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weniger ist oft mehr

viele zählen sich selbst zu den kreativen, dennoch sind sie es selten. sie haben keine begabung, kein talent, sondern machen meistens einfach nur das, was gerade mal wieder im trend liegt, in den medien als hype gepriesen wird. es gibt nur wenige, deren begabung darin besteht, das verborgene wesen in den dingen zu sehen, die verborgene schönheit und poesie in den dingen und lebewesen, die mich berührt, aber nicht offensichtlich ist, die mich in einen wirbel einsaugt, die alles umwirft, die kaum wahrnehmbar ist und dennoch alles verändert. es gibt menschen, denen der blick für die details gegeben ist, denen nichts entgeht, die jeden zwischenton hören, alles, was falsch ist, sehen oder mit ihren händen ertasten.

ich meine nicht die bekannten modedesigner und stylisten, nicht die trendsetter und schrillen typen. ich meine die kleinigkeiten im leben, die das wohlbefinden so unendlich bereichern und wieder ins lot bringen, da wo es in schieflage geraten ist. da ist zum einen der friseur, der deinen typ mit einem passenden haarschnitt unterstreicht. manchmal ist es nur eine strähne, die falsch liegt und doch ist die verändernde wirkung phänomenal. nicht für den, der keine augen für die feinheiten hat, der nur das grobe zu mus zerhackt und es verschlingt. dann gibt es diese klamottenverkäufer, denen die mode ein bedürfnis ist, aber nicht das verkleiden, das verkleiden als gespenst des aktuellen stils. sie haben den blick für proportionen, für farben, für materialien, für das dezente unterstreichen, betonen, kaschieren, können kleidsam und günstig von teuer, billig oder neuestem schrei trennen. der lauteste wird zwar am ehesten gehört und gesehen, aber ich liebe nun mal das leise, das unaufdringliche, das unauffällige, das dezent verspielte, das reizvolle detail an den innenseiten, die kaum jemand jemals zu gesicht bekommt. anders das logo. es will die wiedererkennung an der ware, am wert, an der marke – nicht jedoch die des menschen, der mit dem logo seinen marktwert zu steigern hofft und dennoch hinter ihm zu erlöschen droht. das logo ist eine farce, eine form von profilneurose hinter der die schönheit nur zurücktreten kann. auf mich wirkt ein derartig generiertes image wie der unbedingte wille zur bedeutungslosigkeit, ein geld/schein/sein, ein auslaufmodell.

menschen mit echten begabungen liefere ich mich bedingungslos aus. ich bin wachs in ihren händen. wäre ich eine katze, würde ich genüßlich vor mich hinschnurren. und sie kneten mich weich, lösen mit ihren heilenden, tastenden, wissenden händen knoten in den muskeln und in der seele. sie fragen dich nichts. sie spüren es. du spürst es. sie können so viel in mir bewegen, lawinen lostreten oder aufhalten, den schmerz nehmen, entspannen, ausgleichen, den krummen rücken aufrichten. vor dem inneren auge flimmern farben in einer ungekannten intensität. ich registriere die schwere und gleichzeitig die leichtigkeit des seins, wie die knoten weichen, wie die wirbelblockaden sich lösen, wie die müden knochen knirschen, wie sich die innere salzsäule plötzlich regt, wie ich plötzlich zwei zentimeter zu wachsen scheine, wie die last langsam von den schultern genommen wird, wie der druck nachläßt. alles ganz langsam. und wie eine schildkröte strecke ich ganz vorsichtig den eingezogenen kopf aus dem panzer und zeige ein behutsames lächeln. und nun suche ich die richtige dosierung für mein leben, denn die überdosis arbeit war eine pille, die ich unfreiwillig geschluckt habe und die fatale nebenwirkungen verursachte. weniger ist  meistens mehr. in diesem fall weniger selbstaufopferung und mehr lebensqualität.

dream follower

banksy in boston, (c) bostonist.

