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mein provinzieller dackelblick

heute bin ich also in das museum der bildenden künste gestürmt, um die neo-rauch-ausstellung begleiter zu sehen. unterwegs war ich immer im sonnigen abschnitt zwischen zwei dunkelgrauen wolkenfronten hinter und vor mir eingekesselt, wurde vom wind und der schaulust getrieben. irritiert suchten wir den eingang zur sonderausstellung, der von einer presseschau und einem toilettenhinweisschild flankiert wurde, was natürlich anrüchige assoziationen in mir wachrief, die ich schnell beiseite schob. in leipzig hat man die bilder thematisch gehängt, so daß uns immer wieder die künstlerische entwicklung in der malerei von rauch augenfällig wurde. in den anfangsjahren sind die bilder eher abstrakt, immer aber mit mehrdeutig sprechenden titeln. dann entwicklte rauch seinen figurativen malstil, mit eher blassen farben im stil der 50er jahre (wie bei mittag etwa). zu beginn des 21. jahrhunderts aber werden seine bildnerischen erzählebenen vielschichtiger, die farben kräftiger, die kunst- und kulturhistorischen brüche  in ihnen augenscheinlicher thematisiert. die räume sind nicht klar definiert, sondern verschachtelt. die figuren scheinen manchmal zeitlos, manchmal militant gekleidet, dann wiederum wird mit kostümierung der archetypen mit kleidern aus unterschiedlichen epochen ein spiel getrieben: etwa ein mann in einer uniform aus der napoleonzeit, der an den füßen chucks trägt. die klassischen, ewig wiederkehrenden konflikte der menschheit in ihren unterschiedlichen lesarten. in ihnen flimmert, leuchtet es mit einem übergang zur dramatischen verdunkelung. die bildkompositionen wirken ausgeklügelt, mit zahlreichen bezügen auf mythologie, kunstgeschichte, philosophie und psychoanalyse, die ich im detail nicht entschlüsseln kann und auch gar nicht dechiffrieren oder sezieren will. zahlreiche von rauchs gemälden erwischen mich einfach in den unbewußten, nahezu sprachlosen niederungen, betreffen unseren umgang miteinander. mal zynisch, mal selbstkritisch seinen eigenen aufstieg reflektierend, neben dem ein dunkler abgrund klafft und in dem die farbe wie ein scheißhaufen durch einen doppelten donnerbalken geflutscht zu sein scheint (höhe). mal zielt er ironisch auf die kunstrichter, mal voller weltschmerz auf zerstörung der umwelt und mal auf menschen, die sich gegenseitig vernichten.

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bilder von neo rauch: mittag (1997), moder (1999), versprengte einheit (2010), rauch (2005), ungeheuer (2006); plakat im café waldi.

ich habe einige meiner lieblingsbilder in der ausstellung fotografiert, will hier aber keine stümperhaften rezensionen über einzelne werke schreiben. jeder kann in rauchs bildwelten eintauchen. oder es sein lassen. einige können es auch nicht lassen, hochtrabende, verschwurbelte, aber inhaltsleere kritiken zu schreiben. die worte, die schön klingen, aneinanderreihen, und wenn man sie als kunstinteressierter mensch liest, glaubt man erst recht, die werke und auch die welt nicht mehr zu verstehen. klopft man dann ein bißchen an den textbausteinen herum, fallen sie wie schokoladenhohlkörper beim anknabbern in sich zusammen.

