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mr. und mrs. aufziehvogel

die privatparty im paris syndrom war in vollem gange. auf der tanzfläche transpirierten die ü-jenseits-von-gut-und-böse-dauerjunggebliebenen zu musik, die im allerbesten fall aus den 80ern stammte. als der mallestampfrhythmus die masse hysterisch mitkreischen ließ, entschloß ich mich zur flucht. unterwegs lauschte ich dem entspannenden morgendlichen vogelkonzert. dann fiel ich ins bett und erwachte morgens vom lauten gurren der tauben im hinterhof. mit kopfschmerzen. drei gläser wasser konnte ich schlecht für das katergefühl verantwortlich machen. dafür die musik aus den rückwärts gewandten zeiten, als alles noch besser war und wir noch jung und knackig. als die augenpartie am morgen nach der party noch nicht an einen schlecht maskierten alien erinnerte, sowohl farblich durch die dunklen augenringe als auch durch die schwellungen.

zwar trennen mich nur wenige jahre vom alter der partyveranstalter und dem durchschnittsalter der gäste, aber scheinbar leben wir auch in parallelwelten. sie im glashaus, ich in einer sich ständig wandelnden umgebung. schon als die ersten ihre kurz vor dem operativen austausch stehenden hüften auf der tanzfläche schwangen, drängte sich mir unweigerlich die frage auf, vor wie vielen jahren sie wohl das letzte mal getanzt hatten. es sah zwar so aus, als hätten sie vor dem spiegel die bewegungen ihres ausdrucktanzes hingebungsvoll geprobt, aber eben auch als wären sie einfach wieder in die haut einer discomaus vor zwanzig jahren geschlüpft. oder aber die bewegeungen waren durch die ständigen einladungen zu hochzeiten und familienfesten vom engtanz derart verfestigt worden, daß das gezappel nun eher unbeholfen wirkte.

männer trugen mehrheitlich hemd. die mesdames hatten sich stilistisch offenbar untereinander abgesprochen, sich in zu enge baumwollkleider mit tiefem v-ausschnitt zu zwängen, als wäre schon wieder boobquake day. gelegentlich ließ auch ein recht gewagter schlitz in den ohnehin meistens zu kurz geratenen kleidchen betrübliche einblicke auf üppige hügellandschaften zu. die haare trug frau mehrheitlich kinnlang, zum flippg-frechen bob vom friseur überredet, der jugendliches aussehen versprach. ähm ja, das macht die runden gesichter deutlich runder, reduziert die alterungserscheinungen aber nicht. die liste der weiteren auffälligen syndrome wäre zu lang, um sie hier medizinisch und psychologisch hinreichend zu beschreiben.

an das musikpult durfte jeder mal, um die verschiedenen geschmäcker zu bedienen. so wurde ich als zweite mit meinem mp3-player ans mischpult dirigiert.  wortfeile debütierte – das übel vorausahnend – als schlechter dj. ich stieg ein mit taper jean girl (kings of leon) – zu schnell brachte ich die leute mit dem rockigen rhythmus aus der puste, machte weiter mit godspeed (modeselektor) – zu wenig melodie im elektrobeat bei akzeptabler tanzbarkeit, ging über zu pilot (the notwist) – währenddessen wurde mir als musikwunsch manfred krug angetragen, leerte die tanzfläche mit erlend oye (every party has a winner and a loser) und dann war mein akku glücklicherweise alle – er würgte gerade noch sticks ’n‘ stones (jamie t) raus. das bereits vorausschauend erfaßte problem war,  daß die musik keiner der anwesenden kannte. zu neu, zu elektronisch, zu wenig zum mitgrölen schlichter laute (lalala und dergleichen) und zu wenig vertraute melodien.

