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grüne tomaten

lange hat es gedauert. und jetzt ist er sichtbar der nachwuchs auf dem balkon von frau wortfeile. kugelrund und grün mit einem blütenrest als schleppe. ich hatte schon befürchtet, tomaten auf den augen und nicht an den pflanzen zu haben. aber nein! die bienen waren offenbar unbemerkt in heinzelmännchenmanier fleißig. nun hoffe ich nur noch, daß sie die zeit meiner abwesenheit gut überstehen, denn wenn meine nachbarin bei der hobbygärtnervertretung genauso viel vernachlässigung an den tag legt wie bei ihren eigenen pflanzen, werde ich nach meiner rückkehr möglicherweise dörrobst und trockenblumen ernten können. da legt sich meine stirn schon mal prophylaktisch in sorgenfalten. in ihrer einwöchigen abwesenheit habe ich gegenüber ein paar klägliche rettungsversuche gestartet. aber nun ist’s vorbei mit der hege. nennt  man das eigentlich braune daumen, wenn jemand ein händchen fürs totpflegen hat?

grenzfälle der wahrnehmung

leider ist mein erleben krankheitsbedingt immer noch auf die wohnung begrenzt. meine rettung und zeitweise auch mein elend ist der balkon. da ich heute schon vor sieben aufgewacht bin, habe ich die erste ruhige stunde beim frühstück im freien verbracht. über mir jagten sich die mauersegler vor den schleierwolken. in der zwischenzeit wird die natürliche, morgendliche ruhe von un/menschlichen lauten durchbrochen. neben dem balkon unterhalten sich drei studenten über ihre lernkarten. eigenlich wollen sie lernen, aber es plauscht sich so schön in der sonne. ihr eifer hat wohl auch schon sonnenbrand. gleich stimmt das elektronische schaf in den chor der blökenden ein, frißt laut schmatzend gras und klappert holpernd gegen steine. irgendwo gegenüber schnaubt sich jemand scheinbar das gehirn durch die nase mit raus. ein ganz normaler sonntag in der stadt, wo für viele abschalten eher laut aufdrehen heißt. irgendwie gefällts mir trotzdem, daß man endlich viele aktivitäten von drinnen nach draußen verlagern kann.

nachdem ich gestern also schmerzbedingt alle pläne für das wochenende streichen mußte, bleibt mir meine kleine welt, meine innerlichkeit und alles was sich darin oder in der virtualität abspielt. deswegen gibt es heute nur ein paar fotografien von meinem alltag in der grünen manchmal-oase zu sehen.

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zu den fotos der diashow: blendender schimmer der abendsonne in der baumkrone einer esche, mauersegler vor schleierwolken, mauersegler im gleitflug (leider fehlt mir immer noch das teleobjektiv, das motiv entspricht aber so ziemlich meinem derzeitigen denkmodus), latte macchiato, frühstücksei wie es bei mir sein soll (auch wenn die kochzeit immer eine gefühlte ist, was freilich manchmal schief geht), brummende ackerhummel (???) auf dem blatt einer mauretanischen malve, pappelflaum auf einem tomatenblatt, die knospe des türkischen mohns steckt mir schon seit tagen die zunge raus, ziert sich aber noch vor dem entblättern, blüte einer tomate (sorte harzfeuer), knospe der weißen glockenblume, knospen der weißen glockenblume mit spinnennetz im morgendlichen gegenlicht, bißchen gezüchteter pflanzenwildwuchs vor meinem fenster mit blühendem holunderbusch in der fensterspiegelung. so sieht sie aus, meine kleine welt.

dort, wo die gedanken flanieren

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wenn draußen die sonne kitzelt, dich anstrahlt, dich mit ihrer wärme aus dem schneckenhaus lockt, dorthin, wo die bienen summen, weil hummeln im hintern brummen, dann hast du mindestens zwei möglichkeiten. entweder du mischst dich als farbtupfer, als elementarteilchen unter die öffentliche masse, wo du gemustert oder ignoriert, mit blicken bedacht oder angerempelt wirst. oder du ziehst dich auf den balkon zurück, in die zwischenwelt, die halböffentlichkeit der hinterhoffenster deiner nachbarn, dorthin, wo die blumen blühen, wenn du dir das kahle rechteck, den platz an der sonne mit pflanzlichem leben mühevoll aufgerüscht hast.