ich weiß ja nur, wie sich das anfühlt, wenn ich einen text auf die menschheit loslasse. manchmal wird mir bei dem gedanken daran, was man alles darin lesen kann, schlecht. und wie sich die interpretationen und meinungen doch unterscheiden. und wie viel ich nicht verstehe. und wie oft ich deswegen mit den schultern zucke. aber die reaktionen und meine umgebung werden mir immer noch nicht gleichgültig, sie nagen an mir, führen zu rückschlägen und zum aufrappeln, zum häuten und zum abschütteln. und das alles in der provinz, in der es angeblich keine entwicklung gibt. denn alles, was man heute toll zu finden hat, kommt entweder aus amerika oder aus paris oder aus berlin. der stetig wechselnde trend, der mich innerlich ausbrennt. den ich als temporärberlinerin nur zu gut kenne. den ich nur noch bei kurzbesuchen ertrage. dessen unverbindlichkeit dich spröde anspuckt. manchmal habe ich dann das gefühl, daß man in berlin nur um des jagens willen jagt. die beute läßt man dann irgendwo in einer düsteren ecke vermodern. wichtiger ist es, eindruck zu schinden. welche tyrannei, welche selbstverstümmelung. dann dümpele ich doch lieber in meiner vorgeblich kleinkarierten welt vor mich hin, pflege innige freundschaften und meine balkonpflanzen. ich bin nicht gerade darauf versessen, unserer re:gier:ungsnietenriege nah zu sein. und exzessives leben bzw. schnattern bringt mich auch nicht weiter. dabei verkümmert nämlich mein tatendrang. in dem blogbeitrag die wiederkehr des biedermeier mit sturm und drang hat ankeberlin das berliner labertheater vortrefflich geschildert. und wie sieht’s in new york aus? dort besinnen sich die urbanhippen plötzlich auf ländliche tugenden. man züchtet huhn. im hinterhof. wegen der bioeier. auf halbem wege zurück zur natur, weil das hahnenkrähen kann man den nachbarn und sich selbst freilich nicht zumuten. und in leipzig? da eröffnet demnächst das café waldi. ich glaube, ich sitze in einem heimatfilm, der mit viel digitalem schnickschnack aufgepeppt wurde. dort, wo die büchse knallt mitten im häuserwald.

rauchzeich(n)en

wärmende frühlingssonne bringt meinen körper auf dem balkon zum dampfen. während ich diesen text klöppele, rauche ich bzw. der kopf qualmt, die lunge inhaliert, neos bilder hängen. heute wurde die retrospektive pünktlich zum 50. geburtstag von neo rauch im museum der bildenden künste leipzig eröffnet (es folgt die eröffnung der doppelschau in der pinakothek der moderne münchen am 20. april). ich zerlaufe also in der sonne, versuche mit dem mund rauchkringel zu formen, starre den gelungenen verträumt hinterher, während sich die kunstsinnigkeit im museum vor den gemälden ballt und sich meine gedanken knäulen, weil es doch so besondere ereignisse sind, über die ich schreiben möchte. fünfzig zu werden und dabei neo zu heißen, weltberühmt zu sein und von den härtesten kritikern als maler mit deutschem dackelblick geschmäht zu werden. eine doppelschau zum runden geburtstag bei gleichzeitig eingepackten verbalen tiefschlägen. schleife auf, geschenkpapier entfernt. und naja, manche geschenke könnten wirklich nicht schlechter ausgesucht sein. das kennen wir alle. manche täuschen daraufhin freude vor, andere zeigen ihre enttäuschung. neo rauch gehört zu den verletzlichen. in den feuilletons versammeln sich also freund und feind, die sektflöten klirren beim anstoßen und die säbel rasseln beim aufstoßen. und ich, ich habe lange auf diese ausstellung gewartet. vorher immer nur einzelne werke gesehen, die dann schnell in privatbesitz verschwanden. denn rauch verkauft sich gut, nach wie vor. manche sollen ja sogar nach rauch süchtig sein.

ich sitze nicht gerne zwischen den stühlen, denn der harte boden ist kalt, auf dauer unbequem. ich bin keiner von diesen fans, die jede gelegenheit nutzen, ihrem star auf die pelle zu rücken. die nach new york reisen, nur um dieses eine, neue gemälde zu sehen. mit einer kritischen natur geboren, wird man schlecht zum anhänger, jünger, prediger. ich bleibe auf distanz, zu den dingen und zu den meisten menschen. und doch ist mein innenleben keinesfalls ein unterkühltes. die emotionen brodeln in den eingeweiden, jagen durch die adern, rasen im hirn, bis sie wieder eingefangen werden. von der ratio geschnürt und gedrosselt. in den träumen weiter abgehandelt zwischen halb realem alpdruck und phantasie. wiedergänger im schlaf. nichts vergessen. alles verwirren. feuer entfachen. brandherde löschen oder ersticken. plötzliches begreifen, um dann aufzuwachen und nur noch bruchstücke von dem erträumten zu wissen, bis alles aus dem kopf gelöscht ist. und die fragen mich bestürmen. die rätsel, die ich noch nicht oder nicht mehr lösen kann.

