Schlagwort-Archive: fernsehen

verspeckte (sic!) kamera

erhebe nicht den mittelfinger in richtung einer überwachungskamera, denn du könntest einen beamten beleidigen. heute habe ich auf einem firmengrundstück sogar welche an einem baum entdeckt. immer mehr privathäuser rüsten auf. schon beim klingeln wirst du auf manchem display sichtbar. auch deutsche reportagesendungen bedienen sich immer inflationärer eines stilmittels, das an videoüberwachung erinnert. angeblich, um betrug zu entlarven und verbraucher vor miesen maschen zu warnen. selten flimmert nach dem einsatz von versteckten kameras investigativer journalismus auf dem niveau eines günter wallraff oder eines markus breitscheidel über die bildschirme in die guten stuben, sondern größtenteils zum skandälchen aufgebauschte banalitäten von bösen bübchen und mädchen. das betrifft nicht nur privatsender wie rtl oder sat 1, sondern auch die öffentlich-rechtlichen sender.

alle sender sehen nun ihre pressefreiheit in gefahr, weil mit dem billigfernsehen ohne aufwendige recherchen und ohne drehgenehmigungen massiv schindluder getrieben wurde. rtl stand und steht immer wieder am pranger mit seinen vermeintlichen enthüllungsgeschichten. auch die mdr-umschau hat vor gericht schon verloren. dabei werden oftmals das hausrecht und das persönlichkeitsrecht der betroffenen verletzt, die ohne ihr wissen vor der kamera zappeln müssen. die laut ndr-zapp „strengeren regeln“ bei den öffentlich-rechtlichen bestehen lediglich darin, die gefilmten personen zu verfremden und gespräche nicht im o-ton wiederzugeben, sondern als gedächtnisprotokolle. hm ja, ich sehe da eigentlich keinen frappierenden unterschied, nur eine verteidigungsstrategie.

(c) wikipublisher.org

es dient durchaus dem öffentlichen interesse und vor allem den erniedrigten menschen, wenn etwa breitscheidel die unhaltbaren zustände in pflegeheimen aufdeckt oder wallraff u.a. katastrophale arbeitsbedingungen bloßstellt. aber muß ich mir wirklich über fünf minuten (umschau, 04.05., sendezeit = 09:05 – 14:48, wer es sich unbedingt antun will) lang mit mit anschauen, wie zwei mdr-tester  mit einer ledertasche heimlich in plastedosen abgefüllte spargelportionen aus restaurants schleusen, um das auf den speisekarten angegebene gewicht von 500 g mit einer „staatlich geprüften und geeichten waage“ zu kontrollieren? und das referenzgewicht dann auch noch von einem hotelier aus berlin ermitteln lassen? wenn es sonst nichts armseligeres zu berichten gibt, dann zeigt doch lieber wieder ein testbild. das dürfte noch viel weniger kosten als diese mit heißen nadeln gestrickten, lauwarmen nichtigkeiten. GEZahlt, konsumiert und wieder ausgekotzt! denn mit dem zuschauer sollte man auch rechnen (sinkende einschaltquoten).

the time machine

kennt zufällig noch jemand das adventure-game myst? da mußte man ja immer an so rädchen drehen, knöpfe drücken, töne kombinieren, um den mechanismus von maschinen zu knacken und um die nächste spieleebene zu erreichen. obwohl diese zeitmaschine leider noch nicht erfunden wurde, bietet sie doch genug stoff für phantasiereiche filme, romane und kunstwerke. ich liebe die vorstellung, in eine mir unbekannte epoche der vergangenheit oder zukunft zu reisen. käme ich von so einer reise aus der zukunft zurück in das jetzt, könnte ich mich vielleicht gelassen zurücklehnen, wenn ich prophezeihungen von wahrsagern lausche, wahlprognosen präsentiert bekomme oder zukunftsforscher mir wieder irgendeinen schnulli als das opus magnum oder non plus ultra andrehen wollen.

