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menschmaschine

irgendwie sind alle in ferienstimmung. brütende hitze im büro, zwecks kühlender zugluft viele offene türen, die man nicht mal  mehr einrennen muß. selbst google hatte heute irgendwann keine lust mehr, sich anzustrengen. ich bombardierte je nach unterlassener information in den fernsehbeiträgen, die ich archivieren sollte, google mit suchanfragen. alleine an obiger fehlermeldung kann man ermessen, wie oft ich heute recherchieren durfte. die captcha-seite taucht nämlich nur dann auf, wenn eine extrem starke zunahme der zugriffe auf google.de eruiert wurde. irgendwann arbeitet selbst die datenkrake google am limit und kann nicht mehr zwischen individuum und automatisierten anfragen von robots unterscheiden. um das system vor dem crash zu bewahren, darf ich mein menschsein dann der suchmaschine mit der eingabe einer buchstabenkombinantion beweisen und genüßlich den button ich bin ein mensch drücken. es ist nämlich gar nicht gewünscht, viel zu suchen. google begrenzt also scheinbar seit neuestem die suchanfragen (und damit den wissenfluß, so viel zum thema informationszeitalter) pro ip und tag, um eine systemüberlastung zu verhindern. die suchmaschine mit dem slogan don’t be evil wittert hinter dem hart arbeitenden menschen eine maschine, denn das kennt sie wahrscheinlich nur aus wenigen büros. das schreit geradezu nach faulem zauber und nicht nach arbeitseifer. langsam werde ich den eindruck nicht los, daß es zwischen mensch und maschine nicht mehr nur unentschieden steht, denn maschinen und software führen unabhängig vom menschen einen unsichtbaren informationskrieg. und dann entschuldigen die sich auch noch für eventuelle entstandene unannehmlichkeiten. solch wertvolle informationen fressen einfach nur zeit. arbeitserleichterung sieht anders aus.

frisch gebabelfischt

es soll ja substanzen geben, die uns unwillkürlich tränen in die augen treiben, ob nun beim zwiebelschneiden ohne direkten kontakt oder wenn wir mit ungewaschenen griffeln nach dem schneiden von chilischoten unsere weltsichtfenster reiben. das, was dann salzig über das gesicht kullert, sind beileibe keine filmtränen. es brennt und rinnt und flennt auch jenseits der trauer. china balsam gehört jedenfalls auch nicht wirklich ins auge geschmiert. daß es dort ohne jeglichen chemischen reiz tränenfluß auslösen kann, war mir bis gestern eher schleierhaft. ich wollte ganz banal via google erfahren, ob man china balm auch bei muskelverspannungen äußerlich anwenden kann (yep!), fand aber den international handelnden webshop conua mit sitz im amerikanischen wilmington, der für seine produkte mehrsprachig zu werben versucht. die betonung liegt auf versucht! denn die offensichtlich mittels einer maschinellen übersetzung erstellte seite, wimmelt von eher abschreckenden wirkungen der naturmittelchen und kuriosen übersetzungsfehlern. und manchmal gelingt es dem muttersprachler sogar zu verstehen, was gemein(t) sein könnte.

china balm etwa verwandelt sich in eine haselnuß (aschenblödel reloaded), mit der man die akupunkturpunkte einreiben soll:

einfach benutzt hat, eine haselnuß von „china balm“ erlaubt eine lange massage auf der stelle, die ihnen oder zu den akupunkturpunkten leiden läßt, um sie zu entspannen und ihre übel zu erleichtern. (quelle)

aha… es wäre schön, wenn das mittel mich nicht noch mehr leiden lassen würde. weiter heißt es dort über die anwendungsgebiete:

um die unangenehmen gefühle der kleinen täglichen schmerzen zu erleichtern, die oberfläche ihrer haut delikat zu reiben.

die delikaten hautstellen sollte man wohl lieber auslassen, wenn man nicht zum sadomasochismus neigt. aber im onlineshop können sie genauso dinge für ihren herzenschlag kaufen. sucht man nach kälteschutzmitteln, muß man die kälte in diesem laden aber erst mal verteidigen. also ehrlich mal, immer nur nörgeln! nie kann das wetter richtig sein. schutz liegt ihnen wohl fern?

