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der mensch als parfümierter affe

riechen als dualismus

auszug aus meiner magisterarbeit ‚rose is a rose is a rose‘ (gertrude stein) – geruchskostüme in der kunst

das deutsche wort nase geht zurück auf die begriffe naris aus dem lateinischen und dem altindischen nasa. letzteres ist ein dualwort und beinhaltet zwei wesen oder verbformen für zwei zusammengehörige tätigkeiten und vorgänge, nämlich das atmen und das riechen. die wörtliche übersetzung lautet korrekt ‚die beiden nasenlöcher‘. die singuläre verwendung des wortes naris meint soviel wie nase, nasenloch, nüster, erst aus der pluralform ergibt sich die verbindung zu dieser duplizität, die sich dann in der bedeutung von nase und nüstern zeigt. im weiteren sinn wird das wort aber auch in der konnotation feine nase, scharfsinn, feines urteil verwendet.

daß jäger und sammler ihre nahrungsquellen einerseits aus beobachtung von tieren, andererseits aber auch durch eigene geruchs- und geschmacksproben erschlossen haben, verweist auf den ursprung des wortes als ausdruck einer feineren geruchswahrnehmung. immer wieder kann im supermarkt oder auf dem wochenmarkt beobachtet werden, wie menschen an obst und gemüse schnuppern, um reifegrad und qualität zu beurteilen. der Kern dieses rituals dürfte auch darin zu sehen sein, daß sie nach wie vor prüfen, ob etwas eßbar oder ungenießbar ist.

tatsächlich fand der kalifornische wissenschaftler noam sobel von der stanford university in palo alto heraus, daß die luftzufuhr in beiden nasenlöchern unterschiedlich stark ist und sich die nasenlöcher bei der aktivität abwechseln. er vermutet als ursache für die entschlüsselung der erstaunlich vielfältigen geruchlichen umgebung die differenzierten strömungsgeschwindigkeiten der luft in beiden nasenlöchern. wenn ein geruch aufgenommen wird, passiert er zunächst die nasenschleimhaut, wo er an geruchsrezeptoren vorbei schwebt. die riechzellen saugen die duftmoleküle regelrecht auf und vermitteln erst dann eine geruchswahrnehmung. feinere duftmischungen kann ein mensch nur bei äußerster konzentration und viel training decodieren. ein parfumeur verwendet etwa 3000 synthetische duftstoffe und 150 natürliche ätherische öle. das übersteige, wie der parfumeur günther ohloff im buch ‚irdische düfte – himmlische lust‘ schildert, die speichermöglichkeit des gedächtnisses. deswegen wird seit 1997 in paris ein atlas der duftstoffe erstellt.

bei den beobachtungen über die funktionsweise beider nasenlöcher stellte noam sobel fest, daß düfte nicht nur unterschiedliche eigenschaften besitzen, sondern einige für die nasenschleimhaut besser zu verarbeiten seien. die Intensität ihrer wahrnehmung nehme zu, je schneller sie an den geruchsrezeptoren vorüber flögen. im langsameren nasenloch hingegen könne ihre volle Wirkung kaum entfaltet werden, weil sie dort schon von den ersten rezeptoren vollständig geschluckt würden. entscheidend für die entstehung einer geruchswahrnehmung scheint daher zu sein, mit welcher geschwindigkeit sie im oberen nasenbereich auf die riechrezeptoren trifft.

konträr zur aufnahme angenehmer gerüche, würden ‚gestanksmoleküle’ eher widerwillig auf die nasenschleimhaut treffen. wenn unangenehme gerüche die nase langsam durchstreifen, würden sie trotzdem von den rezeptoren aufgenommen und lösten einen abwehrreiz aus. sobel schildert den vorgang:

