falsche götter

blickt man heutzutage halbwegs realistisch oder auch mit einem hauch schwarzfilter auf die welt, wird man ja gleich als psychisch krank abgestempelt. das darfst du so nicht sehen, mensch! du mußt doch positiv denken! sei doch nicht immer so negativ! na sicher doch! du mußt doch einfach nur die farbige brille aufsetzen und schwupps, zerspringen die gläser automatisch vor lauter glücksempfinden. jedes schiefe hirntönchen wird mit der verwarnung abgestraft, eine solche denkweise sei ja wohl überhaupt nicht gesund. scharen von glücksversprechen schreien dich auf werbezetteln an. denn bürstet man sein gramkästchen nur lang genug  in allgemeiner wuchsrichtung, dann wird schon alles glattgehen und man sich mit der allgemeinen verklärung anfreunden.

gut, ich habe schon einige krisen in meinem leben bewältigt. bin ich deswegen aber an das GROSSE glück gefesselt? ist dieses hoch oben angesiedelte, unerreichbare denn so erstrebenswert? kann man da überhaupt rankommen? warum soll ich mich denn immer so weit herauslehnen, daß ich jeden moment wieder das gleichgewicht verlieren könnte? gibt es dafür irgendeinen grund, alles in der welt positiv zu sehen und das negative aus dem leben auszuschließen? war da nicht was? darf ich nicht einfach mal vorsichtig und ängstlich sein? muß ich mich immer auf alles stürzen, als wäre es das erste mal und ich obendrein die einzige, die das alles zu schätzen wisse? kann ich nicht einfach nur ganz normal sein? mal was schlecht finden, mal was schön, mich manchmal riesig freuen, mich manchmal unglaublich ärgern, mich innerlich zu doppelter körpermasse aufplustern, weil mich etwas aufregt? ist das mental noch gesund, wenn man jedes staubkorn zu gold erklärt?

ich will mir das leben nicht schöner saufen, mich nicht mit pharmazeutischen oder natürlichen drogen lethargisch in die scheinwelt beamen, mich nicht  zu tode turnen und meinem geist etwas suggerieren, was ich so nicht sehe. aber die welt liebt die kunst der überredung, des breitschlagens, des einlullens, des einschüchterns – nicht die ernüchterung. und dennoch oder gerade deshalb bleibe ich berauschend nüchtern. aber vielleicht ist das auch nur meine form von idealismus, dem ganzen think-positive-gedöns die zunge rauszustrecken. manchmal bin ich einfach unerreichbar für schlechte einflüsse von außen: sprich – jede form von zwanghaftigkeit.

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10 Antworten zu “falsche götter

  1. …und soll ich Dir was sagen: Recht hast Du ! LG 🙂

  2. So es gegen das „Think positiv-Gedudel“ und die undifferenzierte Glücklichseinmasche als Marketing geht mache ich mit! All das ist eh nur Oberfläche und eine Beruhigungspille.

    • wie auch immer jeder glück für sich definiert, für mich ist es nicht das von den hochglanzgazetten. es ist viel kleiner, weniger aufgerüscht, es ist lebensfähig, ohne im 7. himmel sein zu wollen.
      das marketingglücksheil macht viele menschen rastlos und läßt sie doch unbefriedigt. das ist das tragische an der ganzen sache. ist ja nicht so, daß ich humorfrei wäre, es handelt sich eben nur um galgenhumor.

  3. Danke für deinen Beitrag. Es gibt sie ja tatsächlich, die farbigen Brillen. Ich glaube, gegen Depressionen sollen gelbe Gläser helfen. Aber was hilft gegen den Blick, der uns überall förmlich aufgedrängt wird, oder den wir uns aufsetzen? Selbst im Bekanntenkreis geht es allen nur „suuuuuper“. Keiner traut sich mehr zuzugeben, dass es ihm gerade nicht besonders gut geht, er am Liebsten zu hause geblieben wäre, mit einer Decke über dem Kopf. Aber nein, alles schillert glänzlich fröhlich angeblich vor sich hin. Die Kinder werden immer besser, die Ehen lustiger und was weiß ich noch. Sicher haben die alle gelbe Gläser in der Brille 😉

    • ich weiß. ich habe meinen bekanntenkreis vor jahren ausgedünnt. ich möchte meine freizeit nicht mit lebenslügnern verbringen, die dann unter der last des versteckens auch nur irgendwann zusammenbrechen oder bis zum tod ein falsches lächeln aufsetzen. nee, für maskentanz ist mir meine zeit zu wertvoll. ich liebe es, hinter die fassaden zu sehen. und komischerweise lassen mich manche leute auch gerne dorthin schauen. ich danke es ihnen.

      • Ich denke, das Vertrauen schenkt man dort, wo man das Gefühl hat, dass es auch gut aufgehoben ist. Einem „Blender“ muss ich es nicht schenken, das ist verschenkte Liebesmüh‘.

  4. ja und nein. blender erkennt man nicht immer auf den ersten blick. mein vertrauen verschenke ich deswegen nicht mehr schnell. ich beäuge die menschen schon recht skeptisch. und manche sagen mir einen röntgenblick nach, weswegen verstecken natürlich zwecklos erscheint :grin:. und auch hinter der maske eines blenders kann sich ein wunderbarer mensch verbergen. ich lasse mir mit solchen entscheidungen einfach mehr zeit als früher.

  5. dann hoffe ich mal, daß du menschen in deinem umfeld hast, bei denen du das „se(lt)sam öffne dich“ ausleben kannst.

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