so bin ich am ehesten apologetin, wenn ich an eine diskussion über das für und wider der kunst von neo rauch zurückdenke. der einwand, wahre kunst könne niemals mainstream werden, er klang unlogisch. er klang wie: nur ein toter künstler ist ein guter künstler. oder nur ein verkanntes genie wird in der nachwelt gewürdigt. der lebensleidensweg als pfad zum postumen erfolg. als ob leben nicht schon genug leiden (und sei es das der anderen) wäre. als ob der schrei des menschen stumm sein müsse und erst als verspätetes echo gehört würde. als ob es keinen schmerz gäbe und die welt nur aus freudentänzen bestünde.  also ob tränen nur als freudentränen über die wangen kullern. jauchzet! frohlocket! los, das ist ein befehl! und dann tun sich gräben auf, zwischen den empfindsamen und den hartgesottenen. zwischen den ängstlichen und den zupackenden angreifern. zwischen denen, die licht- und schattenseiten kennen und denen, die den schatten im innersten verschließen, um als stählerner barbar das fürchten zu lehren. das eine und das andere. das kämpfende ich und die konflikte der welt. ich sehe  sie wieder in den simultanen oder überlagerten sur/realen bildwelten von neo rauch. deren inhalt sich mir bis zu einem gewissen grad erschließt, nur um ein quentchen an deutbarer verweigerung in mir einzupflanzen. die unerträgliche schwierigkeit des seins, das unaussprechliche, die vielen offenen fragen. und eine, die sich klärte. künstlerischer erfolg heißt nicht zwangsläufig inhaltliche nichtigkeit oder oberflächliche ’schönheit‘. die zwei abstrakten striche des künstlerischen gegentrends bedeuten mir die linien ins nichts des denkens. die sich wohlgefällig in eine kühle, großzügige wohnlandschaft einfügen, in der das graue schneller graut. wo die nägel und haare wachsen, aber die gefühle tot sind. wo das bett der vorzeitige sarg ist. und die dort lieblos verschossenen spermien vermutlich eine weitere totgeburt zum leben erwecken. die genetik des bösen und der eisernen härte gegen sich selbst und das fremde.

sich in etwas vertiefen. eindringen. vordringen. es erobern. sich intensiv mit dem sanftwütigen beschäftigen. sich auf etwas einlassen. graue theorie und bunte wirklichkeit. für mich vermischt es sich zu einem vielstimmigen konzert. ich lausche. lasse mich mitreißen, nicht vom schluchzenden einlullen. entziehe mich dem selbstmitleid. wechsle zum ironischen. wandere durch die zeilen des ausstellungskatalogs begleiter. verfange mich in uwe tellkamps großartigem, dichten und wissenden text hermeswerft. uhrenvergleich mit neo rauch. hadere mit dem wahnsinn in jonathan meeses beitrag neo rauch, dienstvermerk „saint just“ – stets zu diensten: diene der kunst wie neo, es bringt’s: ei, der mit den stilistisch arm, aber eng umklammerten worten schließt: (der mensch ist spielzeug der kunst, toll, toll, toll, sehr gut, neo). die ‚billigausgabe‘ des katalogs (38 €) erinnert mich äußerlich an die alten schutzumschläge aus pvc-belag für bücher, in der farbwahl an ddr-schulfußbodenbelag. die farbgestaltung bei der hardcoverausgabe (49,80 €) ist deutlich gelungener. und die druckerfarbe der günstigen variante stinkt zum himmel, sie riecht nicht wie ein gutes, druckfrisches buch, weswegen ich das großformatige dann doch nur auf dem balkon lesen kann. ich habe mir den katalog schon vor dem ausstellungsbesuch gekauft, um ein einen tiefen atemzug lang an der gestaltwelt des neo rauch zu schnuppern. das ist unter den gegebenen olfaktorischen belastungen nur schwer möglich. ebenfalls zum naserümpfen ist die abbildung querformatiger gemälde über zwei seiten. auf diese weise hat man immer schön einen knick in der optik. nun ja, ein paar details sind schon erkennbar. und überhaupt kann man den katalog drehen und wenden, wie es einem beliebt. man könnte beim lesen auch einen kopfstand machen.

den gesamteindruck werde ich ohnehin erst beim besuch der ausstellung bekommen. bis dahin verbleibe ich in aufgeregter vorfreude mit den besten glückwünschen zum geburtstag.