‚es ist zwar nicht so, daß man mit dem einen nasenloch äpfel und mit dem anderen apfelsinen riechen kann, aber dennoch ist der unterschied groß genug, daß wir geruchsnoten links und rechts unterschiedlich stark wahrnehmen.‘

so betrachtet, scheint das altindische wort ’nasa‘ einer wesentlich präziseren erfahrung von natürlichen, separierenden vorgängen zu entspringen, die vermeintlich in vergessenheit geraten ist. für das riechen ist ein vielfaches an genen im vergleich zum sehen zuständig. das menschliche genom für visualisierung enthält nur drei bauanleitungen für die eiweiße der sehzellen und deren farbwahrnehmung. ein weiteres gen ist für die hell-dunkel-wahrnehmung verantwortlich, schrieben die redakteure brodmerkel und berg in ihrem artikel ‚der richtige riecher‘ in der ‚berliner zeitung‘ (05.10.2004, s.13). 1991 entdeckten die mikrobiologin linda b. buck und der molekularbiologe richard axel, daß der mensch genau wie alle anderen säugetiere über cirka 1000 riechgene verfügt. in den genen wird die information der spezifischen geruchsrezeptoren der cilien (nervenfortsätze von riechzellen) festgelegt. so habe axel im dezember 1995 geschlußfolgert:

’schon dieser hohe aufwand mag anzeigen, welche bedeutung der geruchssinn bei den meisten säugern für das überleben und die fortpflanzung hat.‘

die unmittelbare, strikte bewertung bei der geruchswahrnehmung macht seine besonderheit aus. geruchseindrücke werden in wesentlich stärkerem maße als etwa sehen, hören oder tasten von emotionalen und bewertenden reaktionen begleitet. so ist es beispielsweise schwer möglich, sich des widerwillens, mit dem ein unangenehmer geruch (z.b. stinkbombe) zum rückzug rät oder der attraktivität eines essengeruchs mental zu entziehen. der verstand scheint durch gerüche jedweder art zeitweilig auszusetzen. deswegen kann der geruchssinn als absolut subjektgebunden oder selbstbezüglich charakterisiert werden. deutlicher als in anderen sinnesbereichen zeigt sich bei der chemischen stimulation der nasenschleimhaut, daß wahrnehmung nicht mit reizregistrierung gleichzusetzen ist, sondern auf einer wechselwirkung von perzeption und motivation, sensorik und motorik beruht, sodaß gerüche stark an personen, gegenstände, räume oder situationen gekoppelt erscheinen. urteile und menschliches handeln sind demzufolge viel enger an sinnliche wahrnehmung gebunden, als lange zeit angenommen wurde.

antonio r. damasio behauptet in seiner studie ‚gefühl und bewußtsein‘ sogar, daß gefühle grundlegende voraussetzung für menschliches bewußtsein bilden und erklärt diese these mit den chemischen und neuronalen veränderungen, die das gehirn auslöst, wenn reize als gefühlsauslöser an bestimmte regionen des gehirns (hypothalamus, basales vorderhirn und amygdala) weitergeleitet werden:

‚das ergebnis, der oben beschriebenen chemischen und neuralen befehle, ist eine globale vernetzung im zustand des organismus. die organe, die die befehle erhalten, verändern sich in reaktion auf die befehle. so bewegen sich die muskeln – egal ob die glatten in einem blutgefäß oder die quergestreiften im gesicht -, wie ihnen geheißen. doch auch das gehirn wird verändert. die ausschüttung chemischer stoffe, etwa von monoaminen und peptiden aus bestimmten regionen des hirnstamms, verändert die arbeitsweise zahlreicher schaltkreise im gehirn und löst spezifische verhaltensweisen aus – unter anderem bindungsverhalten, spielen oder weinen. die ausschüttung chemischer substanzen kann auch die repräsentation des körpers im gehirn verändern. mit anderen worten, das gehirn wie der körper im engeren sinn werden umfassend und tiefgehend durch die befehle beeinflußt, obwohl der ursprung dieser befehle auf ein relativ kleines hirngebiet begrenzt ist, das auf ein bestimmtes geistiges ereignis reagieren muß. kurzum, alle gefühle benutzen den körper – zum beispiel seine innere chemie, seine eingeweide und seine muskeln – als theaterbühne… gefühle sind ein allgegenwärtiger tatbestand des menschlichen lebens, und sie üben ihre wirkung durch empfindungen aus. durch empfindungen, die nach innen gerichtet und privat sind, machen sich gefühle, die nach außen gewandt und öffentlich sind, dem geist bemerkbar. letztlich ist es das bewußtsein, das den gefühlen ermöglicht, besonders tief und nachhaltig auf den geist einzuwirken.‘