zwar war ich froh, daß ich endlich abgelöst wurde, weniger begeistert reagierten aber meine gehörgänge auf die evergreens am laufenden band. macht nichts, wenn die mehrheit lieber zu michael jackson, queen und david bowie mit under pressure oder felicita von al bano und romina power die eingerosteten knochen in den seligen hafen der vergangenheit schunkelt.  mr. und mrs. aufziehvogel hatten nun den schlüssel im rücken stecken und hüpften mechanisch mit oder neben dem vertrauten und 1000 mal gedudelten takt. da offenbarte sich in allerschönster pracht der kontrollierte entwicklungsstillstand. neinneinnein, wir werden nicht älter und unseren musikgeschmack ändern wir auch nicht mehr. ich kam mir nur ein bißchen vor wie an einer äußerst reichhaltigen fossilienfundstelle. ach, wie ich subkultur liebe…

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niemand da

durchaus ein beispiel für den individuell äußerst dehnbaren begriff gleich ist dieses ladenschild auf dem feinkostgelände in leipzig. da prallen unterschiedliche wahrnehmungen aufeinander, wenn der scheinbar gut gelaunte verkäufer sich für eine vage zeitspanne irgendwo befindet, der kunde anstatt vor einer verschlossenen tür wohl lieber seine zeit in einer warteschlange vergeudet hätte. verständnis wird vorausgesetzt und kann man auch bis zu einem gewissen punkt entgegenbringen, wenn denn der verkäufer alleine in dem laden arbeitet. wenn mich das schild beim zweiten besuch auch noch milde stimmen soll, muß ich sagen: das funktioniert bei mir nicht. schließlich hängt es sogar sonntags in der tür, dann würde gleich einem zeitraum von 44 stunden entsprechen. ich stehe mir doch nicht die beine in den bauch, weder für ipads noch für latschen. da kann die zeit noch so relativ sein.

wartehallenhölle

schizophren anmutende gegensätze boten sich vor genau einer woche am ersten tag der leipziger buchmesse zwischen den messehallen. besucher in sommerlichen t-shirts, dazu ein letzter schneeberg. ich gehöre ja nicht zu der sorte mensch, die beim ersten sonnenstrahl übergangslos von warmen hüllen zu nahezu unbedeckter haut wechseln, deswegen treffe ich diese menschen auch eine woche nach dem lang ersehnten frühlingswetter mit schniefnasen im wartezimmer wieder. leider hatte ich die wetterbedingungen nicht bei der planung meiner arzttermine berücksichtigt, so weitsichtig bin ich dann doch nicht, sondern lediglich mein eigenes zeitfenster im auge. das sagte mir eindeutig: wenig arbeit, kaum termine, zeit für dinge, zu denen man im alltag nie kommt, weil die praxen lange vor meinem aufstehen öffnen und lange vor meinem feierabend wieder schließen. das trifft sich eben fast nie. mit einem anflug leichten ekels beobachtete ich die wartenden, wie sie ihre keime in den ausliegenden zeitschriften verbreiteten und fremde hinzukamen, manche leckten sich währenddessen und danach sogar die finger, als handelte es sich bei den bakterien um das rechts- oder linksdrehende dessert. die pure hygien(i)e!

ich hatte mich also drei monate vor dem nächsten techno-industrial-sound-termin anmelden müssen, wobei ich mich manchmal frage, ob ich wohl schneller in die mrt-röhre geschoben worden wäre, wenn mir das hirn schon aus dem kopf gequollen wäre oder ob man mich dann bereits für hirntod erklärt hätte, um kosten zu sparen. schließlich wollte meine ärztin ja nur wissen, ob meine bewußtseinsstörungen und denkaussetzer irgendetwas mit einem eingeklemmten nerv an der halswirbelsäule zu tun haben. wobei ich mit dieser diagnose deutlich glücklicher wäre, als mit dem vorher vermuteten hirntumor. und wenn man dann noch die zeitspanne kennt, die zwischen dieser andeutung und dem ausschluß liegen, kann man sich vielleicht eine vorstellung davon machen, daß die dicke meines geduldsfadens in etwa so schnell dahingeschmolzen war, wie der schnee bei plusgraden. ein häufig überflüssiges argument in solchen situationen lautet übrigens: mach dir keinen kopf. nee, bloß nicht! denn das ungewisse erklärt der von ganz alleine zur achterbahnfahrt.

