die kunst muß am korken vorbei

Diese Diashow benötigt JavaScript.

alles begann mit einer leicht unheimlich anmutenden ansammlung recht junger menschen auf einer schmalen holzbrücke an den teichen im johannapark, die mich an einen flashmob erinnerte. als die ersten flaschen ins wasser flogen, reagierte umgehend eine frau mit einem anruf bei der polizei und mokierte sich fürchterlich, ohne auch nur zu fragen, was wir denn da machen. die szenerie muß auf sie wie purer vandalismus gewirkt haben. nun ja, ich nehme an, am männertag hätte sie sich über ähnliches verhalten wohl nicht mal gewundert, denn an der oberfläche des teiches trieben noch die überreste der traditionellen hirnspülung. kaum waren die 150 flaschen im wasser, ertönten auch schon einige polizeisirenen, die sich rasch näherten. wir standen recht unbeteiligt bereits am anderen ufer des tümpels, als die staatsgewalt recht und ordnung durchzusetzen gedachte. nach einigen diskussionen ließ man den schabernack wenigestens halbwegs als solchen durchgehen und gewährte eine galgenfrist von einer stunde, um die flaschen wieder herauszufischen (eine kontrollstreife habe ich nicht ausmachen können). die hellbegrünten bauten vielmehr auf unseren guten willen und hatten ja auch die personalien von acht beteiligten aufgenommen, die sie wohl mehr oder weniger wahllos unter geschätzten 40 ‚mittätern‘ ausgesucht hatten.

bereits während die diskussion noch in vollen gange war, wurden die ersten flaschen ans ufer geschwemmt. ich funktionierte mein rechtes bein als angelhaken um, krallte mich an einem baumstamm fest und fischte immerhin vier mal flaschenpost aus dem modrig müffelnden wasser. die methoden, sich einer flaschenpost zu bemächtigen, variierten. mal wurde mit langen stöcken hantiert, irgendjemand hatte tatsächlich auch einen kescher mitgebracht. doch am engagiertesten zeigte sich der älteste teilnehmer. vorbildlich krempelte er die hosenbeine hoch und wagte sich in den schlick am ufer oder versank zeitweise nahezu unsichtbar bis zum kopf zwischen den schilfblättern. danach war seine hose jedenfalls naß und meine augen blieben vor lachen auch nicht trocken. einige ließen andere für sich die feuchte drecksarbeit erledigen, chillten auf der decke, fotografierten und kamen immer mal dann vorbei, wenn sich der der jagdtrieb als übermäßig erfolgreich ausgebrochen erwies, wie beispielsweise bei meinem begleiter (*hihi*). männer in ihrem element – auf abenteuerlustigem beutefang.

hatte man also endlich eine flasche ergattert, tat sich schon die nächste herausforderung auf. wie kriege ich nun die gerollte post samt originalarbeit  wieder aus der flasche? man stellt sich das leichter vor, als es tatsächlich ist, aber wir kennen das dilemma ja von zahlreichen verpackungen. was leicht reingeht, kommt nicht unbedingt genauso komplikationslos wieder raus. benutzerunfreundlich brachen manche korken einfach ab. dann konnte man die korken nur noch in die flasche drücken. aber wie, so stellte sich nun die nächste große frage, kommt die kunst am korken vorbei? mit viel fummeligem fingerspitzengefühl und verdrängung. nachdem meine zähne vom korken ziehen langsam wehtaten und ich bei weiteren öffnungsversuchen poröses bröseln mutmaßte, tauchte sogar noch ein echter korkenzieher auf. hach, manche leute sind immer so perfekt für das überlebenstraining in der großstadtwildnis ausgerüstet…

an dieser stelle möchte ich auch petro steigolino und den anderen fünf künstlern danken. petro ist zeitweise im flaschencontainer abgetaucht, hat dann  mit einem gründlichen flaschenbad für das aufweichen der etikette/n gesorgt, konnte in seinem atelier tagelang kaum treten, weil der boden nahezu komplett mit handgeschriebenen briefen und originalen bedeckt war. und dann danken wir noch jemandem, der das ganze nicht in freiheit erleben konnte, für die lustige idee. ich muß gestehen, daß ich schon lange nicht mehr so viel spaß hatte wie an dem gestrigen nachmittag. all die probleme, die sonst so gerne in meinem kopf theatralisch ihre strafrunden ziehen, waren wie weggepustet und ein kindheitstraum erfüllte sich.

wußtet ihr eigentlich, daß das aussetzen von flaschenpost als verschmutzung von gewässern strafrechtlich verfolgt werden kann? also kommt bloß nicht auf die idee, auf einer einsamen insel zu stranden und um hilfe bitten zu müssen. ob der energiekonzern bp wohl auch strafe zahlen muß für die umweltkatastrophe an der küste vor louisiana? oder heißt es hier lediglich entschädigung der fischer, leck stopfen und dann dürfen sich umweltschützer mit dem konzern um die beseitigung der riesensauerei streiten?

jedenfalls haben wir nicht alle flaschen aus dem wasser geangelt. vielleicht freut sich der eine oder andere spaziergänger ja doch noch über das stranden einer flaschenpost am ufer des gewässers. die entenfamilien sind auch alle unbeschadet geblieben und waren zu keiner zeit zielscheibe der aktion. ganz im gegenteil.

ps: ich habe mir zu hause keinen altar mit kerzen um die kunstwerke errichtet. die teelichter dienen lediglich als papierbeschwerer beim trocken- und glättungsprozeß.

pps: die ersten beiden fotos zeigen petro als leergutsammler und stammen nicht von mir, sondern von starfotograf yeah. hier gehts zu seinem flickr-album.

