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tänzerische disziplin

zum einen zweifle ich arg an der botschaft, daß tangotanzen einen irgendwie gearteten einfluß auf die schönheit hätte, abgesehen vom figürlichen effekt. bei dem ein oder anderen eleven mag sich jedoch fehlendes rhythmus- und körpergefühl eher gegenteilig auswirken: statt erotischen verbiegungen bringen sie hölzerne steifheit zum ausdruck.

zum anderen gemahnt die reihenfolge der mitteilung irgendwie an das klischee eiserner disziplin bei der tanzausbildung. schon vor dem betreten wird man hier zur einhaltung der ordnung aufgefordert und erst danach begrüßt. ich sehe den/die drilltrainer/in vor meinem inneren auge mit strenger miene den takt vorgeben: und einszweidreivier, einszweidreivier, einszweidreivier (oder in variation lang, lang, kurzkurzlang, kurzkurzlang). ob mit oder ohne stock scheint mir in diesem fall irrelevant.

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bilderrätsel (5)

stolz wie oskar und frech wie franz. ein schattendasein im privaten ist mit paparazzi-methoden schon lange nicht mehr möglich. ein bestandteil der heute gesuchten redensart ist daher der unrühmliche name dieser boulevardeske.

update 1: gut, ich gebe zu, es ist dieses mal wirklich um 20 ecken zu denken. und das bild ist nur eine darstellung im übertragenen sinne. deswegen verlinke ich noch einen beitrag von stefan niggemeier, der das „dramatische“ blätterrauschen beleuchtet.

update 2: hm, scheint ohne weitere hinweise unlösbar. also das adjektiv bunt kommt gebeugt drin vor,  denn die „bunte“ treibt es bunt und manch einer beugt sich dem öffentlichen druck, wenn er so gebrandmarkt wurde.

update 3: gib den dingen zeit… tag drei und frau hilde hat mal wieder ihre sach- und sprach- und um-die-kurven-denk-kenntnisse bewiesen. gelöst! ich hab früher manchmal drei tage für ein eckstein-rätsel in der zeit gebraucht. heute sind sie mir manchmal fast zu einfach…

zwielichtiges bildrauschen

basf-tower in berlin-friedrichshain bei einbruch der dunkelheit im november.

dunkelblaue stunde. zwischen tag und nacht. zwielichtige unschärfe. lautlose metamorphose der gebäude. eine stadt schlüpft ins nachtgewand. kaum wiederzuerkennen. nachtblind. blendende beleuchtung. finstere straßenwinkel. gefährliche stimmungswechsel. äußerlich und innerlich. zaudern und zittern. verschleierte augen. verschwommener blick. gefangen auf einem chip. gedanken kläffen wie losgelassene jagdhunde in den wald aus stein. wieder nur widerworte.

zufall und zerfall…

… spielen auf dem heutigen schnappschuß eine kulturgeschichtliche rolle. warum auch immer das s der feinkost in leipzig aus der reihe tanzte (schnee, wurfkunst etc. sind denkbar), am ende kommt nach biochemischer verdauung doch nur kacke raus. ob die bei feinen leuten kultivierter plumpst?  alles eine frage kontraktiler beherrschung und etikettiert degradierter, menschlicher lebensvorgänge. es geht wie so oft um das endprodukt. und es steht zu vermuten, daß nur die sekt-und-kaviar-fraktion an löffelweisen kotzproben für das individuelle schmierentheater skatologisch-koprophiles interesse bekundet. @ sigmund freud und seine apologeten: ich bin dann mal ganz schön lange aus dem analalter raus und hoffe, im welken nicht triebhaft zu degenerieren. aber möglicherweise kann man den unterschied zwischen end-aldi und end-käfer riechen. ob die schnüffelei von stasi 2.0 irgendwann zur hierarchischen kottrennung im (daten)kanalsystem führen wird? oh elena, auf meinem mist bist du nicht gewachsen!

