industrielle tristesse

bei unserem ausflug in die randbezirke habe ich zahlreiche verrottende zeugnisse der einstigen leipziger industrie fotografiert, u.a. diese stählernen reste einer fabrikhalle in lindenau. obwohl ich weiß, daß ich die zeit nicht anhalten kann, atmete ich dort einen hauch von stillstand, von leere und vor allem vom ende. manche, die dort gearbeitet haben, werden wohl nach der firmenabwicklung nie wieder in ein festes arbeitsverhältnis gefunden haben. hier aber konnte ich fühlen, wie das im inneren nagt, zerfrißt und zerreibt. das wehmütige quietschen der rostigen fabriklampen im wind klang wie ein requiem in mir. und ich kann das, was ich dabei fühl(t)e, gar nicht anders als in schwarz-weiß abbilden. wie lange wird es wohl noch dauern, bis diese gebäude alle zurückgebaut sind? und was wird dann dort sein? wohnparks? wiese? oder genfelder? manchmal sieht die zukunft ziemlich düster aus…

passend zu meiner stimmung höre ich gerade den themesong von clint mansell für den film requiem for a dream.

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9 Antworten zu “industrielle tristesse

  1. Ich finde solche „Zeitzeugen“ toll. Die Stille gefällt mir.. Allerdings habe ich hier in meiner Gegend noch nicht so viel in die Richtung gefunden, bzw. nicht unbedingt danach gesucht.. Hier läuft noch viel über die Landwirtschaft.

    • hier in der sächsischen ecke stehen nicht nur alte werkhallen leer, sondern auch zunehmend rinderställe. manchmal habe ich den eindruck, daß wir nur noch importieren, was natürlich nicht ganz stimmt. ich habe an diesem samstag, als ich das foto gemacht habe, so viele dieser verfallenen gebäude gesehen, die zwar sehr reizvoll als fotomotiv sind, aber auch auf die hohe arbeitslosigkeit verweisen. die stille wirkt dann einerseits angenehm, andererseits beunruhigend.

  2. Das Bild ist beeindruckend, ich mag die morbide Tristesse verlassener Gebäude, wie sich die Natur langsam alles zurückerobert, zwischen Stahlträger, Glas und Mauern kriecht und allmählich eine dünne Decke des Vergessens darüber ausbreitet. Deine Musikwahl dient nicht gerade der Stimmungsaufhellung, passt aber hervorragend zu Bild und Text und gefällt sehr.
    Übrigens, hier sieht auch die Gegenwart ziemlich düster aus, es regnet seit Tagen ohne Sicht auf Änderung. Es ist kalt und grau und man könnte meinen, der Sommer sei schon vorbei…

    Es grüsst müde zur Nacht
    die Hilde

    • guten morgen,

      @hilde
      normalerweise sehe ich das ähnlich. und das hat durchaus seinen charme. es war die viehlzahl solcher gebäude an einem tag, die mich das anders reflektieren ließ als sonst. und ja, solche musik sollte man nicht hören, wenn die seele gerade in düsteren gefilden wandert. das habe ich mir auch schon vor längerer zeit abgewöhnt. ich habe gerade lust bekommen, auch den film mal wieder zu sehen.
      wir hatten hier gestern ein kurzes sonnig-aber-kalt-intermezzo. heute siehts aus wie herbst. bähx… und auch nicht gerade gute laune befördernd.

      @ mitmirkeinstereo
      könnte es vielleicht sein, daß du es in echt gesehen hast und mit mir zusammen und daher die vertrautheit rührt :mrgreen:? obwohl es sicherlich einige fotografen gibt, die das motiv schon vor mir für die nachwelt festgehalten haben… he, aber ich bin überglücklich, daß du so geduldig meine dauernden fahrradstops ertragen hast, um mich in ruhe knipsen zu lassen. und daß du mich in diese gegend geleitet hast, wo ich zudem noch einen kleinen exkurs in stadtgeschichte von dir erielt. ich mag solche ausflüge sehr!
      ja, der link funktioniert. und das video und die musik sind eine bereicherung. sie illustrieren das, was da vorher mal gewesen sein könnte – arbeiten in der mangelwirtschaft mit einem schuß russischer schwermut…

      liebe grüße an euch von der wortfeile

  3. mitmirkeinstereo

    geschätzte wortfeile, mir schien das bild grad, als hätt ich es schonmal irgendwo gesehen, na egal. aber Ihre ausgesucht qualitätvolle musikauswahl erinnerte mich sofort an tom waits‘ filmmusik zu black rider, und bei der nachsuche fand ich die angefügte version, die mir neu war, und für meinen geschmack ausgesucht illustriert ist, aber sehens selbst.: http://www.youtube.com/watch?v=ypH_fNDdKio
    da es mein erster ist, hoffe ich, dass der link funktionieren möge.

    Beste Grüße aus Einohristan

  4. Ruinen – egal welcher Ursache geschuldet – haben immer einen nachdenklichen Touch. man sollte deshalb auch einige Industrieruinen ehemaliger DDR-Industrien stehen lassen – genauso, wie man Teile der Mauer stehen lässt.

  5. ja, da kann ich nur zustimmen. aber die pläne hier sehen wohl anders aus. z.b. wohnen am lindenauer hafen. und lindenau wird der stadtteil sein, der nach der gentrifzierung von plagwitz als nächstes durchsaniert wird. vielleicht muß man manchmal sogar von glück reden, daß erbengemeinschaften so zerstritten sind, einfach weil die gebäude dann länger ihre geschichtsträchtigkeit verströmen können.

  6. Die „in-szene“ braucht halt immer neue Gegenden, die sie als „schick“ erobern kann. Dann wird die Industrieruine zum Loft und für die Geschichte des Objektes hat niemand mehr Interesse.

    • ich sehe schon, ich werde wohl mal nach industrie- und stadtgeschichtlicher literatur ausschau halten, die meinen wissendurst befriedigt. und vielleicht bekomme ich lust, das dann hier wenigstens zu dokumentieren.

      mit der sanierung wird wohl vieles einfach der nutzung zugeführt. mögen sich die bewohner nicht mehr daran erinnern, aber vielleicht die vorbeistromernden.

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