noch schlaftrunken wanke ich allmorgendlich nicht zuerst in den raum der keramischen hygiene, blicke nicht zuerst in ein müdes gesicht, sondern werfe den ersten blick versonnen auf die pflanzen, zupfe hier ein paar welke blätter, dort ein paar verwelkte blüten, reiche den durstigen wasser, damit sie weiter wuchern, wild und bunt, hoch und schattig oder saftig und schmackhaft werden. abends dasselbe in grün. jede nur mögliche tätigkeit verlagere ich von innen nach außen, feile an texten oder an den nägeln, lese in nichtspiegelnden büchern aus papier, trinke kaffee, qualme… im verlangsamenden halbschatten der hitze flanieren meine gedanken im rhythmus der musik, die verhalten aus dem wohnzimmer in meine ohren dringt. eine gedankenreise zu den unter dem sand des alltags verschütteten orten in mir, die leise in mir gären. die immer da sind, aber manchmal innerhalb lärmender normalität keine beachtung finden. die sich nun stumm in dir fortpflanzen, die wurzeln schlagen, die erntereif werden. die sich und mich verändern. die gehegt und tot/gepflegt und ausgezupft werden. und neu sich fügen. wachsen und welken. werden und vergehen. das unabänderliche und der wandel.

ich trage das kleid des lebens. die jugendliche rebellion, das schillernd und schrille hinter mir lassend, das aufbegehren bewahrend. das dezente, zeitlose im mittel suchend. aber nichts ist zeitlos. ich habe meine zeit. jetzt. luge vorsichtig hinter den vorhang von zukunft und vergangenheit, wo in beiden richtungen das alte lauert. lasse ihn fallen. was war, kann ich nicht mehr ändern. was wird, wird kommen.

draußen klimpern die flaschen, die nach der langen, lauten partynacht zurück in die kisten geräumt werden. der grillqualm hat sich verzogen. die frühlingsluft scheint klar. doch wabert der duft von waschmittel und weichspüler von den wäscheleinen in meine nase. der geruch von mittagessen. dann klingt das scharrende schaben in den bratpfannen in meinen ohren. porzellanteller werden eingedeckt und besteck. eine rauschende toilettenspülung übertönt für kurze zeit das zwitschern der vögel.

im sommer des lebens streife ich wieder und wieder den gedanken an mein gnadenbrot. ruhig brünette, du wirst doch wohl nicht jetzt schon zahnlos werden wollen?

update: für nichtbotaniker oder nichtgärtner hier noch die pflanzennamen in der richtigen reihenfolge (leider zeigt die diashow nur die erste bildunterschrift und dann ist schluß mit bildbeschreibung): weiß-orange gladiole, mauretanische malve, margeriten, anemone, kapkörbchen, kuhschelle, blatt einer stockrose, stockmalven, gartenbambus, tomatenblüte der sorte ‚gelbe königin‘, rosmarin, salbei und lavendel.

brüter-ich

nicht nur, daß mir schon häufiger von mitmenschen an den kopf geworfen worden wäre, ich hätte einen vogel, eine meise gar. es existiert allerdings kein psychiatrisches gutachten über mich, in dem mir meine schuldfähigkeit abgesprochen worden wäre. oder eine anklage, wegen illegaler beschäftigung als bordsteinschwalbe. hier gibt es den fotobeweis für mich vollamsel.

amseldas ist ein echtes amselweibchen (ich würde mit kadavern auch nicht zum tierpräparator rennen. so morbide bin ich dann doch noch nicht.) in meinem balkonkasten, das sich einen nistplatz zwischen malven und glockenblumen gesucht hat. als ich das in der letzten woche entdeckt habe, mußte ich gleich biologie-nachhilfe nehmen. amseln nisten nämlich ganz gerne in bequemer futternähe (hier 1. etage). ‚flieg nicht so hoch, mein kleiner freund…‘ hatte sie doch gar nicht vor. die arme hat brav jeden tag ein ei gelegt. vier mäuler müssen gestopft werden. jedesmal, wenn ich auf den balkon gehe, äugt sie mich argwöhnisch an. aber nun, da sommer ist, will ich nicht drauf verzichten. wir werden uns schon arrangieren, mit abstand und friedfertigkeit. auch im landeanflug läßt sie sich zeit. hüpft laut zeternd von ast zu ast auf der esche vor dem balkon, um schließlich im sturzflug auf das nest zuzufliegen. hoffentlich rammt sie nicht irgendwann gegen die balkonbrüstung. ich glaube, ich wäre eine schlechte ausbrüterin.

amseleierin schätzungsweise acht bis zehn tagen gibt es dann küken zu begucken. und vielleicht taucht dann auch das männchen mal wieder auf, um beim füttern zu helfen. ich würde wirklich ungern würmer (*würg*) suchen gehen, nur damit die armen dinger nicht verhungern.