im gegenzug werden buchstaben der analogen welt sukzessive durch displays ersetzt. welch urzeitliche geräusche sind das nur in the typewriter von leroy anderson? anstatt auf der schreibmaschine zu klappern und fehler mit flüssigem tipp-ex zu korrigieren, klimpern wir gegen ermüdendes bildschirmstrahlen und bei videochats mit augen und wimpern. im falle fatalen vertippens drücken wir knallhart delete. nachträgliche textänderungen waren nie unauffälliger als heute. die digitalisierung hat bereits massiv unsere akustische umgebung und unsere kommunikation verändert und prägt unsere stadtbilder ebenso neu. starre buchstabenanreihungen, die allenfalls durch ab-, um- und ausfälle ihren sinn veränderten, wandeln sich zu blinkernden, variablen buchstabenketten, jederzeit anpassbar an die aktuelle lage der nation. sie reagieren äußerst empfindlich auf stromausfälle, vandalismus, hackerangriffe und witterung. oft zeigen sie uns hiobsbotschaften wie cancelled, bitte beachten sie die lautsprecheransage oder schienenersatzverkehr an – die odyssee kann beginnen. manchmal bleiben sie gar vollkommen dunkel. sie können nicht, und wir wissen nicht: wie weiter? ohne eindeutige zeichen sind wir manchmal ganz schön aufgeschmissen, orientierungslos, hilflos, ja perplex. wir suchen nach ihnen, wir deuten sie (auch fehl), manchmal verkneifen wir sie uns, weil wir geheimnisse hüten wollen.

und dann gibt es noch die zeichensammler, die kulturgutbewahrer, die erinnerer. sie ergötzen sich an dem ollen krempel, steigen auf dächer und klettern an fassaden hoch, um rostige werbeschriften zu demontieren. ich fand bereits 1991 zu meinen drei blechbuchstaben, als eine ddr-postfiliale in unserer straße saniert wurde und die verbeulten überreste auf einem schuttberg landeten. irgendjemand hatte sich das p bereits stibitzt, und was blechern vom osten übrig blieb, habe ich aufgearbeitet. der ost-schriftzug – wie der auf dem dach der volksbühne, nur im kleinen – findet seitdem in jeder meiner wohnungen seine bühne – ohne n/ostalgie, dafür mit viel liebe zur typographie. in berlin sammeln zwei kommunikationsdesignerinnen alte leuchtreklame- und blechbuchstaben für ihr buchstabenmuseum. das werde ich mir bei der nächsten gelegenheit gerne anschauen. auf meine unleserliche handschrift kann wohl jeder ganz schmerzfrei verzichten. ohnehin würde ich schriftproben kaum psychologisierenden, graphologischen geldbeutelschneidern überlassen. aber ein leben ohne buchstaben? das kannwill ich mir nicht vorstellen.

so eine scheiße…

anti_hundekotmit dem sehvermögen von hunden kenne ich mich wirklich nicht aus. aber ich mutmaße, sie können nicht sonderlich gut lesen. was sie aber von natur aus meistens gut können, ist kacken. geht uns ja auch nicht anders. fast alles muß wieder raus. nur lernten wir, stille örtchen zu bauen, die unsere braunen hinterlassenschaften nahezu ungesehen wasserstrudelnd ins kanalsystem verschwinden lassen. in berlin und leipzig connewitz scheinen mir besonders viele hundebesitzer extrem leseuntauglich veranlagt zu sein. es empfiehlt sich daher, das trott/el/oir nie ganz aus den augen zu verlieren, denn dieses ist mit  olfaktorisch äußerst nachtragenden tretminen gepflastert. und leider befindet man sich nicht ständig auf dem heimweg, um sich der stinkigen rutschpaste schnellstmöglich zu entledigen. und dann sieht man menschen, die sich peinlichst berührt nach allen seiten umblicken, um dann zu scharren, zu stampfen, zu fluchen, ihr schuhwerk am gras zu reiben oder in pfützen zu baden. naserümpfend und mit allgemein angewidertem mienenspiel schleppen sie danach dennoch eine an mittelalterliche, unhygienische verhältnisse gemahndende, animalisch-markante gestankswolke mit sich. so viele glücksbringer kann ich gar nicht gebrauchen, ich wüßte sonst absolut nicht wohin mit meinem ganzen pech. hat man sich also auf die straße gewagt, den parcours untenherum gut gemeistert, kommt das glück im tiefflug von oben. jetzt weiß ich auch, warum kopfbedeckungen jeglicher art ganzjährig als beliebter schutzhelm gegen luftratten getragen werden. das ist der look der kotkrieger.

natürlich ist das natürlich. aber fäkalsprache mieft nach meinem empfinden deutlich weniger als diese realen mistrückstände. für heute habe ich von beidem die nase gestrichen voll.