als archivar beschäftige ich mich meistens mit dem fernsehen von gestern. ich sehe deswegen kaum in der gegenwart fern. außerdem ist heutzutage beinahe jede meldung im sekundentakt überholt, weswegen ich eigentlich sowieso fast ausschließlich nachhole, wenn ich mir nicht meinen eigenen erlebniszeitraum schaffe. heute war wieder so ein tag, da hätte ich kalenderblätter für drei monate abreißen müssen, um eben schon mal zu wissen, was ein staatsanwalt in dresden zu einem prozeß sagt, in dem bereits am freitag das urteil fiel. man hatte also bei einer mdr-sendung archivaufnahmen eingeblendet und sie mit der datumsangabe august 2010 versehen. ja, wir schreiben das jahr 2010. nur noch nicht august. solche falschen jahreszahlen kennen wir normalerweise aus der zeit kurz nach dem jahreswechsel. ach, wenn ich doch nur auch schon heute wüßte, was ich im august alles erzähle… wer bietet mir diesen blick in die glaskugel? natüüürlich die mattscheibe.

leider ist der beitrag nicht in der mediathek verfügbar und kann nicht als leuchtendes anschauungsmaterial für unseren futuristischen, stets innovativen heimatkuschelsender aufgeführt werden.

anruf aus tollywood (l.e., east germany)

sein name war nicht hase, aber auch er hatte keine ahnung. er rief heute vier mal auf meinem handy an, also mußte es gaaanz dringend sein. endlich faßte ich mir ein herz, auch wenn mich das bei meinem anderen job wirklich stört, zwischendurch mal wieder in den anderen zu wechseln. ich bin schließlich kein chamäleon, sondern auch nur ein mensch. es stellte sich mir ein geschwätziger mitarbeiter einer brandneuen mediaagentur vor, der gerne einen film über unser unternehmen drehen wollte. mich befiel gleich so ein magengrummeln, daß es sich bei diesem film um einen imagefilm handeln sollte, von dem wir selbstverständlich in ungeahntem ausmaß profitieren würden. dabei habe ich einen ausgesprochen heißen draht zu den medien und das wäre also gar nicht notwendig. aber herr wichtig erwartete offenbar ob des angebots einen am anderen ende hörbaren kniefall und eine stimme, die von bauchpinselei geschmeichelt säuselte. den gefallen konnte ich ihm leider nicht tun. ich fragte nach, worauf das hinauslaufen soll und die quasselstrippe redete weiter um den heißen brei herum. schließlich stellte er seine inkompetenz vollkommen bloß.

er: ich habe da auf ihrer homepage so ein bißchen gelesen. aber was macht ihr unternehmen eigentlich genau?
ich: sagten sie nicht, sie wollen einen film über uns drehen? (*auf der webseite stehen so ziemlich alle wichtigen informationen über die firma, inklusive neuester projekte*)
er: ja.
ich: sind sie nicht ein bißchen unvorbereitet?
er: ich habe mir ihr logo und die kontaktdaten angeschaut.
ich: und das halten sie für eine journalistische recherche?
er: ich dachte, sie erzählen mir das alles…
ich: ach, sie wissen also gar nicht, über wen sie einen film machen wollen? interessant…
er: ich halte meinen job für ein frage-antwort-spiel.
ich: das wird ja immer interessanter.
er: wer ist denn nun bei ihnen der ansprechpartner für unseren film?
ich: was soll das gleich noch mal für ein film werden?
er: ein imagefilm.
ich: ach, hätten sie das doch gleich gesagt!
er: wieso?
ich: gemeinnützige projekte haben prinzipiell kein geld für werbung.
er: wir sind extrem günstig.
ich: danke, nein. (*klar, ihr habt auch keinen blassen schimmer. dafür will niemand geld ausgeben.*)
er: aber…
ich: nochmals, nein danke und auf wiederhören.
er: scheiße!

