sollte sich mit präpositionen doch besser auskennen.

auszug aus der moritat von mackie messer aus der dreigroschenoper von bertolt brecht:

und der haifisch, der hat zähne
und die trägt er im gesicht
und macheath, der hat ein messer
doch das messer sieht man nicht.

halbwach

samstag morgen, 9.30 uhr. bei spon regen sich müde die ersten redaktionsgeister.  und erste affären werden in die tastatur geknüppelt. und schwupps auf veröffentlichen gedrückt. sieger in puncto schnelligkeit, nicht jedoch im hinblick auf vollständigkeit, wie man an den von mir rot markierten stellen nachlesen kann. bitte schreiben sie doch in ganzen sätzen, und verzichten sie auf voreilige urteilsvollstreckung. und wenn sie schon urteilen, dann doch nicht mit dem euphemistischen terminus käuflichkeit. das heißt immer noch korruption. aber auf spon wird auch um 9.58 uhr halbmunter weiter beschönigt, als die korrekturfassung erscheint.

ich bin sehr gespannt, welcher angewärmte stuhl in sachsen geräumt wird. rüttgers schickte hendrik wüst in die die ödnis der nordrhein-westfälsichen bergbauregion. wen wird aber tillich in die dunklen stollen des vergessens abkommandieren? er kann sich immer so schlecht an details aus seiner vergangenheit erinnern. das hat er schon demonstriert, als er heldenhaft seinen fragebogen über seine stasi-vergangenheit in der zeitung mit den großlettern veröffentlichte, in denen er  sich – nun ja – ebenfalls mit unvollständigkeit durchmogelte und es bis zum sächsischen ministerpräsidenten-sesselfurzer brachte. er war schon in der ddr kein held (weder der arbeit, noch des politischen widerstands). und er wird sich in bewährter tradition wie eine klette weiter durch die welt politischer intrigen lavieren und uns mehr oder weniger glaubwürdig seine integrität zu versichern suchen. es werden auf politikerfotos wohl noch viele schmutzige hände geschüttelt. seife würde da auch nicht ausreichen.

üble überschriften

das buch in der artikelüberschrift will wohl noch geschrieben werden. oder wie läßt sich die winzigkleine diskrepanz zwischen buchtitel in der überschrift und der zweimaligen andersartigkeit im text sonst verstehen? wie man wohl in der redaktion vom ortsblatt für connewitz und die südvorstadt von tagebuch auf tagebau gekommen ist? ein verdenker? wie ein vertipper sieht es jedenfalls nicht aus. ungeschriebene bücher können schon mal lebensbaustellen werden. unbehandelte depressionen auch. aber ich will gedanklich gar nicht weiter abschweifen. wie wär’s das nächste mal mit tagebauch, so als wortunion?

der leserjoker

ich scheue mich sonst davor, extrem unscharfe fotos zu veröffentlichen, es sei denn der effekt ist irgendwie poetischer natur. dieses mal dient das bild jedoch  lediglich als beleg für eine subtile form von zeitungslügen (in der zwischenzeit arbeite ich hart daran, nachts auf stativstarre arme und hände umzuprogrammieren). denn irgendwie kam mir das motiv aus der gestrigen fotostrecke auf spon von dem französischen lichtkünstler sébastien lefèvre so seltsam vertraut vor. ich rückte kurz tassen im oberstübchen hin und her, bis es bei mir schepperte und klirrte. klar, die kirche habe ich beim lichtfest in leipzig am 9.10.2009 vergeblich versucht, optisch ansprechend einzufangen. nächtliche kälte, klamme finger und drängelnde begleiter taten ihr übriges. nur komisch, daß die evangelisch-reformierte kirche am tröndlinring in leipzig jetzt geographisch in lyon verortet wird, wie diese bildunterschrift in einer art kontextkombination vermuten läßt:

menschenschar auf kirchenwänden (zeichnung): vom 5. bis 8. dezember feiert lyon zum elften mal sein „fête des lumières“. 20 großprojekte erleuchten das zentrum der stadt, dazu gibt es dutzende lichterinstallationen in allen bezirken.

