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schneckentempo

connex

wenn nichts dazwischen kommt...

schon bevor ich heute am hauptbahnhof in berlin in den connex einstieg, hatte ich in der s-bahn richtung olympiastadion unfreiwillig gelegenheit, mit den hertha-fans zu kuscheln. blau weiße schals, das übliche bierselige gegröle völlig sinnfreier parolen, lösten bei mir unweigerlich klaustrophobische gefühle aus. in vorfreude auf einen entspannten restsonntagabend quetschte ich mich bis zum reservierten sitzplatz im zug und konnte etwa 20 minuten im wochenendlichen alltagsausbruch schwelgen, bis wir unplanmäßig in ludwigsfelde hielten und die durchsage im reinsten, aber undurchsichtigen bahnsprech mich aus meinen träumereien riß. ein nicht näher beschriebener polizeieinsatz freute wenigstens kurzzeitig die raucher, die wir den zug verlassen durften. nach geschlagenen 70 minuten nahm die odyssee ihren weiteren verlauf. der zug zuckelte nach saarmund zurück, über michendorf, in die geographische, brandenburgische pampa, weiter nach thießen in sachsen-anhalt, über roßlau, dessau und bitterfeld schlußendlich bis nach leipzig.

rauscht man an dessaus hauptbahnhof vorbei...

... kann man an dessau vorbeirauschen...

theoretisch kann man in nicht mal anderthalb stunden von der hauptstadt bis nach leipzig düsen oder aber praktisch mit 140 minuten verspätung zuckeln, in jedem kaff oder auf freier strecke stoppen. das wartezeitnervenkostüm schrumpft gekocht bis auf die knochen, der magen mosert wegen eines riesigen hungerlochs, und die augenschlitze blinzeln ungläubig, wenn man doch noch in den kopfbahnhof einfährt. noch einen schönen abschiedsscherz erlaubte sich der zugführer, der zwar den ausstieg links ankündigte, aber nur rechts die türen entriegelte. ein paar extrem geduldige warteten tatsächlich, ich aber bin raus auf das personalgleis und habe mich verdünnisiert. so sieht also der eisenbahnstau aus, im schneckentempo kriecht die reisende nun in ihr haus. aber lieber spät als nie wieder.

oder man hat pech und kriecht im schneckentempo heim.

...oder wenn man größeres pech hat, im schneckentempo in richtung heimat kriechen.

trippen_berlinmanche einzelstücke der schuhkollektion von trippen erinnern mich an schnabeltassen für füße oder auch an das schuhwerk aus mantel- und degenfilmen. allerdings frage ich mich immer, warum diese schuhe aus elchleder nun besonders anatomisch geformt sein sollen. wenn ich mir die absätze genauer anschaue, sehe ich eine mischung aus quadratlatsch und harten holzclogs. anhand der optik bezweifle ich stark, daß ich mich darin wohl fühlen könnte. meine schwester behauptet zwar, am fuß sähen manche exemplare wohl kleidsam aus – irgendwie muß man die investition wohl rechtfertigen, nichtsdestotrotz erkenne ich darin einen hauch von biolatschen wieder. allerdings fand ich  immerhin die ladeneinrichtung mit den beleuchteten schaukästen in der alten schönhauser in berlin so imposant, daß ich sie fotografiert habe.