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neo rauch. begleiter. ausstellungskatalog. hrsg. v. bernhart schwenk, hans-werner schmidt. gestaltung: maria magdalena koehn. hatje cantz verlag: ostfildern, 2010.

link zur doppelausstellung

gedankenfadenspiel

'twine' von david o'kane wurde 2009 bei einem rundgang in der baumwollspinnerei in leipzig ausgestellt.

als kind habe ich mich oft stundenlang mit fadenspielen beschäftigt, die dem hier dargestellten so gar nicht ähneln. weder waren meine augen verbunden, noch endeten die fäden in der zuschauerperspektive, sondern an meinem handgelenk in verschiedenen figuren. zwar scheint auch hier eine gewisse fingerfertigkeit notwendig, aber mein gehirn verknotet sich immer wieder an einer deutung. nicht nur weil es  ein bißchen wie ein standbild aus einem alten schwarzweißfilm aussieht, aus einer anderen zeit zu kommen scheint, die ihre fäden bis ins jetzt spinnt und an denen ich nur ziehen müßte, um die spannung noch weiter zu erhöhen, die ich abschneiden könnte, aber dann wäre die verbindung zwischen uns gekappt, und ich hätte den roten faden verloren. die beiden kinder mit den augenbinden haben etwas von einem medium, einem mittler, während mich das mädchen links im bild einfach direkt anschaut, als ob es mich stumm dazu auffordern wollte, dem netzwerk eine neue komponente hinzuzufügen. urteile können fallstricke sein. darum versuche ich sie nach allen seiten offen zu halten, ohne jedoch den standpunkt zu wechseln wie ein chamäleon seine farben. offen und abweisend zugleich.

bin ich blind, wenn ich meine fühler in die außenwelt ausstrecke? größtenteils sehschwach, weil ich die folgen des kontaktknüpfens mit dem fremden nur graduell beeinflussen kann. die länge meines lebensfadens ist mir unbekannt. er ist unsichtbar. so bin ich für begrenzte zeit ein mitspieler, manchmal mit gezinkten karten, manchmal verlierer, manchmal gewinner, manchmal einfach nur dabei. so lange ich mich in gesellschaft bewege, habe ich bindungen, lose und feste, lockere und enge, kurze und lange,  bin also weberin. und auch zu hause sitze ich im netz, im netz meiner rituale, im netz meiner bequemlichkeit, im netz meiner hoffnungen, im netz meiner änsgte, im netz der zeit, breite mich im internet aus – so wie jetzt. fesseln, grenzen, abschnürungen, aber auch erweiterungen. ich bin der geborene weberknecht in menschengestalt.

feine unterschiede

pingui1 rigo schmidts miniaturbilder eröffnen einen kulturgeschichtlichen kosmos. dabei irritiert die reihenfolge der drei bilder. vom gelben lichtspektrum über das rotlicht zum gekreuzten und gebrochenen höhlenbraun, das womöglich das platonsche höhlengleichnis symbolisiert oder aber die dreifaltigkeit persifliert oder beides oderoderoder. versucht man nur die symbole zu deuten, dann degeneriert natur in der distinktion zur religion und schließlich in der vervielfachung der abgrenzungen zur banalität. dergestalt entblößt sich der scheinbar unlösbare widerspruch zwischen natürlichem und artifiziellem. zeit und raum zum abschweifen.

