tanz um das goldene kalb

jeder sitzt irgendwie in einem käfig, seinem inneren gefängnis aus angst und überzeugung, glaube und hoffnung, seinem äußeren käfig aus körperlichkeit und statussymbolen. immaterielles und materielles sind wertvorstellungen und deren -symbole. ich kenne kaum arme menschen, die nicht aus ihrer misère auszubrechen versuchen, die nicht mit ihrer not hadern, die nicht ein mindestmaß an  gediegenem lebensstandard erreichen möchten. indes fehlt es ihnen an möglichkeiten, sich mit gut bezahlter arbeit auch nur ansatzweise zu verbessern, weil diese jobs einfach nicht existieren oder ihnen die nötige qualifikation fehlt oder aber vitamin b. und dann gibt es jenen kleinen teil der gesellschaft, der genügend mittel hat, sich das leben mit überflüssigem zu versüßen und die mittelschicht, die oftmals mit dem geschlossenen luxuskreis der oberschicht liebäugelt, sie als das maß aller d(r)inglichkeit und allen bemühens erachtet.

ich selbst bewege mich wohl am unteren rand der mittelschicht, habe keine ambitionen, mich nach den dukaten eines goldesels zu bücken. mir steht der sinn nach muße ohne trägheit, die nur durch einen besser dotierten job mit einer 30-stunden-arbeitswoche zu erreichen wäre. und einmal im jahr würde ich gerne verreisen, nicht um mich auf einem strandlaken zu räkeln, sondern um die kultur anderer länder zu entdecken. insofern halte ich meine wünsche, im rahmen des realisierbaren, klein und den blick nach allen seiten offen.

und wenn ich dann die penner in connewitz unter einem selbstgebastelten partyzelt sehe, den blicken der öffentlichkeit nur halb entzogen, dann kann man ihnen nicht mehr viel wegnehmen, außer dieses bißchen lebenslust, das sie wohl verspüren, wenn sie sich nicht mehr in der wärmestube aufhalten müssen, sondern die wärmende sonne genießen wie jeder andere auch. wo wir am spätnachmittag den feierabend einläuten, reicht ihr geld nicht für den vom barmann fein säuberlich geschichteten latte macchiato im café. hier grenzen sie sich ab, vermutlich um ihre befleckte menschenwürde zu schützen. wer sucht schon das gespräch mit ihnen? sitzen sie auf einer parkbank, machen wir einen großen bogen. die bänke in ihrer nächsten nähe bleiben leer. wir meiden kontakt und suchen distanz. unser kleingeld stecken wir ihnen mit spitzen fingern zu, als ob ihre armut ansteckend wäre. so zu enden wie sie, der gesellschaftliche abstieg ist unsere größte sorge. wir nennen es vermeidungsverhalten, wegschauen, ausblenden. keine spur von neid zu entdecken, höchstens mildtätigkeit.

im stadtteil connewitz zeigen sich derzeit die sozialen kontraste und die spuren der gentrifizeirung am stärksten, während in der südvorstadt und schleußig kaum noch unsanierte häuser zu finden sind. der sonnige süden. zwischen partyvolk und familienausflug. ein lebensgefühl: für immer jung und satt. zwischen boutique und biomarkt, zwischen teurem, knarzendem aniktrödel und neuestem schrei. zwischen carport, tiefgarage und knöllchen.

wenn da nicht die ideale wohnlage direkt am clara-zetkin-park wäre, wo die stadtvillen wie pilze zwischen den ddr-plattenbauten aus dem boden schießen.

und wo mit der central park residence die zweite gated community deutschlands gerade direkt neben die ruine einer ehemaligen plattenbauschule gebaut wird (außer baukran und fundament kann man noch nicht viel sehen). zwischen „aufwertung“ und geplantem abriß, zwischen hochsicherheitswohnen und dem revier der illegalen street-artists. neben der pferderennbahn für gut betuchte hütchen-zocker und dem park als ort der kostenlosen volksbelustigung. zwischen empfang durch den concierge und zwanglosem treffen mit freunden. zwischen sprudelbad im jacuzzi und fußbad in der pleiße. zwischen isolation und inklusion.

in connewitz leben momentan noch alteingesessene neben hausbesetzern und eigentümern von stadtvillen. ob das immer so ton in ton und reibungslos funktioniert wie hier vor dem graffito in der biedermannstraße, steht laut aussagen von bewohnern zu bezweifeln, auch wenn die kleidung der rentnerin sich fast in den farben der mauer aufzulösen scheint (sehr wahrscheinlich verbirgt sie aber keinen iro unter ihrer mütze). freunde, die in ihrem jugendlichen partyeifer dorthin zogen, sind nun selbst berufstätig geworden. während sie den nächtlichen lautstärkepegel vor der wohnung früher noch hoben, möchten sie nun nachts einfach schlafen. ihr wunsch nach nachtruhe und umzug wird also akut.

wo jetzt noch graffiti und plakate in der stockartstraße an den teilweise maroden fassaden prangen und konflikte das gegeneinander anheizen, wird bald baulärm, staub und anpassung an den mietspiegel nach der erfolgreichen sanierung die bunte bevölkerungsmischung in ein familienfreundliches, gutbürgerliches wohnparadies verwandeln. und so wird der wilde pogo sich irgendwo anders austoben müssen, während in den kleingärten am stadthaus die kinderschaukeln quietschen und man sich ganz unnachbarschaftlich-kleinbürgerlich vor gericht zerrt, um den störenfried zur regelmäßigen ölung zu verdonnern. dann ist aber endlich ruhe im karton! und der tanz ums goldene kalb wird im ballsaal breitgetreten.

weiterführende links zum thema gated communities und gentrifizierung: video wohngebiete für die oberschicht in warschau, artikel und video todsicher in der isolation, video „fuck yuppies“ – der widerstand gegen die gentrifizierung.

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2 Antworten zu “tanz um das goldene kalb

  1. Liebe Frau Wortfeile,
    ich habe deinen Artikel gelesen. Er hat mich tief bewegt, weil ich mich wiedergefunden habe in ihm. Ich kenne Connewitz, aber in Leutzsch, am Anfang der Georg-Schwarz-Straße, ist es genauso. Und da stehen sie, Menschen, die eigentlich nirgendwo gerne gesehen sind. Wenn man sich mit ihnen unterhält, und ich mache das manchmal, wenn ich dort ein Paket abgeben muss, im DHL Laden, dann merkt man, dass sie nicht ungebildet sind, Vorstellungen von der Welt haben. Sie selber haben keine Ziele mehr, weil sie sie nie verwirklichen können.
    Das alles macht mir Angst, wenn ich über mich selber nachdenke, aber das gehört nicht in die Öffentlichkeit.

    Liebe Grüße an dich, die Gudrun

  2. liebe gudrun,

    ich freue mich so sehr, daß endlich mal jemand diesen alten artikel ausgegraben und kommentiert hat. ich habe mir da wohl auch einen zustandsbericht geleistet. und hätte nie gedacht, daß ich ein paar monate später an einem ähnlichen punkt stehe. meine energien reichen aber noch, um mich dagegen zu stemmen. so ein abstieg geht ja schneller, als man gemeinhin denkt. es braucht eine falsche entscheidung oder besser gesagt eine nicht getroffene entscheidung und dann ein sich-ducken, um genau dort zu sein. nur wer noch genug kraft zum widerstand hat, schafft es umzukehren.

    liebe grüße von frau w.

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