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schräge, bunte vögel

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gestern habe ich mal die zeit gefühlte 15 jahre zurückgedreht und einfach so getan, als könnte ich mir noch jugendlichen leichtsinn erlauben. wortfeile auf abwegen, nicht ganz legal das ganze, aber ganz ohne drogen, wenn man von dem kleinen körpereigenen adrenalinschub mal absieht. andere fahren betrunken auto, ich kompensiere die alltägliche nüchternheit eben mit wurfübungen. freilich mit den für frauen eher typischen gebrochenen handgelenken (nicht daß noch jemand auf die idee kommt, ich hätte die spraydosen höher als bis zu den untersten zweigen geworfen).

die einladung von petro steigolino, mich mal an so einer street-art-aktion für eine buntere stadt zu beteiligen, hat mich aus mehreren gründen gereizt. wir haben uns ja sozusagen auf virtuellem weg kontaktiert, die fremdheit ignoriert und die gemeinsamen interessen als aufhänger für einen kurzen moment der verwirrung des publikums im realen leben genutzt. man braucht ja schon eine ausgefeilte wurftechnik, um die aneinander gebundenen, leeren spraydosen und acrylfarbenflaschen auf die äste zu werfen. ich muß wohl noch mit der raspel an der verfeinerung meiner grobmotorik arbeiten… außerdem sollte man dabei auch seine umgebung nicht ganz aus den augen verlieren, falls man den unmut von passanten oder irgendwelchen anderen ordnungshütern erregt.

ich war schon etwas überrascht, welche gesichtspunkte alle berücksichtigt werden müssen, um einen guten spot zu finden. der baum durfte noch nicht allzu  viel laub haben wegen der sichtbarkeit. außerdem müssen die zweige dicht sein, damit die spraydosen besser hängen bleiben. darunter sollte außerdem niemand liegen, den man bei mißlungenen versuchen versehentlich mit dem wurfgeschoß treffen könnte. schließlich war der schillerpark voll mit in der sonne chillenden menschen, die alle mehr oder weniger interessiert die schrägen vögel dabei beobachteten, wie sie bunte vogelimitate auf die zweige bugsierten.

natürlich sollte man nach dem ganzen schabernack das feld schnell räumen, um nicht doch noch in letzter sekunde erwischt zu werden. keine halbe stunde hat der ganze zauber gedauert. schließlich hat sich dann doch noch ein minderjähriger zuschauer gefunden, dem die frage nach dem sinn det janzen wohl das adoleszente hirn zermarterte. eine seiner nächsten fragen war dann ganz der klischeedeutsche – wer das dann aufräumt? endlich stellte er auch noch fest, daß unsere steuergelder, die er ganz sicher noch nie bezahlt hatte, dafür verschwendet würden. und das in der stadt mit dem millionen verschlingenden und sehr umstrittenen city-tunnel-bau! so ist das, wenn parallelwelten aufeinandertreffen. die einen denken an eine stadt mit graffiti, die anderen an leere kassen. es wäre sicher viel einfacher gewesen, die farbdosen einfach bei der sammelstelle abzugeben, weniger zeitaufwändig und weniger riskant, aber auch bar jeden sinnfreien spieltriebs und auch bar jeder unvernunft. denn oft sind die vernünftigen entscheidungen ja auch die mit den fatalsten folgen. und dazu die passende musik von tocotronic.

windsbraut

graffiti an der brücke unter der jahnallee in leipzig: 'like a kick in your face'.

