dort, wo die gedanken flanieren

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wenn draußen die sonne kitzelt, dich anstrahlt, dich mit ihrer wärme aus dem schneckenhaus lockt, dorthin, wo die bienen summen, weil hummeln im hintern brummen, dann hast du mindestens zwei möglichkeiten. entweder du mischst dich als farbtupfer, als elementarteilchen unter die öffentliche masse, wo du gemustert oder ignoriert, mit blicken bedacht oder angerempelt wirst. oder du ziehst dich auf den balkon zurück, in die zwischenwelt, die halböffentlichkeit der hinterhoffenster deiner nachbarn, dorthin, wo die blumen blühen, wenn du dir das kahle rechteck, den platz an der sonne mit pflanzlichem leben mühevoll aufgerüscht hast.

noch schlaftrunken wanke ich allmorgendlich nicht zuerst in den raum der keramischen hygiene, blicke nicht zuerst in ein müdes gesicht, sondern werfe den ersten blick versonnen auf die pflanzen, zupfe hier ein paar welke blätter, dort ein paar verwelkte blüten, reiche den durstigen wasser, damit sie weiter wuchern, wild und bunt, hoch und schattig oder saftig und schmackhaft werden. abends dasselbe in grün. jede nur mögliche tätigkeit verlagere ich von innen nach außen, feile an texten oder an den nägeln, lese in nichtspiegelnden büchern aus papier, trinke kaffee, qualme… im verlangsamenden halbschatten der hitze flanieren meine gedanken im rhythmus der musik, die verhalten aus dem wohnzimmer in meine ohren dringt. eine gedankenreise zu den unter dem sand des alltags verschütteten orten in mir, die leise in mir gären. die immer da sind, aber manchmal innerhalb lärmender normalität keine beachtung finden. die sich nun stumm in dir fortpflanzen, die wurzeln schlagen, die erntereif werden. die sich und mich verändern. die gehegt und tot/gepflegt und ausgezupft werden. und neu sich fügen. wachsen und welken. werden und vergehen. das unabänderliche und der wandel.

ich trage das kleid des lebens. die jugendliche rebellion, das schillernd und schrille hinter mir lassend, das aufbegehren bewahrend. das dezente, zeitlose im mittel suchend. aber nichts ist zeitlos. ich habe meine zeit. jetzt. luge vorsichtig hinter den vorhang von zukunft und vergangenheit, wo in beiden richtungen das alte lauert. lasse ihn fallen. was war, kann ich nicht mehr ändern. was wird, wird kommen.

draußen klimpern die flaschen, die nach der langen, lauten partynacht zurück in die kisten geräumt werden. der grillqualm hat sich verzogen. die frühlingsluft scheint klar. doch wabert der duft von waschmittel und weichspüler von den wäscheleinen in meine nase. der geruch von mittagessen. dann klingt das scharrende schaben in den bratpfannen in meinen ohren. porzellanteller werden eingedeckt und besteck. eine rauschende toilettenspülung übertönt für kurze zeit das zwitschern der vögel.

im sommer des lebens streife ich wieder und wieder den gedanken an mein gnadenbrot. ruhig brünette, du wirst doch wohl nicht jetzt schon zahnlos werden wollen?

update: für nichtbotaniker oder nichtgärtner hier noch die pflanzennamen in der richtigen reihenfolge (leider zeigt die diashow nur die erste bildunterschrift und dann ist schluß mit bildbeschreibung): weiß-orange gladiole, mauretanische malve, margeriten, anemone, kapkörbchen, kuhschelle, blatt einer stockrose, stockmalven, gartenbambus, tomatenblüte der sorte ‚gelbe königin‘, rosmarin, salbei und lavendel.

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14 Antworten zu “dort, wo die gedanken flanieren

  1. petrosteigolino

    du wirst doch wohl nicht melancholisch

  2. petrosteigolino

    nee nee, ein bisschen melancholie ist gar nicht so verkehrt 🙂

  3. petrosteigolino

    du hast sie hier sehr schön ans licht gelassen 🙂

  4. petrosteigolino

    bei mir zeigen sich die kleinen biester immer in der malerei….hab sie dort aber auch sehr gern

    • in der malerei? ein bzw. sehr viele schöne flecken für das sinnliche und nachdenkliche. bildbetrachtung ist für mich ein inneres versinken. das malen für den künstler sicher auch. und man kann so herrlich schweigen dabei.

  5. petrosteigolino

    es ist wirklich sehr entspannend einfach mal nichts zu sagen bzw sagen zu müßen. und die gedanken schweifen zu lassen ist ein sehr großer luxus.

    • ja, ich weiß das schweigen auch sehr zu schätzen. heute mehr als noch vor jahren, in einer damals komplett telefonlosen (sic!) zeit. und altmodisch, wie ich manchmal bin, ziehe ich mich ab und an vollkommen zurück. der stetig wachsende druck permanenter erreichbarkeit auf allen kanälen würde mich sonst wahnsinnig machen.

  6. petrosteigolino

    da hast du absolut recht. ich kann die absolut unbegründeten vorwürfe wie „ich hab dich zehn mal versucht zu erreichen“ auch nicht verstehen….

    • das hat viel mit erwartungen zu tun. ich finde, daß nichts selbstverständlich werden sollte. hat ja niemand was davon, wenn der angerufene am anderen ende der leitung immer nur genervt „hm, hmmm, hm“ brummelt. zurückrufen, wenn man zeit und lust hat, das geht ja schon mal gar nicht. muß immer alles sofort sein… muß es eben gar nicht.

  7. petrosteigolino

    schön das ich mal jemanden mit der selben einstellung gefunden hab 😀

    ich werd jetzt noch einen kleinen sonntag abend spazieregang machen und schauen was so auf mich zu kommt 🙂

    wünsch dir noch nen schönen abend

    • ja, finde ich auch. dafür sind solche kommunikationsplattformen wie blogs dann doch prädestiniert. laß dir den kopf schön durchpusten beim flanieren.

      abendgrüße auch von der wortfeile

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