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maschinell erstellte absage

mein antrag auf medizinische rehabilitation wurde von der rentenversicherung abgelehnt. und so sehe ich mich nach einem wutanfall und einem herben rückschlag auf dem wege der rekonvaleszenz momentan gezwungen (wieder so ein müssen, aber eigentlich kaum können), in widerspruch zu gehen. ich bin seit mitte august wegen burnout (oder tacheles: depression) krank, mal gehts besser, mal schlechter. aber ich weiß nie genau, wo mein streßpegel gerade ist. manchmal traue ich mich gar nicht vor die tür, manchmal sehe ich durch die menschen einfach hindurch. ich kann mich kaum auf ein gespräch konzentrieren, bin vergeßlich ohne ende. und ich habe keine lust mehr, meine krankheit zu verstecken. aber öffentliches weinen ist und bleibt ein tabu. gerade mal bei trauerfeiern oder vor glück wird es geduldet, besser aber wäre, mensch würde selbst dann noch haltung bewahren. und all jenen, die jetzt sagen: ehhh, hat DIE ’ne vollmeise, denen sei gesagt, daß DIE nicht naturgegeben ist, DIE wird aber auch vererbt, daß DIE jeden treffen kann, eiskalt erwischen, aus dem hinterhalt, dem nichts, von einen tag auf den anderen. man kann dann nicht mehr auf „alles ist so toll und bunt und hübsch, und wir sind alle glücklich und wer so nicht ist, der ist raus“ umschalten. ich bin einfach nur traurig und reagiere mit starken panikattacken auf neuerlichen „streß“, der in relation zu dem, was ich früher geleistet habe, also vor der erkrankung, wie ein klacks erscheint. lächerlich. ich habe mehrere jahre lang aus verschiedenen gründen (sagen wir zwängen) in zwei jobs über 75 stunden pro woche gearbeitet. die arbeit würde bei einer 38-stunden-woche locker für zwei reichen, und dann könnte man sogar das ständige schweinsgalopp etwas mildern. bezahlt wurde aber immer nur für eine, die sich damit gut über wasser halten konnte, aber ständig eine hand ausstreckte, griffbereit zum rettungsring. ich habe in zehn jahren sage und schreibe einmal sechs tage urlaub gehabt (meine rekonvaleszenzreise auf die insel hiddensee), ansonsten habe ich in einem job mal urlaub genommen, um im anderen mehr arbeiten zu können. die arbeitssituation ist völlig vertrackt, ein existentiell bedrohlicher teufelskreislauf. wenn ich einen aufgebe, schaffe ich es knall auf fall unter den regelsatz von unserer gnädigen ursula zu fallen.

ich weiß, ihr würdet viel lieber hier ein paar bunte meldungen aus dem bereich „gemischtes“ lesen. aber boulevardeske unterhaltung war noch nie mein fall. ich bin zutiefst melancholisch, eine seite, die nur selten ans tageslicht treten darf, wenn ich unter engsten freunden bin, was im blog nicht der fall ist. denn in unserer spaßgesellschaft ist melancholie nicht gern gelitten. wer das nicht ertragen kann oder will, dem sage ich hiermit auf nimmer wiedersehen. wer es versteht und lieber ver/schweigen will, auch gut. denn ich werde mich nicht in einen stets überglücklichen, rundum zufriedenen menschen verwandeln, wenn die umstände es verhindern oder nur, weil jemand anderes das so lieber will.

