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kollektiv verordnete panik

friedhofes naht der tag. der 30. geburtstag von pamela und deren emotionale auflösung in panikattacken. die welt um sie herum raunt aus allen  verfügbaren kommunikationsquellen und unter dem bett hervor: du wirst 30. 30! auf dem gedenkgeschenkaltar ruhen ein gutschein für die wellnessoase, ein gutschein für speeddating, anti-aging-produkte für sämtliche teile des verfallenden körpers und – der gipfel der geschmacklosigkeit schlechthin – eine einladung von ihrem sonst schüchternen, nun aber erhörung witternden 55 jährigen verehrer zur ü-30-party (sein bester freund hatte im eingebläut: wenn die erst mal 30 ist, muß die eh nehmen, was die noch kriegen kann). selbst die blumensträuße verströmen einen intensiven geruch von begräbnisstimmung. freunde fragen mitleidig: und wie fühlt man sich so mit 30? pamela wird schwarz vor augen. sie lehnt sich (doch nicht etwa schon altersschwach?) an den türrahmen und verlangt nach einer lebenskrücke. der doppelte grappageist bewirkt weniger wunder, als von den geladenen erhofft. pamelas tränen ergießen sich hemmungslos in einem sturzbach. man reicht taschentücher und tröstende worthäppchen. bis der neunmalkluge spruch ach übrigens hab ich neulich irgendwo gelesen, daß heulen genau wie dein qualmen die hautalterung rapide beschleunigen die stimmung endgültig wie ein gewässer umkippen läßt. alle drängen nun eilig zum aufbruch. the party is over.

pamela verschließt die tür. und aus angst vor weiteren heimsuchungen des krähenfüßigen, greisen gespenstes verbarrikadiert sie die flügeltüren mit einer kommode. dabei fällt ihr blick in den spiegel. die verlaufene wimperntusche hat schwarze gräben unter den augen hinterlassen. pamelas augen fixieren den mildegabentisch einer sterblichen. sie greift nach einem tiegel antifaltencreme und eilt ins bad, schminkt sich in rekordtempo ab und atmet erleichtert auf, nachdem sie die creme spachteldick auf das im gnadenlosen kosmetikspiegel erscheinende faltengebirge aufgetragen hat. dann legt sie sich ins bett und kann nicht einschlafen. der per googlesuche im forum von brigitte woman selbst diagnostizierte rapide eizellenverfall versetzt den körper chronobiologisch planmäßig in hitzewallungen. dazu tickt der wecker in einer früher nie wahrgenommenen eindringlichkeit und eilfertigkeit den lebenstakt vor. in einem letzten, wilden aufbäumen wirft die sekündlich dahinvegetierende ihren ganz persönlichen zeitfrosch an die wand. mit dem ergebnis, daß sich ein paar einzelteile vom unkaputtbaren erbstück des ruhla-uhren-fabrikats made in gdr lösen, die bösen zeiger aber weiterhin ihre deprimierenden runden drehen. pamela verkroch sich bis zu den ohren in embryonalhaltung unter der bettdecke und wimmerte sich in den schlaf.

in ihrem alptraum mischen sich wortfetzen der gäste zum garstigen chorgesang: damals, weißt du noch…?, früher, erinnerst du dich noch an…?, das ist doch ewig her, olle kamellen, als du noch jung warst…, lebenslauf, karriere, familienplanung, schwanger, elterngeld, unterhalt, kredit, eigenheim… und erwacht mit dem gedanken, sich fürs erste einer sekthilfegruppe für le(i)dige anzuschließen. doch der spiegel belehrt sie eines besseren. wo nachts noch creme glättend wirken sollte, zeigt sich nun ein pickelstrafbataillon. im schutz der dunkelheit sucht sie ihre dermatologin auf, die sie wegen hormonstörungen zur weiterbehandlung an eine gynäkologin überweist und schlägt die einnahme der pille vor. während ihre frauenärztin in einem anfall von theatralik die augen verleiert und moralpredigt: in ihrem alter noch die pille! früher, als frauen noch mit anfang 20 schwanger wurden, gab es solche zivilisationskrankheiten nicht. sind sie so karrieregeil? mit tränenverschleierten augen ergatterte sie das rezept und stürmte aus der praxis. jetzt schielte auch noch der apotheker über seine halbbrille und setzte zu einem wissenschaftlichen vortrag über das zunehmende thromboserisiko bei älteren raucherinnen an, als ein nervenzusammenbruch der rundum geächteten ihn zum abbruch bewog. er drückte ihr mit dem medikament wohlmeinend eine visitenkarte in die hand, die sie erst zu hause entdeckte. wutschnaubend zerriß sie die karte mit den kontaktdaten des psychologen. sie goß sich einen whiskey ein, zögerte, schüttete ihn in den abfluß und ließ klares wasser nachlaufen. krank? ich? ich und krank! hah, ihr spießer wollt mich für krank erklären, nur weil ich nicht in die schublade xy+xx-beliebig passe! das ist es doch! nüscht is! als erste lebensverlängernde maßnahme gönnte sie sich ein aromatherapeutsiches wohlfühlbad. ach, laß die doch blubbern…

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