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delegierte

das könnte auch ein nachzüglerbeitrag für das projekt farbe bekennen sein. aber so goldig ist meine situation im moment gar nicht. im moment habe ich übergangsweise in einem job zwei chefs. der alte möchte es nach seiner art, der neue eben anders. beide werden sich nur schwer einig. einen plan hat erst recht keiner mehr. und ich sitze ständig zwischen den stühlen und obendrein terminlich ganz hitzig auf glühenden kohlen. mein ar*** geht dennoch auf grundeis. beide sind gleichzeitig im urlaub, während ich in der hochproduktionsphase für einen katalog bin. obendrein solldarfmuß ich nun zusätzlich ein jubiläumsfest in berlin vorbereiten, das ende august stattfindet. anfangs hieß es noch, darum bräuchte ich mich überhaupt gaaar nicht zu kümmern. und nun? wer kümmert sich? natürlich bleibt die popelarbeit wieder an mir kleben. schnell noch ein paar plakate drucken lassen und postkarten und auch ja niemanden vergessen. die beste idee kam dann gestern: die postkarten von einer firma in kulturinstitutionen verteilen zu lassen. leider muß man das aber vier wochen vorher machen. ein blick auf den kalender sagt mir: no way! ob sie sich jetzt auch noch wünschen, daß ich am wochenende selbst nach berlin fahre und dort 10.000 postkarten unters volk bringe? am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen und die zustätzliche arbeit verweigern. es sind ja nicht nur überstunden, die ich nicht bezahlt kriege. es ist außerdem die unlust, die in mir hochsteigt, weil ich das sozusagen als unwetterfront auf mich zukommen sah. ich schätze, wenn die beiden schatzis zurück sind, werde ich endlich mal tacheles reden müssen.

verhirntes

also bei manchen leuten im verlagswesen frage ich mich manchmal, ob ihr gehirn vor lauter bücherlesen und lektorieren nicht doch von einem fleischwolf zerkleinert wurde. ich muß gerade einen katalog mit 61 verlagsporträts erstellen. alle müssen mir ihren text vorher als worddokument ohne formatierungen schicken und die vorgegebene zeichenzahl einhalten. also das scheint ja schon ein großes problem zu sein. die menschen lieben es, ihre schriftarten und -formen auszuprobieren. der text wird kursiv und fett markiert oder noch zusätzlich unterstrichen, als ob der bearbeiter, in diesem falle ich, noch nie eine backlist von einer leseprobe unterscheiden konnte. überall stehen nummerierungen, wo gar keine notwendig sind. dann werden ganz gewissenhaft seitenumbrüche eingefügt, wo die grafiker doch eh nur eine seite haben. und man glaubt es nach den bisherigen schilderungen wohl kaum, aber ach, daß es bei word so etwas wie zeichenzählung mit und ohne leerzeichen gibt, also von der funktion hat man ja noch nie was gehört. man schmeißt sich ins zeug und liefert ellenlange pamphlete ab mit herrlichsten buchbesprechungen und ach, alles zu lang. ach sooo viel muß ich kürzen?!!! was, da habe ich 20 stand 11 titel angegeben? tja, ich weiß jetzt auch nicht, welche ich streichen soll… *aaaaaaaarrrrrgggggg*.

wo ist der elektronische reißwolf, wo ist die wordfunktion: texten für dummies? wie bringe ich menschen bei, die nicht mit mir im büro zusammenarbeiten, was ein computerprogramm alles so kann und wie man es bedient? es ist zum verzweifeln. verstehendes lesen scheint irgendwie auch immer mehr in vergessenheit zu geraten. ich glotze die vielzahl von lesarten und textvariationen ungläubig an. dabei habe ich die vorgaben im fibeldeutsch verfaßt. so verbringe ich nicht etwas die meiste zeit damit, korrektur zu lesen, sondern die formatierungen zu entfernen, die texte also formell zu vereinheitlichen, wo es doch so zeitaufwendig erstellte vorlagen von mir gab. ich könnte im moment beton zerbeißen, so wütend bin ich. die grafiker haben die in mühevollster kleinarbeit überarbeiteten texte nun endlich mit einem anständigen layout versehen und mir als pdf geschickt. die müssen nun wieder die verleger korrekturlesen und dort, wenn sie fehler finden, diese im tool in eine kleine sprechblase schreiben. wenn ihr computer oder sie selbst das nicht können, erwarte ich doch, daß man mir so etwas schreibt wie: „6. zeile, 2. titel ändern in…“. aber nein! nachdem also der text einmal gesetzt wurde, bekomme ich ein komplett überarbeitetes worddokument zurück, zu dem es ganz „nett“ heißt: wir haben ein paar fehlerchen gefunden. das wars! keine farbliche markierung, keine randbemerkungen, nix, nada, null! glauben die im ernst, daß ich mich, nachdem ich die texte bereits dreimal intensiv korrekturgelesen habe, ein viertes mal hinsetze und punkt für punkt, semikolon für semikolon, komma für komma, bindestrich für bindestrich, buchstabe für buchstabe alles noch mal vergleiche? ich warte nur noch darauf, daß mir jemand einen komplett neuen text schickt. dann werdet ihr nix mehr von mir hier lesen können, weil ich explodiert bin. ich sitze schon auf dem pulverfaß und habe die lunte angezündet…

