Schlagwort-Archive: reise

un/vergessen

als ich mit hackenporsche auf dem bahnsteig in stralsund ankomme, bleiben fast zwei stunden bis zur fährüberfahrt. zu wenig zeit, um das ozeanum zu besichtigen, zu viel zeit, um die ganze zeit am hafen rumzugammeln. das wetter war gut, also navigierte ich mich mit hilfe von guhgel-mäps auf meinem  fernmündlichen winzcomputer in richtung fährhafen. recht schnell entschied ich mich gegen die strecke auf der magistrale, dafür durch das zentrum entlang der tw. sensationell sanierten alten häuser. so ein rollkoffer kann ja auf kopfsteinpflaster  fast die phonstärke eines hubschraubers im landeanflug erreichen. die touristen in den straßencafés, an denen ich wohl oder übel vorbei mußte, wenn ich den zahlreichen baustellen auf den bürgersteigen ausweichen wollte, musterten mich dementsprechend mit mehr oder weniger schlecht getarnter, lärmgenervter empörung. ich fragte mich eine millisekunde lang, wie sie sich an meiner stelle verhalten würden. da der koffer vom kraftaufwand her fast mein fliegengewicht aufwog, sah ich keinen grund ihn leise, dafür ächzend zu schleppen. im koffer befand sich auch die kamera samt fototasche, da ich keinerlei lust auf rumgebammel von taschen an meinem körper hatte. ich bereute das erstmals als ich an der historischen stadtmauer mit den eingelassenen schaukästen des ozeanums vorbeilief. unterwegs boten sich hofeinfahrten mit schiffsrümpfen als fotomotiv an. aber ich blieb einfach stur. die beschädigte can.not hätte so gut in meiner hosentasche platz gefunden. HÄTTE!!! hat sie aber nicht. nun schlummerte sie den schlaf der ungerechten in der fototasche im heimischen schrank.

 

von birgit brenner (pappe, papier, acryl, klebeband), aufgenommen in der galerie eigen+art beim frühjahrsrundgang in der baumwollspinnerei 2010

 

den fährhafen wiederum fand ich ziemlich unspektakulär. ich ließ mich auf einer mauer nieder, rauchte, beobachtete möwen und touristen, entdeckte auf die fähre wartend einen ehemaligen kollegen aus leipzig, tat so, als sähe ich nix  und niemanden und verfolgte mäßig gespannt den steten zufluß an fährpassagieren. am ufer lag genügsam die gangway, auf der schon so viele herumgetrampelt hatten, während sich die reisewütigen in einem nervösen pulk darum versammelten. erste fotos wurden geschossen, der hafen auf und ab, hoch und runter gefilmt. kaum legte das fährschiff an, ergoß sich ein strom von erholten aus dem boot. würde ich in sechs tagen auch so verklärte blicke senden? am ufer begannen die wartenden wie ein bienenschwarm vor dem landgang zu surren, die stimmen erhoben sich und die lautstärke schwoll an und ab. ich sah zu, wartete bis sich der pulk lichtete, der sich, fuß vor fuß setzend und im geishagang tippelnd, an bord schob. als eine der letzten bestieg ich das schiff und fand einen sitzplatz auf dem sonnigen oberdeck. direkt hinter dem exkollegen. toll. über arbeit reden. das gespräch hielt nur kurz an, bald schwieg ich beharrlich, lauschte dem wellenschlag und beobachtete meine umgebung. mehrere passagiere würden mir auf der insel wiederbegegnen. denn bei 19 km² gibt es zwar ausweichmöglichkeiten, dennoch trifft das gesetz der wahrscheinlichkeit gleichermaßen zu. rechts hinter mir saß ein pärchen, das die gesamte überfahrt mit einer videokamera filmte, vom ablegen des fährschiffes, über das oberdeck schwenkend, panoramablick auf das meer in diese und jene richtung, vorbeifahrende schiffe, möwen, sie filmt einen lächelnden ihn, er eine lächelnde sie. huuuuuaaaaaah, *hand vor den mund leg*, es wurde mir schon vom zuschauen langweilig. wie öde das erst im heimkino wirken würde, vor allem für den gähnen-unterdrückenden, an der reise gänzlich unbeteiligten zuschauer? ich würde diese einladung nicht annehmen. nein! daß dieses pärchen so ziemlich jeden moment seines inselaufenthalts gefilmt und sich unermüdlich an durchlinsten erinnerungen festhaltend abarbeitete, fiel mir dann zwei tage später auf. ich hatte auf dem rückweg vom leuchtturm nach kloster den steiluferweg gewählt, da ich unbedingt noch eine zwischenstop an der lietzenburg (einer ehem. künstlervilla) einlegen wollte. am steinstrand hatte ich auf dem hinweg hühnergötter und donnerkeile gefunden. ich war vom vielen laufen und suchen und bücken erschöpft, aber zufrieden und legte eine kurze rast auf einer bank am steilufer ein. da schob sich dieses seltsame, alles festhalten-wollende pärchen von links in mein blickfeld. man grüßt auf der insel für gewöhnlich jeden, nur die dorfbewohner weichen allen höflichkeiten meistens aus. also murmelte ich ein „hallo“ und dachte, sie schieben sich schnell wieder nach rechts aus meinem bild. aber neeeiiiiiiiiin! wohin denn?! sie blieben direkt vor mir stehen, er filmte eine lächelnde sie an der holzbrüstung vor dem steilufer mit panoramaschwenk. dann stellte sie sich noch zwei meter weiter nach rechts an das andere ende der brüstung, das prozedere wurde wiederholt. in manchen momenten wünscht man sich ja, daß eine holzbrüstung nachgibt, zumal dann, wenn überdurchschnittlich viel holz vor der hütte auf so einen schmalen balken trifft, der ja nicht ausweichen kann. ich verfolgte das medienspektakel als unfreiwillige schaulustige und zog meine mundwinkel unter anwendung äußerster mimikbeherrschung und lachanfallunterdrückung nach unten.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