verrückte welt. heute früh habe ich dieses stencil zufällig bei der blogschau entdeckt und zwei stunden später fand ich diesen beitrag über banksy bei meinem blognachbarn tom. noch weitaus abstruser finde ich den umstand, daß ich manchmal in gesprächen mit mir nahezu unbekannten menschen mehr über meine derzeitige, verfahrene, berufliche situation erfahre, als würde ich mich mit familie oder freunden dazu beratschlagen. dabei habe ich dann festgestellt, daß mich meine arbeit zunehmend frustiert, meine zwei jobs mir ein ständiges switchen zwischen den themen abverlangen, daß ich dadurch manchmal einen mentalen spagat hinlegen muß, ohne mich auch nur aufwärmen zu können, daß ich schon viel zu lange und immer halbherziger im broterwerb verharre, daß ich viel zu viele ausreden finde, mich ernsthaft nach nur einem job umzusehen, der nicht so etwas ähnliches wie eine persönlichkeitsspaltung in mir hervorruft, der nicht an meinem gewissen und meinem ethos nagt. es ist weniger der ehrgeiz oder ein karrierewillen, der mich umtreibt, als vielmehr die angst vor völliger verblödung, vor dem abstumpfen, vor der anspruchslosigkeit. das bereitet mir bauchschmerzen, kopfzerbrechen und schlafarme nächte. ich verabscheue in diesem zusammenhang das wort selbstverwirklichung. aber ja, an welchem tag habe ich eigentlich  begonnen, meine wünsche und träume kleinzureden? bin ich von geistiger trägheit befallen? ein opfer der einst verschmähten saturiertheit? ich diagnostiziere erste symptome, aber nein, die selbstzufriedenheit ist noch nicht ausgebrochen. und so habe ich begonnen, den staub wegzuwedeln und blicke auf chaos, das mal eben fix sortiert werden will. tja, lieber banksy, danke dafür, daß du mir mal wieder ein warnschild so dicht vor die nase gesetzt hast, daß ich es einfach nicht umrennen kann.

geerdet

abendhimmel_wp

frische landluft inhaliert, die nicht nach jauche roch. nach feld, blumen, kräutern. und wenn man diesen abendhimmel betrachtet, dann möchte ich gerne weiter ewig alltag schwänzen, mindestens noch eine woche oder doch lieber einen ganzen monat. dieses landleben im absoluten funkloch – ohne internet und mobilfunk, hat den großen vorteil, daß man plötzlich rein gar nichts vermißt. nicht den blendenden bildschirm des computers und nicht die zusammengekniffenen augen, nicht das prüfen des elektronischen postfachs, nicht den aktuellen mißlaune-bereitenden nachrichtenstand, nicht die spekulationen, nicht die gerüchteküche, nicht die tiraden. es dauert nur wenige stunden, bis man merkt, das ist alles nicht sooo wichtig, die erde dreht sich weiter, ich bin lediglich nicht mehr zu orten, gleichsam untergetaucht in hohem wiesengras, gebettet auf moospolstern, minutenweise festgekrallt von rosendornen, umsurrt von mücken, wespen und bienen. statt wummerndem baßbeat trällern lerchen, goldkehlchen, amseln. reiher und eichelhäher rufen warnend, wenn der wanderer naht. das leben tickt hier nicht nach der uhr, sondern nach dem wolken- und sonnenstand.

glück gehabt, daß die dorfnachbarn nicht gerade des ruhigen landlebens überdrüssig waren. so wie der städter mit dem dorf/land fälschlicherweise ruhe assoziiert, sucht der naturdröge dorfbewohner die lautstärke. welcher rasenmähermotor und welche kreissäge schallt weiter? welches quad/motorrad dröhnt bereits von der landstraße herüber? wie viel gas kann der motocrosser im gelände geben, damit das knattergeräusch auch noch den letzten touristen aus dem landschaftsschutzgebiet vertreibt? dagegen kann stadtverkehr in der rush hour nahezu einschläfernd leise wirken.

kopfarbeit mit handarbeit zu erstetzen, führte überdies zum vergessen jeglichen einschlafproblems. liegst du einmal im bett, liest du zwei seiten, dann klappen die augen von alleine zu. gegen diese bettschwere hat das denken keine chance. es schläft ein, ohne zu den zigtausend ereignissen im alltag und den medialen noch tiefschürfende wälzgedanken zu liefern. der konjunktiv hat sperrstunde. ich könnte jetzt… nichts mehr schreiben – für heute. und im moment fehlt mir die motivation zur blogregelmäßigkeit. man sollte sein hobby nicht als surrogat für andere sehnsüchte benutzen. ich habe nun mut zur textlücke, zum einbruch von besucherzahlen ohnehin und zum individuellen rhythmus, unabhängig vom ranking. bloggen ist eine nimmersatte zeitfreßmaschine. ich schreibe künftig nur noch nach belieben, ohne druck. beliebigkeit war nämlich nie mein ziel. ich fürchte allerdings, daß weiteres tägliches texten mich innerlich ausbrennt. ideenloses kann man aber schon genug sehen und lesen. ödnis soll mir und euch erspart bleiben. neues? vielleicht. bei gelegenheit. irgendwann. laissez-faire. und wenn es unabdingbar ist, einschreiten…