Schlagwort-Archive: geruchssinn

imagination – gerüche in der literatur

genuß und leidenschaft bilden den ausgangspunkt zahlreicher literarischer auseinandersetzungen über den geruch, so zum beispiel marcel prousts roman auf der suche nach der verlorenen zeit oder die gedichte des synästhetikers charles baudelaire in dem sammelband die blumen des bösen.[1] baudelaires gedicht das haar schildert die macht der gerüche über leidenschaftliche erinnerungen und läßt sie in der gegenwart wiederauferstehen:

lang – immer! – wird die hand in deiner locken masche
die perle säen, den rubin und den saphir,
damit du nicht entflöhst, wenn dich mein dehnen hasche!
bist du nicht die oase, wo ich träume, und die flasche
aus der erinnerns wein ich schlürfe heißer gier? (baudelaire 41f.)

in diesen versen zeigen sich duftende erinnerungen als persönliche, obsessive bildmaschine im gedächtnis und bieten ein schauspiel der leibbiographie, verloren geglaubter momente. sie kennen keine chronologische ordnung, verfliegen ebenso schnell, wie sie in die nase aufstiegen. gerüche sind demnach andauernd und dauerhaft, gleichsam vergänglich und leiten gelegentlich in ein erinnerungslabyrinth. sie changieren in ihren nuancen, sie sind bald hier, bald da: es ist etwas überraschendes am geruch, was eine empfindung für zwischenräume ermöglicht, wie ein horizont, eine linie, wo geruch und phantasie auf der entferntesten grenze des duftes aufeinander treffen. gerüche vermitteln behaglichkeit, geborgenheit, verlust, begehren, schmerz und erinnern an die vergänglichkeit menschlichen lebens. diese ambivalenz der olfaktorischen wahrnehmung wird in patrick süskinds roman das parfüm geprägt. zu einem wohlgeruch gesellen sich im selben atemzug immer gestank und widerwillen.

für einen moment war er so verwirrt, daß er tatsächlich dachte, er habe noch nie etwas so schönes gesehen wie dieses mädchen. dabei sah er nur ihre silhouette von hinten gegen die kerze. er meinte natürlich, er habe noch nie etwas so schönes gerochen… üblicherweise rochen menschen nichtssagend oder mirserabel. kinder rochen fad, männer urinös, nach scharfem schweiß und käse, frauen nach ranzigem fett und verderbendem fisch. durchaus uninteressant, abstoßend rochen die menschen. und so geschah es, daß grenouille zum ersten mal in seinem leben seiner nase nicht traute und die augen zuhilfe nehmen mußte, um zu glauben, was er roch. (süskind 26)

offensichtlich scheint der geruchssinn in der medialen vermittlung unabänderlich mit dem mangel an anderen sinnen verbunden zu sein: grenouille selbst ist bar jeder körperlichen ausdünstung, verfügt dennoch über einen außerordentlich geschärften und analytischen geruchssinn und scheint nur deshalb auf die komposition eines eigenen körpergeruches fixiert. er vertraut seinem geruchssinn mehr als dem gesehenen. nur selten benutzt er seine augen, um sich seiner umwelt zu vergewissern. als er schließlich den perfekten eigengeruch kreiert hatte, um seine mitmenschen in unterwürfige, anhimmelnde, willenlose kreaturen zu verwandeln, wurde er von der selbst ausgelösten wirkung der hemmungslosigkeit und des begehrens überwältigt. er erschien als duftender engel, als lichtgestalt, der die tobende masse nur durch seine leibzerstückelung teilhaftig zu werden glaubte und durchlebte seine leibbiographie als entwicklung vom liebesboten zum todesengel.

süskinds roman kann als auseinandersetzung mit den wahrnehmungsmöglichkeiten der gesellschaft gelesen werden. es wird klar, daß der duftverliebte grenouille im gegensatz zur visuell geprägten mehrheit eine außenseiterrolle einnimmt. süskind versuchte, dem geruchssinn einen höheren stellenwert innerhalb der sinneshierarchie einzuräumen, ohne die gefahren einer hypersensibilisierung außer betracht zu lassen. allerdings spielte der geruchssinn bei süskind nur eine sexuelle, ekstatische sowie räumlich-orientierende rolle und ist ein sonst anästhetischer nahsinn. im vergleich zu allen anderen sinnen scheint der geruchssinn in westlichen kulturen nach wie vor unterbewertet. für diese sinne existieren schon lange kulturelle einrichtungen wie galerien, museen, theater, konzertsäle, restaurants oder auch massagestudios und fitnesscenter. erst im jahr 1998 wurde in berlin-weißensee wieder ein duft- und tastgarten eröffnet, der explizit für blinde konzipiert war. klaus barth dagegen betont die bedeutung von synästhesie. er richtete 1994 in der bonner kunst- und ausstellungshalle den ersten duftgarten für die ‚geruchsblinde’ bevölkerung ein. der bewusste gebrauch des geruchssinnes am gesamten, synästhetischen wahrnehmungsprozess kann als bereicherung aufgefasst werden (barth 137).

