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moderne robinsonade

als ich am mittwoch zu petro steigolino ins atelier radelte, spürte ich unterwegs den gegenwind, dem ich mich unentwegt entgegen stemmte. es ist wie ein kräftemessen mensch versus natur, dabei bin ich doch nur ein verschwindend geringfügiges elementarteilchen, mit dem die welt spielt, das mit der welt spielt, das sich im strom treiben läßt oder nach der quelle sucht. petro hatte mich eingeladen, um die vorbereitungen für seine neueste aktion fotografisch zu dokumentieren. auf dem foto sieht man schritt 2 zur flaschenpost – der etikettenschwindel weicht im regenwasser auf.

wer kennt ihn nicht, den roman robinson crusoe von daniel defoe. seit ich ihn als kind gelesen hatte, war kein gewässer mehr vor mir sicher. ich hoffte, erträumte, ja wünschte mir, die nachricht eines fremden in einer im wasser treibenden flasche zu finden. ich rechnete nicht unbedingt mit dem hilferuf eines modernen schiffbrüchigen. ich weiß nicht, was ich von der darin enthaltenen botschaft erwarten sollte. nichts bestimmtes, aber etwas überraschendes. so tapste ich mit hochgekrempelten hosenbeinen durch diverse bachläufe, rutschte auf glibbrigem untergrund aus oder saß an der ostsee, lauschte dem beruhigenden wellenrauschen, suchte den strand nach fundstücken ab, schleppte zum leidwesen meiner eltern muscheln, hühnergötter, einen versteinerten seeigel und einen donnerkeil an und im gepäck mit nach hause. aber nie erreichte mich eine flaschenpost, allenfalls trat ich barfuß in scherben und mußte die schnittwunden mit heftpflaster verarzten.

und nun im zeitalter der digitalisierung kann man ja kaum noch mit derart altmodischen mitteilungen rechnen. da blinkt der instantmessenger oder piepst jämmerlich, bei skype ploppen fenster mit nachrichten von unbekannten auf, obwohl ich nur für meine kontakte sichtbar sein sollte, da wählen unbekannte teilnehmer ins blaue hinein meine handynummer, weil sie das alleinsein nicht ertragen, in sozialen netzwerken rotten sich unbekannte zusammen und nennen das freundschaft. und können ihre einsamkeit auch durch tausend statusmeldungen am tag nicht durchbrechen. ein gefühl des unerfüllten lebens bleibt. ein leben vor dem schirm und hinter dem schutzschild der virtualität.

ich schätze einige technische errungenschaften sehr, beispielsweise weil meine handschrift einfach grauenhaft ist und mich selbst oft vor unlösbare rätsel stellt. dennoch bin ich jedes mal hocherfreut, wenn ich mal eine postkarte aus dem briefkasten fische und hüte sie dann wie einen schatz in meiner briefbox aus karton. um so sehnsüchtiger erwarte ich petros sehr schöne aktion an diesem sonntag (16. mai) im johannapark. ab 17 uhr können zaun- und geladene gäste aus dem teich an der kleinen holzbrücke ihre eigene flaschenpost fischen, die jeweils einen handgeschriebenen brief und eine originalarbeit von petro enthält. det janze is freilich nur in limitierter auflage vorhanden. ich muß hoffentlich nicht baden gehen, um in den besitz eines exemplars zu kommen. hat jemand zufällig einen kescher übrig?

musikalisch stimme ich mich auf das ereignis selbstredend mit dem song message in a bottle von police ein.

