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in den seilen hängen

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ich hatte heute ein echtes hoch oder auch höhe, also keinen arroganz- oder egotrip, sondern so ziemlich das gegenteil. denn klettern kann man an der wand nur mit „partner“. und da sollte man sich auch auf ihn verlassen können, daß er das sicherungsseil hält, wenn man denn mal abrutscht oder sich in die wand hängt, um die schlaffen muskeln kurz entspannen zu lassen und deswegen die arme auszuschütteln. frau wortfeile hatte sich gestern abend in einem anfall von übermut dazu überreden lassen, heute mit in die kletterhalle zu fahren. nur gucken geht da ja irgendwie auch nicht. das haben zwar einige so gehalten, fand sie aber dann doch irgendwie langweilig.

premiere für frau wortfeile, die schon lange eher unregelmäßig irgendetwas trainiert (rücken, bauch), regelmäßig rad fährt, aber sich ansonsten eher untrainiert fühlt und geringen sportlichen ehrgeiz empfindet. und dann hat frau wortfeile ja auch noch ein anderes problem – höhenangst. ganz schreckliche. oder naja, es gibt leute, die auch schon panikattacken bekommen, wenn sie aus dem augenwinkel heraus in einen u-bahnschacht blicken. ganz so schlimm ist es dann bei frau wortfeile auch wieder nicht, aber auch nicht ohne.

frau wortfeile dachte irgendwie nicht weiter drüber nach, ab und an muß man auch gegen angst kämpfen. und das erschien ihr die geeignete möglichkeit. sie streifte sich den klettergurt drüber, stieg gefühlte drei mal falsch in diese schlaufen ein und wieder aus. versuchte die riemen um die schmale taille und die dünnen oberschenkelchen festzuzurren und kam sich noch nie so dünn wie heute vor. nichts schien zu passen. sie zog die kletterschuhe an und mußte die zehen einziehen. oha, so müssen sich aschenbrödels stiefschwestern gefühlt haben, als ihnen der goldene pantoffel zur probe gereicht wurden.

dann wurde sie auch schon angeseilt, kurz eingewiesen und stand vor einer 6+ wand, die sie hinaufkraxeln sollte. ähm, jahaaa, geht gleich loohoos, luft holen, augen auf und starten. nur die grünen griffe? echt? ach nööö… wieso biegt sich mir die wand da so entgegen, als wollte sie sich auf mich stürzen? nee, ach, nee!!! und schwups, rutschte frau wortfeile das erste mal ab und hing in den seilen. etwas irritiert blickte sie nach unten. waren ja gerade mal drei meter oder so. alles easy. also die höhe. sonst nicht so. die arme schienen äffisch bis zu den kniekehlen zu hängen, die unterarme zogen spürbar. ich kam unten auf der matte an, und wurde vom freak darüber aufgeklärt, daß es bergsteigen und nicht bergziehen hieße und ich doch auch meine beine zum hochdrücken benutzen könne. aha, hätte doch mal jemand früher einen ton sagen können.

ich guckte mir das bei den anderen an und kapierte nicht viel. manche hingen aus mir unerfindlichen gründen und wider die schwerkraft in der waagerechten unter decke, hielten sich nur mit zwei fingern in den griffen fest und steckten mit der anderen hand auch noch karabiner um. ein etwa 12jähriger junge schien auf dem besten weg, die aufmerksamkeit aller anwesenden mit seinen kletterkünsten auf sich zu ziehen. er hatte in seinen bewegungen starke ähnlichkeit mit unseren vorfahren. andere machten sich einen spaß daraus, neben mir speedklettern zu üben, während bei mir scheinbar minuten vergingen, bis ich mich mehrere zentimeter nach oben bewegte. kletterwand 6+ beim zweiten anlauf nach sechs metern höhenunterschied aufgegeben. denn über mir kam ein vorsprung. und ich dachte nur an eins: ans hintenüber fallen. also wieder runter. die anderen schafften die strecke relativ locker. ich hatte die decke noch immer nicht erreicht.