ja, das kann man laut sagen, wenn die akquise derart in die binsen geht. scheinbar liegt dem auch eine gesetzmäßigkeit zugrunde: je wichtiger sich manche medienhure nimmt, um so weniger weiß sie. bei einer preisverleihung habe ich jüngst erlebt, wie ein unpünktlicher kameramann alle möglichen leute filmte und filmte und filmte. erst nach der veranstaltung stellte sich heraus, daß er gar nicht wußte, wie der preisträger aussieht. und dabei war der geehrte kein unbekannter. noch peinlicher ist es nur, wenn der journalist gar kein thema hat, sondern eins erfinden muß. so geschehen, werden im wasser treibende stöckchen schon mal zum krokodil. schon blöd, wenn auf dem unscharfen ‚beweisfoto‘ rein gar nüscht zu erkennen ist. alle meine zeitungsentchen bedeuten aber auch den raschen untergang der karriere. man endet dann vermutlich beim anzeigenblättle in der provinz. ich weigere mich konsequent, ahnungslose loser der branche mit wertvollen informationen zu füttern, die sie dann nicht mal richtig wiedergeben können. nur weil x oder y vom film ist oder beim fernsehen arbeitet oder bei irgendeinem blättchen, fresse ich ihm noch lange nicht aus der hand.

fortsetzung folgt bestimmt!

dahdord säggs’sche cädäuh

na, wie viele nichtsachsen haben die überschrift in mundart verstanden? ich übersetze: tatort sächsische cdu. deren landtagsabgeordneter steffen heitmann echauffiert sich im spiegel online für die pflege des laut einer studie bundesweit unbeliebtesten dialekts im regionalfernsehsender mdr und im mdr-tatort, der dann  wohl in der ard mit untertitelung ausgestrahlt werden muß, damit die einschaltquote nicht ganz in den bereich kellerkinder sinkt. wiewohl sonst gefühlte 95 prozent der bevölkerung den dialogen nicht mehr folgen können. und worauf bezieht sich seine ‚logische‘ schlußfolgerung? auf das telemediale breite bayrisch des beleibten wie ‚beliebten‘ ottfried fischers.  nun, heitmann ist studierter altphilologe. lang, lang scheint’s her, sonst würde er nicht versuchen, den unpopulären  karren noch tiefer in den sachsensumpf zu fahren (beim mdr wird über dialektsendungen noch verhandelt). außerdem fällt mir gerade auf, daß sich die cdu auch hierzulande mit wesentlich dringlicheren problemen auseinandersetzen könnte, als etwa mit der öffentlichen wahrnehmung des idioms. aber vielleicht macht man sich mit solchen aussagen ja bei den ranglistenletzten beliebter in der lauwarmen sommerloch-wahlkampfphase?

zudem scheint heitmann wegen sprachlicher gehirnverfärbung nicht einmal zu hören, daß im mdr häufig breitestes sächsisch gesprochen wird. die moderatoren sächseln beinahe alle, denn die lautliche umgebung färbt offenbar stark ab. und die sprecherziehung scheint nach einem ungewissen, verflossenen zeitraum auch nicht mehr zunge, gaumen und gehör im zaum zu halten. oder die moderatoren machen es durch hyperkorrektur nur noch schlimmer. ich stelle mir gerade den in gelsenkirchen geborenen martin wuttke vor, wie er sich abgehetzt bei einer verfolgungsjagd abmüht zu rufen: ’schdähnbleim!‘. oder ‚wo warnse denn gästern gechn ölf?‘ und ‚de bäweise griechn mer och noch‘. klingt viel zu gemütlich und irgendwie undramatisch. der tatverdächtige könnte  sich  – so angespochen  – renitent verhalten. das publikum grunzt vor den fernsehgeräten ein und verpennt die tagesthemen. wobei man da ja auch oft nur hohle politikerphrasen verpaßt, was nicht viel ist.