ey, kirsche!

wenn sich vor mir wieder der arbeitsberg aufhäuft, lasse ich es mir ganz besonders gerne gut gehen, damit die frustschwelle sich deutlich nach oben hebt. nun, der kühlschrank hatte nix mehr zu bieten, also stapfte wortfeile los in richtung eines ladens mit waren des täglichen bedarfs. kaum hatte sie das trott/el/oir des außerhäusigen lebens erreicht, wurde von zwei glatzköpfigen, sonnenbebrillten muckibudenhyperkonsumenten marke türsteher versucht, sie von hinten mit dem früchtchenlockruf ey, kirsche! zum umdrehen zu bewegen. da stelle ich mich gerne taubstumm. nur weil sommer ist, müßt ihr nicht durchdrehen. herr/je, bei jedem 7. eisprung klappts möglicherweise, aber nur bei anderen frauentypen.

unterwegs musterte ich das erste mal seit beginn der wm die morgendlich unbelebten kneipen eingehend. ein schildermeer mit deutschlanddevotionalien plärrte mich lautlos von allen seiten an. riesige flatscreens sind allüberall deponiert worden. dazu hinweistafeln auf denen die kreideschrift kreischt: hier gehts zur riesenleinwand! das ist nicht mein ziel. der optiker gegenüber fragt dann die vorbeigehenden zuschauer per ladenschild guggsdugud?, um davor noch eine modepuppe mit deutschlandfahne aufzustellen, bei der ich die große flatter kriege und mich frage, ob ich noch richtig sehe? mann, haben die einen schatten (im bild links).

dieses mal erwischte ich einen supermarkt, in dem die verkäufer keine deutschlandhütchen trugen. dafür roch ich recht schnell eine üble fahne, bebte mit den nasenflügeln, um zu orten und ach, mist: genau vor mir an der kasse. falsche schlange erwischt. ich sah einer frau auf den dauergewellt-überstrapazierten hinterkopf und hörte sie etwas zu dem verkäufer sagen: hallo! das klang wie eine mischung aus joe cocker und hazel o’connor in ihren späteren jahren nach dem comeback. dann guckte ich mir das krächzende reibeisen beim bezahlvorgang von vorne an. rot geäderte augen, das linke auge in einem veilchen mit schorf eingebettet. und würde sie darauf angespochen, hätte sie garantiert geantwortet, sie wäre NUR unglücklich gefallen. sie wirkte auf mich wie die inkarnation der beiden texte über alkoholismus und häusliche gewalt, die ich gerade gepostet hatte. das typische zittern der hände, und auch die unbewußte dreifache wiederholung des wortes danke nach dem abkassieren… alles zeichen der sauferei. auf dem band vor mir stand eine flasche meisterpils. der verkäufer fragte  sie mit blick auf ihren stoffbeutel und, na viele hammwer denn heute?. ja, sie kam öfter. und sie kaufte viel und regelmäßig hopfengesöff. und sie bezahlte nicht mit bargeld, sondern mit dem pfandflaschencoupon.