laubschleppe

laub

muttis kleiderschrank gnadenlos plündern, alles an- und ausprobieren, was in erreichbarer höhe lagerte, stundenlange kostümierungsspiele – das war ein teil meines kindlichen spieltriebs. teile davon (ich sage nur retro) haben sich bis heute erhalten, nur daß aus stunden minuten wurden, weil ich mir mit den jahren eine gewisse stilsicherheit aneignete. leider war damals alles entschieden zu weit, zu lang, zu bunt, zu kratzig, zu fellig, um über das vogelscheuchenartige verkleiden hinaus meinem körper in diese sackartigen formen zu gießen. in diese erfahrung reiht sich die bis zum erbrechen gebräuchliche redewendung wenn du mal groß bist… nun, noch immer ringe ich mit den unterschiedlich ausfallenden konfektionsgrößen. mal denke ich irrtümlich, ich hätte zugenommen, weil ich endlich mal in eine jeans größe 28 passe, dann schlottert wieder die 26 um meinen androgynen arsch. ich vermute dahinter eine taktik der modeindustrie, frauen durch unendliche maßvarianten ein gefühl von anorektischen oder adipösen ausmaßen zu vermitteln, je nachdem, welche marke oder welches herstellerland sich dahinter verbirgt. demnach müßten italienerinnen zum breiten becken neigen, während die französinnen den leib in baguetteform vererben. komischerweise sind diese umfänglichen divergenzen noch nicht dem eu-normierungswahn zum opfer gefallen. und nicht nur deshalb ist mode mit ein wenig geschick gelegentlich ein brillanter gaukler.

bodenlang waberten manche kostümjäckchen anfänglich um mich, später knielang, bis ich hineinwuchs. daran mußte ich denken, als ich beim spaziergang ein schleifendes geräusch hinter mir hörte. es kam mir so unvertraut vor, daß ich mich dezent umzublicken versuchte. jedoch um nicht halsstarrig neugierig zu wirken, übertrieb ich die drehung nicht. so glaubte ich zunächst, jemand würde einen sack hinter sich herzerren. als mich das geräusch einholte, blickte ich  einigermaßen erstaunt auf den ausgefransten saum eines bodenlangen, ursprünglich schwarzen ledermantels, der das trockene laub und den staub aufwirbelte. der xs-mann hatte extra für den xxl-mantel einen federgang einstudiert, so daß der stoff bei jedem schritt kurz über dem boden schwebte, nur um dann schleppend wieder blätter über den gehweg zu fegen. ich wünschte mir, daß alle hausmeister und gärtner dieser welt ihre nervtötetenden, lärmenden, umwelt verpestenden sauggeräte gegen solch praktische laubschleppen eintauschen würden (á la zauberlehrling – besen! besen! seids gewesen!). herrje, und kommt mir jetzt nicht mit dem tierschutz, es darf kunstleder sein. wenn alle passanten gothicmäntel trügen, wären sie endlich außen so schmutzig wie innen. außerdem sollten hochzeiten in traditionellen brautgewändern prinzipiell erst in der periodendes ersten blätterfalls erlaubt sein, schleppenträger hingegen gehören der hausordnung halber verboten.

(k)eine (m)ahnung

beflügelt schwang sich horst köhler auf der festveranstaltung 60 jahre bundespressekonferenz zum botschafter des qualitätsjournalismus auf. sicher ist die laberbranche auch ein auffangbecken für quereinsteiger, dilettanten und schreiberlinge, die information mit meinung gleichsetzen. die twitteritis bringt den  meinungsbrei, der vorher mehrfach durch die flotte lotte gedreht und püriert wurde, wohl alsbald zum überkochen. noch bevor die meldungen verifizierbar werden, verbreiten sie sich wie ein lauffeuer über das netz und die ticker. die leitungen glühen leider schon, bevor aus den spekulationen fakten werden. der neuigkeitendruck führt immer häufiger zum verlust journalistischer glaubwürdigkeit.

ach ja, und dieser elende klatsch und tratsch in den boulevardmedien. unterhaltung mit einem wahrheitsquotienten bei gefühlten null bis fünf prozent. ganz erschröcklich wie private vergehen von politikern zum politikum hochstilisiert werden, wo doch der wert an ihren staatstragenden fähigkeiten bemessen werden sollte. peinliche dienstwagenaffäre kontra ‘genial’ krachen gehender gesundheitsfonds. mäuler und löcher stopfen, so stellt sich der mondän quäkende politiker das recht auf information und freie meinungsäußerung wohl vor.