und was erst ginkgo biloba alles können sollen müßte, und wenn ich nur und verstünde, wovon die rede ist… hah, schon klar: wäre herr schäuble noch innenminister, würde er das naturheilmittel wohl unbedingt einsetzen wollen. und es gäbe nach ein bißchen hexenzauber auf der ganzen welt keinen terrorismus mehr.

er begünstigt die gefangennahme der freien radikalen auf dem anspruchsvollen und netzhautniveau.

mit der kraft der fächerblätter scheint sogar retina-scan möglich, wenn papi schäuble nur hinlänglich seiner muttinatur vertrauen würde und wenn er nur seine scheuschablonen ablegen könnte, um uns auf das absolut natürliche erfolgsrezept einzuschwören. zurück von der (bewußten) fehlinterpretation zur medikation. gegärte oder auch gegarte papaya wird als ein hick-, ähm hack-, nein teufelsbraten sondergleichen angepriesen. lesen sie selbst:

gegärte papaya ist der beschützer, sie hilft das syndrom des oxydierenden streß bekämpfen (ausstellung, die in der sonne verlängert ist, dem tabak, dem alkohol, umweltverschmutzung, dem intellektuellen streß), besitze eine antioxidierende tätigkeit (mehr als 20 male vorgesetzte in vitamin e), eine bemerkenswerte kapazität immunostimulante (sie verstärkt die natürlichen verteidigungen).

brauchen wir galerien zur gesundheitserziehung? reicht eine überdosis vitamin e gegen sozialfeindliche chefs? soll ich meine gegner mit papayas bewerfen oder ein loch durch die frucht bohren und an einer kette als talisman bei mir tragen? ist die papaya gar der neue popeye-spinat? der erlöser von allen irdischen problemen? wer jetzt noch keine minderwertigkeitskomplexe hat, weil er nur bahnhof versteht, der kann sich in frieden einkapseln, nein kaspeln für den frieden schlucken und komplexe ruhe finden. sérénité (eigentlich die ausgeglichenheit) bringt dir frieden oder möglicherweise ruhe in frieden (mein vertrauen in den pillenhändler konnte gar nicht erst organisch erwachsen). die wirkung der friedlichen zutaten lesen sich eher wie die auszüge aus einem treatment für den nächsten horrorfilm. hagedorn bspw. pflegt die verwirrung des schlafes. ich halte alptraumphasen ja für weniger erholsam. und die passionsblume kämpft gegen nervöse zuneigungen (liebestöter?), wohingegen baldrian das entsetzen der sorgen vermindern soll. nach allem, was ich las, ruft das doch eher unheimliche assoziationen in mir hervor, und ich würde dem benutzungsrat nur unter zwang folgen. zu unerwünschten nebenbedeutungen fragen sie ihren dolmetscher oder übersetzer.

übersetzung ähnelt dem versuch, wolken in koffer zu packen. manchmal folgt ein eloquenter erguß, im vertrauen auf die automatisierung garantiert eine verbale, unsinnliche katastrophe. die computerprogramme sind leider noch meilenweit von der dolmetscherleistung eines babelfischs entfernt und  nur als hilfsmittel zu gebrauchen. das kauderwelsch zahlreicher gebrauchsanleitungen und internetseiten spricht bände. und deshalb funktioniert tränenlachen ganz ohne und über china balm. in menschlichen und maschinellen fehlern, so lästig, überflüssig, vermeidbar und unverständlich sie manchmal erscheinen, blitzt dennoch immer auch die möglichkeit für manch wundervolle neuschöpfung auf.

unfreiwillige entschleunigung

alltägliches – wie den einkauf im supermarkt – möchten die meisten beruftstätigen menschen  schnell hinter sich bringen. wenn freizeit aber durch die automatisierung nicht verlängert, sondern beschnitten wird, wozu ist das dann gut? auf unternehmerischer seite: klar, profit. dadurch können zumindest  theoretisch personal und kosten eingespart werden.