ich wollte ein kleines erfolgserlebnis. ich wollte unbedingt hoch. ich wollte gegen meine angst angehen und mit meiner schwäche ringen. ich schaute mich nach leichteren strecken um und fand schließlich eine pipifax-kletterwand mit schwierigkeitsgrad (oder sollte ich doch besser leichtigkeitsgrad sagen?) 3-. (von 10) unterstes niveau. noch leichter waren nur die niedrigen kinderkletterstrecken. aber ich kam oben an, dachte dort in luftiger höhe nicht eine sekunde darüber nach, wie hoch das jetzt doch schon ist und lies mich wieder herunter. tja, das ende vom lied: frau wortfeile möchte wieder hin und sich langsam an die nächsthöheren schwierigkeitsstufen herantasten. und irgendwann möchte sie auch eine 6er-wand hoch. alles andere wäre vermessen, wenn man nicht regelmäßig trainiert. ich habe mich heute an der wand auch ohne nachzudenken losgelassen. ein gutes gefühl, wenn man weiß, daß man sicher unten aufkommt.

und nach fünf stunden klettern, kaffepause und klönen wurde ich mit einem abwechslungsreichen abendhimmel draußen wieder empfangen. endlich die regengereinigte luft atmen, ohne ein gefühl der beklemmung in der brust zu spüren. einfach nur herrlich dieser tag. Weiterlesen

tag am see

cospudener-seeje tiefer der sonnenstand, um so leerer der strand am cospudener see bei leipzig, einem gefluteten tagebaurestloch. je höher der sonnenstand, desto gedrängter die anordnung der badelustigen und desto weniger chancen bestehen, wider willens einblicke in die intimsphäre verhaltensauffälliger nachbarn aufgenötigt zu bekommen. neben demophobie könnte man unversehens eine neue erscheinungsform der kontaktallergie ausbilden, die nicht auf stofflicher reizung basiert, sondern visuelle und akustische auslöser hat. oder zum sozialphobiker mutieren, allein weil zu viel öffentliche und blamable zurschaustellung einem gewissen ekel nicht gerade entgegenwirken. einerseits hat man schnell das gefühl, sich auf einer raststättentoilette ohne sichtschützende trennwände zu befinden, andererseits in einem container ohne fernsehkameras. und das ohne beachtung von körperlicher blöße oder den unterschiedlichsten staturen. es ist, als würden mit der kleidung auch die manieren in den staub sacken. mehr als ein auftritt am abtritt.

little sister will not watching and hearing you! nur wenn sie sich schwimmend weit genug vom ufer fortwagt, kann sie die leichtigkeit des körpers im wasser genießen und mit dem veränderten körpergefühl das fiebrige mütchen auf wassertemperatur abkühlen. nicht ohne angst vor surf-, kite und segelanfängern im hinterkopf. aus dem toten mann im see sollte keine reale tote frau werden. und notgedrungen folgt mit erschöpften muskeln die gleitende rückkehr an das überbevölkerte, glitschige ufer.

wenn der letzte wassertropfen auf der haut verdunstet ist, verfolgt man zwischen lauter fkk-anhängern nahezu amüsiert die beengten umkleideversuche hinter einem umgewickelten badehandtuch. ein balanceakt mit einbeinigem hüpfen, aufgewirbeltem staub und garantiert mehr beobachtern als ohne die halbgewalkte umkleidekabine. abseits vom geschehen bilden sich unentspannte badehosenzelte, die vor lauter voyeurismus in nachgeschmack an den schiefen reichenturm von bautzen leider nicht als sandskulptur errichtet worden sind. nein, mann dreht sich nicht auf den bauch, mann präsentiert. es ist zum wegdrehen, um dann andere primaten beim lausen im freigehege des strandaffenzoos zu sehen. hirnverbrannte betreiben ausgiebige körperverunstaltung auf dem ebenso roten kreuz. die substanz, die sich dort beim drücken auf den rücken erbricht, dürfte auf der haut weniger pflegende wirkung als sonnencreme haben. jede kosmetikerin und jeder dermatologe würde über so viel selbstvergessenheit zu einem vortrag über grundlegende hygienemaßnahmen ansetzen; vorher aber nach luft schnappen, als hätte man sie sekundenlang gewaltsam unter wasser gedrückt und am atmen gehindert.