mit seinem vermeintlichen plattitüden in dem theaterroman eindrücke aus afrika (impressions d’afrique) schockierte raymond roussel 1910 französische leser, und in den folgenden zwei jahren löste seine bühnenfassung beim pariser publikum befremden aus. er zog die konstruktion von wirklichkeit der realität vor und verließ während seiner reisen nur selten sein neun meter langes rollendes haus, sondern begnügte sich mit den ausgeburten seiner phantasie. die feierlichkeiten zur krönung des königs sollen mit einem theaterfest auf dem platz der trophäen begangen werden. in einem flüchtigen zwischenakt mit dem titel das echo des arghyros-waldes sendet constantin canaris den duft der beschworenen blumen hinterließ roussel das publikum in der berauschenden wirkung verschiedener blumen- und kräutergerüche (roussel 70). er experimentierte folglich mit den differenzierten kommunikationsebenen von sprache und gerüchen. erst beim echo des wortes rose drang der duft in die nasen. zuerst wartete er also die assoziationen des lauschenden publikums ab, um dann dem geruchssinn eine erneute bedeutungszuweisung zu ermöglichen. vermutlich wollte roussel hiermit den verstörenden einfluß von sprache auf empfindungen darstellen, ein interaktionsfeld, das ziemlich viele bedeutungsebenen gestattet und der phantasie keine schranken vorgibt.

was aldous huxley 1932 in seinem roman schöne neue welt als utopie beschrieb, wurde kurz darauf von der illusionsmaschine kino aufgegriffen: die protagonisten lenina und henry besuchen berlins größte duft- und farbenorgel. allerneueste synthetische kondensmusik unter den linden (huxley 77).  signifikant wirkt selbst in diesem buch die verbindung von gerüchen und glücksgefühlen. während sex zum zweck der fortpflanzung nur noch als eine primitive randerscheinung zwischen wilden praktiziert wird, versucht ein totalitäres regime den rest der kultivierten bevölkerung durch tabletten für euphorie und verhütungsschutz, dauerberrieselung (schlafschulunterricht) und beduftung in einem zustand der hörigkeit verharren zu lassen. es gibt lustvolle melodien, untermalt von sexofonen, farborgeln projizieren sonnenuntergänge an die domkuppel. lenina und henry waren in eine andere welt entrückt, in die durchglühte, farbenfrohe, unendlich freundlichere welt des somarausches. wie nett, wie schön und hinreißend unterhaltsam alle menschen zu sein schienen. (huxley 78).

dieses ganzkörperkino oder fühlkino verschafft ein erleben des films mit allen sinnen. der duft übernimmt eine exponierte stellung im kinoerlebnis: in der filmankündigung wird er als das originelle akzentuiert. neben der kinoorgel, die zahlreiche orchesterinstrumente und geräusche imitieren konnte, ermöglichte die duftorgel eine olfaktorische echtzeiterfahrung. luftgefüllte sessel paßten sich den körpern der kinobesucher an, die mit augen, ohren und ihrer nase an einer vollständig simulierten sinnenwelt teilhaben konnten. huxley selbst akzentuierte im vorwort, daß es ihm nicht um die darstellung eines totalitären regimes ging, das seine herrschaft mittels knüppel und exekutionskommandos, mittels künstlicher hungersnöte, massenverhaftungen und massendeportationen durchsetzt, sondern um sanfte kontrolle der sklaven ohne zwangscharakter durch methoden der suggestion (huxley 15). dazu eignen sich gerüche offenbar besonders gut. die normierung von menschen, wie sie sich im roman entblättert, zeigt sich nicht nur als technische, sondern als biotechnologische revolution. vielmehr macht sie nicht halt vor gefühlen und körpern der menschen, deren selbstbestimmungsrecht alleine darin liegt, glücklich zu sein. eine wahlmöglichkeit besteht nur zwischen technikwahn und bewußter wahrnehmung, die an vernunftgründe gekoppelt ist.

