Schlagwort-Archive: entschleunigung

slow down

langsam schaltet frau wortfeile am letzten arbeitstag vor dem heiß ersehnten urlaub einen gang runter. bestens dazu geeignet ist die musikalische untermalung mit booka shades vertigo. denn wenn sich das hamsterrad weiter so schnell drehen würde wie in den letzten wochen, würde sie durchdrehen (zentrifuuuuge). nun heißt es entschleunigen.

Werbeanzeigen

dort, wo die gedanken flanieren

Diese Diashow benötigt JavaScript.

wenn draußen die sonne kitzelt, dich anstrahlt, dich mit ihrer wärme aus dem schneckenhaus lockt, dorthin, wo die bienen summen, weil hummeln im hintern brummen, dann hast du mindestens zwei möglichkeiten. entweder du mischst dich als farbtupfer, als elementarteilchen unter die öffentliche masse, wo du gemustert oder ignoriert, mit blicken bedacht oder angerempelt wirst. oder du ziehst dich auf den balkon zurück, in die zwischenwelt, die halböffentlichkeit der hinterhoffenster deiner nachbarn, dorthin, wo die blumen blühen, wenn du dir das kahle rechteck, den platz an der sonne mit pflanzlichem leben mühevoll aufgerüscht hast.

noch schlaftrunken wanke ich allmorgendlich nicht zuerst in den raum der keramischen hygiene, blicke nicht zuerst in ein müdes gesicht, sondern werfe den ersten blick versonnen auf die pflanzen, zupfe hier ein paar welke blätter, dort ein paar verwelkte blüten, reiche den durstigen wasser, damit sie weiter wuchern, wild und bunt, hoch und schattig oder saftig und schmackhaft werden. abends dasselbe in grün. jede nur mögliche tätigkeit verlagere ich von innen nach außen, feile an texten oder an den nägeln, lese in nichtspiegelnden büchern aus papier, trinke kaffee, qualme… im verlangsamenden halbschatten der hitze flanieren meine gedanken im rhythmus der musik, die verhalten aus dem wohnzimmer in meine ohren dringt. eine gedankenreise zu den unter dem sand des alltags verschütteten orten in mir, die leise in mir gären. die immer da sind, aber manchmal innerhalb lärmender normalität keine beachtung finden. die sich nun stumm in dir fortpflanzen, die wurzeln schlagen, die erntereif werden. die sich und mich verändern. die gehegt und tot/gepflegt und ausgezupft werden. und neu sich fügen. wachsen und welken. werden und vergehen. das unabänderliche und der wandel.

ich trage das kleid des lebens. die jugendliche rebellion, das schillernd und schrille hinter mir lassend, das aufbegehren bewahrend. das dezente, zeitlose im mittel suchend. aber nichts ist zeitlos. ich habe meine zeit. jetzt. luge vorsichtig hinter den vorhang von zukunft und vergangenheit, wo in beiden richtungen das alte lauert. lasse ihn fallen. was war, kann ich nicht mehr ändern. was wird, wird kommen.

draußen klimpern die flaschen, die nach der langen, lauten partynacht zurück in die kisten geräumt werden. der grillqualm hat sich verzogen. die frühlingsluft scheint klar. doch wabert der duft von waschmittel und weichspüler von den wäscheleinen in meine nase. der geruch von mittagessen. dann klingt das scharrende schaben in den bratpfannen in meinen ohren. porzellanteller werden eingedeckt und besteck. eine rauschende toilettenspülung übertönt für kurze zeit das zwitschern der vögel.

im sommer des lebens streife ich wieder und wieder den gedanken an mein gnadenbrot. ruhig brünette, du wirst doch wohl nicht jetzt schon zahnlos werden wollen?

update: für nichtbotaniker oder nichtgärtner hier noch die pflanzennamen in der richtigen reihenfolge (leider zeigt die diashow nur die erste bildunterschrift und dann ist schluß mit bildbeschreibung): weiß-orange gladiole, mauretanische malve, margeriten, anemone, kapkörbchen, kuhschelle, blatt einer stockrose, stockmalven, gartenbambus, tomatenblüte der sorte ‚gelbe königin‘, rosmarin, salbei und lavendel.