Advertisements

24 Antworten zu “die kunst muß am korken vorbei

  1. der " älteste" teilnehmer

    nunja…..man soll nicht sagen, uns “ ältesten “ hätte man zu “ guten, alten “ zeiten nicht beigebracht, wie man bei “ schöner unsere städte und gemeinden „, anpacken muss. da können die im liberalen kapitalismus gezeugten, weichen, jüngsten nur staunen.
    seid bereit……immer bereit.

    • genauso wars gemeint. sollen die jungs noch mal „alter falter“ sagen, dann legen wir einfach die schalter um ;-). hat viel spaß gemacht mit euch und war mir einige fotos wert!

      liebe grüße und gute nacht wünscht,
      die wortfeile

  2. Starfotograf. Yeah.

    War echt ein schöner Sonntagnachmittag. Danke an alle Werfer, Angler und Zuschauer!

  3. Das hat bestimmt jede Menge Spaß gemacht :mrgreen:

  4. na sicher doch… es war der krönende abschluß einer zeitweise ziemlich verkork(s)ten woche :mrgreen:.

  5. petrosteigolino

    hallo anna,

    es hat mir wieder sehr viel freude gemacht deinen artikel zu lesen 🙂

    mir hat die aktion sehr viel spass gemacht.
    der verlauf ist in eine völlig andere richtung gegangen als ich es mir ausgemalt habe, um so spannender war es diesen zu beobachten……

    es sei noch so viel gesagt das es eine fortsetzung geben wird….

    dank noch mal an alle die dem spass beigewohnt haben 🙂

    viele grüsse, petro steigolino

    • lieber petro,

      das freut mich natürlich ganz doll :grin:.

      wir hatten ja bereits am sonntag kurz über das aus-dem-ruder-laufen der aktion gesprochen. da gehörte sicher auch eine portion „beuteehrgeiz“ mit dazu. das ist das los des künstlers: gibt er sein kunstwerk an die öffentlichkeit, sobald verliert er den einfluß. beim schreiben ist das ähnlich. die meinungen treffen sich selten und wenn doch, dann ist das eine ganze besondere situation, die aus dem alltag hervorsticht.

      seid ihr beim wgt zum schuhewerfen unterwegs? ich würde mich der netten gesellschaft gerne anschließen…

      liebe grüße von frau anna blume-wortfeile

  6. petrosteigolino

    ja da hast du recht, und bei einer solchen aktion überlässt man den ausgang ja immer der öffentlichkeit.

    wir gehen am wgt auf jeden fall werfen, es ist aber noch nicht ganz klar ob am samstag oder am sonntag….da würde ich dir noch einmal bescheid sagen.

    wünsch dir noch einen schönen abend 🙂

    • ja, der ausgang ist vollkommen offen. du lebst aber scheinbar ganz gut mit dieser ungewißheit…

      ich hab das pfingstwochenende auch noch nicht verplant. das paßt schon irgendwie zusammen :grin:.

      bis bald!

  7. petrosteigolino

    hallo anna,

    ich wollt dir den link auch gerade zeigen…..hab mir eben nooch ein kleines bekenner schreiben überlegt 🙂 aber dazu später mehr…..

    schönen abend

  8. lieber petro,

    na, hoffentlich haben die amtsschimmel wenigstens den müll mit rausgeholt 🙄

    bekennerschreiben klingt so nach terror und das war es wirklich nicht, menno. mal gucken, wie sich das noch entwickelt.

    gutgrüße von der wortfeile

  9. petrosteigolino

    hallo anna,

    wenn einen die arbeit von hinten erwischt und dann als geisel nimmt kann man nichts mehr machen, ich hab kurzfristig ne fasadengestaltung rein bekommen und werde mich am we mit spruedosen und nicht mit schuhen beschaeftigen, wir holen das ganze nach

    schönen abend frau blume

    • guten abend petro,

      hihi, arbeitgeber = geiselnehmer? laß dir von dem bloß keine gewalt antun. ist zwar schade, aber die stadt wird voll von schwarz-bunten motiven sein, die bereitwillig posieren. ich freu mich auch auf die nächste gelegenheit.

      mach‘ die fassade hübsch!

      liebe grüße von frau blume

  10. petrosteigolino

    huhu anna,

    wenn du morgen zeit und lust hast kannst du bei mir zum „pfingst-grillen“ vorbei kommen….18 uhr gehts los

    schönen samstag 🙂

  11. petrosteigolino

    ja bei mir im hof…..bring dir was zum essen und trinken mit

  12. Starfotograf. Yeah.

    Die LVZ hat am Wochenende wieder Qualitätsjournalismus erster Güteklasse abgeliefert.

    • „ernsthafter vorfall“? die ticken aber auch nicht mehr ganz richtig. wo bleiben da die relationen. man sollte sich die herausgefischten flaschen als beweismaterial zeigen lassen, damit man nicht noch das leergut vom männertag mitbezahlt. sind die da mit der luxusyacht auf dem teich rumgegurkt? :evil:!

  13. Starfotograf. Yeah.

    Da wurden definitiv Bier- und Schnapsflaschen vom Männertag rausgefischt. Als ich den Teich verlassen habe, waren nur noch ein Dutzend Weinflaschen von uns im Tümpel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s