auf der flucht vor dem animalischen begleitete uns das bereits seit einer viertelstunde anhaltende, angsterfüllte weinen eines kindes, das mit wasserflügeln von einem feinfühligen elternteil daran gehindert wurde, das ach so erquickende naß zu verlassen. alle menschen mögen das planschen im wasser. was?! du nicht?! dir werde ich den lauten ungehorsam austreiben, badelust und nässesucht eintrichtern. neurosen? ist das eine florale neuzüchtung dorniger wege? in solchen momenten  wünsche ich mir die genehmigung vom jugendamt, umgehend die erziehungsberechtigung zu entziehen. oder ein seeungeheuer zu sein, das geschlechtsreifen kinderverziehern das gründeln in langen unterwasserlektionen lehrt. oder mit kurt schwitters: o, wenn ich das fischlein baden könnte.

junggesellenmaschinen

stillebenmichel carrouges interpretierte nutzlose junggesellenmaschinen als einen modernen mythos.[1] ein parameter zölibatärer maschinen bildet demnach die aufspaltung in ein maskulines und ein feminines gebiet, in mechanisches und organisches prinzip. beide bereiche schließen sich zu einem kreislauf zusammen, wobei die mechanismen der autoerotik am ende auch zur vernichtung führen können. dem zeichen, der schrift, dem blick, der lust kommt dabei ein ganz besonderer rang zu: sie hinterlassen ihr spuren wie abdrücke auf oder im körper. als beispiele in der kunst und der literatur nennt carrouges unter anderem den unteren teil von marcel duchamps ‚das große glas‘ (‚die braut von ihren junggesellen nackt entblößt, sogar‚), die fünf zweckfreien maschinen aus dem worttheaterroman ‚impressions d’africque‘ von raymond roussel und kafkas erzählung ‚in der strafkolonie‘. alle genannten künstler suchten nach neuen ausdrucksformen für bedeutungsvielfalt, um im gegensatz zum reinen kunstgenuß naturalistischer abbildungen den intellekt bei der rezeption herauszufordern.

was hat dieser kurze kunsthistorische abriß nun aber mit den turntables u.a. modernen formen zölibatärer maschinen gemein?  gegenfrage: was macht ein mittzwanziger, mehr oder minder vegetarisch-eingefleischter junggeselle bei 30 grad außentemperatur und strahlendem sonnenschein? aalt er sich in der sonne am strand und begafft die großen oder mäßig-massigen erfolge von bikinifigurdiäten? nein! ein kurzer blick auf das foto genügt (zumindest mir), um hinreichende parallelen zur gegenwart zu ziehen.

junggeselle4er frickelt an seinen neuen maschinen und musikinstrumenten herum, um diesen verkabelten geräten so etwas wie elektronische musik zu entlocken. zwar finden wir hier eher die mischung aus elektronischem und körperlichem, aber das analoge zeitalter eines duchamp, kafka oder roussel liegt definitiv hinter uns. in der digitalen welt der reproduzierbarkeit bieten sich andere mittel der verfremdung an. dj-mixer, turntables, laptop, keyboard und überdimensionale boxen bilden das equipment für die solo-performance – meistens ohne publikum (außer den nachbarn als zuhörern und einem nahezu unbemerkten besucher). die technik würde ich dabei eher als männliche seite deuten (ja, mädels – wir sind da immer noch in der minderheit!). was aber soll daran weiblich sein? sehen wir das mischen als etwas taktiles an: das drehen an knöpfen und schieben von schaltern am mixer. das intuitive mixen. rhythmisches vor- und zurückdrehen der platten (scratching). oder das schnelle zurückziehen der platte (ein coitus interruptus? nein, backspinning!). all das erzeugt soundeffekte, die durch den körper vibrieren. von den kombinationen und variationen hängt entscheidend ab, ob der beat das blut zum brodeln bringt. ob sich das tönende schwelgen, das schweben der gedanken einstellt.  das spielerisch-kindliche dieser junggesellenmanie erzeugt ähnliche hormonelle botenstoffe wie sex im hirn.