scha:r:fsinn

um neues zu entdecken, muß ich nicht zwingend meine vertraute umgebung verlassen. ich kann einfach meine wahrnehmungsposition verändern. das pfingstwochenende mit besuchern bot solche möglichkeiten, aus dem alltäglichen auszubrechen, ohne auf drogen zurückzugreifen, wie aldous huxley es in seinem aufsatz ‚die pforten der wahrnehmung‘ beschreibt. schon der tempowechsel der fortbewegung von fahrrad auf füße entschleunigt, öffnet den blick für sonst vorbeirauschende kleine details. da müssen nicht die in allen touristenführern beschriebenen sehenswürdigkeiten begafft werden, die  die gäste ohnehin schon vor jahren gesehen haben. überall an den fassaden, regenrohren, stromkästen, laternenpfählen, verkehrsschildern und mauern findet sich street art, nachdenkliches, kurioses; ganz beiläufiges, was stutzig macht. ich frage mich manchmal, wer  bei den entdeckungstouren eigentlich neugieriger ist, die besucher oder ich?

die gespräche umkreisen verschiedene themen, plötzlich unterbricht wieder einer und sagt: das da drüben muß ich mir mal aus der nähe betrachten. wühlen in den hosentaschen, kamera auspacken, hoffen, daß die bildqualität stimmt, ein bißchen mit der belichtungszeit spielen, mit den perspektiven. das vergängliche irgendwie festhalten wollen, bevor es übermalt, gecrosst oder überklebt wird. und dabei an die flüchtigkeit des lebens denken, an zufall, an politische grabenkämpfe; feststellen, daß man ganz nebenbei lernt, verschiedene stile zu unterscheiden und wiederzuerkennen; sich nicht darüber wundert, warum man nie hausbesitzer werden wollte.

peu à peu werde ich das fotografierte hier dokumentieren, wenn es zum thema paßt oder sich ein eigenes thema aus den bildern ergibt. und weil gerade wieder viele über die schafskälte meckern, habe ich in meinem fundus schon die entspechende bildliche darstellung gefunden.

schafskaelte

ich freue mich über jeden besuch, in der realität über den angekündigten, in der virtualität über den unverhofften, der mit mir nicht über das wetter kommunizieren will. small-schreib (fieses denglisch) und -talk gehörten so gar nicht zu meinen stärken und stellen mich vor große geduldsproben. einfach nur höflich sein wollen, finde ich sekkant. menschen werden für mich oft erst interessant, wenn sie ihre masken ablegen oder sich ganz offensichtlich  maskieren, um ihr lebensgefühl auszudrücken. dafür nehme ich mir liebend gerne viel zeit. vielleicht wird auf diese weise aus dem wolf im schafspelz ein respektables wesen. vielleicht aus scharf- auch nur schafsinn. perspektivenwechsel und zeit sind meine basis für veränderung.

unfreiwillige entschleunigung

alltägliches – wie den einkauf im supermarkt – möchten die meisten beruftstätigen menschen  schnell hinter sich bringen. wenn freizeit aber durch die automatisierung nicht verlängert, sondern beschnitten wird, wozu ist das dann gut? auf unternehmerischer seite: klar, profit. dadurch können zumindest  theoretisch personal und kosten eingespart werden.

kommen wir nun zur praxis: samstag nachmittag im getränkemarkt eines supermarkts in leipzig, nennen wir ihn ‚hothit‘. als sich die schiebetüren öffnen, ringeln sich wartende in einer schlange vor den leergutautomaten. da offenbar am ersten mai fast alle kampftrinken veranstaltet hatten, waren die leute entsprechend mit leeren flaschen angerückt. nachschub muß her, weil die vorhersagen bestes grillwetter prophezeien. draußen strahlender sonnenschein, aber innen – ich mag den geruch kaum beschreiben. ungefähr so, als würde ein antialkoholiker nach dem ende der party eine großraumdisko betreten. mein brechreiz ließ sich gerade noch unterdrücken.

