Schlagwort-Archive: zufall

zufall und zerfall…

… spielen auf dem heutigen schnappschuß eine kulturgeschichtliche rolle. warum auch immer das s der feinkost in leipzig aus der reihe tanzte (schnee, wurfkunst etc. sind denkbar), am ende kommt nach biochemischer verdauung doch nur kacke raus. ob die bei feinen leuten kultivierter plumpst?  alles eine frage kontraktiler beherrschung und etikettiert degradierter, menschlicher lebensvorgänge. es geht wie so oft um das endprodukt. und es steht zu vermuten, daß nur die sekt-und-kaviar-fraktion an löffelweisen kotzproben für das individuelle schmierentheater skatologisch-koprophiles interesse bekundet. @ sigmund freud und seine apologeten: ich bin dann mal ganz schön lange aus dem analalter raus und hoffe, im welken nicht triebhaft zu degenerieren. aber möglicherweise kann man den unterschied zwischen end-aldi und end-käfer riechen. ob die schnüffelei von stasi 2.0 irgendwann zur hierarchischen kottrennung im (daten)kanalsystem führen wird? oh elena, auf meinem mist bist du nicht gewachsen!

im gegenzug werden buchstaben der analogen welt sukzessive durch displays ersetzt. welch urzeitliche geräusche sind das nur in the typewriter von leroy anderson? anstatt auf der schreibmaschine zu klappern und fehler mit flüssigem tipp-ex zu korrigieren, klimpern wir gegen ermüdendes bildschirmstrahlen und bei videochats mit augen und wimpern. im falle fatalen vertippens drücken wir knallhart delete. nachträgliche textänderungen waren nie unauffälliger als heute. die digitalisierung hat bereits massiv unsere akustische umgebung und unsere kommunikation verändert und prägt unsere stadtbilder ebenso neu. starre buchstabenanreihungen, die allenfalls durch ab-, um- und ausfälle ihren sinn veränderten, wandeln sich zu blinkernden, variablen buchstabenketten, jederzeit anpassbar an die aktuelle lage der nation. sie reagieren äußerst empfindlich auf stromausfälle, vandalismus, hackerangriffe und witterung. oft zeigen sie uns hiobsbotschaften wie cancelled, bitte beachten sie die lautsprecheransage oder schienenersatzverkehr an – die odyssee kann beginnen. manchmal bleiben sie gar vollkommen dunkel. sie können nicht, und wir wissen nicht: wie weiter? ohne eindeutige zeichen sind wir manchmal ganz schön aufgeschmissen, orientierungslos, hilflos, ja perplex. wir suchen nach ihnen, wir deuten sie (auch fehl), manchmal verkneifen wir sie uns, weil wir geheimnisse hüten wollen.

und dann gibt es noch die zeichensammler, die kulturgutbewahrer, die erinnerer. sie ergötzen sich an dem ollen krempel, steigen auf dächer und klettern an fassaden hoch, um rostige werbeschriften zu demontieren. ich fand bereits 1991 zu meinen drei blechbuchstaben, als eine ddr-postfiliale in unserer straße saniert wurde und die verbeulten überreste auf einem schuttberg landeten. irgendjemand hatte sich das p bereits stibitzt, und was blechern vom osten übrig blieb, habe ich aufgearbeitet. der ost-schriftzug – wie der auf dem dach der volksbühne, nur im kleinen – findet seitdem in jeder meiner wohnungen seine bühne – ohne n/ostalgie, dafür mit viel liebe zur typographie. in berlin sammeln zwei kommunikationsdesignerinnen alte leuchtreklame- und blechbuchstaben für ihr buchstabenmuseum. das werde ich mir bei der nächsten gelegenheit gerne anschauen. auf meine unleserliche handschrift kann wohl jeder ganz schmerzfrei verzichten. ohnehin würde ich schriftproben kaum psychologisierenden, graphologischen geldbeutelschneidern überlassen. aber ein leben ohne buchstaben? das kannwill ich mir nicht vorstellen.

pappelflusenzucht

wenn die pappeln und pusteblumen weiterhin so viele flusen verteilen, werde ich wohl noch eine dadaistische ’staubzucht‘ (‚elevage de poussière‘) à la marcel duchamp anlegen. ich platziere in irgendeiner ecke meiner wohnung eine glasplatte, warte, was sich mit der zeit dort ansammelt und nutze einen teil für staubzeichnungen. wie der zufall es will, habe ich aus gründen der sommerlichen trägheit in kombination mit zeitmangel, bereits geraume zeit keinen staubsauger betätigt. frei nach dem motto: meine wohnung ist mein staubalptraum. alldieweil hat sich bereits eine kleine fussel- und wollmausschicht angelagert. in den ecken wirbelt es bei luftzug. da ich meine wohnung aber weiterhin begehbar halten will, wird das wohl nichts mit der nachahmung. im atelier hingegen darf sich der schmutz ungehindert ansammeln. manchmal bin ich zutiefst neidisch auf das als lotterhaft verrufene künstlerleben.

ersatzweise ein allergenfreier blick auf das original, fotografiert von man ray:

(c) kunsthaus zürich

(c) kunsthaus zürich

murphymuffel

die serielle krise von madame ungeschickt begann harmlos, unscheinbar mit dem tod des laptopnetzteils. während meine 22 jahre alten rft-lautsprecher immer noch pannenfrei und rauschlos musik verbreiten, blinkte in der startleiste die batterieanzeige dauerhaft. der balken sank rapide gen null. es war, wie in solchen fällen meistens, sonntag. keine möglichkeit, mal fix irgendwo ein netzteil zu besorgen. bis montag abend wird es ohne rechner gehen.