eigentlich sollte mein spindeldürrer körper dem wind keine große angriffsfläche bieten, wollte ich lange meinen. und wenn ich laut gebe, mich zu verdünnisieren, nicken immer alle ganz mitleidig und greifen nach ihren schokoriegeln. auch über die backsteine, die meine mutter bei sturm stets bereit war, neben stullen als beschwerende beigabe in meine schultasche zu packen, damit ich nicht von einer böe ergriffen und an die nächstbeste ecke gewedelt werde, konnte ich damals nur müde lächeln. heute hat mir das böenbiest aber ordentlich eins mitten in die gusche gezimmert. das war lange nicht so poetisch wie die videosequenz mit der schwebenden plastiktüte in american beauty. ich ringe also auf dem fahrrad in einer glücklicherweise etwas abgelegenen straße mit dem gegenwind  (ihr kennt bestimmt dieses gefühl der vergeblichkeit, man tritt, so kräftig man kann, in die pedale und kommt einfach nicht von der stelle). so schnell, wie der werbezettel nicht nur vor meinem inneren auge, sondern eindrücklich vor meinen blauäugigkeit auftauchte, konnte ich nicht mehr ausweichen. kurzzeitig blind wie ein maulwurf und ebenso kurz vor einem erstickungsanfall, riß ich mir den anhänglichen wisch vom gesicht und warf ihn in die luftströmung hinter mich. daß werbung mich jetzt schon selbsttätig auf dem fahrrad in der dunkelheit verfolgt, ist mir irgendwie unheimlich. ich konnte nur nüscht mehr erkennen, weder von der schrift, noch von meiner umwelt.

und dann gucken auch noch zwei rot glühende augen aus dem kapuzenloch raus...

begriffenfeldt: schimpfmaschine

kopf1manchmal steckt man bis zum kopf im pferdemist und der tod streckt bereits die hand nach dem im mediensumpf versinkenden aus, wie diese graffiti an den stallgebäuden auf der pferderennbahn in leipzig zeigen. manche suchanfragen von googlenutzern scheinen regelrecht durch den unscheinbaren lüfter des laptops im raum verteilt zu werden. das, was sich dann entfaltet, stinkt häufig ziemlich unverblümt nach hirnverwesung und gedankenschrott. adaption hilft wenig, weil sich permanent neue, rauhe lüftchen dazugesellen.

stasi art installations: beute(l)kunst?

expertensprache: lesen sie die übersetzte fassung einer gebrauchsanweisung aus dem niederländischen oder dem chinesischen. dagegen sind fachbegriffe nahezu verständlich.

ästhesie, anästhesie, synästhesie: hören sie nach der narkose grüne wolken eckig kratzen? fragen sie bitte ihren anästhesisten oder suchen sie rat bei einem wahrnehmungspsychologen.

sächsische schimpf maschine:  eigentlich bin ich in weimar geboren. aber vielleicht besinnen sich die beiden freistaaten bei der nächsten gebietsreform auf das herzogtum sachsen-weimar-eisenach zurück…

literatur riechen, kunst geruch: die auszüge aus meiner magisterarbeit werden auch noch irgendwann hier veröffentlicht. vorerst empfehle ich ‚pesthauch und blütenduft‘ von alain corbin (verlag klaus wagenbach).

getunte vespa, vespa leipzig: schneller als die polizei erlaubt? nix für g(l)asknochen!

todestanz: meinen sie den sterbenden schwan? noch hat mir keiner den hals umgedreht.

verbrennungen nach kokeln: ich hatte sie und insbesondere ihre kinder vor der hitzeentwicklung gewarnt! aber auf mich hört ja keiner 🙄

b***s hanfparade: ihre verkehrsregeln möchte ich gar nicht weiter entwürdigen.

bauarbeiter: die gaffenden, pfeifenden, biertrinkenden oder die zehn frühstückenden, während einer den preßlufthammer um 7 uhr morgens startet?

schuhregal: zügeln sie ihren schuhtick, dann brauchen sie auch nicht andauernd neue regale.

http://www.veb wortfeile.de:  diese domain ist meines wissens noch frei. aber ein lesezeichen im webbrowser hätte genügt, um die seite nicht 22 mal in folge zu suchen. serienkiller im internet.

balkon wortherkunft: mein sprachlexikon sagt aus dem germanischen – ursprünglich ein balkengerüst.

musaril verackung bild: sorry, hab alle tabletten gleichzeitig genommen. das bild ist zu unscharf geworden, um es hier zu zeigen.