jetzt habe ich aber das glück, hier noch wunderschönes frühlingswetter zu haben und arbeiten zu müssdürfen. an solchen tagen wie heute, bin ich froh, mir meine zeit frei einteilen und die arbeit auch mit auf den balkon nehmen zu können. großer kniefall vor den schlepptop- und wlanerfindern. wie man auf dem oberen bild sehen kann, habe ich es mir mit diversen lasterleckerlis gemütlich gemacht, den drei großen k: käffchen, kippchen und kirschen. was für ein textkreislauf… 🙄

zwanghafte rituale

manchmal frage ich mich, wie eigentlich alkoholismus und kontrollzwang zusammen passen. in der theorie harmoniert das in meinen augen herzlich wenig. in der praxis wird es mir jeden montag vorgeführt, wenn der kollege mal wieder ein atemfähnchen vor sich her trägt, so daß ich, sobald ich das büro betrete, rückwärts wieder raus möchte, weil ersickungsgefahr. meine begrüßung besteht dann auch aus: guten morgen! könnten wir bitte erst mal kurz lüften? hier ist so stickige luft drin… dummerweise friert ein trinker auch recht schnell und so überrede ich ihn, doch mal eine zigarettenpause einzulegen.

jedes mal, wenn wir das büro gemeinsam verlassen, schaut er sich panisch um, ob er auch nichts vergessen hat. dann schließt er die tür zweimal ab und drückt die türklinke noch zweimal runter. denn das muß man ja millisekunden später kontrollieren. da nützt kein einwand von mir etwas, daß ich ihm gerade als augenzeuge für die schließaktion zur verfügung stand. auch wenn ich den schließerpart übernehme und nur einmal abschließe, werde ich zunächst äußerst mißtrauisch gemustert. dann klinkt er manisch an der tür rum. erst dann können wir loslaufen.

wenn er das büro abends vor mir verläßt, werden tacker  und locher gerichtet und das kabel vom kopfhörer akkurat aufgewickelt, die straßenkarten, der atlas und der duden nach  größe auf einen stapel gelegt und die stuhllehnen auf kante an den tisch geschoben. dann erfolgt eine ermahnung, ich solle bloooß nicht vergessen abzuschließen!

mittlerweile meint er, auch mich immer stärker in seinen kontrollzwang einbeziehen zu müssen. ich solle meine wertsachen und schlüssel nicht so offen auf dem tisch drapieren. das wäre eine einladung für jeden dieb. ja aber, es ist abgeschlossen, zweimal! und wir sind nur zehn minuten weg… fehlt eigentlich nur noch, daß er vor der raucherpause meine ganzen klimbim vom tisch in meine tasche räumt und die tasche auf dem regal vor dieben versteckt. wenns dann soweit ist, kriegt er ein paar auf die finger. ist schließlich meine privatsache, wie nachlässig ich mit meinem kram umgehe – gemeinschaftsbüro hin oder her. vielleicht sollte ich abends mal in seiner stammkneipe aufschlagen und ihm jedes bier einzeln auf einer strichliste markieren, damit er seine erziehungsmaßnahmen tunlichst unterläßt. denn auch jedes mal, wenn ich ihn beim einkaufen oder vor seinem wohnhaus treffe, hat er gerade biernachschub in einem stoffbeutel dabei. das scheint ihm nicht peinlich zu sein, denn diesen mangel an selbstkontrolle gleicht er nämlich überreichlich mit seinem ordnungs- und kontrollzwang wieder aus. leider fehlt dem herrn doktor die einsicht in die lage, und mit meinen interventionen stoße ich bisher auf granit.

man kann ja nur mitleid mit ihm haben. so viele rituale, so viele sinnlose wiederholungen, so viel zeitverschwendung. gestern hat er mir zum mindestens 100. mal erzählt, daß er sich am automaten immer den gleichen kaffee kauft. immer wiener melange. daraufhin habe ich ihm einen ausgegeben, damit er mal was anderes sagen kann… er kommt mir ein bißchen vor, wie diese steckfigur, bei der die teile einfach nicht zusammen gehören. er merkt von diesem zu oft nichts mehr. es hat sich tief in sein unterbewußtsein eingegraben, und bis zum bewußtsein dringt es nicht mehr vor.

das kann echt ansteckend sein. ich beobachte mich selbst und schaue mal, ob ich auch schon solch belastende alltagsprüfungen ausführe. konnte bisher noch nix entdecken. puuuh!

bürostühle zu schleudersitzen

an dieser lagerhalle fehlt eindeutig die abschußrampe.

