Schlagwort-Archive: halbwissen

lektionen in leere

leerer_stuhllernt man menschen zunächst virtuell kennen, also vor dem schnellen abgang nach einer kurzen szene, gelingt es den gewiefteren zeitgenossen, sich anfangs mit scheinbar beeindruckendem wissen hervorzuheben. google sei dank, springen die als eigen vermarkteten gedanken von geöffnetem fenster zu geöffnetem fenster, in der hoffnung, so weniger im mantel des unwissens zu tab-tab-sabbern. sie liefern dann oft unzusammenhängende bröckchen, die sich der leser irgendwie zusammenreimen soll. flüssig kann man den schreibstil nicht nennen. eher verworren, nicht durchdacht, gewaltsam verknüpft. erst später frickelt er sich den flickenteppich mühsam zurecht, und dieser läßt den absender plötzlich zum zerrbild werden. was als  intelligenz, individualität und authentizität angepriesen wurde, geriert sich als schattenriß, ja abziehbild der suchmaschinenergebnisse und vermeintlicher autoritäten: hier ein zitat aus amazons filmbeschreibung, dort eine sorgsam gestreute sentenz aus der weltliteratur. original und schriftkundiger papagei.

nach längerem, schöngeistigem austausch kommt irgendwann das blitzeis der realität (gemeinerweise habe ich absichtlich nicht gestreut), und der nun plaudernde, einstige schreiberling gerät ins schlittern, taumelt, rutscht, plumpst mit karacho durch die viel zu dünne eisdecke ins wasser.  dabei sollte er doch nur gedanken austauschen, die er selbst nicht denken konnte. dementsprechend verläuft das gespräch ziemlich unfruchtbar, die zeit scheint zu nieseln. das nächste mal könnte ich ja zur intensiven vorbereitung einen katalog mit lebensphilosophischen fragen schicken, damit sich mein gesprächspartner die antworten zusammenklauen kann. vermutlich würde mich auch das dreimal vorgekaute schnell langweilen. mit google to go wäre das nicht passiert oder  sehr wahrscheinlich nur in zeitlupe.  so bleibt der lehrstuhl weiterhin leer und manche lebenslektionen unbequem.

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stinkende vergleiche

wenn ich manchmal morgens in den spiegel schaue, ist mir gelegentlich bewußt, daß ich bockmist verzapft habe. der (virtuelle) spiegel weiß es aber nicht, reflektiert dennoch ausführlich und mit großem brimborium über die pannen anderer leitmedien. erst gestern durfte sich der chef vom dienst der ard-tagesschau für die umbenennung von bundeshorst in bundesklaus in den inserts (die übrigens kaum vom zuschauer wahrgenommen werden, sondern fast nur von anderen journalisten) auf spon in einem eigenen artikel entschuldigen. und wie in einem liebesdrama wurde die liste der fernsehfehler im artikel lang. archive und das gedächtnis können wirklich hinterhältige verbündete im meinungskampf sein.

schön wäre es auch, wenn der spiegel öfter mal auf inhaltlichen korrekturen eigener beiträge bestünde. oder aber noch einen redakteur mehr einstellt, der nur die inhalte auf fehler prüft. über satzzeichen und vertipper kann man hinwegsehen. nicht aber offensichtliches halb- bis unwissen der (freien) autoren. ich möchte hier nur zwei scheinbar harmlose beispiele eines einzigen buchstabenkochs hinweisen, da sie mir kurz nacheinander aufgefallen sind. besagter autor ist  laut eigenen angaben studierter diplom-journalist mit langjähriger berufserfahrung (kann jeder selbst recherchieren, so wie ich). da ich keines seiner rezepte je ausprobiert habe, weil mir jedesmal schon in der langen einleitung die textanfütternung sauer aufstieß, kann ich über die küchenmeisterschaft wenig aussagen. wohl aber über die textinhalte. wenn er die zutaten auch so ohne sinn und verstand in den topf wirft, wie er wörter und vergleiche verwendet, dann will ich nicht kosten.