damasio schildert den körper als medium seiner emotionen, die sein gesamtes verhalten und denken anregen, bestimmen und immer wieder neu gestalten. im alltäglichen gleichklang mag das vielleicht nicht besonders auffällig spürbar sein. aber: welcher mensch hat nicht schon einmal so intensive trauer oder glücksgefühle erlebt, daß er bemerkte, wie viel mühe es bedarf, um sich in solchen extremsituationen auf lernen, arbeit und andere gewohnheitsmäßige verrichtungen zu konzentrieren? immer wieder springen die gedanken oder schweifen ab. eine ähnliche stimulation und gesteigerte wahrnehmung bietet auch (performative) kunst in einer art gemeinsamer verabredung zur umbesinnung, versinnlichung und alltagsferne.

die Wahrnehmung von (körpereigenen) gerüchen und die gezeigten gefühle entziehen sich der selbstverortung in dem maße, wie unbestimmt die wirkung auf das menschliche gegenüber letztlich immer bleibt. glaubwürdig gemeinte, tolerante interaktion kann diesem problem von fremd- und selbstbestimmung abhilfe schaffen. selbst wenn ein mensch versucht, seine gefühle hinter einer fassade der undurchdringlichkeit zu verbergen, kann sein geruch ihn verraten. so wird zum beispiel in prüfungssituationen meistens scharf und beißend riechender angstschweiß über die hautoberfläche abgesondert, den nicht nur spürhunde oder bluthunde wittern. peinlich erscheint es dann, wenn sich unter den achseln, begünstigt durch synthetische stoffe, feuchte ringe abzeichnen.

exkurs: le pétomane

auszüge aus meiner  magisterarbeit „rose is a rose is a rose“ (gertrude stein) – geruchskostüme in der kunst

kapitel 5.8. exkurs: le pétomane

b:anale körperunst

joseph pujol ist ein perfektes beispiel für die verdrängung der ‚niederen’ sinne und des ‚trivialen’ aus den offiziellen kunstannalen. mit den ‚afterkunst-performances’ begann er seine karriere in den 90er jahren des 19. jahrhunderts auf der sogenannten elefantenbühne im garten des moulin rouge in paris und kassierte in seinen besten bühnenjahren eine tagesgage von 20.000 franc.  seine po-kompositionen müssen wie ein publikumsmagnet gewirkt haben, wenn sich etwa die gefeierte schauspielerin sarah bernhard anläßlich eines gastspiels in der comédie française vor leerem zuschauersaal genötigt sah, diese tatsache in ihren lebenserinnerungen mit der zur gleichen zeit stattfindenden und ausverkauften aufführung von pujol zu begründen. während jedoch die bernhard als star der ernsthaften bühnenkunst noch heute ein hohes maß an bekanntheit besitzt, geriet die vulgär wehende, ephemere, darmdonnernde, (b)anale unterhaltungskunst auf der vaudevillebühne, die das publikum zum zügellosen johlen brachte, beinahe in vergessenheit.

der künstlername le pétomane ist eine ableitung aus dem französischen argotwort péter (zu deutsch: furzen). aber weder banausenhafter furz, noch medizinische blähung oder flatus scheinen geeignet, eine engere beziehung mit der ‚hochkunst’ einzugehen. lebensnähe verband pujol mit dem maler und graphiker henri toulouse-lautrec, der ein plakat für das moulin rouge entwarf, auf dem pujol in leicht nach vorne gebeugter haltung – wie bei einem servilen bückling aus hochachtung vor dem geneigten publikum – zu sehen ist.

henri toulouse-lautrec: le pétomane.

als medizinisches phänomen konnte der kunstfurzer durch den anus luft einziehen und durch gleichzeitiges, gezieltes luftschlucken wurden seine schließmuskeln zu singenden sphinktern. diese seltene anale anlage ermöglichte ihm geruchloses darmtönen, denn die luft war schließlich nicht mit abgestandenen, verdrückten verdauungsabgasen verpestet:

„für gewöhnlich begann der pétomane, das hinterteil dem publikum zugewandt und über die schulter die einzelnen nummern ansagend, seine darbietungen mit einer reihe von ‚charakterfürzen’. vom ‚verklemmten jungmädchen-furz’ über den bellenden ‚schwiegermutter-furz’ steigerte er sich zum runden ‚maurer-furz’ (trocken). den höhepunkt bildeten die zu einer kleinen szene ausgebauten fürze ‚einer braut in der hochzeitsnacht’ (verschämt) und ‚am morgen danach’ (sehr laut).“ (oettermann, stephan: „allesfresser, schau-schlucker, hungerkünstler, kunstfurzer. über den geschmack am anderen“. in: kursbuch 79, februar 1985. hrsg. v. karl markus michel und tilman sprengler. berlin 1985,  s. 115 – 130, S.128ff.).

es ist signifikant, daß pujol sein darmkonzert mit einem schamschwellentest einstimmte. gelang das vorspiel, was sich aus den reaktionen des publikums herauskristallisierte, konnte pujol bedenkenlos mit stärkeren geschützen auffahren, die von zahlreichen militärgeräuschen (fanfare, artillerie) bis hin zur imitation zerreißenden stoffes und von tierstimmen reichten. In der ‚windstille’ folgte rektalrauchen. daran schloß sich der konzertante teil des abends an. flatulenz-fantasien brachten ein breites ‚stimmvolumen’ von sopran bis baß, von pianissimo bis forte zu gehör. damit nicht genug, steigerte er seine körperteilbeherrschung durch technische hilfsmittel. mit medizinischer präzision führte er sich einen schlauch in den anus und begann auf einer daran angeschlossenen okarina volkslieder (das schlaflied au clair de la lune oder das liebeslied o sole mio) zu spielen. das pupskonzert gipfelte in einem großen zapfenstreich mit heißer luft, indem pujol rücklings eine kerze ausblies. An den männerabenden soll er sogar seine hosen vor den po-bewunderern fallen gelassen und die marseillaise intoniert haben. die öffentliche kleiderordnung zwang pujol für seine aufführungen zu einer weiteren erfindung. um dem vorwurf erregung öffentlichen ärgernisses, das er ohnehin für die moralapostel bot, zu entgehen, ließ er sich eine eigens entworfene hose patentieren. die von vorne recht gewöhnlich aussehenden knicker-knatter-bocker zierte an der rückseite kurz unter dem hinteren hosenbund eine aufknöpfbare stoffklappe. dadurch verdeckte er seine blöße bei der einführung des schlauches und dem okarinakonzert und konnte somit seinerzeit skandalöse nacktheit abwenden.

mythos und moral

dieses ‚zweite gesicht’ pujols erinnert zuvörderst an die evolution. bei den urtieren bildeten mund und after noch eine einheit. claude lévi-strauss erwähnt in seiner mythologica III nachstehenden tanlipang-mythos: „einst hatten weder menschen noch tiere einen after, und sie kackten durch den mund.“ (lévi-strauss, claude: das wilde denken. frankfurt/main 1991, S. 508). es ist für den kultivierten, pazifistischen menschen schwer vorstellbar, aber in extremsituationen ißt und trinkt er alles. nicht nur in armut und im krieg vergißt er seine guten sitten und religiösen gebote. er raubt, mordet, vergewaltigt, mißhandelt, quält seine opfer psychisch und physisch. jedoch, zwischen blutrausch, barbarei und blähung liegen welten. mag vergnügungssucht durch furz-konzerte noch so sehr den schöngeist vergewaltigen, dann erscheint das als eingebildete, kulturell und gesellschaftlich kanonisierte mode. montaignes essay über einige verse des vergil zeugt noch vom fleisch und blut des leibes, seiner Leidenschaftlichkeit, seiner umtriebigkeit und prangert die im 17. jahrhundert eingebürgerte einschränkung der redefreiheit auf die monologische gedankenwelt an, weil die menschen ihr gewissen ins bordell schicken und zugleich den biedermann (423) spielten:

„was hat der geschlechtsakt, dieser so natürlich, nützliche, ja notwendige vorgang den menschen eigentlich angetan, daß sie nicht ohne scham davon zu reden wagen und ihn aus den ernsthaftesten und sittsamen gesprächen verbannen? wir haben keinerlei hemmung, die worte töten, rauben und verraten offen auszusprechen – und da sollen wir uns dieses eine bloß zwischen den zähnen zu murmeln getraun? meinen wir gar, wir hätten, je weniger worte wir darüber machen, ein um so größeres recht, mit unseren gedanken ständig darin zu schwelgen?“ (montaigne, michel de: „über gerüche“. in: essais. erstes buch. hrsg. v. hans magnus enzensberger. frankfurt/main 1998, s. 424).

gleiches ist für alle natürlichen körperverrichtungen – inklusive verdauungsvorgänge und  körpergeräusche – zu bemerken. nichts läßt sich in der medienära leichter befördern als ein deftiger sittenskandal des zerrbilds ‚gemeines’ volk, der von den vertuschten affären der staatsmacht ablenkt. wenn nur die lancierten politischen maskenbälle und bürokratischen worthülsen nicht wären, dann bräuchte das volk möglicherweise weniger opiate, um den parfümierten ‚affentanz’ lachend zu ertragen. ein bißchen ausgelassenheit im sinne des bachtinschen karnevalistischen weltempfindens sollte als ausgleich für den ernst des lebens möglich sein.

grotesker leib und karneval

in der tradition des grotesken leibes der renaissance steht auch pujol. zwar kann er seine gesäßmusik nicht wie beim mittelalterspektakel auf einem öffentlichen platz vorführen, dennoch leben einige elemente des karnevals, wie sie bachtin für die literatur beschreibt, in ihr weiter. zum einen herrschte im vaudeville per se eine atmosphäre des intim-familiären kontakts und karnevalisierten kollektivs durch das spielerische und komische auf der bühne, das sich außerhalb des alltäglichen ereignet (bachtin, michail M.: rabelais und seine welt. volkskultur als gegenkultur. hrsg. v. renate lachmann. frankfurt/main 1987, S. 77). bereits in pujols ‚entree’ kündigt sich die parodie der pietät als hauptmerkmal der aufführung an. sie enthält ebenso ambivalenz (verklemmt/enthemmt), der unschicklichen reden und dazugehörigen geräuschkulissen, die polarität und verkehrung von gesicht und gesäß, die exzentrik durch den spiegelbildlichen gebrauch des oralen blasinstruments als anales, den karneval als die umgestülpte welt (bachtin 49, 55). nicht umsonst wird die toilette scherzhaft als thron bezeichnet, denn in den natürlichen körpervorgängen sind sich alle menschen gleich. die demonstrierte wesensgleichheit trotz des gezüchtigten leibkanons löst dann auch das befreiende lachen aus:

„das lachen befreit nicht nur von der äußeren zensur, sondern vor allem vom großen inneren zensor, von der in jahrtausenden dem  menschen anerzogenen furcht vor dem geheiligten, dem autoritären verbot, dem vergangnen, vor der macht.“ (bachtin 39).

der groteske bühnen-leib pujols formte sich gleichsam aus der überbetonung des gesäßes durch den überdimensionierten gesäßlatz und die überwiegende hinteransicht zur besseren akustik. nur bei der nummernansage drehte er dem publikum sein gesicht zu, was eigene mögliche peinlichkeitsempfindungen abwenden helfen konnte. laut bachtin sind nach dem bauch und den geschlechtsorganen mund und after die wichtigsten grotesken körperteile, die im wesentlichen die überschreitung der übergänge und annäherungen zwischen menschen sowie zwischen mensch und umwelt markieren, transfer und orientierung zulassen (bachtin 17). wie bei der überschreitung der leibgrenzen im grotesken körper-drama leben und tod im lebenskreislauf kopulieren, geschieht das bei pujols bühnenauftritt. einatmen und ausblasen von luft sind die passagen, wobei das maß der unsittlichen körperbeherrschung normierte sittliche darmstille persifliert. wenn pujol kurz vorm bühnenabtritt eine ‚göttliche’ kerzenflamme mit menschlicher abluft ausbläst, schließt er die bio(gas)maschine mensch wieder an den ewig erneuernden lebensmotor natur an. wo es in zeiten der dekadenz deftig nach natur roch, reichte das manchmal doch für herzhaftes, ungekünsteltes lachen, wenn auch ohne nachhaltigen einfluß auf die gesellschaftlich regulierte lebenspraxis.