auf schuhsuche (shoefiti part V)

frau wortfeile, wie kannst du nur auf die vollkommen bescheuerte idee gekommen sein, am samstag in der stadt shoefiti zu fotografieren? die rückkehr des frühlings hatte halb leipzig wie von unsichtbaren magneten angezogen ins stadtzentrum getrieben. ich stieg am bahnhof aus der tram aus und wäre am liebsten sofort umgekehrt, als ich den bunten menschenhaufen in richtung zentrum strömen sah. offenbar fehlten noch die aktuellsten teilchen in der ausgehfeinen modekollektion, und touristen quollen wie eine bald die engen gassen verklebende zähe kaugummimasse aus den reisebussen. noch nie ist es mir so schwer gefallen, auf bäume und stromleitungen geworfene schuhe von petro steigolino und seiner crew auszumachen, während ich im getümmel kollisionen mit völlig verpeilten zu vermeiden suchte. schleunigst stopfte ich meine kopfhörer ins ohr und ließ die chillige mucke von minilogue ins gehör tröpfeln, um wenigstens die widerlichsten akustischen beschallungen zu übertönen und mich nicht aus der fotostimmung bringen zu lassen, denn die lichtverhältnisse waren ideal. gleich am bahnhof entdeckte ich dann das  erste paar sandalen auf einer stromleitung wieder.

ich scheute aber angesichts der menschenmenge zunächst den direkten weg in das zentrum und schlenderte gemütlich in richtung park, wo ich dieses turnschuhpaar genau in der mitte über einem gerade vorbeischwimmenden entenpaar erwischte, das kükentragende bzw. väterlich fürsorgliche runden im teich zog. bereits während des fotografierens fiel mir ein nervös hin- und hergehender mann mit pomadenhaarschleim auf, der telefonierte und sich nach allen seiten umschaute, als würde er beobachtet. obwohl ich mir relativ sicher bin, daß im park keine überwachungskameras hängen. es mußte also andere gründe haben. wahrscheinlich sah ich nicht touristisch genug aus. und meine in-ear-kopfhörer schien er trotz hochgesteckter haare nicht bemerkt zu haben. als ich mich entfernen wollte, mischte sich in die melodie eine männerstimme. ich konnte nur das wort kaufen herausfiltern und vermutete einen dealer. was auch immer er von mir wollte, ich war als frau alleine in einem nahezu menschenleeren park unterwegs und nicht in der laune, mit dem schmierigen typen ein gespräch zu beginnen oder gar zeugin exhibitionistischer neigungen zu werden. ich zuckte desinteressiert mit den schultern und ließ ansonsten meine beine das flotteste tempo seit der operation in richtung stadtmitte schreiten, wo dann der schlängellauf erst richtig begann.

am schild der eisbar baumelte das nächste paar turnschuhe, im schatten und bei blendender sonne kaum zu erkennen.

hinter dem museum der bildenden künste erspähte ich dann ein paar alte arbeitsschuhe zwischen den sprießenden blättern eines baumes.

als ich am baum daneben nochmal abdrückte, hatte sich gerade ein rentner mit kissen unter den armen an seinen fensterplatz auf beobachtungsposten begeben. und nun kam ich mir noch bewachter vor als unter den ganzen digitalen augen vor dem museum, wohin ich dann schlenderte, weil ich den katalog für die neo-rauch-ausstellung unbedingt kaufen und mitschleppen wollte. denn eine frau in der stadt mit einer tasche, in der keine modeartikel platz fanden, die mußte wenigstens ihren weiterbildungsplan umsetzen, um den schweren kopf irgendwie zu rechtfertigen.

in der nikolaistraße tänzelten dann diese ballerinas an einer stromleitung im wind.

in der hainstraße baumelten immer noch die schuhe aus dem winter und die überreste des vogelfutters.

selbst die spriteflasche hat sturm und ordnungswahn überlebt.