montag. im bürogebäude schnell noch ein paar blaue flecken infolge von grobmotorik eingefangen. dann auf das rad und zum nächsten elektrofachmarkt. technikgläubig packte ich den defekten adapter vor der verkäuferin auf den tisch und hoffte darauf, zu einem warenregal mit passendem gerät geführt zu werden. doch der blick der verkäuferin verriet die antwort: so einfach wird das nicht.

verkäuferin: ‚haben sie ihr notebook dabei?‚.

ich: ‚wozu das denn?! ich dachte die angaben auf dem netzteil reichen ihnen.

verkäuferin: ‚aber nicht bei hp, die haben halbe volt- und ampereangaben. und da muß man das am gerät ausprobieren!‚.

ich: ‚geben sie mir irgendeins mit 65 w, 18,5 v und 3,5 a.

verkäuferin (gereizt): ‚das müssen sie schon direkt beim händler bestellen.

ich (frustriert): ‚gibt es keine geräte, deren spannung variabel ist?

verkäuferin (beflissen): ‚probieren sie das mal. wenn es nicht funktioniert, bringen sie es wieder zurück. und auf keinen fall mehr als 18 v einstellen!

und ich brachte das unnütze teil natürlich zwei tage später zurück. in der zwischenzeit hatte ein freund in leipzig einen händler ausfindig gemacht, der originalteile bei ebay anbot. nun glaubte ich porto sparen zu können, wenn ich gleich hinfahre. der chauffeur klingelte an der tür, ich warf noch einen eiligen blick auf anschrift und hausnummer, dann fuhren wir auch schon los. wir kutschierten die straße auf und ab, nr. 40 gab es nicht. wir stiegen aus, tappten die straße entlang, nix. abriß? hmmm, merkwürdig. also nur eine briefkastenadresse. aber wo soll der briefkasten denn hängen? das ergab keinerlei sinn.

wieder zu hause angekommen. ich baute das zweitgerät auf, suchte bei ebay nach der adresse. entsetzt über meinen kopfinternen festplattenausfall, schlug ich mir vor die stirn. normalerweise habe ich ein gutes zahlengedächtnis und auch ein gutes für bilder, nur bei namen hakt es häufiger (das kann ich meistens verbergen). wie kann man eine eckige zahl wie die 4 mit einer runden zahl wie der 3 verwechseln? ich weiß nicht wie, aber es funktioniert! selbstzweifel stoben durch meine hirnzellen. grummel. und wieder gut. einfach schlafen gehen.

am nächsten morgen erwachte ich arglos. mit halbgeöffneten lidern tastete ich mich richtung rechner. musik. aufwachen. ich drückte auf ‚on‘. nix blinkte und surrte. grübel. was ist denn das jetzt schon wieder? will murphy mich zermürben? ich blickte ratlos auf das schwarze display, ging um den tisch und sah den herausgezogenen stecker liegen. mal wieder einen akku richtig ausgereizt… augenrollern, kopfschütteln.

zurück zur tagesordnung. schnell noch den brief vor der arbeit zur post bringen. mit der warteschlange hatte ich gerechnet. endlich vor dem postknecht stehend, wühle ich am rande der niedergeschlagenheit in meiner tasche. leere den inhalt nahezu restlos auf den tresen. kein portemonnaie! wieder nach hause – geld brauche ich ja auch noch für das mittagessen – und ins büro gerast. hechelnd stehe ich in der tür, begrüße die kollegin, packe meine tasche aus und finde nicht: meine kopfhörer. gut, ersatzkopfhörer, die die frisur zwar ruinieren, sind wenigsten vorhanden. kein grund durchzudrehen. ich starte den rechner, starte das programm. minutenlang passiert… nichts. innerlich jaule ich wie ein verlassenes wolfsjunges. ich will nur noch zurück in mein bett. es ist freitag, der 8. mai, und alles läuft schief. müde bin ich, vergeßlich und gereizt. ich bin kurz davor zu explodieren. da guckt die kollegin mich an und meint nur: ‚ja, die haben heute nacht ein upgrade gemacht. vielleicht liegt es daran.‚ ich gebe meinem bürorechner fünf minuten, sich wie ein menschliches hilfsmittel zu verhalten. und siehe da, die seiten bauen sich in sekundenschnelle auf. und die arbeitswoche neigt sich dem ende. ich atme tief durch und lasse kleinlaut den rest des tages über mich ergehen.

der chauffeur wartete nach feierabend bereits auf mich, dieses mal sollte ich ihn in ein anderes fachgeschäft begleiten, aber unser weg würde an hausnummer 30 vorbeiführen. das wollen wir doch mal sehn. auf dem hinweg erspähte ich im vorbeifahren einen laden, über dessen tür der schriftzug ‚fairtrade‘ zu erkennen war. nicht der erinnerte name, aber immerhin ein geschäft. auf dem rückweg bemerkte ich endlich den ersehnten namen an der geschlossenen tür. ja, öffnungszeiten standen da auch. nur wir befanden uns weit außerhalb des zeitlichen rahmens.

heute nacht habe ich mich träumend von murphy getrennt. er hat bitterlich gegreint und gezetert. dennoch haben wir uns geradezu einträchtigt voneinander verabschiedet. und den termin für die nächste begegnung? damit halten wir es ganz zwanglos. wenn es der zufall eben will. das bleibt aber unter uns: bitte nicht heute und morgen!