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zwanghafte rituale

manchmal frage ich mich, wie eigentlich alkoholismus und kontrollzwang zusammen passen. in der theorie harmoniert das in meinen augen herzlich wenig. in der praxis wird es mir jeden montag vorgeführt, wenn der kollege mal wieder ein atemfähnchen vor sich her trägt, so daß ich, sobald ich das büro betrete, rückwärts wieder raus möchte, weil ersickungsgefahr. meine begrüßung besteht dann auch aus: guten morgen! könnten wir bitte erst mal kurz lüften? hier ist so stickige luft drin… dummerweise friert ein trinker auch recht schnell und so überrede ich ihn, doch mal eine zigarettenpause einzulegen.

jedes mal, wenn wir das büro gemeinsam verlassen, schaut er sich panisch um, ob er auch nichts vergessen hat. dann schließt er die tür zweimal ab und drückt die türklinke noch zweimal runter. denn das muß man ja millisekunden später kontrollieren. da nützt kein einwand von mir etwas, daß ich ihm gerade als augenzeuge für die schließaktion zur verfügung stand. auch wenn ich den schließerpart übernehme und nur einmal abschließe, werde ich zunächst äußerst mißtrauisch gemustert. dann klinkt er manisch an der tür rum. erst dann können wir loslaufen.

wenn er das büro abends vor mir verläßt, werden tacker  und locher gerichtet und das kabel vom kopfhörer akkurat aufgewickelt, die straßenkarten, der atlas und der duden nach  größe auf einen stapel gelegt und die stuhllehnen auf kante an den tisch geschoben. dann erfolgt eine ermahnung, ich solle bloooß nicht vergessen abzuschließen!

mittlerweile meint er, auch mich immer stärker in seinen kontrollzwang einbeziehen zu müssen. ich solle meine wertsachen und schlüssel nicht so offen auf dem tisch drapieren. das wäre eine einladung für jeden dieb. ja aber, es ist abgeschlossen, zweimal! und wir sind nur zehn minuten weg… fehlt eigentlich nur noch, daß er vor der raucherpause meine ganzen klimbim vom tisch in meine tasche räumt und die tasche auf dem regal vor dieben versteckt. wenns dann soweit ist, kriegt er ein paar auf die finger. ist schließlich meine privatsache, wie nachlässig ich mit meinem kram umgehe – gemeinschaftsbüro hin oder her. vielleicht sollte ich abends mal in seiner stammkneipe aufschlagen und ihm jedes bier einzeln auf einer strichliste markieren, damit er seine erziehungsmaßnahmen tunlichst unterläßt. denn auch jedes mal, wenn ich ihn beim einkaufen oder vor seinem wohnhaus treffe, hat er gerade biernachschub in einem stoffbeutel dabei. das scheint ihm nicht peinlich zu sein, denn diesen mangel an selbstkontrolle gleicht er nämlich überreichlich mit seinem ordnungs- und kontrollzwang wieder aus. leider fehlt dem herrn doktor die einsicht in die lage, und mit meinen interventionen stoße ich bisher auf granit.

man kann ja nur mitleid mit ihm haben. so viele rituale, so viele sinnlose wiederholungen, so viel zeitverschwendung. gestern hat er mir zum mindestens 100. mal erzählt, daß er sich am automaten immer den gleichen kaffee kauft. immer wiener melange. daraufhin habe ich ihm einen ausgegeben, damit er mal was anderes sagen kann… er kommt mir ein bißchen vor, wie diese steckfigur, bei der die teile einfach nicht zusammen gehören. er merkt von diesem zu oft nichts mehr. es hat sich tief in sein unterbewußtsein eingegraben, und bis zum bewußtsein dringt es nicht mehr vor.

das kann echt ansteckend sein. ich beobachte mich selbst und schaue mal, ob ich auch schon solch belastende alltagsprüfungen ausführe. konnte bisher noch nix entdecken. puuuh!