an dem unsanierten ehemaligen fotogeschäft in der hainstraße scheinen diese pumps niemanden zu stören. ansonsten hatte ich auf dem weg durch die petersstraße eher den eindruck, als hätten die ordnungskräfte seit ostersonntag redlichst ihre pflichten erfüllt und gründlich für öffentliche sicherheit gesorgt. keine shoefiti mehr zu entdecken. in der fußgängerzone spielte sich hingegen das große abwimmeln ab. vor beinahe jedem laden streckten mir promoter irgendeine broschüre entgegen – ich schob ostentativ beide hände tief in den hosentaschen. auf höhe des hugendubels sammelten protestler unterschriften und spenden. zwischendrin wechselten sich straßenmusiker und ein leierkastenmann mit akustischem müll ab. auf einer strecke von vielleicht 500 metern hätte ich vielen vesuchungen erliegen können. aber ich hatte ja schon neo in der tasche und keinen platz für unfug. ich wollte nur noch eins: den ort des konsumwahns schnellstmöglich verlassen und beschleunigte zwischen beutelratten und werbeschreihälsen spießruten laufend in richtung moritzbastei.

an einem baum vor dem umgangssprachlichen uniriesen (offizielle denglische abarten: city-hochhaus leipzig bzw. panorama tower) hing dann noch ganz einsam dieses relikt des winters, während sich die leute auf der wiese und den parkbänken die warmen klamotten von ihren leibern rissen und in der sonne brezelten. es war die stelle, an der der lärm nachließ, die menschendichte abnahm und ich endlich nicht mehr in der masse trieb. auf dem rückweg kameraäugelte ich noch ein wenig nach lust und laune, spielte ausgelassen an den einstellungen herum, fing kleines groß und großes klein ein. was ich brauche, sollte ich jemals wieder auf die idee kommen, an einem sonnabend in die mitte der kaufhölle vorzudringen? unübersehbar große kopfhörer in einer sehr, sehr auffälligen farbe als schutz vor den konsumentenhäschern. der nachteil daran wäre, daß ich mir wie ein panzerfahrer vorkäme. aber das kann ich gerade noch verknusen.

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12 Antworten zu “auf schuhsuche (shoefiti part V)

  1. petro steigolino

    es ist tatsächlich so das ein großteil der schuhe schon wenige tagen nach dem wir unterwegs waren wieder entfernt worden….ich werde es als frühjahrsputz sehen und nicht als persönlichen angriff 😀

    • hmmm, so ist das wohl, wenn man zu spät kommt. keine ostereier mehr, kaum noch schuhe. ein frühjahrsputz, der leider zugunsten überdimensionierter werbeplakate ausgefallen ist. ich gebe die hoffnung nicht auf, daß ich beim nächsten mal mit von der partie bin.

  2. petro steigolino

    ich habe mich am gestrigen abend dafür entschieden am kommenden sonntag einen sprühdosenbaum zu machen….für mehr graffiti 😀

  3. petro steigolino

    ich wollte dosen aufhängen

  4. ah, das gefällt mir besser als die idee, einen armen baum anzusprühen, wo es doch genug öde mauern gibt. also zeit hätte ich. hab‘ übrigens versucht, dir die fotos zu schicken. selbst als bearbeitete version kamen alle zurück. wahrscheinlich ist dein postfach randvoll…

  5. petro steigolino

    hab mich eben erst um mein postfach gekümmert….zur zeit kein netz daheim, bin immer nur im laden online. ja dann las uns zusammen sprüdosen aufhängen 😀

    • ja, gerne! meine treffsicherheit läßt zwar vermutlich zu wünschen übrig, aber das ist vermutlich der spaßige nebeneffekt bei der sache. ort und zeit wären noch interessant (vielleicht ist die nichtöffentliche variante besser). ich verschwinde jetzt noch mal in der sonne…

      schönen abend wünscht die wortfeile

  6. petro steigolino

    ich schreibe dir ne mail….einen schönen tag 🙂

  7. hach ja die Spriteflasche… ^^
    Am schönsten finde ich aber immernoch die Schuhe über dem See:) EIn wunder, dass du die entdeckt hast:)

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