auf der schmerzaffenschaukel

wer gern was lustiges lesen möchte, sollte diesen beitrag ignorieren, kommt nämlich nichts dergleichen. vielleicht hat der regelmäßige besucher schon gemerkt, daß irgendetwas anders ist seit ein paar tagen. mir selbst ist es ja auch aufgefallen. den texten fehlt die lockere fluffigkeit, das ironische kippt stellenweise in bitterkeit um. das hat natürlich auch alles einen grund. ich hatte ja kurz vor karfreitag ein einschneidendes erlebnis. bei der bauchhöhlenspiegelung hat man endometriose diagnostiziert, sternförmig im gesamten unterleib verteiltes gewebe, was da nicht hingehört (wer unbedingt die medizinischen details lesen will, kann das hier tun).

es ist eine krankheit, die manche frauen zeit ihres leben haben, aber nichts davon merken. ich gehöre leider zu dem mir unbekannten prozentsatz der betroffenen, bei denen sich die erkrankung mit starken unterleibsschmerzen äußert. eine zyste wurde geöffnet und ansonsten sah man sich den gewebewucherungen machtlos gegenüber. als nächstes gab man mir den tollen rat, mich künstlich in die wechseljahre versetzten zu lassen. die nebenwirkungen, die das haben kann, möchte ich mir gar nicht weiter ausmalen.

beim nächsten zyklus dachte ich noch, ok – das muß jetzt so sein, man hat dir schließlich im bauch rumgebohrt.  und irgendwann ließ es wieder nach, klang ganz ab. jetzt liege ich seit zwei tagen mit wärmflasche rum, weiß weder ein noch aus. seit acht tagen habe ich bauchschmerzen, die sich wie der schwung einer überschlagschaukel allmählich verstärkten. seit gestern helfen nicht mal mehr die schmerztabletten, so daß ich dann gegen 15 uhr meinen arbeitsplatz geräumt habe. ich kann kaum noch schlafen, die nerven liegen blitzeblank, das schreiben lenkt ab, befreit aber nicht. heute sitze ich einer ratlosen ärztin gegenüber. glücklicherweise hatte ich den tip bekommen, es gäbe ein neues medikament, daß hormonschwankungen unterdrücken soll. sonst hätte mich die ärztin vermutlich nur mit dem krankenschein nach hause geschickt, der den schmerz nicht mal unterbindet, der dir nur eine auszeit gibt, bis es wieder besser wird und du endlich wieder klarer denken kannst. und du ahnst, es kommt jeden monat wieder, wenn du nichts tust.

es ist eine krankheit, die keine lobby hat. weder endokrinologen, noch gynäkologen, noch chirurgen, noch allgemeinärzte nehmen dein leid ernst oder fühlen sich gar zuständig. ich habe das gefühl, sie wollen dir einreden, du bist selbst schuld, daß du eine frau geworden bist. du bist selbst schuld, wenn deine hormone achterbahn fahren, ohne auch nur den ansatz von verliebtheitsgefühlen zu spüren. denn du kannst diese krankheit nicht lieben. sie scheint dich innerlich zu zerreißen. es brennt in dir und sticht und bohrt. und wenn der schmerz immer stärker wird und nichts mehr hilft, dann kannst du deine gedanken irgendwann nicht mehr zwingen, an die schönen dinge zu denken. du weißt, sie existieren, aber im moment kannst du nicht daran teilhaben. dein sonst ruhig wogendes inneres verwandelt sich in einen sturzbach. du bist gereizt. du kommst an deine grenzen. und da stehst du und hoffst. und hoffst. und versuchst den kreislauf zu durchbrechen. scheiterst, versuchst wieder. wartest. drehst dich hin und her. ziehst die beine an, windest dich wie ein wurm. gekrümmt betrittst du den öffentlichen raum und hoffst weiter, daß dich niemand anspricht, weil: du könntest platzen. und bei alldem fühlst du dich unendlich hilflos. du merkst, wie der körper die psyche angreift und bist irgendwann nicht mehr stark genug, dich dagegen zu wehren. der einzige hoffnungsschimmer ist die zeitliche begrenzung des allmonatlichen, weiblichen elends. und wenn es mir wieder besser geht, dann muß ich mich nach alternativen umsehen. das wichtigste wird eine schmerztherapie sein, die ohne medikamente auskommt. nur jetzt, jetzt will ich, daß es endlich aufhört, daß ich wieder mein leben genießen kann, daß meiner dicken krankenakte nicht noch weitere bedenkliche befunde folgen. ich werde nicht daran sterben, klar. aber ich fühle mich unendlich winzig, als könnte mich der leisteste windhauch umwerfen. ein paar verrückte hormone, und schon spielst du selbst verrückt. mehr braucht es gar nicht. oder es bräuchte weniger.

