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paradies auf rezept

irma halluske taumelte zum telefon. ihre gichtfinger griffelten nach der wahlscheibe, sie suchte kurz nach der brille, schob sie dann kopfschüttelnd von der stirn auf die nasenmitte, um die telefonnummer ihres hausarztes entziffern zu können. es klingelte. schwester monika nahm ab und noch bevor sie sich ordnungsgemäß melden konnte, schrie es durch das telefon: ‚halluske, hier. irma. ich brauche wieder ein rezept. mich zerreißt es vor schmerzen!‘ die krankenschwester hatte den hörer – soweit es ihr arm zuließ – neben sich gehalten und trotzdem jedes wort verstanden. sie brüllte zurück: ‚ja, geht in ordnung frau halluske! ich leg es frau doktor gleich auf den tisch.‘

nach diesem telefonat wählte irmchen noch die nummer ihrer freundin lotte grützenbacher. ‚lotte? bist du das?! ja, wie vereinbart! wir treffen uns wie immer!‘ grußlos schmiß sie den hörer zurück auf die telefongabel. sie zog den erdfarbenen mantel an, steckte das seidentuch mit der brosche fest, setzte ihren hut auf, griff nach dem gehstock und machte sich auf zum fahrstuhl, um ihre klandestinen geschäfte zu erledigen.

kurz vor der tür der arztpraxis begann sie lautstark zu keuchen und zu humpeln, da sie die warteschlange am empfang bereits ahnte. höflich gewährte man der alten dame den vortritt. sie schnappte nach dem rezept, das schwester monika über den tresen reichte, lächelte, zerrte ein päckchen kaffee aus der handtasche und stellte es auf den terminkalender. prüfend beäugte sie das rezept und monierte lauthals: ‚ich hätte aber gerne die 100er packung. und von den tropfen bitte die große flasche. sie wissen schon – das quartal ist noch lang!‘ schwester monika nickte, weil sie auch wußte, daß eine solche diskussion in lautem gezetere enden würde und huschte in das arztzimmer. als sie zurückkehrte, blickte sie frau halluske sorgenvoll an und sagte resolut: ‚wir müssen noch einen termin vereinbaren. frau doktor würde gerne ihre medikamentendosierung prüfen.‘ die alte halluske drehte erst an ihrem hörgerät. ‚was?!‘, brüllte sie. ‚auf wiedersehen!‘, dann drehte sie sich um und verließ humpelnden eilschritts die praxis. schwester monika runzelte nur die stirn und blätterte verlegen in patientenakten.

frau halluske blickte, vor der tür angekommen, auf ihre uhr und schlurfte erwartungsvoll in richtung park. unterwegs löste sie das rezept zuzahlungsbefreit in der löwenapotheke ein. sie setzte sich auf eine sichtgeschützte bank und wartete auf lotte grützenbacher, deren sitzung beim psychologen heute offenbar länger als gewöhnlich dauerte. zwischendurch beobachtete sie immer wieder unauffällig ihre umgebung. ihre handtasche hatte sie mit einer hand an ihren bauch gekrallt, mit der anderen verbarg sie angriffslustig die flasche pfefferspray in der manteltasche. endlich bog lotte grützenbacher auf den schmalen weg ein und kam leichtfüßig, mit schlenkerndem krückstock näher. sie begrüßten sich, kramten in ihren taschen. ‚irma, der vollmann wollte mich zur schrittweisen absetzung der psychopillchen überreden. hab ich dem da eine hysterische szene bereitet, die der gleich entsetzt protokolliert hat. in meinen manischen phasen rede ich noch jeden gegen die wand. ich war schon auf entzug, weil ich gestern nur noch eine halbe lithium hatte… aber der idiot hat’s mir abgekauft. halbe-halbe, wie immer?‘ irma bejahte mit einem kopfnicken und holte einen flachmann und zwei löffel hervor. lotte grützenbacher übernahm den assistenzpart. sie halbierte tramal, musaril und lithiumcarbonat und legte diese mit zitternden händen auf die beiden löffel. irma halluske gab ihr einen ab, steckte ihren in den mund und spülte mit einem kräftigen schluck sherry nach. dann reichte sie die flasche an die grützenbacher und lehnte sich entspannt zurück.