sonntags war ich schon lange nicht mehr arbeiten. ich hatte mich nach reduzierung meiner arbeitszeit an diesen erholsamen wochenendrhythmus gewöhnt, dabei aber auch verdrängt, wie ruhig es an sonntagen in einem ansonsten eher ausladenden bürokomplex sein kann. in anbetracht mangelnder und scheinbarer betriebsamkeit kam ich mir ein bißchen vor wie in einer stillgelegten fabrik. in der ruhe lag das unheimliche surren der neonröhren, das geräuschvolle abstürzen von dachlawinen, das klirrende aufprallen von eiszapfen, das unregelmäßige, aber beständige tropfen von tauwasser auf das geländer, jaulender wind an den ecken des gebäudes.

was ich ganz und gar nicht vermißt habe: das unmotivierte hacken auf der tastatur meines zimmernachbarn. die plötzlichen zwischenfragen, die mit meiner arbeit überhaupt nichts zu tun haben, den kollegen aber aus dem stadium der unwissenheit befreien, mich dafür ablenken. das klingelnde telefon. selbst das e-mail-postfach konnte ich getrost vernachlässigen, weil sich die außenwelt aus versehen einen ruhetag genehmigte. auch aus den nachbarzimmern drang weder ein kicherndes kreischen, ein lange unbeantwortes u-boot-ähnliches handygeheul, bei dem man denken konnte, es handele sich um irgendeinen test eines neuen alarmsignals und man würde umgehend mit einer evakuierung rechnen müssen. kein stampfendes stöckeln auf dem flur. kein den kollegen vorgeführter nachwuchs, der vor dem büro eine rennbahn eröffnet und an der tür abklatscht. keine heute-ist-montag-laß-mich-bloß-in-ruhe-fresse. und das beste daran: am montag blieben mir die verkniffenen büroklammergesichter ebenfalls erspart, weil ich als ausgleich frei machen konnte.

paradiesische arbeitsbedingungen beflügelten meine konzentration und lieferten mir wieder einmal den eindrücklichen beweis, daß ich unter multitasking-minderbegabung leide. mein normales acht-stunden-pensum habe ich jedenfalls in fünf stunden geschafft.  also laßt mich den rest der woche doch bitte auch in frieden, dann seid ihr mich schneller wieder los. warum sind bürostühle eigentlich nur roll- und drehbar? mir fehlt da eindeutig ein knopf für den schleudersitz. kann auch eine fernbedienung für plappertaschen und klatschbasen sein…

worthülsen

everything_is_okals ich dieses plakat in der revaler/ecke niemannstraße in berlin-friedrichshain entdeckte, wurde ich ganz beiläufig von grafischen schlagwörtern in knalligen leuchtfarben erschlagen. nö, ich habe mich nicht gleich vor lauter verzweiflung und unterschwelligem weltschmerz auf die straße geschmissen, sondern sorgfältig die feinheiten der buchstabenkurven studiert und die wortbilder entziffert. viele euphemismen werden uns regelmäßig von medien als selbstverständlicch entgegen geschleudert, ohne die begriffe weiter auseinander zu klamüsern. es liegt also am konsumierenden indiviuum, auch die unterschwelligen botschaften und ungereimtheiten zu dechiffrieren. die neugier verbietet es mir, nicht weiter nachzuforschen. sie erzwingt das wissenwollen geradezu. leider findet sich derzeit im netz  noch so gar kein hinweis auf die hintermänner der aktion, aber ich hüte mich vor spekulation. gerade diese unklarheit erhöht die spannung ungemein. es wirkt so, als hätten sich die grafiker mit hitchcocks suspence zum viralen marketing verabredet. die grafik und die farben erinnern mich zugleich an das werbeplakat zur veröffentlichung der cd kapitulation von tocotronic im jahr 2007. und für januar hat die band ihr neues album schall und wahn angekündigt.

