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masken

japanische nō-masken (bemaltes zypressenholz, 19. jahrhundert, grassimuseum für angewandte kunst in leipzig): erscheinungen aus anderen welten. v.r.n.l.: reife frau, greis, dämon, geist eines kriegers, dichtergottheit tenjin, junge frau, krieger, schwarzbärtiger dämon.

und wie viele masken setzen wir täglich auf? wo wir doch alle so authentisch sind…

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tea & coffee, piazza & towers

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den anstoß für die gestaltung von 31 tee- und kaffeesets für alessi gab 1983 und 2003 der designer alessandro mendini. viele kennen die berühmte zitronenpresse oder verschiedenstes küchenzubehör vom löffel über den küchentimer bis hin zum teekessel im retro-bauhausstil. auch diese objekte  der sonderausstellung tea & coffee, piazza & towers. alessi. architektur für den tisch im leipziger grassimusem lehnen sich stark an baulichen merkmalen an, sie wurden ja schließlich von architekten entworfen. ein bißchen erinnert das wahrscheinlich an ihre modellbauentwürfe, die sie zur planung eines bauprojekts basteln, um die räumlichkeit zu erfassen. in den größtenteils glänzend aufpolierten, limitierten silbereditionen spiegelt sich alles mehrfach. die kassettendecke, die vitrinen, die fenster, die bäume, die museumsbesucher. ein spiel mit der umgebung, ein spiel mit dem maßstab, ein spiel mit dem material und mit dem anspruch, zeitloses zeitgeistdesign herzustellen. diese lichtbrechungen in den desginobjekten passen, wie ich finde, gut zum heutigen bilderrätsel.

kunsthandwerk im grassimuseum (II)

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uns teutschen kan man die trinckgeschirr nicht allein groß gnug / sondern auch nicht schoen und seltsam gnug  machen. man trinckt auß affen un pfaffen / moench und nonnen / loewen und baeren / straussen und kauzen / und auß dem teufel selbs (moses pflacher, priester, 1589).

wie recht er damit doch hat, will ich das auge des betrachters entscheiden lassen. in dieser ausstellung im grassimuseum für angewandte kunst in leipzig sieht man nur den prunk, den reichtum, die blendende sonnenseite des lebens. die bescheidenen verhältnisse habe ich aber schon in einigen bauernmuseen studiert. es gibt sie, die schönen materiellen werte, mit denen man sich die wohnung dekorieren kann, die räume füllen,  aber nicht das innere wesen des menschen. sie berühren als lichtbrechungen unsere retina. sie erfreuen das auge. für eine kurze zeit sind sie einfach nur wunderschön.

faszination grassimuseum

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zwischen zwei wolkenlücken eilte frau wortfeile heute in das grassimuseum für angewandte kunst und auch trocken wieder nach hause. ein tag, wie ich ihn schöner kaum erträumt hatte. alleine die architektur des gebäudes hat mich so stark beeindruckt, daß ich stundenlang durch das museum für kunsthandwerk hätte schlendern können. und ganz brav besorgte ich mir dieses mal auch eine fotoerlaubnis. das gebäude wurde zwischen 1925 und 1929 im stil des art déco gebaut.  im krieg wurde das gebäude stark beschädigt und 2007 nach umfassender sanierung wiedereröffnet. es beherbergt außerdem noch das museum für völkerkunde und und das museum für musikinstrumente. das ist partout nicht alles an einem tag zu schaffen  (*schlapp schlurf*). denn zu den dauerausstellungen antike bis historismus und asiatische kunst gesellten sich noch drei!!! weitere sonderausstellungen: tea, coffee, piazza & towers: alessi. architektur für den tisch, in der sehr außergewöhnliche designentwürfe gezeigt wurden, exotische welten. der schulz-complex und das frühe meißener porzellan (fand ich persönlich zum schnelldurchlauf geeignet). aber wie stark pochte doch mein kleines laienfotografenherz in der exposition gefangenes licht. deutsche und internationale glaskunst seit 1960. das war eine große herausforderung für mich, diese grazilen kunstobjekte in den spiegelnden vitrinen abzulichten und ist eine gesonderten fototext wert, genau wie einige andere exponate.