aber wenn jemand eine idee oder gar erfahrung hat, wie ich in meinem kurantrag formuliere, daß meine erwerbsfähigkeit gefährdet ist, weil ich einfach mal zwei jobs habe, in denen man punktgenau, termingerecht, immer auf 180, immer voll konzentriert, am besten perfekt (ich nenne mal nur das korrekturlesen) arbeiten muß, das aber alles im moment aus einer chronischen überbelastung heraus nicht mehr kann, auch nicht bereit bin, in eine klinik zu gehen, weil mir meine freiheit als mündiger mensch mehr bedeutet, als ärztlich-pflegerische gängelung, weil mir die eine woche ostsee sehr gut getan hat, als sich mal mein umfeld für längere zeit komplett änderte, es aber im alltag noch nicht realisierbar ist, weil ich solche schwierigkeiten habe, meine leistungsfähigkeit und meine ansprüche überhaupt zu mindern, weil ich trotz krankschreibung rund um die uhr erreichbar bin, weil ich mich am telefon auch immer noch für meine abwesenheit erklären muß. die rv treibt mich ja bewußt zu dem punkt, lieber in einer klinik zu verschwinden, weg vom fenster zu sein, auch wenn ich nicht den leisesten selbstmordgedanken hege. muß ich mich selbst töten wollen, damit man mir hilft? scheint wohl so bei einem kranken gesundheitswesen.

ossip mandelstam – bedrücktes schweigen

bedrücktes schweigen können wir nicht leicht ertragen –
daß seelen schwächeln, schließlich, wird nicht gern gelitten!
ob er wohl störe, sprach, der kam, was vorzutragen,
und freudig grüßen wir den mann: wir bitten!

ich wußt‘ auch so, wer hier war, unsichtbar zu dienen:
der alptraummensch liest für uns »ulalume«.
der inhalt weltlich und das wort nur ein gebrumm,
solang phonetik dienstbar ist den serafimen.

und edgars harfe sang das lied vom haus der usher,
vom wasser trank der irre, sah auf und schwieg versonnen.
ich war schon auf der straße. es pfiff altweibersommer, –
die gurgel wärmt ein seidenschal, der kitzlig ist, und raschelt.

1913 (via)

update: nomen est omen


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worthülsen

everything_is_okals ich dieses plakat in der revaler/ecke niemannstraße in berlin-friedrichshain entdeckte, wurde ich ganz beiläufig von grafischen schlagwörtern in knalligen leuchtfarben erschlagen. nö, ich habe mich nicht gleich vor lauter verzweiflung und unterschwelligem weltschmerz auf die straße geschmissen, sondern sorgfältig die feinheiten der buchstabenkurven studiert und die wortbilder entziffert. viele euphemismen werden uns regelmäßig von medien als selbstverständlicch entgegen geschleudert, ohne die begriffe weiter auseinander zu klamüsern. es liegt also am konsumierenden indiviuum, auch die unterschwelligen botschaften und ungereimtheiten zu dechiffrieren. die neugier verbietet es mir, nicht weiter nachzuforschen. sie erzwingt das wissenwollen geradezu. leider findet sich derzeit im netz  noch so gar kein hinweis auf die hintermänner der aktion, aber ich hüte mich vor spekulation. gerade diese unklarheit erhöht die spannung ungemein. es wirkt so, als hätten sich die grafiker mit hitchcocks suspence zum viralen marketing verabredet. die grafik und die farben erinnern mich zugleich an das werbeplakat zur veröffentlichung der cd kapitulation von tocotronic im jahr 2007. und für januar hat die band ihr neues album schall und wahn angekündigt.

die floskel everything is ok kann nur noch von der hoffnungsfrohen botschaft alles wird gut getoppt werden, die keinen raum für  negative ’schwingungen‘ von schwarzsehern läßt. es sind weniger die christlichen tugenden, die ich wiedererkenne, sondern vielmehr der zeitgemäß aufgearbeitete inhalt des dramas glaube liebe hoffnung von ödön von horváth. was wird mit denen, die die rezession trifft oder die opfer der umweltzerstörung werden? es folgen depression und krankheit und verzweiflung. ich würde ja schon gerne wenigstens manchmal etwas mehr optimismus verbreiten, derweil geht dieser mir immer weiter flöten. und das liegt garantiert nicht nur am novemberblues. es geht nicht mehr viel. und vieles rauscht mit getöse den gebirgsbach hinunter. statt sozialer wärme strömt eiseskälte in alle glieder. ich fürchte nur, warm anziehen wird dagegen nicht helfen. wer keine angst vorm mitfrösteln hat, kann sich auch die arte-dokumentation ausgebrannt – wenn nichts mehr geht über die folgen von überarbeitung und konkurrenzkampf ansehen.