allerdings sollte, wer auf journalistische sorgfaltspflicht pocht, selbst ein wenig besser auf die wortwahl achten. in der ndr-zapp-sendung (durchgezappt) vom 14.10.2009 hört man den sichtlich echauffierten horst dann eifrig rüffeln: haltung haben – es ist ein ziemlich altes wort, aber ich finde, es könnte mal wieder in mode kommen. genau wie ein anderes, viel schlichteres wort – ahnung haben. genau genommen handelt es sich ja in beiden fällen nicht nur um ein wort, sondern um zwei (*oooch, ist die heute wieder pingelig). überdies gibt es eine vielzahl von haltungen, die aber offensichtlich nicht köhlerkonform sind. derweil hapert es an konkretisierung, da in einer demokratie die denkrichtung nicht vorgegeben werden kann. horst tritt also gleichzeitig gaspedal und bremse, um auf diese weise durch die fahrprüfung durchzurauschen. kommen wir nun zur ahnung. unumstritten, journalisten brauchen einen guten spürsinn. ahnung alleine reicht jedoch nicht aus, um etwas wie qualitätsjournalismus hervorzubringen. neben der vorwissenschaftlichen, irrationalen ahnung gehören eine gute allgemeinbildung, kritisches denkvermögen, recherche, kontakte und hartnäckigkeit zum handwerkszeug eines journalisten, sonst trällern die vögel aus dem blattwerk irgendwann nur noch das unkende nachtigall, ick hör dir trapsen. information steht aber auf einem andern erkenntnisblatt als ahnung. oder züchtet die regierung nun vogelstimmenimitatoren?

schenkt dem mann doch endlich mal das buch sag es treffender!

un:sichtbar

unsichtbar

statusanzeige beim google-chat

ich kann manchmal gar nicht nachvollziehen, warum alle nach transparenz japsen, als hätten sie einen marathon der unklarheiten absolviert und stünden vor einer korsettbedingten ohnmacht, weil die luft knapp wird. die mehrheit mag sich ohnehin nicht mit den quälenden details auseinandersetzen, die ihr leben bestimmen und praktiziert liebend gerne glorreiche selbstbespiegelung in einem johari-fenster mit bruchfesten blinden flecken. die minderheit, die für klarheit plädiert, scheitert schon an den langen schatten der gerichtsbarkeit. so dürfte es nahezu aussichtslos sein, die regierung für vermeidbare fehler zu verklagen. macht und geld hingegen siegen meistens gegenüber öffentlichen interessen. und so hängen wir uns an die windmühlenflügel, bringen sie kurz zum stocken, dann kommt eine böe, man wird mitgerissen, und das ganze räderwerk knarzt weiter, bis eine kritische masse oder völlig marode maschinen den kreislauf stoppen.

wer wünschte sich unter diesen umständen nicht manchmal, maus zu spielen oder gar unsichtbar zu sein, um die hinterhältig  an die beute heranschleichende katze diskret zu beschatten? jedenfalls wäre das weniger aufwendig als günter wallraffs undercover-recherchen. wer aber unsichtbar ist, der war offiziell nie dabei, weswegen ihm die beweislast auf die pfoten klopft und er auf dem blanken tatsachenarsch landet. wäre das system bürgerfreundlich, wäre die absturzstelle weich gepolstert. aber der aufprall ist knallhart.

immer mehr menschen behaupten auch von sich, ihnen sei nichts peinlich. bravo! ist das nun übersteigertes ego oder dummheit? ich kann da nicht mithalten und ich wünschte mir, daß schaufenster, die man irrtümlicherweise wegen ihres durchblicks für durchschreitbar hält, weniger oft geputzt würden, damit sich dieser peinliche auftritt nicht wiederholt. transparenz wirkt an dieser stelle eher verwirrend. und letztlich will ich das meiste gar nicht besitzen, was man mir dort an exponierter stelle als begehrlichkeiten vorführt. selten begegnen mir dort auch menschen, die sich ihre nasen plattdrücken, um  wenigstens redensartlich den wunderdingern hinter glas so nah wie unerreichbar zu sein.

