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gefesselte natur

baumstamm im städtischen kerker.

in ketten gelegt und ans haus geschmiedet. so glaubt der mensch, die natur zu bezwingen.

christoph wilhelm aigner

wunschinsel

ich hör und spür dich gern
möcht für dich allein
auf einer insel ein lehnstuhl
mit großen ohren sein
und dich umarmen können
wie das wasser die insel
die im lichtschaum badet

quelle: deutschlandfunk lyrikkalender 2010, kalenderblatt vom 21.08.2010, verlag das wunderhorn.

kein bett im kornfeld

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frau wortfeile hätte ja eigentlich heute noch fast 500 bilder vom museum zu bearbeiten gehabt, ließ sich dann aber nach längerem hin und her sowie sommerfrischeargumenten doch zu einer kleinen radtour ins leipziger neuseenland überreden. ziel war der derzeit noch in flutung befindliche zwenkauer see, den ich mir nächstes wochenende, wenn kein zeitdruck besteht und das wetter mitmacht, noch mal aus der nähe betrachten will. denn die ganzen erodierten landzungen werden nicht mehr allzu lange in dieser form sichtbar sein, sondern wie der ehemalige braunkohletagebau untergehen.

unterwegs habe ich noch fleißig holunderblüten gesammelt und – für mich eine premiere – nach der wegen starker windböen doch recht anstrengenden radtour noch als hollerblütensirup angesetzt (mit rohrzucker und limetten, mhhhmmm hat das gut gerochen). dafür muß ich dann ein paar wochen keine limonade nach hause schleppen. und die blüten waren doch irgendwie deutlich leichter als glasflaschen!

wir kamen an zauberhaften blumen vorbei, eine riesige pusteblume, deren blütenkopf riesig war und diverse wicken, gräser, heckenrosen (in der hecke summten hunderte bienen – ein leicht unheimliches geräusch), lupinen und pflanzen, deren namen ich leider nicht weiß. rund um den cospudener see herrschte reger ausflugsbetrieb und es kam beim überholen schon mal zu staus und engpässen. am costa cospuda – wie der einheimische sagt – tummelten sich freunde der freikörperkultur und peinlich unberührte. auf dem see kreuzten segelschiffe und surfer, kites habe ich heute leider nicht entdeckt.und extra für marianne habe ich noch den strommast aus der froschperspektive fotografiert (und natürlich auch, weil es mit dem leicht bewölkten himmel ein schönes motiv ergab). die fotos von den skatern und pedalrittern habe ich während der fahrt geschossen, also nicht über deren mangelnde qualität wundern, weil ich auf autopilot gestellt hatte.

interssant übrigens zu sehen, mit welchen problemen die bewohner der wagenburg konfrontiert sind. offenbar laden dort „hilfsbereite“ ihren wohlstandsmüll illegal ab. so ein leben in freiheit geht natürlich auch nicht ganz ohne regeln, wie man recht plastisch an dem schild für den leinenzwang sehen kann.

der ausflug in die berührte natur war ein wunderbares kontrastprogram zum gestrigen kunst- und bildungstag. und weil ich ein freund der abwechslung bin, kommen deshalb heute erst mal ein paar naturfotos und in kleinen häppchen folgen dann die ausstellungsexponate. schließlich müssen die alle noch gesichtet und manche bearbeitet werden. und jetzt möchte ich den sonntag dann doch entspannt ausrollen lassen.

ps: ich hätte das graffito lieber unverändert geschnappschußt, leider war ich erst nach dem witzbold da :-(.

einfach umwerfend

heute also der erste spaziergang nach der operation, um endlich zu sehen, wie die ersten warmen tage die natur verändert haben und ihr ein paar zweige zu entreißen, die nun in einer bodenvase vor meinem bett stehen. das blühende leben als ziel oder so ähnlich. natürlich auch um luft zu schnappen, denn in so einem krankenlager olft man ja auch nur so vor sich hin. da kann man lüften, so viel man will. um die wunden am bauch vor reibung und druck zu schützen, habe ich den bewährten schwangerentrick mit dem gummi am hosenknopf angewandt. bereits nach wenigen metern hatte ich allerdings das ungute gefühl, auch ohne gute hoffnung eine murmel vor mir herzuschieben. mwäääh, das mittelleibliche ist noch nicht wieder das, was man allgemein einen gesunden körper nennt. glücklicherweise hat mich meine nachbarine begleitet und vor der selbstüberschätzung bewahrt. ich bin heilfroh, nicht im fünften stock ohne lift zu wohnen. die letzten meter bis zur wohnungstür kamen mir so vor, als hätte ich vorher einen achttausender erklommen, aber das gipfelkreuz sei nur in sichtweite. und jetzt bin ich so matt und müde, daß ich mich freiwillig in die lage eines gefällten baumes gebracht habe und der eigentlich für heute geplante text noch warten muß, stattdessen nur ein paar fotos von unterwegs.

