Schlagwort-Archive: hgb-rundgang

im käfig

grafik von franz alken beim hgb-rundgang in leipzig: "es muß gar nicht immer weitergehen."

so, der messekäfig steht. eigentlich ist er nach einer seite offen, aber an der offenen seite werden unendlich viele menschen vorbeiströmen, halt machen, mir löcher in den bauch fragen, so daß die öffnung nicht vielmehr als eine sprachausgabestation sein wird. vier tage buchmesse stehen an. pünktlich zum bücherfrühling trat die lang ersehnte meteorologische lenzwende ein. ein laues lüftchen wird mich auf dem hin-und rückweg, zu abendlichen lesungen und abendessen mit kollegen begleiten. ich bin dann mal weg und in die welt der bücher abgetaucht, um neue geschichten zu suchen.

wer nicht blättern will, sondern lieber scrollt, findet lesenwertes in meiner blogrolle. oder aber ihr wühlt mal ein bißchen staub in meinem archiv (retro in der sidebar) auf. bis bald…

hüllen des seins

lichtinstallation beim hgb-rundgang in leipzig. künstler leider unbekannt.

manchmal sind wir menschen im somarausch. eine lichtgestalt betritt den raum, die alle blicke auf sich zieht oder nur die aufmerksamkeit eines einzelnen erregt. man spürt die wärme, die von dem körper ausstrahlt. fiebrig. hitze durchfährt den körper wie ein blitz. getroffen. stumme bewunderung. manche nennen es liebe auf den ersten blick, andere reagieren mit rationaler distanz, lassen gerade mal sympathie zu, bleiben nicht an der oberfläche kleben, wollen die fremden gedanken inspizieren, austauschen. in beiden formen entsteht reibung, physische oder psychische. so wie diese lichtinstallation vor der heizung aufgebaut wurde, ist sie ein faszinierendes sinnbild für die menschliche sehnsucht nach wärme, die mit den ersten sonnenstrahlen eines lauen frühlings ihre knospen treiben wird, mal zart, mal obszön, mal in dezenten tönen, mal schrill. eine gute voraussetzung, um sich finger und mund zu verbrennen, durchs feuer zu gehen oder verliebt in anderen sphären zu schweben. wenn es soweit ist, haltet mich nicht am boden fest, damit ich die welt en miniature für ein paar minuten aus der vogelperspektive betrachten kann. damit ich das entfremdete ich aus den innereien picken und im gleitflug abstreifen kann. einfach nur sein ohne schwere,  in der leichtigkeit – für sekunden. flügellahm lande ich sowieso schnell genug und geerdet wieder auf dem planeten.

schwarz auf weiß

nicolas rossi: das perfekte argument, farbe auf toilettenpapier, 2009

das perfekte argument

die ganzheitliche befriedigung
nach der vollkommenen freilassung
des inneren bescheidwissens –
aus überzeugung.

argumentation nach maß:
unwiderlegbar und bestechend
ausgereift.

die struktur: sukzessive
aufbäumend, bis schließlich
im genau richtigen augenblick
das perfekte argument genannt wird.

einwandfrei ist es – und makellos
zudem. würdig, um als mitte und
zentrum der diskussionsfragmente
verstanden zu werden.

leider bin ich, was die geschickte rhetorik betrifft, oft ein spätzünder. die worte wollen in eile nicht fallen. sie gären im eigenen saft, bis die frucht zerplatzt, aber dann ist es meistens schon zu spät, die kommunikative öffnung versiegelt. ich sehe den im nebel verschwindenden rücklichtern hinterher. ‚geistesblitze‘ sind  mein donnergrollen. so sehr ich schlagfertigkeit in diskussionen bewundere und geistreiche gespräche schätze, in denen eine pointe die nächste jagt, so oft bleibe ich stumme unbeteiligte. denn das perfekte argument darf niemals angestrengt klingen. es erfordert spontaneität und hohes tempo, wo ich allenfalls schnecke bin. manchmal bin auch eine raketenschnecke, changiere – für mich selbst kaum nachvollziehbar – zwischen zeitraffer und zeitlupe. ich bin die inkarnation der verpaßten gelegenheit. und was ich verschlafen habe, weiß ich nicht. also bleiben nur leises bedauern und aufschreiben des ungesagten.