worthülsen

everything_is_okals ich dieses plakat in der revaler/ecke niemannstraße in berlin-friedrichshain entdeckte, wurde ich ganz beiläufig von grafischen schlagwörtern in knalligen leuchtfarben erschlagen. nö, ich habe mich nicht gleich vor lauter verzweiflung und unterschwelligem weltschmerz auf die straße geschmissen, sondern sorgfältig die feinheiten der buchstabenkurven studiert und die wortbilder entziffert. viele euphemismen werden uns regelmäßig von medien als selbstverständlicch entgegen geschleudert, ohne die begriffe weiter auseinander zu klamüsern. es liegt also am konsumierenden indiviuum, auch die unterschwelligen botschaften und ungereimtheiten zu dechiffrieren. die neugier verbietet es mir, nicht weiter nachzuforschen. sie erzwingt das wissenwollen geradezu. leider findet sich derzeit im netz  noch so gar kein hinweis auf die hintermänner der aktion, aber ich hüte mich vor spekulation. gerade diese unklarheit erhöht die spannung ungemein. es wirkt so, als hätten sich die grafiker mit hitchcocks suspence zum viralen marketing verabredet. die grafik und die farben erinnern mich zugleich an das werbeplakat zur veröffentlichung der cd kapitulation von tocotronic im jahr 2007. und für januar hat die band ihr neues album schall und wahn angekündigt.

die floskel everything is ok kann nur noch von der hoffnungsfrohen botschaft alles wird gut getoppt werden, die keinen raum für  negative ’schwingungen‘ von schwarzsehern läßt. es sind weniger die christlichen tugenden, die ich wiedererkenne, sondern vielmehr der zeitgemäß aufgearbeitete inhalt des dramas glaube liebe hoffnung von ödön von horváth. was wird mit denen, die die rezession trifft oder die opfer der umweltzerstörung werden? es folgen depression und krankheit und verzweiflung. ich würde ja schon gerne wenigstens manchmal etwas mehr optimismus verbreiten, derweil geht dieser mir immer weiter flöten. und das liegt garantiert nicht nur am novemberblues. es geht nicht mehr viel. und vieles rauscht mit getöse den gebirgsbach hinunter. statt sozialer wärme strömt eiseskälte in alle glieder. ich fürchte nur, warm anziehen wird dagegen nicht helfen. wer keine angst vorm mitfrösteln hat, kann sich auch die arte-dokumentation ausgebrannt – wenn nichts mehr geht über die folgen von überarbeitung und konkurrenzkampf ansehen.

schneckentempo

connex

wenn nichts dazwischen kommt...

schon bevor ich heute am hauptbahnhof in berlin in den connex einstieg, hatte ich in der s-bahn richtung olympiastadion unfreiwillig gelegenheit, mit den hertha-fans zu kuscheln. blau weiße schals, das übliche bierselige gegröle völlig sinnfreier parolen, lösten bei mir unweigerlich klaustrophobische gefühle aus. in vorfreude auf einen entspannten restsonntagabend quetschte ich mich bis zum reservierten sitzplatz im zug und konnte etwa 20 minuten im wochenendlichen alltagsausbruch schwelgen, bis wir unplanmäßig in ludwigsfelde hielten und die durchsage im reinsten, aber undurchsichtigen bahnsprech mich aus meinen träumereien riß. ein nicht näher beschriebener polizeieinsatz freute wenigstens kurzzeitig die raucher, die wir den zug verlassen durften. nach geschlagenen 70 minuten nahm die odyssee ihren weiteren verlauf. der zug zuckelte nach saarmund zurück, über michendorf, in die geographische, brandenburgische pampa, weiter nach thießen in sachsen-anhalt, über roßlau, dessau und bitterfeld schlußendlich bis nach leipzig.

rauscht man an dessaus hauptbahnhof vorbei...

... kann man an dessau vorbeirauschen...

theoretisch kann man in nicht mal anderthalb stunden von der hauptstadt bis nach leipzig düsen oder aber praktisch mit 140 minuten verspätung zuckeln, in jedem kaff oder auf freier strecke stoppen. das wartezeitnervenkostüm schrumpft gekocht bis auf die knochen, der magen mosert wegen eines riesigen hungerlochs, und die augenschlitze blinzeln ungläubig, wenn man doch noch in den kopfbahnhof einfährt. noch einen schönen abschiedsscherz erlaubte sich der zugführer, der zwar den ausstieg links ankündigte, aber nur rechts die türen entriegelte. ein paar extrem geduldige warteten tatsächlich, ich aber bin raus auf das personalgleis und habe mich verdünnisiert. so sieht also der eisenbahnstau aus, im schneckentempo kriecht die reisende nun in ihr haus. aber lieber spät als nie wieder.

oder man hat pech und kriecht im schneckentempo heim.

...oder wenn man größeres pech hat, im schneckentempo in richtung heimat kriechen.