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kunstkonsum und naturkonsum

in der werkschau ‚¡que viva mexico!‘ der galerie hilario galguera auf dem gelände der baumwollspinnerei in leipzig waren sehr unterschiedliche werke zu sehen, die um das thema leben und tod kreisten, wobei letzteres deutlich überwog. eines der farbenprächtigsten ausstellungsobjekte ist die installation ‚guia de campo‘ (naturführer) von benjamín torres.ausgeschnitten1

torres hat zahlreiche vögel aus einem buch über die fauna von mexiko ausgeschnitten, das buch an einer lindgrünen stellwand befestigt, an der die vögel in schwärmen zu fliegen scheinen. freilich nur von weitem so betrachtet. tritt man näher, sieht man die befestigung mit stecknadeln. aufgespießt wie papierne grillhähnchen.

aufgespiesst die zeichnungen können noch so naturalistisch sein, die vögel wirken dennoch in büchern wie ausgestopft, tot, still, unecht.  die collage unterstreicht diese wirkung. statt sich die vögel in der natur zu betrachten, ihrem gesang zu lauschen, betrachten wir sie uns in einer galerie als kunst in ihrer künstlichkeit. und im hintergrund zwitschern allenfalls besucher gerade per twitter in die welt, was sie gerade machen, denken, fühlen, sehen. manche führen aber auch tiefsinnige gespräche in gestelzter sprache von kunsthistorikern über die möglichen interpretationen.

die werke von torres thematisieren nach eigener aussage immer wieder das verhältnis des menschen zum konsum (‚before anything else, we are consumers‚). in der wievielten abbildungsebene befinden wir uns mit diesen fotos? bereits in der vierten dimension. japaner beispielsweise sieht man eigentlich kaum mit den augen schauen. ihre visualisierung scheint nur noch aus blicken auf und durch displays zu bestehen, die sie vor die und tendenziell das dort gesehene für die wirklichkeit halten. der gelenkte blick, immer an den  sogenannten sehenswürdigkeiten orientiert, die ihr blickfeld einengen. sie wirken ein wenig entrückt, wenn man ihren weg beim stadtrundgang zufällig kreuzt. und während sie mit zoomen und knipsen und filmen beschäftigt sind, verlieren sie die aufmerksamkeit für ihre unmittelbare umgebung.

in einer reportage über die auswirkungen der technisierung  saßen japanische altersheimbewohner an einem runden tisch und streichelten sprechende roboterhunde. fasziniert starrten sie auf ihr spielzeug, von kommunikation untereinander keine spur.

ich habe gerade unglaublich große lust, mich in das hohe gras einer ungemähten wiese zu legen und einfach in den himmel zu starren, mit einem grashalm im mund, auf dem ich herumkaue. nichts hören – außer grillenzirpen und vogelgesang. oder sollte ich mir die naturstimmen-cd bei amazon bestellen? so als surrogat?