in dem artikel ‚das riecht nach problemen‚ (wie wahr) vom 24.05. 2009 (bis heute unveränderte fassung im kulturspiegel online) bemüht wagner folgenden hinkenden vergleich:

patrick süskinds parfümeur jean-baptiste grenouille fing den geruch toter frauen ein. in der gehobenen küche geht das genau umgekehrt – dort versucht man, durch das parfümieren toten zutaten neues leben einzuhauchen.

zufällig ist das thema geruch mein steckenpferd. der geneigte blogleser wird das wohl bereits wahrgenommen haben. der aufmerksame romanleser wird sich möglicherweise auch daran erinnern, welche duftessenz grenouille begehrte, als er die frauen tötete. mitnichten gierte es seine nüstern nach leichengestank, sondern er war dem unwiderstehlichen duft von sommersprossigen jungfrauen kurz vor der geschlechtsreife erlegen. er balsamierte ihre leichen unmittelbar nach dem tod, um den geruch des lebens und der leidenschaft zu konservieren und um daraus den geruch der unwiderstehlichen liebe zu brauen. dieses odeur auf seinem eigentlich geruchlosen körper wurde ihm letztlich zum verhängnis. sein leib wurde im begierigen lustrausch zerstückelt. was wagner hier als gegensatz bemühte, ist in wirklichkeit eine ähnlichkeit – genußsteigerung.

zerfledderte ddr-ausgabe. gelesen! kein dekoelement!

zerfledderte ddr-ausgabe. gelesen! kein dekoelement!

grundsätzlich habe ich nichts gegen die vermittlung von wissen oder originelle allusionen in sachfremden texten einzuwenden. bloß greift der koch nicht wahllos in die gewürzdosen, sondern versucht sich an einer schmackhaften komposition. obiges beispiel erzeugt aber in der inhaltsverkürzung eine kakophonie. heute bewies der textkoch dann noch eine große meisterschaft in der verwendung fremdsprachiger zutaten in dem beitrag ‚zeig, was in dir steckt!‚. das ist doch mal ein fehdehandschuh nach meinem geschmack.

schon der römische schriftsteller petron berichtet in seinem „satyricon“ davon, dass bei den legendären festmahlen des amoralischen, ungebildeten, aber schwerst vermögenden trimalchion stets gerichte im vordergrund standen, die wie babuschka-puppen mehrfach ineinander gesteckt waren.

ja, wie der herr mit halbbildung zu vermögen kommt, weiß ich auch nicht. er scheint sich aber im mediengeschäft etabliert zu haben. bei mir standen die großmütter ( russisch = бабушка) nicht als staubfänger im regal. die saßen im ohrensessel oder auf dem sofa. und sie ließen sich in ihrer altersgesetzten seelenruhe auch nicht so leicht auseinander nehmen. gesucht wurde also irgend so ein russisches wort für steckpuppen . könnte es nicht vielleicht matrjoschka (матрёшка) gewesen sein? dazu brauche ich nicht mal die wikipedia-begriffserklärung, die ich nur der vollständigkeit halber aufführe. ein zuverlässiges kopfarchiv reicht und notfalls noch mal ins buch schauen. dabei werden  ddr-bildung und russischkenntnisse häufig als zweitklassig und überflüssig dargestellt. die westliche (wissens)welt als alleiniger maßstab? kulturspiegel mit blinden flecken? nach 20 jahren könnte man ruhig mal in richtung sonnenaufgang blicken und in östliche länder reisen, um kultur und geschichte zu entdecken. vorurteilsfrei und kritisch. aber ich bin ja nur bloggerin. wie kann ich es nur wagen, bezahlte journalisten zu bekritteln (*unschuldig guck*)?

Patrick Süskinds Parfümeur Jean-Baptiste Grenouille fing den Geruch toter Frauen ein. In der gehobenen Küche geht das genau umgekehrt – dort versucht man, durch das Parfümieren toten Zutaten neues Leben einzuhauchen.