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on and off…

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dan perjovschi: revolutiON OFF (drawings on the wall). es lohnt sich, die slideshow zu stoppen, um die texte zu lesen…

scheinbar simpel wirken die wandfüllenden zeichnungen des rumänischen künstlers dan perjovschi auf den ersten blick. und der besucher wird sich vielleicht gefragt haben, ob jetzt sogar schon kindergekritzel ausgestellt wird. auf den zweiten blick aber und im zusammenspiel mit den nachdenklich stimmenden kurztexten, die die konflikte unserer zeit mit wenigen worten auf den punkt bringen, wirken sie erstaunlich klug. wenn nur alle twitternachrichten solchen tiefsinn schürfen würden… obschon immer noch ein bißchen unbeholfen, dienen sie doch gleichzeitig als karikaturen des elitären kunstbetriebs. aus den textzeichungen sprüht witz, geist, kritik. ihre inhalte sind hochakuell, sprachverspielt und anspielungsreich.

perjovschi hat für die werkschau in der baumwollspinnerei in leipzig eine wand und teile der decke einer alten fabrikhalle mit schwarzem textmarker und weißer kreide bemalt. dieses großflächige wortbild läßt sich kaum aus goßer entfernung entziffern. man muß relativ nah an der wand entlanggehen oder den kopf tief in den nacken legen, um alle details erfassen zu können. das eine überkopf-foto ist dementsprechend leider ein wenig in schieflage geraten, da meine marode halswirbelsäule mich an einer langen perspektivwahl hinderte.

hier sind noch zwei videos über das projekt what happened to us? von dan perjovschi in der moma (teil 1 und 2).

kultobjektkunst

zynisch blickt der künstler marcel tasler auf unsere gesellschaft. er präsentierte bei der werkschau in der baumwollspinnerei in leipzig eine gallenbittere assemblage, die sich umfassend mit weltanschauungen, religion, gesellschaft, politik, konsum, werbung und indoktrination auseinandersetzt. leider war der standort für sein objektkunstwerk ziemlich unglücklich in einem engen gang gewählt (oder gehörte es dazu, daß ich mich fotografierend  immer mit dem rücken an der wand lang, von oben bis unten mit weißer kreide beschmierte?), so daß ich hier mit zwei fotos aufwarten muß, um einen eindruck zu vermitteln.

flipper2auffällig sind zunächst die verschiedenen kreuzformen und kultobjekte. kirchenkreuz und hakenkreuz als kultiges interieur. die untere schublade des raumteilers läßt sich nach belieben herausziehen, um die rechte gesinnung je nach laune zu offenbaren oder schlecht zu kaschieren. auch die tigerente wurde in hakenkreuzform angefertigt. sie ergänzt das dunkelbraune nationalistisch-unheimelnde mobiliar um die thematik des markenkultes. ebenfalls als dekoration sehen wir oben links den heiligen gral aus weißem glas mit pompons, der zugleich die geschichte der mythen refklektiert. daneben steht ein füllhorn, das überfluß und reichtum als maß des glückes symbolisiert. an den wänden hängen drei bilder. eine silhouette mit einer menschenkette aus anhängern des rassistischen geheimbundes kuk-klux-klan. darüber die persiflage auf die fernsehreligion mit den film- bzw. serienstars flipper (delphin) und lassie (collie, falsche schreibweise oder meine fehlinterpretation).

flipper1im rechten bereich des wandelbaren hakenkreuz-raumteilers sehen wir eine stoffpuppe liegen. sie ist vollkommen verstümmelt, und erinnert – klein und unscheinbar wie sie ist – an die opfer (auch des faschismus). sie liegt im halbdunkel, fast dem vergessen anheimgegeben. an der wand das dritte bild, eine kombination aus typischem landschaftskitsch und heimatgedöns, allerdings verfremdet. diese heile eia-popeia-welt existiert nicht mehr für den denkenden menschen. die landschaften sind mit müll überzogen. der mensch hat den blick für die naturschönheit verloren, mit einer schwarzen mülltüte über dem kopf. die bildsprache scheint einfach und ist in ihrer menge dennoch verwirrend. alle dargestellten themen haben nicht an aktualität verloren. die theologin, friedens- und umweltaktivistin dorothee sölle benannte diese gesellschaftlichen tendenzen denn auch als christofaschismus.