die ausstellung ist unter museumspädagogischem aspekt sehr ausgewogen. nicht zu viel text, viel zum gucken, zum staunen, zum wiederentdecken. in den vitrinen funkelten perlmutt und alabaster, glas, gold und zinn, silberbesteck und gemmen, fächer und barockkleider. und alles war so fein gearbeitet. alles von hand gestaltet. von der illustration von bibelauszügen (habe ich mal ausgelassen) über blutige jagdszenen bis hin zu filigranen dekors mit blumenmustern oder tierdarstelleungen war alles dabei. in manchen räumen werden licht und themenspezifische musik sensorgesteuert ein- und ausgeschaltet. und das scheint auch notwendig, denn für mein empfinden gab es mehr aufsichtspersonal als besucher. dabei ist das museum eine echte empfehlung. es ist ja nicht so, daß ich mir den ganzen kram als staubfänger in die bude schleppen würde. aber alleine zu sehen, wie hoch entwickelt die handwerkskunst bereits vor jahrtausenden war und das in relation zu den heutigen „wertvollen“ kunsthandwerlichen gegenständen zu setzen, die dagegen teilweise wie schrott wirken, das ist eine erfahrung wert.

und ganz nebenbei dürfte ich nun so ziemlich jede farbe für das fotoprojekt farbe bekennen 2010 eingefangen haben, weil die kunstobjekte in allen erdenklichen farbnuancen gestaltet sind. yippi! von der kassettendecke aus milchglas und diesem ausstellungsraum für die glasobjekte konnte ich gar nicht genug bekommen. ein phantastisches raumgefühl, beste lichtverhältnisse. ich konnte mich einfach kaum entscheiden, welches der vielen fotos nicht mit in die slideshow durfte. sorry! ich habe es das erste mal fertig gekriegt, meine speicherkarte voll zu machen, so daß ich schon im museum aussortieren mußte. und zwei akkus zur strecke gebracht… aber so viel ästhetik auf engem raum bekomme ich sonst selten geboten.

vorsicht, kunst! oh, schon kaputt.

einige randbemerkungen zum frühjahrsrundgang.

kunst fürs volk! so lautete einst die parole der avantgarde. joseph beuys dachte den gedanken noch weiter: jeder mensch ist ein künstler! und wo kann man die realisierung dieser vorstellungen besser beobachten als beim galerierundgang in der baumwollspinnerei in leipzig, der von anbeginn eher volksfestcharakter hatte? und so scheint es nur logisch, daß das transparent auf dem spinnereigelände am arbeiterkampftag und auch am folgenden tag fordert: an das gerät! eine vielzahl der besucher hatte das dann offenbar so interpretiert, sich selbst vorsorglich bei boesner mit künstlerbedarf einzudecken. denn kunst kann ja schon inspirierend sein. und wo kann man sonst an einem feiertag schon sinnfrei konsumieren? also ringelten sich die menschen an den kassen zu schlangen und schleppten to-do-tüten als zeichen ihrer künstlerischen ambitionen durch die galerien und ausstellungshallen. ah, sagte sich die wortfeile, es wimmelt ja geradezu vor kreativen.

unzweifelhaft brutzelten sich mir die verschiedenen rundgänge in der spinnerei und gleichsam der gestrige olfaktorisch in die nasenhärchen und über diverse rezeptoren in mein emotionales gedächtnis. in diesem kunterbunten allerei von kunst- und küchenangebot war für jeden geschmack etwas dabei. hier gönnt man sich etwa champagner oder austern.

ein aufsteller weist den weg zum bioeis, das von der farbintensität her eher an eine chemischen keule gemahnte.

bratwurstdüfte umwaberten nicht nur den eingang zur werkschau, sondern verfolgten uns bis in den letzten winkel der allerheiligsten kunsthallen. die ereignisreiche besichtigung der dort präsentierten rumänischen zeitgenössischen kunst forderte am ende ihren tribut. und weil ich keine farben und keine leinwand dabei hatte, aber meine innovativen ideen sofort umsetzen mußte, bekleckerte ich meine jacke und meine tasche großflächig mit senf. diesen ephemeren, weil umgehend wieder beseitigten kunststil, kennt man unter dem begriff eat art oder aber weniger artifiziell unter dem namen kleckerliese.