rauchzeich(n)en

wärmende frühlingssonne bringt meinen körper auf dem balkon zum dampfen. während ich diesen text klöppele, rauche ich bzw. der kopf qualmt, die lunge inhaliert, neos bilder hängen. heute wurde die retrospektive pünktlich zum 50. geburtstag von neo rauch im museum der bildenden künste leipzig eröffnet (es folgt die eröffnung der doppelschau in der pinakothek der moderne münchen am 20. april). ich zerlaufe also in der sonne, versuche mit dem mund rauchkringel zu formen, starre den gelungenen verträumt hinterher, während sich die kunstsinnigkeit im museum vor den gemälden ballt und sich meine gedanken knäulen, weil es doch so besondere ereignisse sind, über die ich schreiben möchte. fünfzig zu werden und dabei neo zu heißen, weltberühmt zu sein und von den härtesten kritikern als maler mit deutschem dackelblick geschmäht zu werden. eine doppelschau zum runden geburtstag bei gleichzeitig eingepackten verbalen tiefschlägen. schleife auf, geschenkpapier entfernt. und naja, manche geschenke könnten wirklich nicht schlechter ausgesucht sein. das kennen wir alle. manche täuschen daraufhin freude vor, andere zeigen ihre enttäuschung. neo rauch gehört zu den verletzlichen. in den feuilletons versammeln sich also freund und feind, die sektflöten klirren beim anstoßen und die säbel rasseln beim aufstoßen. und ich, ich habe lange auf diese ausstellung gewartet. vorher immer nur einzelne werke gesehen, die dann schnell in privatbesitz verschwanden. denn rauch verkauft sich gut, nach wie vor. manche sollen ja sogar nach rauch süchtig sein.

ich sitze nicht gerne zwischen den stühlen, denn der harte boden ist kalt, auf dauer unbequem. ich bin keiner von diesen fans, die jede gelegenheit nutzen, ihrem star auf die pelle zu rücken. die nach new york reisen, nur um dieses eine, neue gemälde zu sehen. mit einer kritischen natur geboren, wird man schlecht zum anhänger, jünger, prediger. ich bleibe auf distanz, zu den dingen und zu den meisten menschen. und doch ist mein innenleben keinesfalls ein unterkühltes. die emotionen brodeln in den eingeweiden, jagen durch die adern, rasen im hirn, bis sie wieder eingefangen werden. von der ratio geschnürt und gedrosselt. in den träumen weiter abgehandelt zwischen halb realem alpdruck und phantasie. wiedergänger im schlaf. nichts vergessen. alles verwirren. feuer entfachen. brandherde löschen oder ersticken. plötzliches begreifen, um dann aufzuwachen und nur noch bruchstücke von dem erträumten zu wissen, bis alles aus dem kopf gelöscht ist. und die fragen mich bestürmen. die rätsel, die ich noch nicht oder nicht mehr lösen kann.

so bin ich am ehesten apologetin, wenn ich an eine diskussion über das für und wider der kunst von neo rauch zurückdenke. der einwand, wahre kunst könne niemals mainstream werden, er klang unlogisch. er klang wie: nur ein toter künstler ist ein guter künstler. oder nur ein verkanntes genie wird in der nachwelt gewürdigt. der lebensleidensweg als pfad zum postumen erfolg. als ob leben nicht schon genug leiden (und sei es das der anderen) wäre. als ob der schrei des menschen stumm sein müsse und erst als verspätetes echo gehört würde. als ob es keinen schmerz gäbe und die welt nur aus freudentänzen bestünde.  also ob tränen nur als freudentränen über die wangen kullern. jauchzet! frohlocket! los, das ist ein befehl! und dann tun sich gräben auf, zwischen den empfindsamen und den hartgesottenen. zwischen den ängstlichen und den zupackenden angreifern. zwischen denen, die licht- und schattenseiten kennen und denen, die den schatten im innersten verschließen, um als stählerner barbar das fürchten zu lehren. das eine und das andere. das kämpfende ich und die konflikte der welt. ich sehe  sie wieder in den simultanen oder überlagerten sur/realen bildwelten von neo rauch. deren inhalt sich mir bis zu einem gewissen grad erschließt, nur um ein quentchen an deutbarer verweigerung in mir einzupflanzen. die unerträgliche schwierigkeit des seins, das unaussprechliche, die vielen offenen fragen. und eine, die sich klärte. künstlerischer erfolg heißt nicht zwangsläufig inhaltliche nichtigkeit oder oberflächliche ’schönheit‘. die zwei abstrakten striche des künstlerischen gegentrends bedeuten mir die linien ins nichts des denkens. die sich wohlgefällig in eine kühle, großzügige wohnlandschaft einfügen, in der das graue schneller graut. wo die nägel und haare wachsen, aber die gefühle tot sind. wo das bett der vorzeitige sarg ist. und die dort lieblos verschossenen spermien vermutlich eine weitere totgeburt zum leben erwecken. die genetik des bösen und der eisernen härte gegen sich selbst und das fremde.