mit jedem atemzug projiziert der mensch ein abbild der umwelt in sein gehirn, ohne es zu ahnen. der geruch ist die einzige vitale wahrnehmung, der sich ein subjekt nicht verschließen kann, ohne zu ersticken. anders beim sehen und hören: augen können geschlossen, ohren zugehalten werden, um widerwärtigen bildern und geräuschen zu entfliehen. vielleicht besteht gerade darin die überlegenheit der geruchsempfindungen, daß sie vor einer analytischen zergliederung relativ geschützt sind. deswegen wirken sie als zeichen, die ganz für das individuum bestimmt sind. das fehlen der gerüche im semantischen feld und ihre besonderen relationen zum gedächtnis sind aber gründe jener kraft, die sie zu symbolen schlechthin macht. evokatorische und suggestive eigenschaften müssen überdies zu den sofortigen und extremen reaktionen auf gerüche in bezug gesetzt werden.

in vielen romanen nehmen geruchsschilderungen im gegensatz zu den anderen kunstbereichen einen ausnahmsweise breiten raum ein, was schlicht und ergreifend auch an ihren metaphorischen möglichkeiten liegt. wenn sich aber – wie beispielsweise im falle duchamps – der künstler als ein medium versteht, mag darin dessen subtile wahrnehmungsweise münden. imagination und intuition, zufall und traum, realität und künstlerische wirklichkeit sind die stoffe, die ein künstler inhaliert wie gerüche, die eng an phantasie und kreativität gebunden scheinen.

in welchem olfaktorischen rahmen vollzieht sich nun aber das lesen? klassische orte des lesens sind für alle wissenschaftlich arbeitenden bibliothek oder wohnung. die eigene wohnung ist der sicherste raum in bezug auf den ausschluß ungewollter gerüche. das heißt zugleich, die wohnung ist geruchlich relativ eintönig und ihr bewohner an ihre gerüche habitualisiert. er nimmt sie unbewußt  wahr oder ignoriert sie gar. verändert wird der geruch etwa durch eine tasse kaffee, die auf dem arbeitstisch platziert mit ihrem anregenden aroma kurzzeitig für angenehme konzentrationsschwäche sorgt. der effekt hält nur etwa zwei minuten an, danach setzt adaption ein. in einer bibliothek sind die olfaktorischen reize bereits wesentlich zahlreicher. an die des tischnachbarn und des geöffneten buches gewöhnt sich der leser rasch, die der vorbeihuschenden menschen bieten dagegen manchmal ablenkung. zwar ist die nase auf das buch gerichtet, orientiert sich aber weiterhin im raum. hat der vorbeieilende einen angenehmen geruch, folgt eventuell eine prüfung mit den augen und der text rückt in die ferne. war der geruch unangenehm, fällt die konzentration ebenso schwer, die atmung wird flacher, um sich das schlechte vom leib zu halten. manche verlassen vielleicht sogar angewidert den lesesaal. im leipziger park wird der lesende von mai bis ende juni von einem penetranten bärlauchgeruch umweht. danach folgen gleich die lindenblütendüfte. der geruch ist durch die windbewegung wesentlich länger präsent bzw. wird immer wieder neu an die riechzellen herangetragen, kann also das denken und die gefühle erheblich wirkungsvoller beschäftigen. demzufolge beeinflussen vor allem  neue und fremde gerüche das denken, indem sie es unterbrechen, in andere bahnen lenken, es eventuell sogar still stellen. riechen wird im außenkontakt zur zwangswahrnehmung, in der einsamkeit zu einer frage von gewöhnung oder lustvoller olfaktorischer selbst- und rauminszenierung.


[1] sehr ausführlich behandeln die literaturgeschichte des riechens hans j. rindisbacher the smell of books: a cultural-historical study of olfactory perception in literature (michigan 1992) und winfried menninghaus’ ekel in den kapiteln über franz kafka und jean-paul sartre den zusammenhang von ekel und geruch.

*** dieser text ist ein auszug aus meiner magisterarbeit a rose is a rose is a rose (gertrude stein) – geruchskostüme in der kunst.

der mensch als parfümierter affe

riechen als dualismus

auszug aus meiner magisterarbeit ‚rose is a rose is a rose‘ (gertrude stein) – geruchskostüme in der kunst

das deutsche wort nase geht zurück auf die begriffe naris aus dem lateinischen und dem altindischen nasa. letzteres ist ein dualwort und beinhaltet zwei wesen oder verbformen für zwei zusammengehörige tätigkeiten und vorgänge, nämlich das atmen und das riechen. die wörtliche übersetzung lautet korrekt ‚die beiden nasenlöcher‘. die singuläre verwendung des wortes naris meint soviel wie nase, nasenloch, nüster, erst aus der pluralform ergibt sich die verbindung zu dieser duplizität, die sich dann in der bedeutung von nase und nüstern zeigt. im weiteren sinn wird das wort aber auch in der konnotation feine nase, scharfsinn, feines urteil verwendet.