für manchen bleibt die welt zappenduster, undurchschaubar. der sich mensch nennt, tappt vorsichtshalber linkisch durch das halbdunkel, vermeidet tunlichst jegliches anecken und das verlassen seines ursprünglichen lebensraums. oder aber er ist so schmerzunempfindlich wie ein nacktmull. entdeckerdrang ist ihm abhold. er lebt den frommen totenkult, die natürliche auslese, das stärkeprinzip. von weißen über fremde federn zu vatermördern. vom tummeln im meer zum belustigen im beengten zoobassin. vom bärenfell zum steifen kragen. von der etikette zur erstarrung auf der höhe des erfolgs. von der krawatte zum strick. vom kollar zum halseisen. vom transzendenten zu profanen fesseln für frevler in glaubenskriegen. glaube an die macht, an das geld, an das glück, an die vernunft, an das übernatürliche. meistens wissen wir genau, was wir anderen antun, aber wir tun es trotzdem. weil wir an etwas anderes glauben. grob fahrlässige geistige umnachtung statt größe. erzkonservativ, aber unmenschlich. bibeltreu, aber fleischesschwach. gleichheit predigen, profit mitnehmen, profil verlieren. tschüß rio reiser.

allein der wunsch nach einer knopflochentzündung ist kein typisch katholisches phänomen. wer will schon fallen, wenn er klettern kann, wenn der wissenerwerb erwerbslos macht? der lebenstraum reicht gerade mal vom ausgereizten dispo multipliziert mit sechs kreuzchen plus superzahl zum lottomillionär. endlich maßgeschneiderte übergröße, statt abspecken. pathologisch kastrierte ideale, eingetauscht gegen kohle und berauscht vom koks. schwelende effekthascherei im schwarzlichtmilieu. aber wenn die moral im mammon baden geht, ereignen sich noch hellsichtige versprecher: am ende bist du dann körperlich-geistlich komplett kaputt. die dann am aufgebahrten sarg stehen, blicken andächtig verklärt. sie sind erben. jetzt gilt nur noch eins: hauptsache die haare liegen gut. wie verzerrt die selbstwahrnehmung auf erden, so im himmel.

bildstörung

hassan_haddaddas triptychon ich lebe, also bin ich?*** des aus dem irak stammenden und in der leipziger baumwollspinnerei lebenden künstlers hassan haddad wirft eingangs mit dem bildtitel die frage nach der erkenntnisfähigkeit in liebesangelegenheiten auf (zweifelsohne auch auf andere lebensbereiche übertragbar). die bildnerische abwandlung von rené descartes cogito, ergo sum birgt nicht weniger ich-zweifel und verzweiflung in sich. in jeder bildfaser scheint ein dazwischen zu liegen, eine passage. türen, treppen, spiegelungen, lichteinfall, an- und ausgekleidet, liegend, stehend, herabschauend – ein mann mit maske im zwielicht zwischen zwei frauen. eine bildstörung in der harmonie. ende und anfang von träumen, räumliche trennungen und körperliche annäherungen, kommen oder gehen, vergangenheit und gegenwart ohne zukunft, zwischen künstler, bild und betrachter. die situation suggeriert einen sprachlosen zustand der leere nach einer täuschung, im moment der entdeckung, der überrumpelung. gesichtslose köpfe mit ausgelöschten oder veränderten identitäten. ein konflikt scheint bedrohlich durch bildflügel und mitteltafel zu schweben. eine heimkehr mit folgen. zerstörte gewissheit. unklare verhältnisse. verletzte gefühle. was wird? höhnisch ragt eine blüte wie ein mikrofon, wie eine aufforderung zum sprechen, zum verhandeln in den rechten flügel. durch das glas der tür erscheint die kissenform wie ein überdimensionaler weiblicher hintern. auf dem sofa im dunklen raum liegt abgewendet eine frau. schläft sie? weint sie? wartet sie? diese simultaneität von ruhe, spannung, verharren und chaos… und nicht mehr die sinnes ermüdende frage, ob ich lebe und bin. federführend ist nicht das bloße sein,  sondern die fragen nach dem: wie lebe ich und mit wem? ein variables, materialistisches lebensdesign mit episodenhaften neuentwürfen.**

***das bild war in der werkschau 2009 in der baumwollspinnerei ausgestellt und ist hier besser, weil frontal zu sehen.
**  nur ein paar gedankenspiele zur zeit, zur individuellen stimmung, zum wunderbaren, melancholie erweckenden bild…