oder haben die spiegel-mitarbeiter in einer nebulösen aktion die kirche gar kopiert wie goethes gartenhaus in weimar und dann in leipzigs partnerstadt aufgestellt, damit wir keinen westbesuch (lyoner) mehr bekommen? leider gottes:haus fühle ich mich nicht dazu berufen, als unbezahlter,  inhaltlicher korrektor und leserjoker für spon zu arbeiten. wenn ihr dort in der redaktion nicht klarkommt, ruft nicht bei mir an. ich bin in geographie auch nur eine mittelprächtige niete.

sollte ich unbedingt lust haben, mit der häufung von keywords aus dem text content zu generieren, würde ich auch einfach unter jedes foto textauszüge setzen, wirkt sich bestimmt gut auf die trefferquote aus. rationalisierung muß sich rentieren – auf kosten der qualität. zusätzlich erspart die doppelte verblödung zeit für recherchen und ist so ausnehmend überflüssig, weil schlicht.

quod erat demonstrandum

sonntagsdienst bei spon. der kaffee rinnt in die kanne, der regen klatscht ans fenster. in nicht näher definierbare flüssigkeit eingelegt ist auch die hirnmasse. die meisten schlafen noch verfeiert im bett. in die federn wünscht man sich in der redaktion vermutlich auch sehnlichst. so oder so ähnlich muß man sich das als verstehender leser wohl vorstellen, anders kann man sich die leicht zu überlesenden fehler einfach nicht erklären. artikel geliefert, gut, keine rechtschreibfehler vorhanden, ausdruck auch ok, veröffentlichen.

bis zur mitte liest sich der text über die internetshow sexy beijing schlüssig. auch ich rege meinen gerade erst erwachenden geist mit latte macchiato an. im zehnten textabschnitt reagiert mein gehirn mit alarmsignalen.

Bild 4su fei alias anna sophie loewenberg dürfte also nach dem prinzip der addition 35 jahre alt sein. dennoch erinnert sich mein gehirn daran, im ersten absatz eine andere zahl gelesen zu haben. ich scrolle also wieder hoch.

Bild 2völlig korrekt wurde aus dem youtube-video zitiert. wie kommt nun aber diese diskrepanz zu stande? mir fällt auf anhieb keine frau ein, die sich im interview älter macht, als sie ist. bei altersangaben wird doch eher nach unten gemogelt, ich meine natürlich vom wahren zum gefühlten alter eine zahl zwischen 1 und einer unbekannten subtrahiert. also nur eine unbeholfene redakteursschleimerei oder arithmetisches versagen? nicht ganz…

Bild 3hier haben gleich zwei redakteure virtuelle altlasten als neu deklariert. und ohne link zum video fällt das gar nicht weiter ins gewicht. das video muß aber  älteren datums sein. für newsmaker ist gestern allerdings mit steinzeit gleichzusetzen und wäre somit als beispiel total unbrauchbar. es hat nur ein paar minuten gedauert, bis ich das geburtsjahr der produzentin und darstellerin recherchiert hatte, da sie in ihren videos auf männerfang alle intimitäten ausplaudert, um mit viel trivialem füllmaterial das gefährliche fahrwasser der zensoren zu umschiffen. im august 2008  wurde jedenfalls dieses video über matchmaker bei youtube hochgeladen, wo loewenberg auf mandarin mit englischen untertiteln sagt: you’re younger than i am. i was born in 1974 (3:16 min). je nach geburtsmonat ist die dame also 34 oder 35 jahre alt.

selbst bei der matheolympiade ist dabeisein alles. aber schreiben und denken gleichzeitig? wie soll das gehen? schon bei olympia 2008 in peking zeigte china seine rechen- und rechnerkünste als es um den fall der kunstturnerin he kexin  ging. bis dato werden für das golkind bei wikipedia ein offizielles geburtsjahr (1992) und ein inoffizielles (1994 und damit nicht teilnahmeberechtigt) angegeben.  nun  haben wir oben den beweis für die mathematisch-journalistische durchfallquote. spon holt gold am stufenbarren (applaus, applaus, applaus!). wird der beitrag jetzt gesperrt oder geschönt?