in den ach so sozialen netzwerken kann man hingegen unverfroren dazwischen wählen, ob man sich zeigt oder unsichtbar zuglotzt, was andere gerade tun, wann, wer und wie lange online ist, wer mit wem befreundet zu sein scheint, wer wohin eingeladen wurde und ob er daran teilnimmt… der erkenntnisgewinn ist jedoch für mein empfinden so gering, daß sich derlei inoffizielle schnüffelei lediglich zum stupiden zeitvertreib eignet, am ende aber keine schwarzen trüffel aufgewühlt werden, sondern nur morsches wurzelwerk. wer vorgibt, unerreichbar zu sein, soll doch einfach abschalten. oder bringt uns das virtuelle neben da und nicht da die scheinbar neue existenzform halb da – sprich geistesabwesend? uiuiuiuiui, fast wie im wahren leben.

knechtschaft

liebknecht-hauswar am liebknecht-haus schon der herr ruprecht zugange, der nur den braven sklaven lebkuchen bringen will? oder wird hier der teil der bevölkerung verhöhnt, der selbstversagend lebt um zu arbeiten und nicht umgekehrt? dem kapitalisten dürfte der liebe knecht, der nicht revoliert, jedenfalls am nützlichsten sein, denn nur lebend und im vollbesitz seiner arbeitskraft ist so ein lohnsklave rentabel. alles andere kostet und wäre im verruf des sozialen.

wie auch immer das i samt tüpfelchen verloren ging, hier in der braustraße in leipzig lebte von 1867-1881 wilhelm liebknecht, einer der mitbegründer der heute auf selbstfindungskurs schlingernden spd. hier wurde 1871 karl liebknecht geboren, der nach dem spartakusaufstand 1919 erschossen wurde. heute  erinnert eine gedenkstätte an die einstigen sozialistischen bewohner und die linke residiert ebenfalls dort.

hochaktuell erscheint mir hingegen ein zitat aus der festrede von wilhelm liebknecht, in der er den bekannten ausspruch wissen ist macht – macht ist wissen 1872 in dresden referierte:

die schule ist das mächtigste mittel der befreiung, und die schule ist das mächtigste mittel der knechtung — je nach der natur und dem zweck des staats. im freien staat ein mittel der befreiung, ist die schule im unfreien staat ein mittel der knechtung. ‚bildung macht frei‘ — von dem unfreien staat verlangen, daß er das volk bilde, heißt ihm einen selbstmord zumuthen. der moderne klassenstaat bedingt aber seinem wesen nach die unfreiheit. (…). er kann freie männer nicht brauchen, nur gehorsame unterthanen; nicht charaktere, nur bedienten- und sklavenseelen. da ein ‚intelligenter‘ bedienter und sklave brauchbarer ist als ein unintelligenter — schon die römer legten auf sklaven, die etwas gelernt hatten, einen besonderen werth und zahlten entsprechende preise für sie —, sorgt der moderne staat für eine gewisse intelligenz, nämlich für bedienten-intelligenz, die das menschliche werkzeug verfeinert und vervollkommnet, so daß sich besser mit ihm ‚arbeiten‘ läßt. so wird die schule zur dressuranstalt statt zur bildungsanstalt. statt menschen zu erziehen, erzieht sie rekruten, die auf’s kommando in die kaserne, diese menschen-maschinenfabrik, eilen; steuerzahler, die sich nicht mucksen, wird ihnen das fell über die ohren gezogen; lohnsklaven des kapitals, die es in der ordnung finden, daß ihnen das mark aus den knochen gesogen wird (quelle).

zwar haben sich produktionsmittel und arbeitsbedingungen in vielen branchen verbessert, die abhängigkeit ist jedoch nach wie vor eine einseitige. während  arbeitgeber in vielen branchen aus einem heer hoch- bis überqualifizierter arbeitskräfte auswählen können, hängen die knüppelgleichen worte entlassung plus krise plus rationalisierung  plus standortverlagerung ins ausland drohend über denen, die knuffen dürfen. auch die selbstständigen befinden sich in mindestens einer zwickmühle, wenn sie keine auswahl an aufträgen treffen können, sondern den einen, schlecht bezahlten, ethisch unvertretbaren annehmen müssen, um ihr brot hart zu verdienen und auf den piekenden krümeln des nachts alpträumend wund zu liegen.