kommen wir nun zur praxis: samstag nachmittag im getränkemarkt eines supermarkts in leipzig, nennen wir ihn ‚hothit‘. als sich die schiebetüren öffnen, ringeln sich wartende in einer schlange vor den leergutautomaten. da offenbar am ersten mai fast alle kampftrinken veranstaltet hatten, waren die leute entsprechend mit leeren flaschen angerückt. nachschub muß her, weil die vorhersagen bestes grillwetter prophezeien. draußen strahlender sonnenschein, aber innen – ich mag den geruch kaum beschreiben. ungefähr so, als würde ein antialkoholiker nach dem ende der party eine großraumdisko betreten. mein brechreiz ließ sich gerade noch unterdrücken.

als wir endlich nur noch zwei leute mit kisten und beuteln vor uns stehen hatten, war der container für die plastikflaschen am ersten automaten voll. also klingeln, auf den verkäufer warten, der den container austauschte und den automaten neu startete. das dauerte gefühlt so lange, wie ein computer zum virenscan für eine große festplatte benötigt.

gut, ein piepen des automaten, der nun scheinbare betriebsbereitschaft signalisierte. denkste! das display leuchtete rot auf, und es war zu lesen: bitte nehmen sie den kasten vom transportband. was für einen kasten? an angegebener stelle stand nichts. wieder klingeln. in der zwischenzeit war der container am zweiten automaten voll. der herbeigeschellte mitarbeiter entschied sich, zunächst diesen container zu wechseln. während er noch unterwegs war, hatten die kunden auch die container der automaten drei und vier gefüllt. immer mehr kunden zwängten sich in den nicht als wartezimmer einer behörde konzipierten vorraum. mir wurde speiübel, weil die ohnehin trunkene luft zusätzlich mit aftershave in unterschiedlichsten geruchsnoten und schweren damenparfümdüften geschwängert wurde. also nichts wie raus und die leeren flaschen wieder in den kofferraum gepackt.

eine halbe stunde vergeudet. völlig ergebnislos. und ich war ja nicht die einzige, fünfzig kunden verleierten abwechselnd die augen, schoben mürrisch die leeren kästen hin und her, wenn jemand vorbei wollte oder grummelten, mehr oder weniger leise, wütend vor sich hin. und dabei hatte ich schon an einen guten tag geglaubt, weil nicht fünf penner ihre leergutsammlung in bares ummünzen wollten…

computertechnik und automaten bringen in der dienstleistungsbranche oft mehr frust für angestellte und kunden mit sich,  als daß sie eine echte arbeitserleichterung nach sich ziehen. früher haben apotheker noch in büchern nach medikamenten gesucht. reicht ein patient heute sein rezept über den verkaufstresen, muß nicht nur der passende wirkstoff gefunden werden. es soll bitteschön auch der günstigste hersteller sein, ach ja und dann sollten die mittelchen nach möglichkeit noch bei der jeweiligen krankenkasse zuzahlungsfrei sein. wenn dann fünf omis und opis ihre sämtlichen gebrechen mitteilen müssen, weil die apotheker immer so freundlich zuhören und die alten leutchen auch nicht einfach ganz unhöflich und direkt nach der rentnerbravo fragen können, da vergehen schon wieder 40 minuten.  herrje, rentner-wg für alle über 65 und mit maulfaulem ehepartner! ähnliche szenarien spielen sich auch in der arztpraxis ab. schwester uschi kann zwar gut verbände wechseln und findet auch meistens die vene beim blutabnehmen, aber wenn der computer eine fehlermeldung anzeigt, muß erst die ganze praxisgemeinschaft ratschläge erteilen. dann wird der computerfuzzi herbeizitiert, nur um ein kabel wieder einzustecken.

wenn automatisierung doch nur erleichterung bringen würde! diese beispiele sprechen eindeutig dagegen. mag sein, daß der einsatz in bereichen mit schwerer körperlicher arbeit sinnvoll ist, weil dadurch menschen nicht völlig verausgabt werden.

es gibt situationen in meinem leben, da möchte ich liebend gerne auf slow motion umstellen, weil ich die momente genieße und nicht in den alltagstrott zurückverfallen möchte. gegen die ganze hektik in der arbeitswoche hilft mir manchmal nur noch bewußte entschleunigung. rauschen, keine elektrowellen, wasser, meer, blätter. ein großes glas mit latte macchiato und eine selbstgedrehte zigarette. ich bin dann mal weg…

was vom tage übrig blieb? flaschen!  leere.

leere_flaschen