als wir endlich nur noch zwei leute mit kisten und beuteln vor uns stehen hatten, war der container für die plastikflaschen am ersten automaten voll. also klingeln, auf den verkäufer warten, der den container austauschte und den automaten neu startete. das dauerte gefühlt so lange, wie ein computer zum virenscan für eine große festplatte benötigt.

gut, ein piepen des automaten, der nun scheinbare betriebsbereitschaft signalisierte. denkste! das display leuchtete rot auf, und es war zu lesen: bitte nehmen sie den kasten vom transportband. was für einen kasten? an angegebener stelle stand nichts. wieder klingeln. in der zwischenzeit war der container am zweiten automaten voll. der herbeigeschellte mitarbeiter entschied sich, zunächst diesen container zu wechseln. während er noch unterwegs war, hatten die kunden auch die container der automaten drei und vier gefüllt. immer mehr kunden zwängten sich in den nicht als wartezimmer einer behörde konzipierten vorraum. mir wurde speiübel, weil die ohnehin trunkene luft zusätzlich mit aftershave in unterschiedlichsten geruchsnoten und schweren damenparfümdüften geschwängert wurde. also nichts wie raus und die leeren flaschen wieder in den kofferraum gepackt.

eine halbe stunde vergeudet. völlig ergebnislos. und ich war ja nicht die einzige, fünfzig kunden verleierten abwechselnd die augen, schoben mürrisch die leeren kästen hin und her, wenn jemand vorbei wollte oder grummelten, mehr oder weniger leise, wütend vor sich hin. und dabei hatte ich schon an einen guten tag geglaubt, weil nicht fünf penner ihre leergutsammlung in bares ummünzen wollten…

computertechnik und automaten bringen in der dienstleistungsbranche oft mehr frust für angestellte und kunden mit sich,  als daß sie eine echte arbeitserleichterung nach sich ziehen. früher haben apotheker noch in büchern nach medikamenten gesucht. reicht ein patient heute sein rezept über den verkaufstresen, muß nicht nur der passende wirkstoff gefunden werden. es soll bitteschön auch der günstigste hersteller sein, ach ja und dann sollten die mittelchen nach möglichkeit noch bei der jeweiligen krankenkasse zuzahlungsfrei sein. wenn dann fünf omis und opis ihre sämtlichen gebrechen mitteilen müssen, weil die apotheker immer so freundlich zuhören und die alten leutchen auch nicht einfach ganz unhöflich und direkt nach der rentnerbravo fragen können, da vergehen schon wieder 40 minuten.  herrje, rentner-wg für alle über 65 und mit maulfaulem ehepartner! ähnliche szenarien spielen sich auch in der arztpraxis ab. schwester uschi kann zwar gut verbände wechseln und findet auch meistens die vene beim blutabnehmen, aber wenn der computer eine fehlermeldung anzeigt, muß erst die ganze praxisgemeinschaft ratschläge erteilen. dann wird der computerfuzzi herbeizitiert, nur um ein kabel wieder einzustecken.

wenn automatisierung doch nur erleichterung bringen würde! diese beispiele sprechen eindeutig dagegen. mag sein, daß der einsatz in bereichen mit schwerer körperlicher arbeit sinnvoll ist, weil dadurch menschen nicht völlig verausgabt werden.

es gibt situationen in meinem leben, da möchte ich liebend gerne auf slow motion umstellen, weil ich die momente genieße und nicht in den alltagstrott zurückverfallen möchte. gegen die ganze hektik in der arbeitswoche hilft mir manchmal nur noch bewußte entschleunigung. rauschen, keine elektrowellen, wasser, meer, blätter. ein großes glas mit latte macchiato und eine selbstgedrehte zigarette. ich bin dann mal weg…

was vom tage übrig blieb? flaschen!  leere.

leere_flaschen