ich habe mal bei einer buchmesse von der goethe buchhandlung eine säggs’sche schimpf-maschine geschenkt bekommen, bei der man an drei papierscheiben zahlreiche möglichkeiten für schmähbegriffe findet, u.a.: ‚ehfälldchorr gniggrichorr ninglfrizze‘. kleiner tip, wenn sie es nicht verstehen sollten, sprechen sie die wörter laut vor sich hin. meistens bin ich ziemlich froh, daß ich schrift lesen kann und nicht hören muß. dann achtet man vielleicht mehr auf den inhalt, anstatt sich von wohlgefälliger sprachtönung und säuselnder stimme umgarnen zu lassen.

ausblender

ich habe lange gehadert, ob ich mir angie m. in der baumwollspinnerei in voller länge gebe, also mit eigenen ohren die eröffnungsrede höre, oder ob ich mich dem trubel drumherum entziehe. gegen anwesenheit auf der jubiläumsfeier in leipzig sprachen vor allem: medienrummel (also puschelmikros und kameramänner, die ohnehin jegliche sicht versperren), politische floskelsprache halte ich für zeitverschwendung, und prominentengeile zuschauer jagen mir mit oder ohne zu schauer über den rücken. dennoch hat mich das interesse am grund für den besuch nicht losgelassen. und so habe ich mir gegen meine gewohnheit die berichterstattung auf dem heimatsender mdr als livestream angetan und doch nur zeit verplempert. kuschender kuschelkurs anstelle von kritischem journalismus. es deckt sich mit der erwartungshaltung und ist zu begründen.

mdr sachsenspiegel (20.6., 19.00 uhr) kündigte die frage an, ob merkel nur wegen des wahlkampfs oder doch aus interesse angerückt sei. antwort? keine! angie zeigte sich neben neo rauch, neben stanislaw tillich, mit bertram schulze (geschäftsführer spinnerei), bewunderte das ein oder andere kunstwerk, stellte fragen. mdr aktuell (heute 19.30 uhr, ich kann keine direktlinks zu den sendungen setzen, da sie in der mediathek im moment noch nicht online sind) zeigte den von journalisten umspinnten gast aus anderen blickwinkeln (kameramann 2 und eventuell 3), aber in ähnlichen personenkonstellationen. o-ton merkel zur besichtigung der werkschau: ‚das war ein sehr spannender besuch, sehr eindrücklich. das ist ein sehr inspirierender ort, der hinreichend raum zum nachdenken läßt.‚ spannend, inwiefern? nachdenken, worüber? inspiration, wofür? da hätte man doch gleich die tonspur weglassen können, weil – über kürzungen im kunstbereich kann mal wohl schlecht während des wahlkrampfs laut nachdenken. wer kreuzchen will, muß harmlos tun.

was die fernsehbilder aber komplett ausblendeten und auch die dazu verlesenen beiträge, das wäre ein unangemeldeter zwischenfall während der eröffnungsrede der bundesfrau zu nennen, auf den niemand vorbereitet zu sein schien. ein student nahm sich die freiheit, angies rede mit dem megafon zu übertönen und wies auf den bildungsstreik hin, während eine studentin am podium ein schreiben zu den protesten übergab und dann von einem sicherheitsbeamten weggeführt wurde.

merkel versuchte erst abzuwiegeln („sie können ja gleich den bildungsstreik machen; ich mache jetzt meine rede fertig.“), wandte sich dann aber mit witz an den megafon-redner: „pass mal auf, ich habe hier gerade eine schrift bekommen. wir machen jetzt so eine art friedliche koexistenz: jetzt spreche ich – und dann lese ich.“ am ende ihrer rede sagte sie an die adresse der protestierer, die längst wieder in der menge verschwunden waren: „deutschland weiß, dass es nur eine zukunft hat, wenn wir in unsere bildung investieren. (quelle: lvz online).

