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fotoinszenierungen

eule, (c) camille vivier, bird-production.com

(c) camille vivier, bird-production.com

camille vivier sagt über ihre fragilen fotografien, daß es sich um persönliche bilder handelt. ihrem selbstverständnis nach ist sie keine künstlerin, sondern modefotografin. aber auch da kann man das künstlerische, künstliche, traumhaft-inszenierte, theatrale mit filmreminiszenzen (lynch, peter greenaway) entdecken. das spiel mit licht und schatten, mit verkleidungen, mit belebtem und unbelebtem. ich habe gestern in der arte-videothek in der reihe künstler hautnah ein portät gesehen, daß ich unbedingt weiterempfehlen muß (ist noch 6 tage in der mediathek verfügbar). ihre bilder sind einfach großartig, schwelgerisch, melancholisch. und dazu paßt perfekt die musik von einer anderen französischen camille, ihres zeichens sängerin. hab ich mal in berlin live gesehen. wunderbar! beides entspricht ziemlich konkret meiner vorstellung  und meinen erfahrungen von französischer lebens/art, einer ästhetik, die mich magisch anzieht.

worthülsen

everything_is_okals ich dieses plakat in der revaler/ecke niemannstraße in berlin-friedrichshain entdeckte, wurde ich ganz beiläufig von grafischen schlagwörtern in knalligen leuchtfarben erschlagen. nö, ich habe mich nicht gleich vor lauter verzweiflung und unterschwelligem weltschmerz auf die straße geschmissen, sondern sorgfältig die feinheiten der buchstabenkurven studiert und die wortbilder entziffert. viele euphemismen werden uns regelmäßig von medien als selbstverständlicch entgegen geschleudert, ohne die begriffe weiter auseinander zu klamüsern. es liegt also am konsumierenden indiviuum, auch die unterschwelligen botschaften und ungereimtheiten zu dechiffrieren. die neugier verbietet es mir, nicht weiter nachzuforschen. sie erzwingt das wissenwollen geradezu. leider findet sich derzeit im netz  noch so gar kein hinweis auf die hintermänner der aktion, aber ich hüte mich vor spekulation. gerade diese unklarheit erhöht die spannung ungemein. es wirkt so, als hätten sich die grafiker mit hitchcocks suspence zum viralen marketing verabredet. die grafik und die farben erinnern mich zugleich an das werbeplakat zur veröffentlichung der cd kapitulation von tocotronic im jahr 2007. und für januar hat die band ihr neues album schall und wahn angekündigt.

die floskel everything is ok kann nur noch von der hoffnungsfrohen botschaft alles wird gut getoppt werden, die keinen raum für  negative ’schwingungen‘ von schwarzsehern läßt. es sind weniger die christlichen tugenden, die ich wiedererkenne, sondern vielmehr der zeitgemäß aufgearbeitete inhalt des dramas glaube liebe hoffnung von ödön von horváth. was wird mit denen, die die rezession trifft oder die opfer der umweltzerstörung werden? es folgen depression und krankheit und verzweiflung. ich würde ja schon gerne wenigstens manchmal etwas mehr optimismus verbreiten, derweil geht dieser mir immer weiter flöten. und das liegt garantiert nicht nur am novemberblues. es geht nicht mehr viel. und vieles rauscht mit getöse den gebirgsbach hinunter. statt sozialer wärme strömt eiseskälte in alle glieder. ich fürchte nur, warm anziehen wird dagegen nicht helfen. wer keine angst vorm mitfrösteln hat, kann sich auch die arte-dokumentation ausgebrannt – wenn nichts mehr geht über die folgen von überarbeitung und konkurrenzkampf ansehen.