bleibt uns denn wirklich nur die freiheit in gedanken? und deswegen noch einmal zum nachdenken der schriftzug in nahaufnahme:
liebknechthaus_leipzig

trennung mit aussicht

voegelnur nichts überstürzen, wenn die liebe aufweicht, wie ein getrocktnetes stück brot im fluß, um schließlich geflockt in einem fischmaul zu landen oder langsam schwebend auf den grund zu trudeln. manche verfangen sich im schlick an ästen, klammern sich daran, um die veränderung aufzuhalten. manche werden von stromschnellen mitgerissen, geraten in strudel, sehen beim auftauchen nur noch den hoffnungsschimmer neuland. zwischen der flußmitte und dem rettenden ufer liegen fast unüberwindlich die untiefen der einsamkeit. erodierte zweisamkeit und eine fällige entscheidung wabern im nebel dicht über dem wasser.

als toter mann treibt der entliebte auf dem rücken im wasser. er scheint bewegungsunfähig, bis in seinem blickfeld ein vogel auftaucht. die augen folgen der bewegung, dem schillernden gefieder. der körper begehrt die leichtigkeit des fliegens. die ohren lauschen den ködernden klängen. die ruhigen armbewegungen des schwimmers gehen in die mimesis des flatterns über. auf der wasseroberfläche wogt sichtbar die masseverdrängung der kraulenden hinterrückshände, die zielgerichtet nach ihrem vermeintlichen rettungsanker am noch unerforschten ufer greifen. abgetakelt liegt der verlassene segelkahn im hafen. mit der neuen yacht wird abenteuerlich in see gestochen. geteiltes glück segelt vor dem wind romantischen sonnenuntergängen entgegen. alles scheint aussichtsreich vor ihm zu liegen. scheinbar nichts kann es aufhalten, bis sich achtern sturmwolken als unglücksboten auftürmen. neben einem gekenterten schiff auf der werft müssen nun wieder zwei sturmopferseelen generalüberholt werden.

banausenbahnhof

kulturbahnhofverdutzt rieb ich meine augen, als ich aus dem ice-fenster auf dieses schild gaffte. ich bin lange nicht mehr bahn gefahren, sonst hätte ich wohl eher mal aufgemuckt. da liegen meine heimat und provinzielle kulturtouristische attraktionen, die man in ein bis zwei tagen ablaufen kann. goethe, die geheiligte schriftstellerleiche, und sein artgenosse schiller (wo ist nur sein schädel?) sowie eine sechsjährige bauhausepisode unter gropius reichten aus (jajaja – eine liste von weimarer persönlichkeiten findet man hier, nicht zu vergessen die derzeit dort lebenden wichtigen), um den titel kulturhauptstadt europas für das jahr 1999 einzuheimsen. das sollte zehn jahre lang keiner anderen deutschen stadt außer essen gelingen. auf den ruhmeszug sprang die deutsche bahn offenbar liebend gern auf. aber: dieser zug endet hier für kulturtrittbrettfahrer.

sicher, für ein kaff dieser größe (fast 65.000 einwohner) ist eine ganze menge los. das kann in den lokalblättchen schon mal eine spalte füllen (am wochenende auch mal zwei). wie vermisse ich die angebotsfülle von zitty und tip aus berlin, wenn ich auf das trostlose schild blicke. wer sich die ureinwohner und zugezogenen stolzen aus der dichter- und denkerstadt zum feinde wünscht, tituliert sie gern als weimaraner. die sehen bei william wegman dann schon mal so kreakultürlich inszeniert aus.