daß jäger und sammler ihre nahrungsquellen einerseits aus beobachtung von tieren, andererseits aber auch durch eigene geruchs- und geschmacksproben erschlossen haben, verweist auf den ursprung des wortes als ausdruck einer feineren geruchswahrnehmung. immer wieder kann im supermarkt oder auf dem wochenmarkt beobachtet werden, wie menschen an obst und gemüse schnuppern, um reifegrad und qualität zu beurteilen. der Kern dieses rituals dürfte auch darin zu sehen sein, daß sie nach wie vor prüfen, ob etwas eßbar oder ungenießbar ist.

tatsächlich fand der kalifornische wissenschaftler noam sobel von der stanford university in palo alto heraus, daß die luftzufuhr in beiden nasenlöchern unterschiedlich stark ist und sich die nasenlöcher bei der aktivität abwechseln. er vermutet als ursache für die entschlüsselung der erstaunlich vielfältigen geruchlichen umgebung die differenzierten strömungsgeschwindigkeiten der luft in beiden nasenlöchern. wenn ein geruch aufgenommen wird, passiert er zunächst die nasenschleimhaut, wo er an geruchsrezeptoren vorbei schwebt. die riechzellen saugen die duftmoleküle regelrecht auf und vermitteln erst dann eine geruchswahrnehmung. feinere duftmischungen kann ein mensch nur bei äußerster konzentration und viel training decodieren. ein parfumeur verwendet etwa 3000 synthetische duftstoffe und 150 natürliche ätherische öle. das übersteige, wie der parfumeur günther ohloff im buch ‚irdische düfte – himmlische lust‘ schildert, die speichermöglichkeit des gedächtnisses. deswegen wird seit 1997 in paris ein atlas der duftstoffe erstellt.

bei den beobachtungen über die funktionsweise beider nasenlöcher stellte noam sobel fest, daß düfte nicht nur unterschiedliche eigenschaften besitzen, sondern einige für die nasenschleimhaut besser zu verarbeiten seien. die Intensität ihrer wahrnehmung nehme zu, je schneller sie an den geruchsrezeptoren vorüber flögen. im langsameren nasenloch hingegen könne ihre volle Wirkung kaum entfaltet werden, weil sie dort schon von den ersten rezeptoren vollständig geschluckt würden. entscheidend für die entstehung einer geruchswahrnehmung scheint daher zu sein, mit welcher geschwindigkeit sie im oberen nasenbereich auf die riechrezeptoren trifft.

konträr zur aufnahme angenehmer gerüche, würden ‚gestanksmoleküle’ eher widerwillig auf die nasenschleimhaut treffen. wenn unangenehme gerüche die nase langsam durchstreifen, würden sie trotzdem von den rezeptoren aufgenommen und lösten einen abwehrreiz aus. sobel schildert den vorgang:

‚es ist zwar nicht so, daß man mit dem einen nasenloch äpfel und mit dem anderen apfelsinen riechen kann, aber dennoch ist der unterschied groß genug, daß wir geruchsnoten links und rechts unterschiedlich stark wahrnehmen.‘

so betrachtet, scheint das altindische wort ’nasa‘ einer wesentlich präziseren erfahrung von natürlichen, separierenden vorgängen zu entspringen, die vermeintlich in vergessenheit geraten ist. für das riechen ist ein vielfaches an genen im vergleich zum sehen zuständig. das menschliche genom für visualisierung enthält nur drei bauanleitungen für die eiweiße der sehzellen und deren farbwahrnehmung. ein weiteres gen ist für die hell-dunkel-wahrnehmung verantwortlich, schrieben die redakteure brodmerkel und berg in ihrem artikel ‚der richtige riecher‘ in der ‚berliner zeitung‘ (05.10.2004, s.13). 1991 entdeckten die mikrobiologin linda b. buck und der molekularbiologe richard axel, daß der mensch genau wie alle anderen säugetiere über cirka 1000 riechgene verfügt. in den genen wird die information der spezifischen geruchsrezeptoren der cilien (nervenfortsätze von riechzellen) festgelegt. so habe axel im dezember 1995 geschlußfolgert:

’schon dieser hohe aufwand mag anzeigen, welche bedeutung der geruchssinn bei den meisten säugern für das überleben und die fortpflanzung hat.‘

die unmittelbare, strikte bewertung bei der geruchswahrnehmung macht seine besonderheit aus. geruchseindrücke werden in wesentlich stärkerem maße als etwa sehen, hören oder tasten von emotionalen und bewertenden reaktionen begleitet. so ist es beispielsweise schwer möglich, sich des widerwillens, mit dem ein unangenehmer geruch (z.b. stinkbombe) zum rückzug rät oder der attraktivität eines essengeruchs mental zu entziehen. der verstand scheint durch gerüche jedweder art zeitweilig auszusetzen. deswegen kann der geruchssinn als absolut subjektgebunden oder selbstbezüglich charakterisiert werden. deutlicher als in anderen sinnesbereichen zeigt sich bei der chemischen stimulation der nasenschleimhaut, daß wahrnehmung nicht mit reizregistrierung gleichzusetzen ist, sondern auf einer wechselwirkung von perzeption und motivation, sensorik und motorik beruht, sodaß gerüche stark an personen, gegenstände, räume oder situationen gekoppelt erscheinen. urteile und menschliches handeln sind demzufolge viel enger an sinnliche wahrnehmung gebunden, als lange zeit angenommen wurde.

antonio r. damasio behauptet in seiner studie ‚gefühl und bewußtsein‘ sogar, daß gefühle grundlegende voraussetzung für menschliches bewußtsein bilden und erklärt diese these mit den chemischen und neuronalen veränderungen, die das gehirn auslöst, wenn reize als gefühlsauslöser an bestimmte regionen des gehirns (hypothalamus, basales vorderhirn und amygdala) weitergeleitet werden:

‚das ergebnis, der oben beschriebenen chemischen und neuralen befehle, ist eine globale vernetzung im zustand des organismus. die organe, die die befehle erhalten, verändern sich in reaktion auf die befehle. so bewegen sich die muskeln – egal ob die glatten in einem blutgefäß oder die quergestreiften im gesicht -, wie ihnen geheißen. doch auch das gehirn wird verändert. die ausschüttung chemischer stoffe, etwa von monoaminen und peptiden aus bestimmten regionen des hirnstamms, verändert die arbeitsweise zahlreicher schaltkreise im gehirn und löst spezifische verhaltensweisen aus – unter anderem bindungsverhalten, spielen oder weinen. die ausschüttung chemischer substanzen kann auch die repräsentation des körpers im gehirn verändern. mit anderen worten, das gehirn wie der körper im engeren sinn werden umfassend und tiefgehend durch die befehle beeinflußt, obwohl der ursprung dieser befehle auf ein relativ kleines hirngebiet begrenzt ist, das auf ein bestimmtes geistiges ereignis reagieren muß. kurzum, alle gefühle benutzen den körper – zum beispiel seine innere chemie, seine eingeweide und seine muskeln – als theaterbühne… gefühle sind ein allgegenwärtiger tatbestand des menschlichen lebens, und sie üben ihre wirkung durch empfindungen aus. durch empfindungen, die nach innen gerichtet und privat sind, machen sich gefühle, die nach außen gewandt und öffentlich sind, dem geist bemerkbar. letztlich ist es das bewußtsein, das den gefühlen ermöglicht, besonders tief und nachhaltig auf den geist einzuwirken.‘

damasio schildert den körper als medium seiner emotionen, die sein gesamtes verhalten und denken anregen, bestimmen und immer wieder neu gestalten. im alltäglichen gleichklang mag das vielleicht nicht besonders auffällig spürbar sein. aber: welcher mensch hat nicht schon einmal so intensive trauer oder glücksgefühle erlebt, daß er bemerkte, wie viel mühe es bedarf, um sich in solchen extremsituationen auf lernen, arbeit und andere gewohnheitsmäßige verrichtungen zu konzentrieren? immer wieder springen die gedanken oder schweifen ab. eine ähnliche stimulation und gesteigerte wahrnehmung bietet auch (performative) kunst in einer art gemeinsamer verabredung zur umbesinnung, versinnlichung und alltagsferne.

die Wahrnehmung von (körpereigenen) gerüchen und die gezeigten gefühle entziehen sich der selbstverortung in dem maße, wie unbestimmt die wirkung auf das menschliche gegenüber letztlich immer bleibt. glaubwürdig gemeinte, tolerante interaktion kann diesem problem von fremd- und selbstbestimmung abhilfe schaffen. selbst wenn ein mensch versucht, seine gefühle hinter einer fassade der undurchdringlichkeit zu verbergen, kann sein geruch ihn verraten. so wird zum beispiel in prüfungssituationen meistens scharf und beißend riechender angstschweiß über die hautoberfläche abgesondert, den nicht nur spürhunde oder bluthunde wittern. peinlich erscheint es dann, wenn sich unter den achseln, begünstigt durch synthetische stoffe, feuchte ringe abzeichnen.