kurzzeitig hatte sie wohl ihre contenance verloren, wechselte irritiert vom sie zum du, so perplex war die alleinreden-verwöhnte ob der unterbrechung. auch auf spiegel-online wurde darüber berichtet. aber der mdr, die medialbeglückung der rinderherde, verschwendet lediglich auf der internetseite von mdr aktuell ein paar zeilen. fernsehbilder? ach, wozu?! zumal auf dem podium, hinter dem angie mit einnehmendem lächeln die menge anhimmelte und geschichtskurse in sachen baumwollspinnerei vortrug, sinnreich aufgedruckt war:  125 jahre (in einem kreis) und darunter der schriftzug spinnerei. glücklicherweise dauern wahlperioden für kanzlerinnen auch nur vier jahre. und noch gibt es kein mittel für das ewige leben. was für ein hoffnungsschimmer…

kitsch-bombenattentat in serie: ‚being erica‘

søren kierkegaards viel zitierte erkenntnis ‚leben läßt sich nur rückwärts verstehen, muß aber vorwärts gelebt werden‘ trifft den kern der kanadischen serie ‚being erica‘. die vorankündigungen klangen verheißungsvoll. die grundidee der serie basiert auf den reisen von erica strange in ihre vergangenheit (für mein empfinden keine allzu schwierige). in der ersten folge wird der charakter als eine problem-anfangsdreißigerin eingeführt: studiert, aber in der arbeitswelt und im privatleben nicht angekommen, single mit neurosen und einer vielzahl an komplexen. gähn, die welt ist voll von unnormalen menschen, verrücktheit eine modische attitüde.

prinzessin merkwürden begegnet gaaanz zufällig dem ebenso mysteriösen psychotherapeuten dr. tom, einem wandelnden zitatelexikon. jede katastrophe, jede falsche entscheidung ericas wird mit dem passenden spruch eines allgemein anerkannten philosophen oder schriftstellers untermalt, was in 13 folgen relativ zügig abgedroschen wirkt. dr. tom erscheint nach belieben und schickt die affektierte sinnsuchende nach jedem weiteren mißgeschick zurück in die vergangenheit. prinzipiell wird dazu die rückblende genutzt, was dann im verlauf  der serie bei mir dazu geführt hat, den immer wieder gleichen ausdruck der überraschung im gesicht der darstellerin bemitleidenswert gekünstelt und unglaubwürdig zu empfinden.

die dramatik einiger situationen wird nur allzu oft in bonbonsüßer romantik verdünnt. aufarbeitung von vergangenheit und neubewertung alter entscheidungen entwickeln zwar neue reibungsflächen und bringen verluste mit sich, doch werden die konflikte letztlich in einlullendem wohlgefallen aufgelöst. das fortschreiten der seelenwanderung zwischen den zeiten bewirkt  keine großen brüche im leben der protagonisten. partnerwechsel hier und da, ein bißchen streit mit der familie und den freunden, fremdgehen, vertrauensbruch, plötzliche karriere – die klassischen dramenstoffe mit ein paar läppischen platzenden seifenblasen. dazu eine prise grimmsches märchen (das häßliche entlein), drei tropfen 80er jahre nostalgie, noch eine messerspitze psychologie für jedermann und eine tasse voll lebensweisheit – fertig ist die seifenoper.

das gut gemeinte serienkonzept, philosophie und psychologie als lebensnahe wissenschaft zu vermitteln, scheitert an deren trivialisierung. da funkioniert die angewandte satirische kulturwissenschaft und gesellschaftskritik der ’simpsons‘ wesentlich besser.

wenn schon mit der zeitmaschine gespielt wird, dann doch bitteschön lieber zur erschaffung eines phantasiedeliriums (fiktion vs. alltag) und nicht lediglich zur selbstverwirklichung einer mitleid heischenden, vor kitsch triefenden neoromantikerin. als rezipient der zielgruppe kann ich nur zerknirscht mit kirschbomben werfen, die ohnehin kurz vor dem ziel zerschmolzen sind. fazit: konsumierbar für ewig mädchenhafte frauen, die gerne pop hören und jedem trend hinterherhecheln.