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(c) art knowledge news

die ortsansässige verwandtschaft berichtet hinter vorgehaltener hand vom schildbürgerstreich, der da ab 20 uhr von reisenden die benutzung des bahnhofshinterausgangs erzwingt. aus sicherheitsgründen und außer sichtweite von banausen tappt der mit koffern bewappnete über  unzählige treppen einen schier nicht enden wollenden umweg. ach hätt’ ich doch die hälfte des kofferinhalts zu hause gelassen, grummelt der ermüdete geist des  geschwind schwächelnden menschlichen kofferkulis. nachdem nun der per lautsprecher herzlich willkommene buckelnde am verschlossenen haupteingang vorbeischlurft, da dies nun mal sein weg ist, müßte man ihn pflichtbewußt an dieser stelle mit einer augenbinde versehen, wollte man das durch und durch kultiviert kalkulierte spiel auf die spitze treiben. denn ja, räusper, tuschel, wisper, heimlichtu, da wuchert alkoholisiertes volk wie unkraut zwischen den in feinste quadratformen beschnittenen hecken. das soll die welt nicht sehen, denn was soll die welt sonst von weimar denken? etwa sprittis gibt es überall? mindestens so fataaaaal wie bei kalkofes mattscheibe. liebe weimarer! wo es kultur gibt, rinnt meistens auch alkohol. und nicht zu knapp.  eure nüchternheit verliert ihr am hellerlichten tag nur beim vernissage- und finissage-hopping in gepflegtem ambiente. aber auch der ein oder andere unter euch landet auf dem heimweg blau wie eine haubitze im gebüsch. ob bossanzug oder kleiderkammerjeans, die teile sind hinterher hinüber. immer schön haltung, werte und fassade wahren. hicks! ach mist, jetzt hat mich ein geräusch verraten.

fahrkartenautomatbeim rhein-main-verkehrsverbund werden fahrtkartenautomaten noch menschlich behandelt. sie sind nicht defekt, sondern gestört. demzufolge kommt also auch kein techniker zur wartung, sondern offenbar ein mobiler psychologe, der das dilemma mit gesprächstherapie kuriert. diesen luxus  für lädiertes kann sich wohl nur eine bankenstadt leisten.

um den beginn der friedlichen revolution werden ja noch heute geschichten gerankt. so soll der bundeshorst, gerne auch mal klaus genannt, beim festakt im gewandhaus auf den historischen putz gehauen haben, weil sein redenschreiber offensichtlich eine publikation einbezog, die sich nicht auf fakten, sondern auf ddr-staatsgewaltliche ondits berief. die mündliche und schriftliche geschichtsverzerrung war, bleibt und wird. am unrechtssystem ändert das wenig.

tatort gewandhaus: wo sich köhler mit seiner rede zum horst machte.

tatort gewandhaus: wo sich köhler mit seiner rede zum horst machte.

vor 20 jahren wagten viele die rebellion. unter ihnen meine wenigkeit auf den straßen von weimar. im nacken die angst. im visier die rekruten der staatsmacht, die wasserwerfer. ausgang ungewiss. der zivile ungehorsam, die zahl der staatsfeinde hatte ein maß erreicht, dem die volkstruppen hilflos gegenüber standen und in die augen von angehörigen und freunden sahen. keine-gewalt-rufe versus gerüchte um panzer und schießbefehl. das ende kennen wir, die wir die ddr überdauerten. ich weine ihr keine träne nach.

mit teelichtern wurde die zahl 89 geformt. sympathisanten der revolution ließen in den fenstern ihrer wohnung damals kerzen brennen.

mit teelichtern wurde auf dem augustusplatz die zahl 89 geformt. sympathisanten der revolution ließen in den fenstern ihrer wohnung damals kerzen brennen.

mit dem lichtfest 2009 wurde gestern in leipzig versucht, ein bißchen glanz, glamour und gloria zu verbreiten. die herde trampelte fleißig die strecke der montagsdemonstrationen ab, vorbei an licht- und klanginstallationen, theaterperformance und konzerten. ich habe keine ahnung, auf wie vielen bildern ich zufällig geknipst wurde. denn der kampf ums beste bild erforderte von den professionellen bebilderern enorme leidensfähigkeit.

fotograf

untertan der bilder

knien für ein scharfes foto vom kerzenlicht vor dem stasimuseum gehörte noch zu den leichteren übungen. die medienmeute buckelte für ihre beute kameraequipment und tontechnik, stative und objektive. wohingegen ich mich mit der leichtigkeit der unschärfe zufrieden gab, was flexible ausweichmanöver im bad der menge ungemein vereinfachte und meinen lädierten rücken schonte.

