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penetrierende plapperaffen

socializing

nur schnell eine mail beantworten und dann raus aus dem büro in die sonne. leider hatte ich vergessen, mich bei der letzten benutzung von skype als offline anzeigen zu lassen. mit kreischenden akustiksignalen sucht der ningelmessenger meine aufmerksamkeit bzw. vermittelt mir schriftzeichen eines kommunkationsjunkies. wenigstens mal gucken, ob es was wichtiges ist. was entziffern meine augen: ‚huhu!‚. ich halte das für keine dringliche botschaft und widme mich weiter dem mailtext. die nervmaschine klingelt fröhlich weiter nachrichteneingänge an. irgendwo an einem anderen rechner auf der welt reagiert jemand wortreich ungehalten auf die ignoranz. aber die mail ist gleich fertig und so schalte ich dann einfach alles aus.

am nächsten tag werde ich mit einem ausgeweiteten kommunikativen terrornetzwerk belegt. nur zur kurzen erläuterung: ich habe keinen bürojob mit geregelten arbeitszeiten, aber einen, der ohren, augen, hände und denken erfordert. und das permanent. es geht dabei überhaupt nicht darum, meine wichtigkeit zu unterstreichen. als wichtigtuerisch und einen fremden willen aufzwingend empfinde ich es eher, daß ich mich andauernd dem modernen lebensrhythmus anderer unterordnen soll. was? bei dir ploppen nicht gerade zehn fenster auf? ach, du armes hasi, jetzt denkt gar keiner an dich. das ist die verblendetste erkenntnis, die man aus nachrichtenarmut ziehen kann.

wenn ich anfangen würde, nebenbei meine privatmails zu lesen (verboten), lange mit freunden am telefon zu plauschen (nicht strikt untersagt, aber nicht gerne durch die glasscheiben der nachbarbüros gesehen), käme ich vor 22 uhr nicht von dem sklavischen ’schoner‘ herunter. mein arbeitsstil hat sich daher zu konzentriertem durchknüppeln mit kurzen rauch- und kaffeepausen entwickelt, die ich dann auch mal für einen rückruf mißbrauche. eigenlich braucht mein hirn genau dann nämlich mal leerlauf. aber herrje, die freunde, da darf man sich doch nicht so asozial verhalten. die wollen gepflegt und betuttelt sein, sonst regnet es beim nächsten treffen bittermandeln. ich habe bisher mehrere vergebliche versuche zur sanften umerziehung des kommunikationsüberflusses gestartet, alle ergebnislos. im moment bediene ich mich drastischer mittel, um der verständnislosigkeit zu trotzen. ich bin offline. mein handy ist ausgeschaltet.

der heutige morgen im büro begann mit handyklingeln. kurz draufschaun, ah, freund. im moment nicht. schön, daß du gerade freizeit hast, ich nicht. wegdrücken. das trifft – aber sich gerade zeitlich nicht. kaum ist das teil wieder in der tasche verschwunden, bimmelt der chef auf dem festnetz an und ich werde in sein zimmer zitiert. das gespräch um meine willentlich verkürzte arbeitszeit haben wir knapp und sachlich gehalten. alles geritzt! zuversichtlich schließe ich meine bürotür, schon signalisiert mein handy mit eindringlichen tönen eine sms. ich atme tief durch. erwarte die frage, ob ich noch bei trost sei und lese sinngemäß, ob ich sauer wäre, weil ich nie antworten würde. meine antwort: ‚nö, arbeit!‚. es folgt der sms-vorwurf: ‚ach, auch abends und am wochenende?‚.

leute, so geht das mit mir nicht! ich bin nicht permanent für alle und jeden verfügbar. mein leben, meine zeit, meine lust und unlust. möget ihr diesen zeitfressenden 24-hour-irrsinn für euch gepachtet haben. mich juckt euer sozialstreß nicht. ich bin meistens ziemlich gerne out. dafür ist mein bedürfnis nach ruhe und zeit für sachen, die mir etwas bedeuten, auf die ich jahrelang zugunsten einiger mitmenschen verzichtet habe, im moment zu groß. da besteht riesiger nachholbedarf. und meine fähigkeiten zum multitasking halte ich für relativ unterentwickelt. mögen das die dauer- und nebenbeikommunizierer bei sich selbst anders diagnostizieren. zu ihrem leidwesen ertappe ich sie dann häufig dabei, nur mit einem halben ohr zugehört zu haben bzw. in gedanken völlig woanders gewesen zu sein, während sie kommunikation vortäuschen. im hintergrund klappern die tassen beim geschirrabwaschen oder die computertasten beim nebenbei noch mal eben chatten. sie glotzen dich  in solchen momenten völlig ahnungslos an, als wärst du frisch vom mars eingeflogen worden und behaupten: ‚das ist mir jetzt aber ganz neu. nie gehört!‚.

wenn einmal jetzt also nie ist, wann ist dann gleich? nie, immer, ständig, in fünf minuten oder in vier stunden? der lässige umgang mit wortsinn treibt mich irgendwann noch in den wahnsinn. dann sitze ich abgeschlossen von den unbillen der außenwelt in einem zwangsjäckchen angeschnallt in einem weißen raum und führe unhörbare selbstgespräche. ich bin nur scheintot. die stimme auf meinem handy aber schnackt unverdrossen weiter: ‚the person you have called is temporary not available‘.

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