manchmal wäre ich wirklich gerne ein mann. dann hätte ich andere probleme.

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6 Antworten zu “auf der schmerzaffenschaukel

  1. Zu dieser speziellen Krankheit fehlt mir als Mann die Beziehung (wenn ich dies mal so schreiben darf), kann aber ansonsten Deine Situation nachvollziehen. Als Mann hättest Du sicher andere Probleme – ob die leichter zu ertragen sind …? Ständige Schmerzen kann man auch als Mann haben. Sie zermürben auf Dauer die Persönlichkeit. Helfen kann ich nicht, hoffe aber für Dich, das Du möglichst schnell hilfreichen medizinischen Rat findest – ich drücke die Daumen!

    • ja, das kann ich nachvollziehen. typische männerkrankheiten sind sicher nicht wesentlich leichter zu bewältigen. den wunsch habe ich natürlich eher in einer wahrnehmung gesteigerter ratlosigkeit geäußert, wohl wissend, daß es nicht so einfach ist. ich habe schon herausgefunden, daß es in leipzig eine beratungsstelle und eine selbsthilfegruppe gibt. ich hoffe, dort einige ratschläge für die arztwahl zu bekommen und auch wegen der schmerztherapie. es wird langsam besser, nachdem ich gestern stundenlang vollkommen denkneutral pappelflusen und mauerseglern beim flug zugeschaut habe. danke fürs daumendrücken!

      ich habe schon ein wenig bammel davor, daß ich auf dauer davon zermürbt werden könnte.

  2. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Eine Weile kann man sich über „Wasser“ halten, aber irgendwann bricht der stärkste Damm. Siehe nachher mal in dein Postfach! Liebe Grüße!

    • liebe emily,

      irgendwann gestern abend habe ich die kurve gekriegt. die neuen schmerzmittel haben angeschlagen. und so eine große mütze voll schlaf kann wunder wirken. ich teste heute mal an, wie es auf arbeit ist. wahrscheinlich hatte ich gestern genau den schmerzhöhepunkt erreicht und jetzt flaut es ab. nichtsdestotrotz sind die tabletten für mich keine dauerlösung.
      du beschreibst den zustand auch sehr treffend. ich bin kein weinerlicher typ, kann vieles ab. wenns zu viel wird, dann gerät man ins schwanken.
      ich gucke immer mal wieder in mein postfach und bin gespannt, was ich finde ;-).

      liebe grüße

  3. Eine Freundin von mir hatte das auch und sehr darunter gelitten.
    Sie nahm Hormone, war aber auch schon über 50 und kam tatsächlich in die Wechseljahre, aber das ist in dem Alter normal.
    Seither geht es ihr besser.
    Zysten hatte ich am Eierstock und das tat manchmal verdammt weh, ging auch nur mit Schmerzmittel.
    Seit Jahren habe ich gar nichts mehr, denn ich hatte eine Total – OP – Gebärmutterhalskrebs im Anfangsstadium. Bislang alles ok, ohne weiteren Befund.
    Gute Besserung weiterhin für Dich 😉

    • hm, da hab ich ja noch ein paar jahre vor mir. und die zyste am eierstock ist bei mir nur gefenstert worden, hat sich aber immerhin bisher nicht wieder gefüllt.
      eine kollegin hat mir heute erzählt, daß sie schon mit 35 eine total-op hatte und dann mit hormonen behandelt wurde um die wechseljahre hinauszuzögern. befund wie bei dir. ist das bei dir schon lange her und wie bist du damit umgegangen? das wird mir ja als alternative auch noch angeboten….

      danke, ich versuche mich zu bessern :-).

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