lotte grützenbacher betrachtete kurz das runzlige, aber friedvolle gesicht ihrer freundin. sie stöhnte: ‚mensch irma, hoffentlich sehe ich von dem musaril nicht wieder aus wie ein krötenarsch kurz vor dem laichen!‘ irma blinzelte mit merkwürdig verkleinerten pupillen in die sonne, dann drehte sie in zeitlupe ihren kopf in die richtung der geräuschquelle. ‚ach was! du solltest die beipackzettel einfach wegwerfen. die schrift kann man eh nur mit ’ner lupe lesen. und was die da alles quacksalbern. nesselfieber… paaah. denk dir die nebenwirkungen weg und genieß die freuden des alters. wenn’s juckt, dann nimm mehr tramal. das betäubt den schmerz. oder mehr musaril zum entspannen.‘ ihre freundin schluckte alles runter, die kritik an ihren eingebildeten wehwehchen,  die pillen des vergessens und dazu den süßlichen alkohol. kurze zeit später saß auch sie mit starrem blick und halbgefrorenem lächeln auf der bank. als die wirkung nach drei stunden langsam nachließ und die dämmerung einsetzte, bewaffneten die beiden damen sich mit ihren gehhilfen, die sie nun ob ihres gestörten gleichgewichtssinns tatsächlich benötigten. sie gingen in richtung seniorenwohnheim und kamen an drogenhändlern vorbei, die gerade von der polizei gefilzt und verhaftet wurden. irma halluske umschloß ihre handtasche fester. sie konnte sich dennoch nicht die bemerkung verkneifen: ‚guck dir die an! das ist sowas von illegal und kriminell! richtig so! ich sehe lieber kreise in regenbogenfarben als diesen dreck.‘ unbehelligt zogen sie weiter. unterwegs frozelten sie über ihre dealer in weiß, die aus kostengründen einmal diagnostizierte starke schmerzen oder schäden im oberstübchen unbesehen in chronische leiden ummünzten. auf ihren beiden grabsteinen sollte stehen, so lautete ihre notariell beglaubigte abmachung: sie zeigte dem tod ihr frommes lächeln.

rauschpermanenz

seit geraumer zeit rangiert die redewendung ‚das muß man sich mal reinziehen‘ ganz oben auf meiner zu-vermeidende-wörter-liste. sie ist vielfältig einsetzbar. ob man sich mit drogen zudröhnt, sich mit tabletten dopt, musik hört, filme betrachtet oder ein problem thematisiert – alles muß, nichts kann. wo bleibt da die entscheidungsfreiheit? ich betrachte dieses ‚müssen‘ als eine verbale form der nötigung. rein oder raus, in oder out, top oder flop, dafür oder dagegen. das dazwischen wird negiert. aber genau diese kaum wahrgenommenen zwischenstufen vermitteln mir die vielschichtigkeit des lebens.

doch zurück zum eigentlichen übelkeitsauslöser: ‚reinziehen‚. darin spiegelt sich auch die gleichschaltung des geistes/der geister infolge des massenkonsums wider, ebenso die manische aufnahme von informationen ohne reflexion. denn dafür bleibt zwischen hetze und hatz keine freie minute. man hat die frage ‚hast du schon gehört/gesehen?‚ kaum vernommen, da ergießt sich ungebeten ein schwall wiedergekäuter all:gemein:plätze über  dem gesprächsgegner. wurde er ob seiner unwissenheit ordentlich mundtot gestellt, verwehrt ihm der informant das recht auf fragen und zwar mit der aussage: ‚das ist der aktuelle kenntnisstand, mehr kann ich dazu nicht sagen.‚ vielen dank für den extraordinären monolog! anregungen zum weiterdenken verboten! floskeln vereinfachen das leben. das sind denkschablonen, blaupausen des geistigen stillstands. unauffällig in der menge, vorgeformt.

sich dem populären kultureinerlei, dem konsum- und geschwindigkeitsrausch bewußt zu entziehen, bedeutet eine außenseiterposition einzunehmen. nicht alle fühlen sich wohl, wenn sie ohne großen beliebtheitsgrad leben sollen. leichter ist es, die hand aufzuhalten für einen gewissensverkrüppelnden job, der  manchmal, aber nur manchmal zu schamgefühlen führt und sich ‚fremdzuschämen‚  (*würg*), um sich selbst dann doch wieder im licht im spiegel betrachten zu können, natürlich ohne schatten, denn das badezimmer ist perfekt ausgeleuchtet. die faulen kompromisse, die man irgendwann mal mit dem frommen wunsch eingegangen ist, später alles zu verändern, wenn man es zu einem gewissen wohlstand geschafft hat… später, späääter, noch späääter, ein ganzes leben lang vor sich hin verwesen. ‚warten auf godot‘? erstens erschien der bei beckett schon nicht auf der bühne. zweitens wird er auch jetzt nicht mehr kommen. drittens ist es in wartezimmern meistens übervoll, d.h. schlechte luft. und viertens, warum sollte man nach dem sinn des lebens suchen, während einem permanent vorgekaukelt wird, wie glücklich man zu sein hat, falls man dies und jenes hat/macht/kennt/weiß/will/kauft? sogar die definitionen werden gleich mitgeliefert: ‚sorge dich nicht, lebe!‚ (übersetzt: funktioniere), ‚glück ist…‘ (dauerekstase durch bio/chemie), ‚liebe ist…‚ (siehe ‚glück‘). die menschen  suchen paralysiert in ratgebern nach lebenswegen, harmonie, ‚meiner inneren ruhe‘. ich hätte da noch eine lebensstrickanleitung von 1920 im archiv… ’shut up & let me go‚!