IMG_0942diese performance des kto-theaters aus krakau sorgte bei vielen besuchern für ratlosigkeit. die zu skulpturen erstarrten menschen stellen emigranten und flüchtlinge in unterschiedlichen epochen der jüngeren vergangenheit dar.

emigrantendie inszenierung entstand unter der leitung von jerzy zon und knüpft an die tradition der gespräche am runden tisch zwischen vertretern der damaligen arbeiterpartei und der oppositionsbewegung solidarność an, die 1989 in den ehemaligen ostblockländern den politischen wandel einleitete.

IMG_0959während auf dem hauptbahnhof eine gruppe nachwendekinder in anlehnung an den kanzlerinnen-flash-mob und alle so… yeah die verbale konfrontation mit bundesgrenzschutzbeamten suchte, sich dann aber wieder als demonstranten in die allgemeine volksbelustigung mengte, wurden die alkoholbestände der supermärkte im bahnhof von vorwiegend minderjährig wirkenden regelrecht ausgeplündert.

das ganze blinkzeug erinnerte mich irgendwie an eine mischung protziger weihnachtsbeleuchtung und überflüssige leuchtreklame. nicht so die klanginstallaltion von marek brandt am bahnhof, der es mit seiner collage static transit von originalgeräuschen und soundfrickelei schaffte, daß sich meine nackenhaare aufstellten und die damalige stimmung der angst und unsicherheit evozierte.

IMG_0962alle anwesenden wurden un/freiwillig teil des künstlerischen gesamtkonzepts, ob nur ihre fahrradreflektoren das licht spiegelten oder ihr gedenkmarsch von den zahlreichen überwachungskameras am ring aufgezeichnet oder ihr gesicht plötzlich von einer der absichtsvoll aufgestellten kameras eingefangen und auf großbildleinwände gebeamt wurde. alles ganz legal und unter stasi-2.0-kontrolle.

IMG_0970medienkunstprofessor joachim blank zweckentfremdete das einstige propagandainstrument am robotrongebäude zur lichtkugel ganz inhaltsfrei von politischem, jedoch nicht ohne subtil den umgang mit der vergangenheit zu hinterfragen.

IMG_0969auch die künstlerin ute richter möchte am bildermuseum die symbolik des historischen einheitshändedrucks in der scheinheiligen demokratie neu verorten. allerdings empfand ich bei dessen anblick einen fauligen, faden  beigeschmack.

IMG_0993bei den lichtsäulen am goerdelerring haben wir dann noch unsere dunklen seiten entdeckt, bevor wir an der runden ecke ankamen, der ehemaligen stasizentrale in leipzig. dort ließ via levandowsky die konfettikanone mit 30.000 visitenkarten knallen, auf denen jeweils der deckname eines inoffiziellen mitarbeiters und sein beruf stand. nicht nur die birthler-behörde wird noch lange in den akten nach tätern und opfern suchen. wenn ich bedenke, daß einige geheimakten über und von lenin und stalin mehr als 50 jahre in geheimarchiven verrotteten, ehe sie der forschung zugänglich gemacht wurden oder in anbetracht des zerrigen affentänzchens von helmut kohl, stanislaw tillich, gregor gysi oder angela merkel steht zu bezweifeln, ob ich den tag selbst jemals erleben werde, an dem die akten vollständig für die öffentlichkeit überpüfbar werden. bis dahin tappen wir alle mal mehr, mal weniger im historischen dunkeln.

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