ps: ohne das wort neu wäre der artikel nahezu glaubwürdig.

media chicks on speed

robert lembkes rateshow was bin ich? gilt den fernsehredakteuren sicher noch heute als vorbild bei der vergabe von berufsbezeichungen, die redaktionssitzung wird zum heiteren beruferaten auf high:speed. diesen eindruck wird man partout nicht abschütteln, wenn man sich die bunten texteinblendungen bei statements genauer betrachtet. ob da die headlines der blödbild von der unkreativabteilung abgekupfert werden? nehmen wir einen ddr-schauspieler wie gojko mitić. beim öffentlich-rechtlichen wird der allgemein-unverständlich zum ober-indianer degradiert. pierre brice, eine nummer größer und internationaler darf sich für seine zahlreichen karl-may-verfilmungen chef-winnetou betiteln lassen. wer läse das nicht gern? brice etwa, der von seiner rollenfestlegung als klischeehäuptling sichtlich genervt auftritt? lassen wir diese sichtliche verdummen außer betracht, treten unglaublich viele experten auf: computer-, flugzeug-, extremismus-, terrorismus-, wirtschafts-, finanz-, literatur-, kunst-, musik-, kinder-, schul- usw. blabla. kann jemand also einen satz, ohne ähhm zu ähmm zu  ähhm stottern vor laufender kamera aufsagen, der halbwegs gebildet, aber nicht zu intellektuell klingt, gilt er fortan als sachverständiger – oft ohne die notwendige qualifikation. das fällt den unqualifizierten ohnehin nicht auf, die anderen schalten um oder ab oder aus bzw. verlegen sich auf’s öffentlichkeitswirksame kontern.

täglich werden neue hochstapler generiert. der beinahe vergessenen, rasant verwelkenden sexfilmchen-aktrice birgit bergen dichtet man den halbsauberen ruf einer schickerialady an. reiche hausfrau klingt einfach nicht z-prominent genug auf dem roten teppich, den brisant als insert ausrollte. verfolgt man aber die quellen, findet man diese benennung sowohl bei wikipedia als auch in der zdf-pressedatenbank sphinx. und da im vorabendverblödungsprogramm das wort sex wohl nur einmal pro sendung fallen darf, muss man die chancen an knackiger steilkurve reizvoller ein- und besetzen. der üble rest wird schöngefärbt.

was also antworten boulevardjournalisten auf die frage welches schweinderl hätten s‘ denn gern? das blutige.

stinkende vergleiche

wenn ich manchmal morgens in den spiegel schaue, ist mir gelegentlich bewußt, daß ich bockmist verzapft habe. der (virtuelle) spiegel weiß es aber nicht, reflektiert dennoch ausführlich und mit großem brimborium über die pannen anderer leitmedien. erst gestern durfte sich der chef vom dienst der ard-tagesschau für die umbenennung von bundeshorst in bundesklaus in den inserts (die übrigens kaum vom zuschauer wahrgenommen werden, sondern fast nur von anderen journalisten) auf spon in einem eigenen artikel entschuldigen. und wie in einem liebesdrama wurde die liste der fernsehfehler im artikel lang. archive und das gedächtnis können wirklich hinterhältige verbündete im meinungskampf sein.

schön wäre es auch, wenn der spiegel öfter mal auf inhaltlichen korrekturen eigener beiträge bestünde. oder aber noch einen redakteur mehr einstellt, der nur die inhalte auf fehler prüft. über satzzeichen und vertipper kann man hinwegsehen. nicht aber offensichtliches halb- bis unwissen der (freien) autoren. ich möchte hier nur zwei scheinbar harmlose beispiele eines einzigen buchstabenkochs hinweisen, da sie mir kurz nacheinander aufgefallen sind. besagter autor ist  laut eigenen angaben studierter diplom-journalist mit langjähriger berufserfahrung (kann jeder selbst recherchieren, so wie ich). da ich keines seiner rezepte je ausprobiert habe, weil mir jedesmal schon in der langen einleitung die textanfütternung sauer aufstieß, kann ich über die küchenmeisterschaft wenig aussagen. wohl aber über die textinhalte. wenn er die zutaten auch so ohne sinn und verstand in den topf wirft, wie er wörter und vergleiche verwendet, dann will ich nicht kosten.