die floskel everything is ok kann nur noch von der hoffnungsfrohen botschaft alles wird gut getoppt werden, die keinen raum für  negative ’schwingungen‘ von schwarzsehern läßt. es sind weniger die christlichen tugenden, die ich wiedererkenne, sondern vielmehr der zeitgemäß aufgearbeitete inhalt des dramas glaube liebe hoffnung von ödön von horváth. was wird mit denen, die die rezession trifft oder die opfer der umweltzerstörung werden? es folgen depression und krankheit und verzweiflung. ich würde ja schon gerne wenigstens manchmal etwas mehr optimismus verbreiten, derweil geht dieser mir immer weiter flöten. und das liegt garantiert nicht nur am novemberblues. es geht nicht mehr viel. und vieles rauscht mit getöse den gebirgsbach hinunter. statt sozialer wärme strömt eiseskälte in alle glieder. ich fürchte nur, warm anziehen wird dagegen nicht helfen. wer keine angst vorm mitfrösteln hat, kann sich auch die arte-dokumentation ausgebrannt – wenn nichts mehr geht über die folgen von überarbeitung und konkurrenzkampf ansehen.

knechtschaft

liebknecht-hauswar am liebknecht-haus schon der herr ruprecht zugange, der nur den braven sklaven lebkuchen bringen will? oder wird hier der teil der bevölkerung verhöhnt, der selbstversagend lebt um zu arbeiten und nicht umgekehrt? dem kapitalisten dürfte der liebe knecht, der nicht revoliert, jedenfalls am nützlichsten sein, denn nur lebend und im vollbesitz seiner arbeitskraft ist so ein lohnsklave rentabel. alles andere kostet und wäre im verruf des sozialen.

wie auch immer das i samt tüpfelchen verloren ging, hier in der braustraße in leipzig lebte von 1867-1881 wilhelm liebknecht, einer der mitbegründer der heute auf selbstfindungskurs schlingernden spd. hier wurde 1871 karl liebknecht geboren, der nach dem spartakusaufstand 1919 erschossen wurde. heute  erinnert eine gedenkstätte an die einstigen sozialistischen bewohner und die linke residiert ebenfalls dort.

hochaktuell erscheint mir hingegen ein zitat aus der festrede von wilhelm liebknecht, in der er den bekannten ausspruch wissen ist macht – macht ist wissen 1872 in dresden referierte:

die schule ist das mächtigste mittel der befreiung, und die schule ist das mächtigste mittel der knechtung — je nach der natur und dem zweck des staats. im freien staat ein mittel der befreiung, ist die schule im unfreien staat ein mittel der knechtung. ‚bildung macht frei‘ — von dem unfreien staat verlangen, daß er das volk bilde, heißt ihm einen selbstmord zumuthen. der moderne klassenstaat bedingt aber seinem wesen nach die unfreiheit. (…). er kann freie männer nicht brauchen, nur gehorsame unterthanen; nicht charaktere, nur bedienten- und sklavenseelen. da ein ‚intelligenter‘ bedienter und sklave brauchbarer ist als ein unintelligenter — schon die römer legten auf sklaven, die etwas gelernt hatten, einen besonderen werth und zahlten entsprechende preise für sie —, sorgt der moderne staat für eine gewisse intelligenz, nämlich für bedienten-intelligenz, die das menschliche werkzeug verfeinert und vervollkommnet, so daß sich besser mit ihm ‚arbeiten‘ läßt. so wird die schule zur dressuranstalt statt zur bildungsanstalt. statt menschen zu erziehen, erzieht sie rekruten, die auf’s kommando in die kaserne, diese menschen-maschinenfabrik, eilen; steuerzahler, die sich nicht mucksen, wird ihnen das fell über die ohren gezogen; lohnsklaven des kapitals, die es in der ordnung finden, daß ihnen das mark aus den knochen gesogen wird (quelle).

zwar haben sich produktionsmittel und arbeitsbedingungen in vielen branchen verbessert, die abhängigkeit ist jedoch nach wie vor eine einseitige. während  arbeitgeber in vielen branchen aus einem heer hoch- bis überqualifizierter arbeitskräfte auswählen können, hängen die knüppelgleichen worte entlassung plus krise plus rationalisierung  plus standortverlagerung ins ausland drohend über denen, die knuffen dürfen. auch die selbstständigen befinden sich in mindestens einer zwickmühle, wenn sie keine auswahl an aufträgen treffen können, sondern den einen, schlecht bezahlten, ethisch unvertretbaren annehmen müssen, um ihr brot hart zu verdienen und auf den piekenden krümeln des nachts alpträumend wund zu liegen.

bleibt uns denn wirklich nur die freiheit in gedanken? und deswegen noch einmal zum nachdenken der schriftzug in nahaufnahme:
liebknechthaus_leipzig