ausnahmezustand

graffito an der feinkost in leipzig: die nacht ist noch jung und sie gehört nur uns.

messen dienen im allgemeinen der anbahnung von geschäftskontakten, im besonderen erfüllen sie für manche aussteller auch die gelegenheit für zeitlich begrenzte amouröse abwege. eine erfahrung, die ich glücklicherweise nur vom hörensagen mit bekannten aus anderen branchen teile. es scheint so, als hätten sich einige mit den entbehrungen heimischen wohlbehagens dahin gehend arrangiert, daß sie sich nach feierabend schwofend mit allen möglichen belohnungssystemen vor einer grausigen, einsamen nacht in einem stark frequentierten hotel oder einer billigen absteige sowie von tagelanger ungesunder ernährung abzulenken versuchen. einerseits muß also der alkoholpegel so angehoben werden, daß man in der unterkunft mit tunnelblick eintrifft, um die tristesse der umgebung auszublenden. andererseits sollte man ohne große verzögerungen mit nötiger kopfschwere im tiefschlaf versinken können, um nicht auch noch den empfindlich reagierenden magen-darm-trakt wahrnehmen zu müssen.

der/die fremdanbandler/in hingegen weiß die freiheit in der ferne geschickt für sexuelle abwechslung einzuplanen, steckt sich visitenkarten zu, tauscht handynummern aus, bleibt aber stets auf absolute unverbindlichkeit bedacht. am einfachsten ist es, gleich in der eröffnungssequenz beiläufig einfließen zu lassen, daß der partner zu hause gerade dies und jenes veranstaltet, um die fronten auszuloten. nachdem mir das während der ersten messe gleich mehrfach passierte und ich zunächst entsetzt glaubte, einen verzweifelten eindruck von penisentzugssyndrom beim gesprächspartner hinterlassen zu haben, den ich mitnichten zum leben erwecken wollte, erkannte ich schließlich das muster der botschaften und schaltete von allgemeiner freundlichkeit gegenüber den männlichen kollegen auf sachliche unnahbarkeit um. denn bei einem arbeitstreffen interessiert mich am wenigsten der aktuelle beziehungsstatus, noch weniger die aussicht auf einen seitensprung. nach einer kurzen phase gewöhnte mich also an die checker und belächelte müde ihre mittelmäßige subtilität.

unter den ausstellerinnen tobt ohnehin immer ein konkurrenzkampf um das aufgehübsche zwischen edler designerkleidung und stundenlangem styling für ein bißchen intellektuell-lässige verwahrlosung. nebenbei begeben sie sich im wissen um die großzügigkeit balzender männer auf einen beutezug. wer es schafft, keinen einzigen cent für essen und trinken auszugeben, sondern immer eingeladen wurde, hat selbstverständlich gewonnen.

die folgen des mehrtägigen überlebenskampfes konnte ich im vergangenen jahr in der krankenstation der frankfurter buchmesse bei täglichen besuchen infolge einer schnittwunde studieren. leichenblasse opfer durchzechter nächte schwankten in die räume und lechzten nach aspirin mit vitamin c oder magenbesänftigenden mittelchen. höher gestellte damen schleppten sich mit zusammengebissenen zähnen und beinahe auf dem zahnfleisch kriechend bis zum empfang, um sich heftpflaster für die wund gelaufenen, blutblasigen füße zu erwimmern. ab einem gewissen alter sind einige adulte offenbar nicht mehr lernfähig, sondern nur noch leidensfähig. aber was das mitgefühl für diese formen von voraussehbarer selbstverstümmelung angeht, so bin ich weitestgehend frei davon.

4 Antworten zu “ausnahmezustand

  1. Na, ich würde meinen, DAS kann ja heiter werden 🙂 Ich stelle es mir in der Tat so ähnlich vor, allerdings war das für mich die einzige Möglichkeit mit Eintritt zu verschaffen. Doof, ist aber so und das Zimmer ist auch schon gebucht. Ich bleibe von Samstag auf Sonntag. Also habe ich einen Tag Zeit für Chaos. Steh‘ ich durch. Ich und mein Freund Baldrian 😉

    • du wirst das mit geduld und genügsamkeit überstehen. ich muß es ja auch aushalten. bei mir kannste auch gerne mal zum verschnaufen vorbeikommen. mein stand ist meistens eine kleine ruheinsel. vormittags geht es meistens noch. so ab zwei bis fünf wird es dann anstrengender. also komm lieber früh ;-).

  2. Entschuldige bitte, ich wünsche dir einen schönen guten Morgen ! Bin schon wieder voll im Wahn 😉

    • die ganzen höflichkeitsfloskeln sind zwar lieb und nett und manchmal wohltuend, aber ich brauche das nicht, um menschen sympathisch zu finden. alles gut! und nun wünsch ich dir einen schönen tag!

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