was der mensch sucht? befriedigung. wie er sie findet? ganz unterschiedlich, einfach ausprobieren. auf jeden fall nicht durch passive dummenberieselung mit medialem rauschen.  ich meine allerdings, daß die allzu stoische fixierung auf eine einzige möglichkeit von lebensglück, das der zweisamkeit, eher zu weniger liebenswerten zwangsneurosen (womit wir wieder bei kafka und roussel angekommen sind, duchamp hat dank seines unerschütterlichen humors keine kontaktklemme erlitten) und in die arme unpassender sexualpartner oder lebensabschnittsgefährten führt. aber, was weiß ich schon? mein schreiben ist auch nur eine von zig ausdrucksformen temporärer realitätsflucht. ein substitut, das gut tut. das die melancholie mildert. das die gedanken spielerisch vertieft und erfahrungen mehrt. ein homo ludens à la johan huizinga eben. trauerklöße sind heute leider aus, verlautete es gerade aus der wortküche. ich verschwinde dann mal, um mir etwas genießbares zuzubereiten.


[1] vgl.: carrouges, michel. gebrauchsanweisung. wie werden junggesellenmaschinen identifiziert? in: junggesellenmaschinen (katalog), erweiterte neuausgabe, hg. v. hans ulrich reck und harald szeemann. wien; new york: springer, 1989, s. 74 – 105.

utopische tagträumerei

the-bankumgeben von einer ganzen reihe natürlicher und unnatürlicher feinde, finde ich im moment nur wenig raum für die muße. gegen die unnatürlichen schreibe ich an. die da wären motorisierte heckenschneider und rasenmäher – morgens um 7.30 uhr im schallenden hinterhofduett. können die lärmschutzgesetze nicht endlich für spätaufsteher umgeschrieben werden? es gilt schließlich als wissenschaftlich erwiesen, daß spätaktive wesen nur zur höchstform auflaufen können, wenn ihnen ebenso ihre hinreichende schlafportion gegönnt wird. warum muß ich meinen biorhythmus derart an äußere umstände anpassen? selbst meine arbeitgeber gewähren mir gleitzeit, wenn auch im moment kaum freizeit. es gibt phasen im leben eines selbstständigen, da reicht die arbeit für zwei, nur das geld nie oder nur, wenn man zusätzlich noch den staat schröpft. aber abhängig vom amt? dann lieber arbeiten und manchmal maulen.

allerdings bringen mich diese sklavischen phasen immer wieder zu der überlegung, warum es nicht möglich sein sollte, die arbeit und das geld gleichmäßig zu verteilen? was wohl an einem grundeinkommen so falsch ist? letztlich wird es in gesellschaften immer leistungswillige und -fähige, träge, kranke sowie schwache geben. das wegfallende soziale gefälle, würde die von mir verabscheuten und abgeschlagenen gefälligkeiten minimieren und den sozialneid, die gesellschaftskrankheit schlechthin, obendrein. und wie groß wäre der nutzen, wenn sich nicht die arbeitenden völlig verausgaben müßten, sondern ihre arbeit abgeben, mehr zeit zum wissenserwerb bliebe, zum reisen, zum innehalten? solche zivilisationskrankheiten wie burnout, herzinfarkt, rückenschmerzen, migräne usw. dürften dann drastisch zurückgehen, die krankenkassen hätten weniger ausgaben. im moment wirkt die welt in ihrem zerfledderten krisenkostüm wie ein weit aufgerissener schlund. in das dunkle kann man nicht sehen, trotzdem werden von propheten lichter am ende des tunnels entzündet oder ausgeblasen. nichts ist sicher, außer die notwendige veränderung. ich träume, am regenverhangenen tag, der von sonnenflecken zerrissen wird. ich blicke indigniert zurück auf die realität und sehe in der ferne, wie die hirten ihre schafe ins trockene geleiten. die blöken blöde und freuen sich über den trockenen platz und das trockene heu.