nichtsahnend betrete ich also überpünktlich das wartezimmer und sehe mich in einem kreis von cirka 15 rentnern umzingelt, die alle noch vor mir dran sind, während ich aber wiederum nur drei untersuchungskabinen für die patienten ausmachen kann. das kann dauern. die zeit tickt bombenartig. leider fehlt mir die fernbediednung, um bis zu der stelle kurz vor der explosion in dem actionstreifen vorzuspulen. derweil fallen gehstöcke und krücken, becher und meine olfaktorische schmerzgrenze wird deutlich überschritten, weil sich kein fenster öffnen läßt, sich aber leider ein patient mit künstlichem darmausgang im raum befindet. ich vermisse den zeitpunkt der geruchlichen adaption und frage mich, welcher wissenschaftler dieses phänomen entdeckt haben will, während es stinkt und stinkt und weiter stinkt und ich wegen flachatmung kurz vor einer ohnmacht stehe. just in diesem moment des schlecht sitzenden nervenkostüms werde ich aufgerufen und fliehe einigermaßen begeistert in die duftwolke aus desinfektionsmitteln und ertrage die akustische beschallung und die enge röhre ohne jedes beruhigungsmittel. hinterher bedankte ich mich höflich für den gelungenen technovormittag, denn ja, man kann sich an vieles, aber nicht an alles gewöhnen. das weiß auch die sängerin charlotte gainsbourg hier zu berichten, die sich nach einer kopfverletzung sechs monate lang immer wieder dieser klopfgeräuschigen prozedur unterziehen mußte. endlich ist diese akustische erfahrung auch in ihren song irm des gleichnamigen albums eingeflossen. die musikalische zusammenarbeit mit beck hat dazu geführt, das süßliche ihres debütalbums 5:55 vergessen zu machen. jetzt müssen nur noch die ärzte und krankenschwestern einen weg finden, die musik während der behandlung abzuspielen und sich bei der terminvergabe weniger am unmöglich zu bewältigenden pensum zu orientieren.

voreilige jahresendzuckungen

nix für suppenkasper: die löffelfamilie auf dem feinkostgelände in leipzig.

seufz, hach, herrje, leute – wie die zeit vergeht. jahresspät. und diese langen, besinnlich-besinnungslosen nächte. lese ich doch vorgestern in einer beruflich an mich gerichteten mail diese zeile: einstweilen wünsche ich ihnen eine gute vorweihnachtliche zeit. sackartig rutscht meine stimmung in den kohlenkeller. auch mein zettelguru hat mich am donnerstag an der tür so ähnlich verabschiedet, nachdem er mir die bittermandelsumme der fälligen steuernachzahlung vorgekaut hatte und als gegenmittel eine tafel schokolade in die hand drückte (*fröstel*). auf der verpackung heißt es süßlich-vollmundig: weihnachtszeitverkürzer – für alle, die es kaum erwarten können; nur ist nichts davon zu lesen, wie der süßkram ganzjährig mastgänse aus uns macht. die drohende, fettleibige weihnachtszeit bildet dabei nur den  gipfel der ausreden. sahniger schmelz, der den rest hirnschmalz zerrinnen läßt, um sich dann mit übellaunigen vorsätzen in den topfboden des schlechten gewissens einzubrennen. es war  doch erst der 19. november. da muß man doch noch nicht in jahresendzeitliche zuckungen verfallen! können die leute sich nicht wenigstens bis zum 1. advent gedulden, um ihre verwünschungen in die welt zu posaunen? das muß echt anstrengend sein, so weit in der zukunft zu leben. spekulatius knuspernd in knirschenden spekulationen schwelgen, hmpf. bloß, wo bleibt da der erfahrungsraum für die gegenwart?

apropos abwesenheit: neuigkeiten werden in den medien in den nächsten wochen nur noch bedingt auftauchen. denn auch bei der abteilung informationshatz läuft die vorratsproduktion  von unbekömmlichen, ranzigen archivzusammenschnittchen auf hochtouren. spinnenverwebte redakteure entstauben ihre ollen kamellen und werden uns die gammeligen pralinen geschmückt mit herzzerreißenden superlativen als spendengalas und finest selection in jahresrückblicken darreichen. und bis silvester heißt es auf allen kanälen: the same procedure as every year. wer hat uns eigentlich diese billig produzierte instantsuppe eingebrockt? und welcher zwerg hat klammheimlich mein traditionsbewußtsein aufgelöffelt? kein vorwurf, sondern nur die suche nach einem @ für meinen dank.

wtf... im raw-tempel berlin proben zwerge den aufstand.