so ganz ohne baumstamm kann ich diesen verschnittenen zweig gar nicht zuordnen. weiß zufällig irgendjemand, was mal aus den tatzenähnlichen, schwarzen knospen wird? das sieht ein bißchen so aus, als würde ein hund brav pfötchen geben.

update: ich hätte ja nur mal vom balkon auf den baum davor gucken müssen, wo das auch so sprießt :roll:. es sind die winterknospen der gemeinen esche.

und dann verdüsterte sich der himmel mit einem dunkelgrauem wolkenvorhang, der die häuser in dieses typische zwielicht tauchte und uns zur umkehr antrieb. eigentlich bin ich ihm dankbar, weil ich nun wieder ganz vertrödelt im bett herumlungern kann.

zum anheulen

gar nicht so einfach, ein ruhiges freihändchen zu behalten, wenn der wind dich auf dem balkon auskühlt und sich der mond noch dazu hinter schnell ziehenden wolkenformationen versteckt. manche monde sind wohl wie manche menschen etwas kamerascheu. na dann, gute nacht!

kunstkonsum und naturkonsum

in der werkschau ‚¡que viva mexico!‘ der galerie hilario galguera auf dem gelände der baumwollspinnerei in leipzig waren sehr unterschiedliche werke zu sehen, die um das thema leben und tod kreisten, wobei letzteres deutlich überwog. eines der farbenprächtigsten ausstellungsobjekte ist die installation ‚guia de campo‘ (naturführer) von benjamín torres.ausgeschnitten1

torres hat zahlreiche vögel aus einem buch über die fauna von mexiko ausgeschnitten, das buch an einer lindgrünen stellwand befestigt, an der die vögel in schwärmen zu fliegen scheinen. freilich nur von weitem so betrachtet. tritt man näher, sieht man die befestigung mit stecknadeln. aufgespießt wie papierne grillhähnchen.

aufgespiesst die zeichnungen können noch so naturalistisch sein, die vögel wirken dennoch in büchern wie ausgestopft, tot, still, unecht.  die collage unterstreicht diese wirkung. statt sich die vögel in der natur zu betrachten, ihrem gesang zu lauschen, betrachten wir sie uns in einer galerie als kunst in ihrer künstlichkeit. und im hintergrund zwitschern allenfalls besucher gerade per twitter in die welt, was sie gerade machen, denken, fühlen, sehen. manche führen aber auch tiefsinnige gespräche in gestelzter sprache von kunsthistorikern über die möglichen interpretationen.

die werke von torres thematisieren nach eigener aussage immer wieder das verhältnis des menschen zum konsum (‚before anything else, we are consumers‚). in der wievielten abbildungsebene befinden wir uns mit diesen fotos? bereits in der vierten dimension. japaner beispielsweise sieht man eigentlich kaum mit den augen schauen. ihre visualisierung scheint nur noch aus blicken auf und durch displays zu bestehen, die sie vor die und tendenziell das dort gesehene für die wirklichkeit halten. der gelenkte blick, immer an den  sogenannten sehenswürdigkeiten orientiert, die ihr blickfeld einengen. sie wirken ein wenig entrückt, wenn man ihren weg beim stadtrundgang zufällig kreuzt. und während sie mit zoomen und knipsen und filmen beschäftigt sind, verlieren sie die aufmerksamkeit für ihre unmittelbare umgebung.

in einer reportage über die auswirkungen der technisierung  saßen japanische altersheimbewohner an einem runden tisch und streichelten sprechende roboterhunde. fasziniert starrten sie auf ihr spielzeug, von kommunikation untereinander keine spur.

ich habe gerade unglaublich große lust, mich in das hohe gras einer ungemähten wiese zu legen und einfach in den himmel zu starren, mit einem grashalm im mund, auf dem ich herumkaue. nichts hören – außer grillenzirpen und vogelgesang. oder sollte ich mir die naturstimmen-cd bei amazon bestellen? so als surrogat?