griff zu den knabbereien am tresen der werkschau. erst in der mehrdeutigen übersetzung des wortes resolution als auflösung bekommt dieses foto seinen wahren sinn, den der mitnahmementalität für alles, was nichts kostet.

warum ich kaum etwas über die kunst schreibe? nun, das kommt in einigen späteren texten. und außerdem konnten wir vor lauter kunstinteressierten, die  mit kind und kegel angerückt waren, kaum etwas davon sehen. in der masse bleibt auch nur wenig einprägsames übrig. alleine schon in die ausstellungsräume hinein zu gelangen, erforderte geschickte schlängelmanöver, weil sich etwa einige kinder vor langeweile das treppengeländer der maerzgalerie als klettergerüst auserkoren hatten.

oder mütter mit kinderwagen den frontalagriff suchten. bloß, was kann ich dafür, wenn der babysitter kurzfristig anderweitige pläne hatte?

das gefühl, von manchen themen/dingen/menschen verfolgt zu werden, kennt sicher auch fast jeder. ich bin scheinbar auf den hund gekommen. kulturhungrig zeigt sich dieses bonsai-exemplar mit herrchen in der galerie eigen+art.

aber hunde gibts freilich auch in größer und andersfarbig. dieser hier wird in der werkschau an der kurzen leine gehalten.

und der schwarze will genauso mitreden und fällt kurz nach dem ablichten mit einem artgenossen in bellende polemik. vielleicht sprechen sie ein bißchen zu laut und kläffend über die kunst und über die menschen, die ihre hunde überall mit hinschleppen. aber die übersetzung aus dem hündischen dürfte wohl eher lauten: reviermarkierung ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. wir müssen nicht draußen bleiben. und das habt ihr nun davon. (r)aus!

der alte zopf mußte ebenso dran glauben. da hängt er nun an der wand. leider hatte ich die kamera nicht griffbereit, als gerade ein mann an der haarpracht schnüffelte und sie begriffelte. denn irgendwie muß man den sinn der kunst ja wahrnehmen, wenn man sie über die bloße visualisierung nicht für sich erschließen kann.

während wir von exponat zu exponat schritten, schepperte es plötzlich hinter einer stellwand. und da wir das ereignis nicht anhand der akustik einzordnen wußten, gingen wir in sichtweite. da lag das unbetitelte objekt von anca munteanu rimnic zertrümmert auf dem boden, weil ein kunstbegeisterter in der halle wie ein elefant im porzellanladen wütete. oder weil der unglücklich gewählte standort vor dem wandfüllenden, grandiosen werk revolutiON OFF von dan perjovschi (dazu morgen mehr) zum tiefsinnigen betrachten im krebsgang verleitete. oder aber, weil das kunstwerk nicht ausreichend im boden befestigt war. eine verkettung unglücklicher umstände mit dem resultat: kunst, leider kaputt.

und so hallt das graffito sicherheit macht träge! am eingang des geländes düster in uns nach. denn in diesem speziellen fall, unachtsamkeit hin oder her, hätte mehr sicherheit eine zerstörung verhindert. uns hats gereicht. und wir flüchteten vor den kulturvandalen in die natur. denn manchmal braucht man einfach eine andere sichtweise auf die dinge. auch auf die angelegentlich unheilige kunst-kommerz-konsumenten-allianz. die kulturellen gräben sind nämlich nicht mal ansatzweise verfüllt worden oder wenn, dann mit beton.