Einstweilen wünsche ich Ihnen eine gute vorweihnachtliche Zeit.einst

kreativer kunstprozeß in der pilotenküche

spinnereigelände

die baumwollspinnerei in leipzig ist eine riesige kunstbaustelle. wenngleich nicht immer mit den besten bedingungen für die dort arbeitenden künstler und galeristen. im atelier eines installationskünstlers mag der aufbaucharakter noch angehen, aber wenn es wie beim armen poeten überall reinregnet, dürfte das äußerst unangenehm für künstler und kreation sein. die baufälligen backsteingebäude wirken dennoch gerade in ihrem unsanierten zustand wie etwas, das vom altern ohne bedauern stumm berichtet.

während in den galerien nur die fertigen kunstprodukte zu sehen sind, wie beim galerierundgang, kann der besucher in der pilotenküche in halle 18 einblicke in den künstlerischen schaffensprozeß erhalten. in den räumen stehen neben staffelei, werkzeugkasten, farben und anderen materialen teilweise auch die betten und schränke von künstlern, die sich für vier monate dort zum arbeiten einquartiert haben. für die ausstellung ‚habidere‘ im frühjahr 2009 waren das markus bacher, tobias hild, stefan maier, christoph mayer (initiator), heike schäfer und eben lutz-rainer müller. das projekt vernetzt regemäßig seit 2007 jeweils drei künstler aus wien und drei aus leipzig für die gruppenausstellungen. 

da es offensichtlich unmöglich war, die entstehung der rußkunstwerke von lutz-rainer müller vor publikum zu präsentieren, ohne dabei ein großaufgebot an feuerwehrleuten in den ausstellungsateliers zu postieren, habe ich leider nur eine geringe vorstellung davon, wie er beispielsweise die nahezu regelmäßigen muster auf wand und papier gebracht hat.

ruß_kunst

freilich wirkt das papier ein wenig lädiert an den blatträndern, gleichwohl ahnt der rezipient etwas von der schönheit des feuers und des rußes. nicht umsonst glotzen viele zu hause in einen kamin und lauschen entspannt dem knistern der verbrennenden holzscheite. die flammen haben in diesem werk, das sich über die gesamte wand bis zur decke des ateliers erstreckte, ihre zerstörerische kraft verloren, die nur einen verkohlten haufen zurückläßt und die erinnerungen. ungeachtet der schönheit würde ich kindern und topfanbrennern dringend von der nachahmung abraten. kunst entsteht nicht automatisch beim kokeln.

russ_torso

an dem loch dieses ruß-torsos kann die rasche hitzeentwicklung bei einem so leicht entflammbaren material wie papier hinreichend studiert werden. oder doch die an funken leicht entzündliche erregbarkeit des menschlichen gemüts? das werk läßt mich an wärmebildkameras denken, obwohl das farbspektrum dort gänzlich anders ausfällt. ein wenig aber auch an narben, verrinnende zeit und an einen menschen mit tigerfell, obschon das auch nur falten und schatten im beckenbereich sein könnten. dazu gesellt sich die erinnerung des geruchs an verbranntes papier. die werke brennen ohne den schrecken der vernichtung, ohne den körperlichen schmerz einer verbrennung, sondern mit der entstehung von sanft-schimmernden schattenbildern aus ruß. sie haben sich in meine erinnerung eingebrannt. und wenn ich mich demenzbedingt irgendwann nicht mehr daran entsinnen sollte, helfen mir vielleicht die fotos auf die sprünge.

und noch mal: nicht zündeln… versprochen!?