apropos popkultur und 80er-revival – meine nachbarn lassen mich gerade großzügig an ihrer greatest hits sammlung teilhaben. eben dudelte  ‚cheri cheri lady‘ von ‚modern talking‚, und jetzt wird die cd mit der skip-taste nach dem nächsten ohrenfolterknecht durchsucht. na, gute nacht dann!

serienjunkies (II) – mad men or clouds of smoke

spoilerwarnung! diese kolumne enthält hinweise auf den handlungsverlauf der serie!

eine werbeagentur in den 60ern. zum arbeitsalltag gehören die kippen und das kippen – hinter die binde. in den büros der werbechefs stehen überall karaffen mit schnaps. während der sitzungen, im bett (vor und nach dem sex), überall wird geraucht. kreativität und suchtverhalten sind hier untrennbar verbunden. die drogen bilden wohl letztlich auch sinnbild für die werbebranche. denn was machen werbetexter anderes als verschleiern und schönreden? nicht umsonst heißt der serienuntertitel von ‚mad men – where the truth lies‘.

so wie im berufsleben setzt sich die verschleierungstaktik und geheimniskrämerei auch im privatleben der charaktere fort. don draper  (jon hamm) lebt mit einer gestohlenen identität – bis sein bruder auftaucht relativ konfliktlos. er wird im laufe beider staffeln immer wieder mit seiner vergangengheit und mit den langen schatten seiner neuen identität konfrontiert – in rückblenden und traumsequenzen. im prinzip ist seine fremde identität nur eine verstärkende aussage über die werbewelt. obwohl die serie in den sixsties handelt, spielen gerade diese fake-figur, der betrug, das rollenspiel auch auf die heutige netzkultur an.

das größte entwicklungspotential besitzt meines erachtens peggy olson (gespielt von elisabeth moss). an der figur wird die veränderte rolle der frauen in der gesellschaft exerziert. von ihren männlichen kollegen belächelt, schafft sie den aufstieg von der sekretärin zur junior-werbetexterin. bereits zu beginn der serie wirkt sie im kreis der adretten weibchen auf ernährersuche reichlich fehl am platz. ihr zugeknöpfter kleiderstil, ihre biedere frisur, ihr ungeschminktes gesicht – alles zusammen ergibt das bild einer jungfer vom lande, gerade frisch aus dem streng katholischen mädcheninternat entlassen. das ist aber nur das äußere und trügerische erscheinungsbild. am abend des junggesellenabschieds wird sie sich vom bräutigam pete campbell (vincent kartheiser) entjungfern und schwängern lassen und nach der entbindung ihr uneheliches kind zur adoption freigeben. damit bleibt ihr nicht nur die nachrede der sittenlosikeit erspart, sie kann auch weiter an ihrem beruflichen aufstieg arbeiten.

peggy olson und pete campbell, (c) 2009, american movie classics company, llc.

peggy olson und pete campbell, (c) 2009, american movie classics company, llc.

nachdem die phase der bewußten unattraktivität während der schwangerschaft vorbei ist, wird diese frau zusehends forscher – in ihren forderungen gegenüber dem chef, in den konferenzen mit ihren männlichen kollegen, in ihrer koketterie und in ihrem aussehen.

und jedes mal, wenn eine wahrheit ans licht kommt, wird es für eine der figuren finster. ein faszinierendes auf und ab, entbehrungsreich oder lustvoll. es ist ein spiel mit doppeldeutigkeiten und andeutungen. vieles ist nicht so, wie es er:scheint. es könnte auch alles ganz anders sein. ein bißchen über die wa(h)re wahrheit und die verlockungen der welt.