blaues gesicht: haben die darsteller von der blue man group. wenn sie blau angelaufen sind, würde ich nicht mehr im netz suchen, sondern den notarzt rufen, schnell!

explodierter kopf: auch wenn ich bei migräne manchmal das gefühl habe, er würde explodieren, so ist er doch ganz erhalten geblieben und hockt dumm auf einem hals zwischen zwei schultern herum. soll ich ihn lieber zwischen die knie hängen?

lithium kilopreis: treibt die psychopharmakaindustrie gerade wieder die preise nach oben?

trendfarbe 2009: meine kleidung ist relativ konstant und existentialistisch schwarz! manchmal auch dunkelblau, dunkelgrün und dunkelrot.

kafka buch eis brechen, ein buch muss der eis kafka: ich empfehle das gesamtwerk inklusive briefwechsel. irgendwo wird das zitat schon zu finden sein. vielleicht lernen sie nebenbei auch die verwendung männlicher, weiblicher und sächlicher artikel. ich schätze aber, daß sie dieses suchen: ‚ein buch muß die axt sein für das gefrorene meer in uns.‘ (aus einem brief an oskar pollak).

wortware: mein einkaufswagen ist gerade gestohlen worden! ähm, stotter, ähm.

strumpfhosen-werbung: nichts kneift mehr wie bei einer zu engen jeans. das rockt, könnte aber auch elefantenbebeint aussehen.

sprühkraft

‚demokratie versprühen‘ – so nannten sich der workshop und ein battle des graffiti vereins leipzig. mitte mai trafen sich die straßenkünstler, um sich in theorie und praxis mit dem thema auseinanderzusetzen. das ergebnis kann man seit mitte juni in der arthur-hoffmann-straße  an einer hausfassade kurz vor dem bayrischen bahnhof sehen. farblich paßt sich das graffito wunderbar in die umgebung mit der brachfläche ein. unter dem hausgiebel prangt der schriftzug ‚demokratie versprühen‘. ich habe das bild extra groß hochgeladen, damit man auch die schriftzüge auf den kleinen transparenten sehen kann, wenn man das foto vergrößtert. dort wurden teilweise die politischen parolen der demokratieverfechter aus dem herbst 1989 von den montagsdemonstrationen dargestellt: ‚wir sind das volk!‘, ‚keine gewalt!‘ und ‚freiheit‘. dazu gesellen sich die zeitgemäßen versionen ‚demokratie vermalen‘, ‚anties‘ und ’nerd for love‘. man kann das projekt auch als aktiven beitrag zur politischen bildung jugendlicher deuten, denen ddr-geschichte und wendezeit manchmal durchaus unter einem nostalgisch-verklärten blickwinkel vermittelt wurde.

während weder in der ratsversammlung am 17.06.2009 noch im kulturausschuß des bundestags irgendwelche ergebnisse über die standorte der ‚freiheits- und einheitsdenkmäler‘ in leipzig und berlin erkennbar sind, d.h. die wettbewerbe immer noch nicht ausgeschrieben werden, darf sich der graffiti verein nun der sprühkraft rühmen, noch vor dem offiziellen 20. wendejahrestag am 9. november einen ort des erinnerns erschaffen zu haben. ich kann nicht mal sagen, ob das ein privathaus ist oder ob das haus einer immobiliengesellschaft gehört. auf jeden fall sieht das gebäude nun – wie ich finde – besser aus als mit den tags vorher. in leipzig kommen immer mehr hauseigentümer auf den geschmack, sich die fassaden mit legaler street art aufzuhübschen. das muß auf lange sicht wohl wesentlich preisgünstiger sein, als alle paar tage ein paar schriftzüge übermalen zu lassen. es gibt hier fast kein verkehrsschild, kein regenrohr, keinen stromkasten, keine fassade mehr ohne diese signifikantenwut. wahrscheinlich besteht das dilemma aber darin, daß der reiz des verbotenen und der kapitalvernichtung fehlt, wenn flächen zum sprayen freigegeben werden. oder wie sieht man das in der szene oder als eigentümer?

demokratie_verspruehen