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lehrstück der unmenschlichkeit

den lauen sommerabend auf dem balkon genießen. palavern, lachen. plötzlich schallen schreie herüber. schnell wird klar, daß es sich nicht um plärrenden ton von radio oder fernsehen handelt. ein handfester beziehungsstreit. zunächst fallen tiernamen und rektalbetitelungen. immer lauter, schrill, lallend und doch dringen die wortfetzen ganz klar ins gehirn. wir schauen uns an, fragen uns: ‚hörst du, was ich gerade höre?‘, antworten ‚ja‘. wir schweigen betroffen über die ungewollte ohrenzeugenschaft. es ist unmöglich, in der raumakustik des hinterhofes den genauen ursprungsort auszumachen. blattwerk nimmt uns die sicht auf die gegenüberliegenden wohnungen. plötzlich kommen klatschende geräusche zu den schreien, die gegenseitigen anschuldigungen werden immer niederträchtiger. es sind eindeutig schläge, die von einer frauenstimme mit den worten: ‚du kannst nüscht anderes, als frauen schlagen.‘ quittiert werden. ich sitze immer noch wie festgenagelt. bis ich nach kurzer beratung zum telefon greife und das zweite mal im leben den polizeiruf 110 wähle.

ich lande in der einsatzzentrale in leipzig. eine sehr gelassene namenlose männerstimme fragt nach dem anliegen. ich sprudele über vor blankem entsetzen. ich soll meinen namen nennen, die lage des hauses beschreiben.  ich höre den lauten anschlag einer einzelnen taste. plötzlich spricht der innendienstbeamte mit seinem computer. ’na, mein gutster, was is denn nun los?‘ offenbar streikt die rechentechnik. dabei klingt seine stimme immer noch völlig gelassen. so, als würde seine sanftheit durch die leitung bis auf das haus gegenüber wirken können. routinemäßig fragt er noch einige eckdaten ab und beendet das gespräch.

wir gehen zurück auf den balkon, lauschen weiter dem streitgespräch. unüberhörbare lautstärke. es folgen anschuldigungen der art: ‚immer mußt du dich völlig besaufen!‘ ’na genau wie du! heute ist männertag, nicht frauentag!‘ sie will sich trennen, fängt nun mit den themen geld und arbeitsamt an. wir hören, wie sich die beiden durch die wohnung jagen, möbel und gegenstände rücken und fallen. wieder klatschen. die zoffzeit wirkt schier endlos. ich schaue auf mein handy… tja, die polizei habe ich vor 36 minuten angerufen. es ist immer noch keine grüne minna in sicht. und irgendwie wird mir klar, daß auch niemand kommen wird. von überall her und im minutentakt hört man sirenen von einsatzfahrzeugen heulen. es ist himmelfahrt. trunkenheitsanlaß für viel zu viele. die masse kippt maßlos alles in sich, torkelt, jauchzt, heult, prügelt, beleidigt. kontroll- und sinnverlust. nur unter zwang würde ich meine wohnung angesichts dieser umstände verlassen. es zeichnete sich bereits nachmittags bei meiner radtour ab: die schlangenlinien fuhr ich, um orientierungslosen besoffenen auszuweichen.

heute bin ich verdrossen, wütend, verstört. wahrscheinlich bin ich eine der wenigen, denen es nicht egal ist, ob sich das prekariat gegenseitig ausrottet. der schlaf war dementsprechend kurz und unruhig. die beiden streitsüchtigen haben nach einem kurzen aufbäumen im kampf um die fernbedienung offensichtlich wieder frieden vor dem besäuselnden unterhaltungsprogramm gefunden. leider habe ich nicht die gnade des filmrisses erfahren.

politierwie alltäglich ist häusliche gewalt? wie normal sind sich zerfetzende suffköppe in unserer gesellschaft geworden? warum dulden menschen (frauen und männer) solche demütigungen? wie ambivalent wird liebe gelebt? wie abgestumpft sind die nachbarn? ist das wirklich verletzung der privatsphäre, wenn ich mich einmische oder nicht doch zivilcourage? ich konnte nicht anders handeln, weil mein unrechtsbewußtsein mich hat erzittern lassen. warum, verdammt noch mal, ist die polizei bis heute nicht aufgetaucht? soll ich nun dienstaufsichtsbeschwerde einlegen? wird häusliche gewalt von der leipziger polizei bagatellisiert? reagiere ich über? soll ich das nächste mal erst dann die polizei anrufen, wenn der leichengeruch herüberweht? drückt der beamte beim notruf wegen mordes langsam seine computerknöpfe und sagt ‚oooch, mein computer hat sich auch gerade aufgehängt. moooment, ich verbinde sie, sobald er wieder funktioniert, weiter zur mordkommission.‘? in der warteschleife raunzt eine stimme: ‚please hold the line!‘. bis dahin sind doch alle krepiert! aber der beamte hatte einen streßfreien arbeitstag. kann nach schichtende die spinnweben zwischen kopf und tisch abwischen, friedvoll seufzen und heimdackeln. *aaarghhh*