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rauschpermanenz

seit geraumer zeit rangiert die redewendung ‚das muß man sich mal reinziehen‘ ganz oben auf meiner zu-vermeidende-wörter-liste. sie ist vielfältig einsetzbar. ob man sich mit drogen zudröhnt, sich mit tabletten dopt, musik hört, filme betrachtet oder ein problem thematisiert – alles muß, nichts kann. wo bleibt da die entscheidungsfreiheit? ich betrachte dieses ‚müssen‘ als eine verbale form der nötigung. rein oder raus, in oder out, top oder flop, dafür oder dagegen. das dazwischen wird negiert. aber genau diese kaum wahrgenommenen zwischenstufen vermitteln mir die vielschichtigkeit des lebens.

doch zurück zum eigentlichen übelkeitsauslöser: ‚reinziehen‚. darin spiegelt sich auch die gleichschaltung des geistes/der geister infolge des massenkonsums wider, ebenso die manische aufnahme von informationen ohne reflexion. denn dafür bleibt zwischen hetze und hatz keine freie minute. man hat die frage ‚hast du schon gehört/gesehen?‚ kaum vernommen, da ergießt sich ungebeten ein schwall wiedergekäuter all:gemein:plätze über  dem gesprächsgegner. wurde er ob seiner unwissenheit ordentlich mundtot gestellt, verwehrt ihm der informant das recht auf fragen und zwar mit der aussage: ‚das ist der aktuelle kenntnisstand, mehr kann ich dazu nicht sagen.‚ vielen dank für den extraordinären monolog! anregungen zum weiterdenken verboten! floskeln vereinfachen das leben. das sind denkschablonen, blaupausen des geistigen stillstands. unauffällig in der menge, vorgeformt.

sich dem populären kultureinerlei, dem konsum- und geschwindigkeitsrausch bewußt zu entziehen, bedeutet eine außenseiterposition einzunehmen. nicht alle fühlen sich wohl, wenn sie ohne großen beliebtheitsgrad leben sollen. leichter ist es, die hand aufzuhalten für einen gewissensverkrüppelnden job, der  manchmal, aber nur manchmal zu schamgefühlen führt und sich ‚fremdzuschämen‚  (*würg*), um sich selbst dann doch wieder im licht im spiegel betrachten zu können, natürlich ohne schatten, denn das badezimmer ist perfekt ausgeleuchtet. die faulen kompromisse, die man irgendwann mal mit dem frommen wunsch eingegangen ist, später alles zu verändern, wenn man es zu einem gewissen wohlstand geschafft hat… später, späääter, noch späääter, ein ganzes leben lang vor sich hin verwesen. ‚warten auf godot‘? erstens erschien der bei beckett schon nicht auf der bühne. zweitens wird er auch jetzt nicht mehr kommen. drittens ist es in wartezimmern meistens übervoll, d.h. schlechte luft. und viertens, warum sollte man nach dem sinn des lebens suchen, während einem permanent vorgekaukelt wird, wie glücklich man zu sein hat, falls man dies und jenes hat/macht/kennt/weiß/will/kauft? sogar die definitionen werden gleich mitgeliefert: ‚sorge dich nicht, lebe!‚ (übersetzt: funktioniere), ‚glück ist…‘ (dauerekstase durch bio/chemie), ‚liebe ist…‚ (siehe ‚glück‘). die menschen  suchen paralysiert in ratgebern nach lebenswegen, harmonie, ‚meiner inneren ruhe‘. ich hätte da noch eine lebensstrickanleitung von 1920 im archiv… ’shut up & let me go‚!