sich in etwas vertiefen. eindringen. vordringen. es erobern. sich intensiv mit dem sanftwütigen beschäftigen. sich auf etwas einlassen. graue theorie und bunte wirklichkeit. für mich vermischt es sich zu einem vielstimmigen konzert. ich lausche. lasse mich mitreißen, nicht vom schluchzenden einlullen. entziehe mich dem selbstmitleid. wechsle zum ironischen. wandere durch die zeilen des ausstellungskatalogs begleiter. verfange mich in uwe tellkamps großartigem, dichten und wissenden text hermeswerft. uhrenvergleich mit neo rauch. hadere mit dem wahnsinn in jonathan meeses beitrag neo rauch, dienstvermerk „saint just“ – stets zu diensten: diene der kunst wie neo, es bringt’s: ei, der mit den stilistisch arm, aber eng umklammerten worten schließt: (der mensch ist spielzeug der kunst, toll, toll, toll, sehr gut, neo). die ‚billigausgabe‘ des katalogs (38 €) erinnert mich äußerlich an die alten schutzumschläge aus pvc-belag für bücher, in der farbwahl an ddr-schulfußbodenbelag. die farbgestaltung bei der hardcoverausgabe (49,80 €) ist deutlich gelungener. und die druckerfarbe der günstigen variante stinkt zum himmel, sie riecht nicht wie ein gutes, druckfrisches buch, weswegen ich das großformatige dann doch nur auf dem balkon lesen kann. ich habe mir den katalog schon vor dem ausstellungsbesuch gekauft, um ein einen tiefen atemzug lang an der gestaltwelt des neo rauch zu schnuppern. das ist unter den gegebenen olfaktorischen belastungen nur schwer möglich. ebenfalls zum naserümpfen ist die abbildung querformatiger gemälde über zwei seiten. auf diese weise hat man immer schön einen knick in der optik. nun ja, ein paar details sind schon erkennbar. und überhaupt kann man den katalog drehen und wenden, wie es einem beliebt. man könnte beim lesen auch einen kopfstand machen.

den gesamteindruck werde ich ohnehin erst beim besuch der ausstellung bekommen. bis dahin verbleibe ich in aufgeregter vorfreude mit den besten glückwünschen zum geburtstag.

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neo rauch. begleiter. ausstellungskatalog. hrsg. v. bernhart schwenk, hans-werner schmidt. gestaltung: maria magdalena koehn. hatje cantz verlag: ostfildern, 2010.

link zur doppelausstellung

fake flakes

just ein paar tage vor beginn des brimboria kongresses – die subversive strategie des fake vom 16.-18. april im westwerk in leipzig habe ich diesen sticker der autonomen antifa an einem hauptstraßenschild in der august-bebel-straße entdeckt. die lausitzer antifa hat sich als ein fake-musterbeipsiel die verpackung  und das maskottchen tony the tiger (nur ein bißchen errötet) der kellogg’s frosted flakes einverleibt. auf der verpackung sind folgende slogans aufgedruckt: now rebel revolt resist. gegen ns-kameradschaften! nazis wegspachteln! 0,0 g nazis.

bereits seit der gründung der apfelfront in leipzig im jahr 2004 wird das politische engagement einzelner gruppen mit dem mittel der parodie angereichert.  das auftreten der aktivisten im schwarzen block kann man nur anhand der verfremdeten symbole zuordnen, was zunächst natürlich für gewollte irritationen sorgt, weil man die unterscheidungsmerkmale suchen muß.