mein provinzieller dackelblick

heute bin ich also in das museum der bildenden künste gestürmt, um die neo-rauch-ausstellung begleiter zu sehen. unterwegs war ich immer im sonnigen abschnitt zwischen zwei dunkelgrauen wolkenfronten hinter und vor mir eingekesselt, wurde vom wind und der schaulust getrieben. irritiert suchten wir den eingang zur sonderausstellung, der von einer presseschau und einem toilettenhinweisschild flankiert wurde, was natürlich anrüchige assoziationen in mir wachrief, die ich schnell beiseite schob. in leipzig hat man die bilder thematisch gehängt, so daß uns immer wieder die künstlerische entwicklung in der malerei von rauch augenfällig wurde. in den anfangsjahren sind die bilder eher abstrakt, immer aber mit mehrdeutig sprechenden titeln. dann entwicklte rauch seinen figurativen malstil, mit eher blassen farben im stil der 50er jahre (wie bei mittag etwa). zu beginn des 21. jahrhunderts aber werden seine bildnerischen erzählebenen vielschichtiger, die farben kräftiger, die kunst- und kulturhistorischen brüche  in ihnen augenscheinlicher thematisiert. die räume sind nicht klar definiert, sondern verschachtelt. die figuren scheinen manchmal zeitlos, manchmal militant gekleidet, dann wiederum wird mit kostümierung der archetypen mit kleidern aus unterschiedlichen epochen ein spiel getrieben: etwa ein mann in einer uniform aus der napoleonzeit, der an den füßen chucks trägt. die klassischen, ewig wiederkehrenden konflikte der menschheit in ihren unterschiedlichen lesarten. in ihnen flimmert, leuchtet es mit einem übergang zur dramatischen verdunkelung. die bildkompositionen wirken ausgeklügelt, mit zahlreichen bezügen auf mythologie, kunstgeschichte, philosophie und psychoanalyse, die ich im detail nicht entschlüsseln kann und auch gar nicht dechiffrieren oder sezieren will. zahlreiche von rauchs gemälden erwischen mich einfach in den unbewußten, nahezu sprachlosen niederungen, betreffen unseren umgang miteinander. mal zynisch, mal selbstkritisch seinen eigenen aufstieg reflektierend, neben dem ein dunkler abgrund klafft und in dem die farbe wie ein scheißhaufen durch einen doppelten donnerbalken geflutscht zu sein scheint (höhe). mal zielt er ironisch auf die kunstrichter, mal voller weltschmerz auf zerstörung der umwelt und mal auf menschen, die sich gegenseitig vernichten.

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bilder von neo rauch: mittag (1997), moder (1999), versprengte einheit (2010), rauch (2005), ungeheuer (2006); plakat im café waldi.

ich habe einige meiner lieblingsbilder in der ausstellung fotografiert, will hier aber keine stümperhaften rezensionen über einzelne werke schreiben. jeder kann in rauchs bildwelten eintauchen. oder es sein lassen. einige können es auch nicht lassen, hochtrabende, verschwurbelte, aber inhaltsleere kritiken zu schreiben. die worte, die schön klingen, aneinanderreihen, und wenn man sie als kunstinteressierter mensch liest, glaubt man erst recht, die werke und auch die welt nicht mehr zu verstehen. klopft man dann ein bißchen an den textbausteinen herum, fallen sie wie schokoladenhohlkörper beim anknabbern in sich zusammen.

ich weiß ja nur, wie sich das anfühlt, wenn ich einen text auf die menschheit loslasse. manchmal wird mir bei dem gedanken daran, was man alles darin lesen kann, schlecht. und wie sich die interpretationen und meinungen doch unterscheiden. und wie viel ich nicht verstehe. und wie oft ich deswegen mit den schultern zucke. aber die reaktionen und meine umgebung werden mir immer noch nicht gleichgültig, sie nagen an mir, führen zu rückschlägen und zum aufrappeln, zum häuten und zum abschütteln. und das alles in der provinz, in der es angeblich keine entwicklung gibt. denn alles, was man heute toll zu finden hat, kommt entweder aus amerika oder aus paris oder aus berlin. der stetig wechselnde trend, der mich innerlich ausbrennt. den ich als temporärberlinerin nur zu gut kenne. den ich nur noch bei kurzbesuchen ertrage. dessen unverbindlichkeit dich spröde anspuckt. manchmal habe ich dann das gefühl, daß man in berlin nur um des jagens willen jagt. die beute läßt man dann irgendwo in einer düsteren ecke vermodern. wichtiger ist es, eindruck zu schinden. welche tyrannei, welche selbstverstümmelung. dann dümpele ich doch lieber in meiner vorgeblich kleinkarierten welt vor mich hin, pflege innige freundschaften und meine balkonpflanzen. ich bin nicht gerade darauf versessen, unserer re:gier:ungsnietenriege nah zu sein. und exzessives leben bzw. schnattern bringt mich auch nicht weiter. dabei verkümmert nämlich mein tatendrang. in dem blogbeitrag die wiederkehr des biedermeier mit sturm und drang hat ankeberlin das berliner labertheater vortrefflich geschildert. und wie sieht’s in new york aus? dort besinnen sich die urbanhippen plötzlich auf ländliche tugenden. man züchtet huhn. im hinterhof. wegen der bioeier. auf halbem wege zurück zur natur, weil das hahnenkrähen kann man den nachbarn und sich selbst freilich nicht zumuten. und in leipzig? da eröffnet demnächst das café waldi. ich glaube, ich sitze in einem heimatfilm, der mit viel digitalem schnickschnack aufgepeppt wurde. dort, wo die büchse knallt mitten im häuserwald.