und immer wieder, wenn ich über die insel ging, mußte ich daran denken, wer die inselidylle schon alles gemalt, fotografiert, gefilmt und beschrieben hat. aber das ist eine andere geschichte und sie wird ein anderes mal aufgeschrieben. dementsprechend sank meine motivation, selbst zu fotografieren auf ein absolutes minimum. einerseits bewahrte mich die kleine speicherkarte in der leihkamera vor wilden fotoschießübungen, andererseits auch mein wunsch, alles mit den augen zu erfassen, die umgebung ohne einen  kleinen, viereckigen bilderrahmen zu sehen. meine blicke ruhten lange auf einzelnen punkten oder schweiften über die unendlichkeit des meeres. nur selten entschloß ich mich, die kamera einzusetzen, eher aus gewohnheit, denn aus überzeugung. so viele wunderschöne bilder liegen nun in meinem herzen.

frei und leichtfüßig

so oder so ähnlich wird der blick sein, den ich nun acht tage lang von der terrasse aus habe. kein meer. feld, baumkronen und himmel. im feld ab und zu rehe. am himmel raubvögel und kraniche. das bild stammt aus dem vorjahr, als es recht frisch war und ich nicht den kleinen zeh in die zahlreichen seen der umgebung stecken wollte. das wasser war sooo schrumpfklein! in diesem jahr werde ich wohl kaum rauswollen, wenn man den prognosen glauben schenken darf. ab und zu jagt einer der 70 nachbarn mit dem rasenmäher durch seinen garten, gelegentlich tuckert ein traktor vorbei. individualverkehr von arbeitenden kommt stoßweise morgens um 5 uhr und gen 17 uhr vorbei. zweimal pro woche hält der bäckerwagen vor der tür. sollte man nicht verpassen, sonst ist der nächste brotposten ein paar kilometer entfernt. der nächste sendemast ebenso. dafür ist der briefkasten vor dem haus. kein internetanschluß, kein handyempfang. was für ein luxus der relativen ungestörtheit.

ihr müßt nun gaaanz tapfer sein ;-). frau wortfeile widmet sich jetzt dem geliebten kofferpacken, dabei hängt die hälfte der wäsche noch naß auf dem trockner, wird aber bis morgen früh wenigstens klamm sein. dann dreht sie noch eine blogrunde und kriecht vorfreudig ins bett. morgen um die uhrzeit ist sie irgendwo an der feldberger seenplatte und denkt vermutlich dennoch an irgendetwas, pflückt beeren, wandert, fotografiert oder schwimmt. am montag wird es einen artig vorproduzierten text zum projekt farbe bekennen geben. ansonsten herrscht ruhe. kein feilengeräusch. neues könnt ihr wie immer in meiner blogroll entdecken. altes, daß ihr aber oft noch nicht kennt, findet ihr unter der rubrik retro.

machts gut! ich wünsche allen daheimgebliebenen eine schöne zeit…

schneckentempo

connex

wenn nichts dazwischen kommt...

schon bevor ich heute am hauptbahnhof in berlin in den connex einstieg, hatte ich in der s-bahn richtung olympiastadion unfreiwillig gelegenheit, mit den hertha-fans zu kuscheln. blau weiße schals, das übliche bierselige gegröle völlig sinnfreier parolen, lösten bei mir unweigerlich klaustrophobische gefühle aus. in vorfreude auf einen entspannten restsonntagabend quetschte ich mich bis zum reservierten sitzplatz im zug und konnte etwa 20 minuten im wochenendlichen alltagsausbruch schwelgen, bis wir unplanmäßig in ludwigsfelde hielten und die durchsage im reinsten, aber undurchsichtigen bahnsprech mich aus meinen träumereien riß. ein nicht näher beschriebener polizeieinsatz freute wenigstens kurzzeitig die raucher, die wir den zug verlassen durften. nach geschlagenen 70 minuten nahm die odyssee ihren weiteren verlauf. der zug zuckelte nach saarmund zurück, über michendorf, in die geographische, brandenburgische pampa, weiter nach thießen in sachsen-anhalt, über roßlau, dessau und bitterfeld schlußendlich bis nach leipzig.

rauscht man an dessaus hauptbahnhof vorbei...

... kann man an dessau vorbeirauschen...

theoretisch kann man in nicht mal anderthalb stunden von der hauptstadt bis nach leipzig düsen oder aber praktisch mit 140 minuten verspätung zuckeln, in jedem kaff oder auf freier strecke stoppen. das wartezeitnervenkostüm schrumpft gekocht bis auf die knochen, der magen mosert wegen eines riesigen hungerlochs, und die augenschlitze blinzeln ungläubig, wenn man doch noch in den kopfbahnhof einfährt. noch einen schönen abschiedsscherz erlaubte sich der zugführer, der zwar den ausstieg links ankündigte, aber nur rechts die türen entriegelte. ein paar extrem geduldige warteten tatsächlich, ich aber bin raus auf das personalgleis und habe mich verdünnisiert. so sieht also der eisenbahnstau aus, im schneckentempo kriecht die reisende nun in ihr haus. aber lieber spät als nie wieder.

oder man hat pech und kriecht im schneckentempo heim.

...oder wenn man größeres pech hat, im schneckentempo in richtung heimat kriechen.