Schlagwort-Archive: plakat

mono:log und dia:log

manche mögen wortspiele ja gar nicht und pochen auf sprachlichen purismus. ich kann mich dafür begeistern, manchmal darin verlieren, um die ecke zu denken, auch auf die gefahr hin, daß man mir nicht folgen kann oder mich am liebsten  um die ecke bringen würde. und natürlich kann ich diese teilweise dadaistisch anmutenden beispiele von studentden der bauhaus-universität weimar nur schwerlich zurückhalten. okay, hinz + kunst ist ein wenig abgelutscht. darunter steht etwas kleiner: ich bin nur ein gedanke, aber einer der sich gewaschen hat. eigentlich schade, daß die kopfspülung zur selbstreinigung noch nicht erfunden wure, wobei man den wunsch nicht als bewußtseinsbeeinflussung im stil von gehirnwäsche mißverstehen sollte.

unter der sichtwaise hat sich ein genitivproblem eingeschlichen, ansonsten versprüht der spruch pflanzen haben kein(en) arsch in der hose. und heulen können sie auch nicht. eine köstliche sinnfreiheit. nach der denglischen brainweite wird uns die frage gestellt: was ist platonische liebe? wenn der bürohengst die zimmerlinde nur durch die rosarote gießkanne sieht. wer bis hierhin mitgespielt hat, darf dann diese erkenntnis über die lüge lesen: mono log. dia log. und zu dritt lügt es sich noch besser. warum müssen sich die trüffel immer so weit unten verbergen? damit man einen schweinisch guten riecher entwickelt?

vielleicht sollte ich der vollständigkeit halber noch erwähnen, daß mit dieser verhüllungskunstaktion gegen den leerstand eines wohn- und geschäftshauses in der schillerstraße / ecke hummelstraße protestiert wird.

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renitenter flaschengeist

scheinpolitische werbebotschaft (1): überzeugung ist deine stärkste waffe.

ach, eine vermischung aus pathos und politik, könnte man beim flüchtigen anblick der plakate in der karli-kneipenmeile von leipzig meinen. irgendeine linksalternative gruppierung fordert zum widerstand auf? das suggeriert zumindest das logo, ein abgewandelter roter stern mit schwert und initiale p, der kämpferische gesichtsausdruck, das wort partisan und die assoziationen, die mir dazu durch den kopf schießen. bloß wer oder was verbirgt sich dahinter? nichts verräterisches auf dem poster zu entdecken…

ich wäre jedenfalls alleine nicht ohne weiteres drauf gekommen, daß es sich bei dem guerillaprodukt um eine neue wodkamarke und zwar einen import aus weißrussland handelt. hier hat mir ein wirt die reine wahrheit in form von worten eingeschenkt und dazu das passende flaschenmuster vorgeführt. eifrig werden jedoch immer wieder von den anbietern aus erfurt ‚urrussische eigenheiten‘ (vorsicht klischeealarm), authentizität, herzblut, kämpfergeist und originalität auf der homepage beworben. immerhin hat das hochprozentige getreidegesöff in lux-qualität einen namen italienischer provinienz, mit dem man sich von der russisch klingenden konkurrenz aus den westlichen feindesländern absetzen kann. während kippen gesellschaftlich immer stärker als glimmkiller ausgegrenzt werden, ist alkohol ja gaaar kein problem oder momentan in der öffentlichen wahrnehmung primär eines für den kinder- und jugendschutz (stichwort komasaufen). volljährigkeit hingegen berechtigt zur unkontrollierten eigenabfüllung, auf daß sich die welt immer schön weiterdreht und der trinker im einklang mit der russischen seele bleibt. als barfrau blickt man auf den bon und bescheinigt: je klarer das getränk und je öfter geordert, desto unklarer die artikulation. fettlebrig lallt der süffelnde am tresen und klebt morgendlich seine filmrisse (für juhnke-fans).

wie wir es schon von bionade und vor allem deren erfolgsnachäffern kennen, beginnt der krieg nicht in den warenregalen, sondern in den köpfen und beim klicken im netz. die werbung für ein hick-, verzeihung, hippgetränk transportiert heutzutage gleich einen ganzen lebensstil mit. schaut man sich das produktblog mal etwas ausführlicher an, kommt man schnell auf diesen promilledreh. der fusel ist nämlich nur für moderne partisanen, die natürlich keine alkoholiker sind, sondern jung, erfolgreich, wild, widerborstig, stylisch; partysäue, um es in ein wort zu pressen. für trunkene vodkageselligkeit empfehlen sich bestimmte szeneklamotten, die stark nach humana-retrochic riechen und aussehen: streetstyle à la castingallee im prenzlberg. dazu gesellen sich lieblingsmusiker, -künstler, -läden und vereinzelt auch persönlichkeiten des öffentlichen lebens. man könnte es auch als konsumentenkuppelei oder installation für ein kultgetränk bezeichnen. meine marktprognose: das künftige abendgebräu für die generation smoothie-nippler. also kippt das mal ohne mich in die goldgrubenkehle.

scheinpolitische werbebotschaft (2): sie reden. wir handeln.

worthülsen

everything_is_okals ich dieses plakat in der revaler/ecke niemannstraße in berlin-friedrichshain entdeckte, wurde ich ganz beiläufig von grafischen schlagwörtern in knalligen leuchtfarben erschlagen. nö, ich habe mich nicht gleich vor lauter verzweiflung und unterschwelligem weltschmerz auf die straße geschmissen, sondern sorgfältig die feinheiten der buchstabenkurven studiert und die wortbilder entziffert. viele euphemismen werden uns regelmäßig von medien als selbstverständlicch entgegen geschleudert, ohne die begriffe weiter auseinander zu klamüsern. es liegt also am konsumierenden indiviuum, auch die unterschwelligen botschaften und ungereimtheiten zu dechiffrieren. die neugier verbietet es mir, nicht weiter nachzuforschen. sie erzwingt das wissenwollen geradezu. leider findet sich derzeit im netz  noch so gar kein hinweis auf die hintermänner der aktion, aber ich hüte mich vor spekulation. gerade diese unklarheit erhöht die spannung ungemein. es wirkt so, als hätten sich die grafiker mit hitchcocks suspence zum viralen marketing verabredet. die grafik und die farben erinnern mich zugleich an das werbeplakat zur veröffentlichung der cd kapitulation von tocotronic im jahr 2007. und für januar hat die band ihr neues album schall und wahn angekündigt.

die floskel everything is ok kann nur noch von der hoffnungsfrohen botschaft alles wird gut getoppt werden, die keinen raum für  negative ’schwingungen‘ von schwarzsehern läßt. es sind weniger die christlichen tugenden, die ich wiedererkenne, sondern vielmehr der zeitgemäß aufgearbeitete inhalt des dramas glaube liebe hoffnung von ödön von horváth. was wird mit denen, die die rezession trifft oder die opfer der umweltzerstörung werden? es folgen depression und krankheit und verzweiflung. ich würde ja schon gerne wenigstens manchmal etwas mehr optimismus verbreiten, derweil geht dieser mir immer weiter flöten. und das liegt garantiert nicht nur am novemberblues. es geht nicht mehr viel. und vieles rauscht mit getöse den gebirgsbach hinunter. statt sozialer wärme strömt eiseskälte in alle glieder. ich fürchte nur, warm anziehen wird dagegen nicht helfen. wer keine angst vorm mitfrösteln hat, kann sich auch die arte-dokumentation ausgebrannt – wenn nichts mehr geht über die folgen von überarbeitung und konkurrenzkampf ansehen.