banausenbahnhof

kulturbahnhofverdutzt rieb ich meine augen, als ich aus dem ice-fenster auf dieses schild gaffte. ich bin lange nicht mehr bahn gefahren, sonst hätte ich wohl eher mal aufgemuckt. da liegen meine heimat und provinzielle kulturtouristische attraktionen, die man in ein bis zwei tagen ablaufen kann. goethe, die geheiligte schriftstellerleiche, und sein artgenosse schiller (wo ist nur sein schädel?) sowie eine sechsjährige bauhausepisode unter gropius reichten aus (jajaja – eine liste von weimarer persönlichkeiten findet man hier, nicht zu vergessen die derzeit dort lebenden wichtigen), um den titel kulturhauptstadt europas für das jahr 1999 einzuheimsen. das sollte zehn jahre lang keiner anderen deutschen stadt außer essen gelingen. auf den ruhmeszug sprang die deutsche bahn offenbar liebend gern auf. aber: dieser zug endet hier für kulturtrittbrettfahrer.

sicher, für ein kaff dieser größe (fast 65.000 einwohner) ist eine ganze menge los. das kann in den lokalblättchen schon mal eine spalte füllen (am wochenende auch mal zwei). wie vermisse ich die angebotsfülle von zitty und tip aus berlin, wenn ich auf das trostlose schild blicke. wer sich die ureinwohner und zugezogenen stolzen aus der dichter- und denkerstadt zum feinde wünscht, tituliert sie gern als weimaraner. die sehen bei william wegman dann schon mal so kreakultürlich inszeniert aus.

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(c) art knowledge news

die ortsansässige verwandtschaft berichtet hinter vorgehaltener hand vom schildbürgerstreich, der da ab 20 uhr von reisenden die benutzung des bahnhofshinterausgangs erzwingt. aus sicherheitsgründen und außer sichtweite von banausen tappt der mit koffern bewappnete über  unzählige treppen einen schier nicht enden wollenden umweg. ach hätt‘ ich doch die hälfte des kofferinhalts zu hause gelassen, grummelt der ermüdete geist des  geschwind schwächelnden menschlichen kofferkulis. nachdem nun der per lautsprecher herzlich willkommene buckelnde am verschlossenen haupteingang vorbeischlurft, da dies nun mal sein weg ist, müßte man ihn pflichtbewußt an dieser stelle mit einer augenbinde versehen, wollte man das durch und durch kultiviert kalkulierte spiel auf die spitze treiben. denn ja, räusper, tuschel, wisper, heimlichtu, da wuchert alkoholisiertes volk wie unkraut zwischen den in feinste quadratformen beschnittenen hecken. das soll die welt nicht sehen, denn was soll die welt sonst von weimar denken? etwa sprittis gibt es überall? mindestens so fataaaaal wie bei kalkofes mattscheibe. liebe weimarer! wo es kultur gibt, rinnt meistens auch alkohol. und nicht zu knapp.  eure nüchternheit verliert ihr am hellerlichten tag nur beim vernissage- und finissage-hopping in gepflegtem ambiente. aber auch der ein oder andere unter euch landet auf dem heimweg blau wie eine haubitze im gebüsch. ob bossanzug oder kleiderkammerjeans, die teile sind hinterher hinüber. immer schön haltung, werte und fassade wahren. hicks! ach mist, jetzt hat mich ein geräusch verraten.

lehrstück der unmenschlichkeit

den lauen sommerabend auf dem balkon genießen. palavern, lachen. plötzlich schallen schreie herüber. schnell wird klar, daß es sich nicht um plärrenden ton von radio oder fernsehen handelt. ein handfester beziehungsstreit. zunächst fallen tiernamen und rektalbetitelungen. immer lauter, schrill, lallend und doch dringen die wortfetzen ganz klar ins gehirn. wir schauen uns an, fragen uns: ‚hörst du, was ich gerade höre?‘, antworten ‚ja‘. wir schweigen betroffen über die ungewollte ohrenzeugenschaft. es ist unmöglich, in der raumakustik des hinterhofes den genauen ursprungsort auszumachen. blattwerk nimmt uns die sicht auf die gegenüberliegenden wohnungen. plötzlich kommen klatschende geräusche zu den schreien, die gegenseitigen anschuldigungen werden immer niederträchtiger. es sind eindeutig schläge, die von einer frauenstimme mit den worten: ‚du kannst nüscht anderes, als frauen schlagen.‘ quittiert werden. ich sitze immer noch wie festgenagelt. bis ich nach kurzer beratung zum telefon greife und das zweite mal im leben den polizeiruf 110 wähle.