als ich all diese un/menschlichen schöpfungen angeordnet sah, war ich erschöpft. zwar fehlt die kreisform des hamsterrades, der kreis ohne anfang und ende, die unendlichkeit. aber eben gerade dieser mangel verweist auf die eigene endlichkeit, in der man sich der tyrannei in vielfältigster weise aussetzt, oft ohne aufzubegehren oder erst, wenn es zu spät ist, wenn die verluste die eigene existenz bedrohen. das prinzip hoffnung befreit leider nicht von der eigenverantwortung. hoffnung ist keine ergebenheit gegenüber einem unabänderlichen los. äußere anpassung, das zeigt die ungemütliche inneneinrichtung, zieht unweigerlich auch eine vereinnahmung und verstümmelung der denkweise nach sich. gleichschaltung lautet hier die altbekannte gefahr, der außenzensor wird zum innenzensor, weil man auf keinen fall seine bequemlichkeit, seine  innere ruhe aufgeben möchte. freiheit mit einem schwarzen müllsack über dem haupt? wie soll das bitte gehen? ich ziehe das düstere plastikding jetzt mal wieder vom kopf runter und atme tief durch. schon viel besser! ich sehe die götzenbilder und versuche sie mit röntgenblick zu analysieren.

blauschimmer

tiefe eindrücke hat die heute merkellose werkschau der künstler aus der baumwollspinnerei zum 125-jährigen jubiläum bei mir hinterlassen. aber auch seelendruck, weil viele der ausgestellten arbeiten die uns umgebende welt mit einem skalpellblick durchdringen. ich kann das unmöglich in einem beitrag abhandeln, weil ich sonst die würde gegenüber der künstlerischen reflektion vernachlässigen müßte, und weil ich mich obendrein unter einer art schockrausch befinde. beginne ich einfach mit dem ausgestellten acrylgemälde von nina k. jurk, deren arbeit leider wie alle stücke ohne titel in halle 12 zu besichtigen ist sowie dem ölgemälde ‚cloud chamber‘ des irischen malers david o’kane.

blaues-kindverschwommen, nicht weil ich im vorbeigehen geknipst hätte. blauer lichtschein im gesicht eines paralysiert bis wahnsinnig blickenden jungen. die augen ohne linsen und pupillen oder zumindest vollkommen verdreht. vom gesehenen? das lachen wird hinter der linken hand teilweise verborgen. die bildkomposition wirkt bösartig, aggressiv, dunkel und zugleich wie ein sog. links im hintergrund ist ganz unscharf noch ein zweites gesicht zu erkennen, das aus dem bild zu schauen scheint, auf keinen fall aber das kind beachtet. insgesamt erinnert mich die unheimliche szenerie an die stimmung in den büchern von stephen king oder in der mystery-fernsehserie fringe. bestürzend, widerwillen erzeugend und dennoch magisch. ich starrte in etwa so gebannt auf das bild, wie das kind von irgendeinem geschehen auf einem monitor (spielekonsole, computer oder fernseher) gefesselt zu sein schien. wir alle wissen, daß kinder mitunter monströses verhalten an den tag legen. ja, vielleicht monstermedien und monsterkind. das kind ist sich der medialen kontrolle und versuchung nich bewußt. ist es denn der erwachsene mensch immer? sehsucht geboren aus unerfüllten sehnsüchten, so meine zugegeben kunsthistorisch laienhafte sichtweise.

vulkan1das zweite werk, die nebelkammer von o’kane, wirkt nicht minder erschreckend. ein menschliches versuchskaninchen, dessen kopf explodiert ist. aus dem körperrest steigen dunkle rauchwolken empor. um das vereiste podest, auf dem die füße des opfermanns nackt stehen, scharen sich vier kernforscher in schutzanzügen. nur der vordere scheint sich für die explosion zu interessieren, während die anderen drei ratlos nach einem knopf zum abschalten am stuhl oder am rücken des vulkanischen mannes suchen. die überbleibsel des sich entladenden mannes wirken teilnahmslos, füße und hände liegen entspannt gekreuzt übereinander. seine haltung strahlt nach außen hin gelassenheit aus. warum detoniert sein kopf? weil sich ein gefühlsstau entlädt? weil er innerlich ausgebrannt ist von der arbeitswelt, die zu viele opfer von ihm abverlangt (burnout-syndrom)? weil ihm wissenschaftler einen chip implantiert hatten, der einen defekt hatte (the matrix)? ich bin momentan voller unbeantworteter fragen und unruhe. deswegen ziehe ich mich nun zur kontemplation zurück. wenn jemand interpretationsvorschläge hat, sind diese wie immer willkommen.

ich will dir sagen, wieso du hier bist. du bist hier, weil du etwas weißt. etwas, das du nicht erklären kannst. aber du fühlst es. du fühlst es schon dein ganzes leben lang, daß mit der welt etwas nicht stimmt. du weißt nicht was, aber es ist da. wie ein splitter in deinem kopf, der dich verrückt macht. dieses gefühl hat dich zu mir geführt (filmzitat von morpheus aus the matrix).