‚walking for peace‘

zynismus pur: schuhspenden made in vietnam für menschen ohne beine.

als ich in den lichthof der hgb trat, waren meine ersten gedanken: ich kriege gleich einen schuhtick. folge ich der spur der schuhe oder verfolgen sie mich (siehe die texte über shoefiti)? aber nichts dergleichen. dort wurde die variable skulptur walking for peace von thanh long ausgestellt. und seit donnerstag nacht verfolgen mich die bilder der entstellten und mißgebildeten agent-orange-opfer aus vietnam, die ich in einem einzigen kurzen trailer (vorsicht, nichts für sensible menschen) für den dokumentarfilm regen der vernichtung – das erbe des vietnamkriegs kaum anschauen konnte, bis in meine alpträume. es war die operation ranch hand, bei der die us-armee das hochgiftige entlaubungsmittel zwischen 1965 und 1970 in vietnam über den wäldern und feldern versprühte. als spätfolge des dioxins, das immer noch über verseuchten boden in die nahrungsmittelkette gelangt, kommt es selbst in der dritten generation zu krebs, schweren behinderungen und immunschwäche-erkrankungen. über 500.000 menschen sind davon betroffen. mißgebildete kinder werden von abergläubischen eltern in heime gebracht und vegetieren dort weiter vor sich hin. sie erhalten nur  minimale hilfe trotz internationaler spenden. amerikanische kriegsveteranen und angehörige bekamen 1984 bei einer sammelklage gegen die hersteller 180 millionen dollar entschädigung zugesprochen, während die klage vietnamesischer opfer im jahr 2005 mit der fadenscheinigen begründung von richter jack weinstein abgewiegelt wurde, es habe sich beim einsatz der herbizide nicht um chemische kriegsführung  gehandelt. ein rekordverdächtiger mangel an unrechtsbewußtsein. auch ein berufungsverfahren im jahr 2008 wurde zurückgewiesen.

man kann gegen die politisierung von kunst immer nur dann argumentieren, wenn sie sich von der politik instrumentalisieren läßt, etwa wenn sich politiker mit auftragskunstgewürge wie mit trophäen garnieren und inszenieren. kunst erfüllt nicht nur den zweck, schönheit und harmonie zu vermitteln, wodurch  auch unendlich viel kitsch als massenware in innenräume eingedrungen ist. und beim hgb-rundgang stachen mir gerade die werke tief ins auge, die sich mit sozialen brennpunkten beschäftigten. das waren relativ wenige. überwiegend tummelte sich da an wänden, decken und böden verspieltheit, und  manche objekte spiegelten eine krampfhaft erzwungene witzigkeit, unausgereifte ideenumsetzung bzw. ideenarmut in kombination mit zwang wider, so daß ich manchmal still für einen studienfachwechsel plädierte (wovon ich irgendwann auch noch berichten werde). ideen fliegen ja leider den wenigsten auf kommando zu, die dann wiederum um so produktiver sein können.

an drähten aufgehängte damenschuhe konnten für eine spende von 10 euro von den wohltätern signiert werden. der spendenfonds wird für juristische wiedergutmachung und medienkampagnen verwendet. das agitationskunstwerk wird dann in einer wanderausstellung gezeigt und soll schließlich  mit der forderung nach entschädigung der opfer und dekontamination verseuchter landstriche an die regierung der usa übergeben werden. die pumps für die installation stammen übrigens – und das ist zynismus pur – aus einer spendenlieferung. viele der opfer haben aber leider gar keine oder mißgebildete füße. was sie zunächst brauchen, sind erst einmal prothesen oder operationen. eine anregung für das karitative kunstprojekt hätte ich noch: eine webseite mit weiterführenden informationen und angabe eines spendenkontos. vielleicht finden sich ja auf diese weise noch mehr unterstützer.

hgb-rundgang

heute um 18 uhr werden sich wohl wieder die kunstgeier auf die lose stürzen, um für 30 euro ein kunstwerk von dozenten und studenten der hgb zu ergattern. denn dann beginnt der tradtionelle hgb-rundgang in leipzig und der ansturm auf den kunsterwerb nach dem zufallsprinzip. da werden werte kurzzeitig umdefiniert. mal sehen, ob ich mich heute schon in das schaulaufen der künstlerszene begebe oder lieber eine ruhigere minute am wochenende abpasse, um die exzentrik der vernissage zu meiden und mich dann mehr der werkbetrachtung widmen zu können. wird wohl von meiner stimmung abhängen. manchmal habe ich einfach keine lust auf das dort überproportional zahlreich vertretene exaltierte gehabe.