rauchzeich(n)en

wärmende frühlingssonne bringt meinen körper auf dem balkon zum dampfen. während ich diesen text klöppele, rauche ich bzw. der kopf qualmt, die lunge inhaliert, neos bilder hängen. heute wurde die retrospektive pünktlich zum 50. geburtstag von neo rauch im museum der bildenden künste leipzig eröffnet (es folgt die eröffnung der doppelschau in der pinakothek der moderne münchen am 20. april). ich zerlaufe also in der sonne, versuche mit dem mund rauchkringel zu formen, starre den gelungenen verträumt hinterher, während sich die kunstsinnigkeit im museum vor den gemälden ballt und sich meine gedanken knäulen, weil es doch so besondere ereignisse sind, über die ich schreiben möchte. fünfzig zu werden und dabei neo zu heißen, weltberühmt zu sein und von den härtesten kritikern als maler mit deutschem dackelblick geschmäht zu werden. eine doppelschau zum runden geburtstag bei gleichzeitig eingepackten verbalen tiefschlägen. schleife auf, geschenkpapier entfernt. und naja, manche geschenke könnten wirklich nicht schlechter ausgesucht sein. das kennen wir alle. manche täuschen daraufhin freude vor, andere zeigen ihre enttäuschung. neo rauch gehört zu den verletzlichen. in den feuilletons versammeln sich also freund und feind, die sektflöten klirren beim anstoßen und die säbel rasseln beim aufstoßen. und ich, ich habe lange auf diese ausstellung gewartet. vorher immer nur einzelne werke gesehen, die dann schnell in privatbesitz verschwanden. denn rauch verkauft sich gut, nach wie vor. manche sollen ja sogar nach rauch süchtig sein.

ich sitze nicht gerne zwischen den stühlen, denn der harte boden ist kalt, auf dauer unbequem. ich bin keiner von diesen fans, die jede gelegenheit nutzen, ihrem star auf die pelle zu rücken. die nach new york reisen, nur um dieses eine, neue gemälde zu sehen. mit einer kritischen natur geboren, wird man schlecht zum anhänger, jünger, prediger. ich bleibe auf distanz, zu den dingen und zu den meisten menschen. und doch ist mein innenleben keinesfalls ein unterkühltes. die emotionen brodeln in den eingeweiden, jagen durch die adern, rasen im hirn, bis sie wieder eingefangen werden. von der ratio geschnürt und gedrosselt. in den träumen weiter abgehandelt zwischen halb realem alpdruck und phantasie. wiedergänger im schlaf. nichts vergessen. alles verwirren. feuer entfachen. brandherde löschen oder ersticken. plötzliches begreifen, um dann aufzuwachen und nur noch bruchstücke von dem erträumten zu wissen, bis alles aus dem kopf gelöscht ist. und die fragen mich bestürmen. die rätsel, die ich noch nicht oder nicht mehr lösen kann.