wir kennen eine ähnliche geste der verwendung von signierten und in neuem kontext ausgestellten alltagsgegenständen in der kunst von marcel duchamps ready-mades oder später dann von andy warhols seriellen tomatensuppen-dosen, die in einer zeit der industriellen massenproduktion die reibung zwischen original und reproduktion hinterfragten. das fake ist nochmals eine sonderform. während in der anonymen netzkultur nie ganz klar ist, welche identität sich dahinter verbirgt und man sich mit rollenspielen und täuschung konfrontiert sieht, ist das fake in der kunst mit deutlichen hinweisen auf den ursprung gespickt, weswegen die fälschung leicht erkennbar wird. es ist ein satirisches spiel und ein bruch mit den gewohnheiten, die im idealfall beim betrachter kritische reflexion und neue sichtweisen auf politik und gesellschaft evozieren. zu diesem thema wird martin sonneborn als interviewpartner am samstag sicher viel zu erzählen haben…

(c) brimboria-kongress.net

gekünstelt

isser nicht schön gewesen der erste tag mit zehn grad über null? naja, wenn man mal von den dreckschneehäufchen absieht, die stellenweise hartnäckig winterliche bodenkälte demonstrieren. ja, das kann eine stadt schon ziemlich verunstalten und bewohner wie besucher erahnen lassen, welches ausmaß an grobstaubbelastung hier herrscht. zusammen mit den aufgeweichten böllerüberresten und zigarettenstummeln macht das optisch nix her. ob es in meiner lunge wohl auch so aussieht? vermutlich annähernd. kaum tirilieren die vögel mir frühlingserwachen ins ohr, krächzt mein hals wie eine verstimmte krähe und gibt nonverbale signale von sich, die mich an diesen ominösen theaterhusten erinnern, der mich regelmäßig in überfüllten räumen mit klimaanlagen und konzentrierter stille ereilt. und offenbar weil es meinem werten körper gerade zu idyllisch ruhig erscheint, mischen sich abwechselnd entweder mein weiträumig vernehmbarer, knurrender magen oder aber ein gekünstelt wirkender hustenreiz in die geräuschlosigkeit. die hausmittelchen (ich bitte darum, von weiterführenden tips abzusehen) schlagen irgendwie nicht an, dafür knarzen die stimmbänder und rasseln die lungenflügel was der somaorchestergraben eben so hergibt. das hals-lungen–nasen-konzert stülpt sich aber auch über mein hirn, das mit einer gewissen denkunwilligkeit im frühlingsschlaf schlummert. so gibt es hier heute nur unsinniges zu berichten.

apropos unsinn: wer nicht kränkelt, sollte sich heute abend unbedingt in der nato das komikkonzert von dekadance (das hat – mein indianerehrenwort – absolut nichts mit westerwelle zu tun!) anschauen und anhören. mit von der partie ist die von mir hoch geschätzte gabi schubert (alter ego von olaf schubert, der gerade mit dem deutschen kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde).

die extrem tiefstehende nachmittagssonne schaffte es heute aber auch, diesen eigentlich vollkommen häßlichen, architektonsichen bauklotz in der goldschmidtstraße mit reflektiertem lichtspiel zu verzaubern. ich konnte dem fotomotiv nicht widerstehen, obwohl ich nun einmal mehr auf einem überwachungsvideo auftauche. bäh… ich hoffe, ich habe genug grimassen geschnitten.

hgb-rundgang

heute um 18 uhr werden sich wohl wieder die kunstgeier auf die lose stürzen, um für 30 euro ein kunstwerk von dozenten und studenten der hgb zu ergattern. denn dann beginnt der tradtionelle hgb-rundgang in leipzig und der ansturm auf den kunsterwerb nach dem zufallsprinzip. da werden werte kurzzeitig umdefiniert. mal sehen, ob ich mich heute schon in das schaulaufen der künstlerszene begebe oder lieber eine ruhigere minute am wochenende abpasse, um die exzentrik der vernissage zu meiden und mich dann mehr der werkbetrachtung widmen zu können. wird wohl von meiner stimmung abhängen. manchmal habe ich einfach keine lust auf das dort überproportional zahlreich vertretene exaltierte gehabe.