in dem artikel ‚das riecht nach problemen‚ (wie wahr) vom 24.05. 2009 (bis heute unveränderte fassung im kulturspiegel online) bemüht wagner folgenden hinkenden vergleich:

patrick süskinds parfümeur jean-baptiste grenouille fing den geruch toter frauen ein. in der gehobenen küche geht das genau umgekehrt – dort versucht man, durch das parfümieren toten zutaten neues leben einzuhauchen.

zufällig ist das thema geruch mein steckenpferd. der geneigte blogleser wird das wohl bereits wahrgenommen haben. der aufmerksame romanleser wird sich möglicherweise auch daran erinnern, welche duftessenz grenouille begehrte, als er die frauen tötete. mitnichten gierte es seine nüstern nach leichengestank, sondern er war dem unwiderstehlichen duft von sommersprossigen jungfrauen kurz vor der geschlechtsreife erlegen. er balsamierte ihre leichen unmittelbar nach dem tod, um den geruch des lebens und der leidenschaft zu konservieren und um daraus den geruch der unwiderstehlichen liebe zu brauen. dieses odeur auf seinem eigentlich geruchlosen körper wurde ihm letztlich zum verhängnis. sein leib wurde im begierigen lustrausch zerstückelt. was wagner hier als gegensatz bemühte, ist in wirklichkeit eine ähnlichkeit – genußsteigerung.

zerfledderte ddr-ausgabe. gelesen! kein dekoelement!

zerfledderte ddr-ausgabe. gelesen! kein dekoelement!

grundsätzlich habe ich nichts gegen die vermittlung von wissen oder originelle allusionen in sachfremden texten einzuwenden. bloß greift der koch nicht wahllos in die gewürzdosen, sondern versucht sich an einer schmackhaften komposition. obiges beispiel erzeugt aber in der inhaltsverkürzung eine kakophonie. heute bewies der textkoch dann noch eine große meisterschaft in der verwendung fremdsprachiger zutaten in dem beitrag ‚zeig, was in dir steckt!‚. das ist doch mal ein fehdehandschuh nach meinem geschmack.

schon der römische schriftsteller petron berichtet in seinem „satyricon“ davon, dass bei den legendären festmahlen des amoralischen, ungebildeten, aber schwerst vermögenden trimalchion stets gerichte im vordergrund standen, die wie babuschka-puppen mehrfach ineinander gesteckt waren.

ja, wie der herr mit halbbildung zu vermögen kommt, weiß ich auch nicht. er scheint sich aber im mediengeschäft etabliert zu haben. bei mir standen die großmütter ( russisch = бабушка) nicht als staubfänger im regal. die saßen im ohrensessel oder auf dem sofa. und sie ließen sich in ihrer altersgesetzten seelenruhe auch nicht so leicht auseinander nehmen. gesucht wurde also irgend so ein russisches wort für steckpuppen . könnte es nicht vielleicht matrjoschka (матрёшка) gewesen sein? dazu brauche ich nicht mal die wikipedia-begriffserklärung, die ich nur der vollständigkeit halber aufführe. ein zuverlässiges kopfarchiv reicht und notfalls noch mal ins buch schauen. dabei werden  ddr-bildung und russischkenntnisse häufig als zweitklassig und überflüssig dargestellt. die westliche (wissens)welt als alleiniger maßstab? kulturspiegel mit blinden flecken? nach 20 jahren könnte man ruhig mal in richtung sonnenaufgang blicken und in östliche länder reisen, um kultur und geschichte zu entdecken. vorurteilsfrei und kritisch. aber ich bin ja nur bloggerin. wie kann ich es nur wagen, bezahlte journalisten zu bekritteln (*unschuldig guck*)?

Patrick Süskinds Parfümeur Jean-Baptiste Grenouille fing den Geruch toter Frauen ein. In der gehobenen Küche geht das genau umgekehrt – dort versucht man, durch das Parfümieren toten Zutaten neues Leben einzuhauchen.