ich lande in der einsatzzentrale in leipzig. eine sehr gelassene namenlose männerstimme fragt nach dem anliegen. ich sprudele über vor blankem entsetzen. ich soll meinen namen nennen, die lage des hauses beschreiben.  ich höre den lauten anschlag einer einzelnen taste. plötzlich spricht der innendienstbeamte mit seinem computer. ’na, mein gutster, was is denn nun los?‘ offenbar streikt die rechentechnik. dabei klingt seine stimme immer noch völlig gelassen. so, als würde seine sanftheit durch die leitung bis auf das haus gegenüber wirken können. routinemäßig fragt er noch einige eckdaten ab und beendet das gespräch.

wir gehen zurück auf den balkon, lauschen weiter dem streitgespräch. unüberhörbare lautstärke. es folgen anschuldigungen der art: ‚immer mußt du dich völlig besaufen!‘ ’na genau wie du! heute ist männertag, nicht frauentag!‘ sie will sich trennen, fängt nun mit den themen geld und arbeitsamt an. wir hören, wie sich die beiden durch die wohnung jagen, möbel und gegenstände rücken und fallen. wieder klatschen. die zoffzeit wirkt schier endlos. ich schaue auf mein handy… tja, die polizei habe ich vor 36 minuten angerufen. es ist immer noch keine grüne minna in sicht. und irgendwie wird mir klar, daß auch niemand kommen wird. von überall her und im minutentakt hört man sirenen von einsatzfahrzeugen heulen. es ist himmelfahrt. trunkenheitsanlaß für viel zu viele. die masse kippt maßlos alles in sich, torkelt, jauchzt, heult, prügelt, beleidigt. kontroll- und sinnverlust. nur unter zwang würde ich meine wohnung angesichts dieser umstände verlassen. es zeichnete sich bereits nachmittags bei meiner radtour ab: die schlangenlinien fuhr ich, um orientierungslosen besoffenen auszuweichen.

heute bin ich verdrossen, wütend, verstört. wahrscheinlich bin ich eine der wenigen, denen es nicht egal ist, ob sich das prekariat gegenseitig ausrottet. der schlaf war dementsprechend kurz und unruhig. die beiden streitsüchtigen haben nach einem kurzen aufbäumen im kampf um die fernbedienung offensichtlich wieder frieden vor dem besäuselnden unterhaltungsprogramm gefunden. leider habe ich nicht die gnade des filmrisses erfahren.

politierwie alltäglich ist häusliche gewalt? wie normal sind sich zerfetzende suffköppe in unserer gesellschaft geworden? warum dulden menschen (frauen und männer) solche demütigungen? wie ambivalent wird liebe gelebt? wie abgestumpft sind die nachbarn? ist das wirklich verletzung der privatsphäre, wenn ich mich einmische oder nicht doch zivilcourage? ich konnte nicht anders handeln, weil mein unrechtsbewußtsein mich hat erzittern lassen. warum, verdammt noch mal, ist die polizei bis heute nicht aufgetaucht? soll ich nun dienstaufsichtsbeschwerde einlegen? wird häusliche gewalt von der leipziger polizei bagatellisiert? reagiere ich über? soll ich das nächste mal erst dann die polizei anrufen, wenn der leichengeruch herüberweht? drückt der beamte beim notruf wegen mordes langsam seine computerknöpfe und sagt ‚oooch, mein computer hat sich auch gerade aufgehängt. moooment, ich verbinde sie, sobald er wieder funktioniert, weiter zur mordkommission.‘? in der warteschleife raunzt eine stimme: ‚please hold the line!‘. bis dahin sind doch alle krepiert! aber der beamte hatte einen streßfreien arbeitstag. kann nach schichtende die spinnweben zwischen kopf und tisch abwischen, friedvoll seufzen und heimdackeln. *aaarghhh*