so bin ich am ehesten apologetin, wenn ich an eine diskussion über das für und wider der kunst von neo rauch zurückdenke. der einwand, wahre kunst könne niemals mainstream werden, er klang unlogisch. er klang wie: nur ein toter künstler ist ein guter künstler. oder nur ein verkanntes genie wird in der nachwelt gewürdigt. der lebensleidensweg als pfad zum postumen erfolg. als ob leben nicht schon genug leiden (und sei es das der anderen) wäre. als ob der schrei des menschen stumm sein müsse und erst als verspätetes echo gehört würde. als ob es keinen schmerz gäbe und die welt nur aus freudentänzen bestünde.  also ob tränen nur als freudentränen über die wangen kullern. jauchzet! frohlocket! los, das ist ein befehl! und dann tun sich gräben auf, zwischen den empfindsamen und den hartgesottenen. zwischen den ängstlichen und den zupackenden angreifern. zwischen denen, die licht- und schattenseiten kennen und denen, die den schatten im innersten verschließen, um als stählerner barbar das fürchten zu lehren. das eine und das andere. das kämpfende ich und die konflikte der welt. ich sehe  sie wieder in den simultanen oder überlagerten sur/realen bildwelten von neo rauch. deren inhalt sich mir bis zu einem gewissen grad erschließt, nur um ein quentchen an deutbarer verweigerung in mir einzupflanzen. die unerträgliche schwierigkeit des seins, das unaussprechliche, die vielen offenen fragen. und eine, die sich klärte. künstlerischer erfolg heißt nicht zwangsläufig inhaltliche nichtigkeit oder oberflächliche ’schönheit‘. die zwei abstrakten striche des künstlerischen gegentrends bedeuten mir die linien ins nichts des denkens. die sich wohlgefällig in eine kühle, großzügige wohnlandschaft einfügen, in der das graue schneller graut. wo die nägel und haare wachsen, aber die gefühle tot sind. wo das bett der vorzeitige sarg ist. und die dort lieblos verschossenen spermien vermutlich eine weitere totgeburt zum leben erwecken. die genetik des bösen und der eisernen härte gegen sich selbst und das fremde.

sich in etwas vertiefen. eindringen. vordringen. es erobern. sich intensiv mit dem sanftwütigen beschäftigen. sich auf etwas einlassen. graue theorie und bunte wirklichkeit. für mich vermischt es sich zu einem vielstimmigen konzert. ich lausche. lasse mich mitreißen, nicht vom schluchzenden einlullen. entziehe mich dem selbstmitleid. wechsle zum ironischen. wandere durch die zeilen des ausstellungskatalogs begleiter. verfange mich in uwe tellkamps großartigem, dichten und wissenden text hermeswerft. uhrenvergleich mit neo rauch. hadere mit dem wahnsinn in jonathan meeses beitrag neo rauch, dienstvermerk „saint just“ – stets zu diensten: diene der kunst wie neo, es bringt’s: ei, der mit den stilistisch arm, aber eng umklammerten worten schließt: (der mensch ist spielzeug der kunst, toll, toll, toll, sehr gut, neo). die ‚billigausgabe‘ des katalogs (38 €) erinnert mich äußerlich an die alten schutzumschläge aus pvc-belag für bücher, in der farbwahl an ddr-schulfußbodenbelag. die farbgestaltung bei der hardcoverausgabe (49,80 €) ist deutlich gelungener. und die druckerfarbe der günstigen variante stinkt zum himmel, sie riecht nicht wie ein gutes, druckfrisches buch, weswegen ich das großformatige dann doch nur auf dem balkon lesen kann. ich habe mir den katalog schon vor dem ausstellungsbesuch gekauft, um ein einen tiefen atemzug lang an der gestaltwelt des neo rauch zu schnuppern. das ist unter den gegebenen olfaktorischen belastungen nur schwer möglich. ebenfalls zum naserümpfen ist die abbildung querformatiger gemälde über zwei seiten. auf diese weise hat man immer schön einen knick in der optik. nun ja, ein paar details sind schon erkennbar. und überhaupt kann man den katalog drehen und wenden, wie es einem beliebt. man könnte beim lesen auch einen kopfstand machen.

den gesamteindruck werde ich ohnehin erst beim besuch der ausstellung bekommen. bis dahin verbleibe ich in aufgeregter vorfreude mit den besten glückwünschen zum geburtstag.

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neo rauch. begleiter. ausstellungskatalog. hrsg. v. bernhart schwenk, hans-werner schmidt. gestaltung: maria magdalena koehn. hatje cantz verlag: ostfildern, 2010.

link zur doppelausstellung