tage der bevormundung

vermutlich hat sich der geneigte blogleser etwas gewundert, daß ich die kommentare drei tage lang nicht beantwortet habe und das blog ohne ankündigung mehrere tage nix neues zu bieten hatte. nein, es lag nicht an ideenlosigkeit, faulheit oder zeitmangel. mir blieb nach mehreren arztbesuchen nicht viel zeit zum grübeln. ich saß schlußendlich dem arzt im krankenhaus gegenüber, hörte mir die eventualitäten und deren folgen an, fragte vergeblich nach alternativen heilmethoden, sah der  selbstzerstörerischen, somatischen gefahr mal wieder direkt in ihre fiese fresse und dachte ziemlich patzig und extrem genervt: du schon wieder? nee du, jetzt kriegst du mich noch nicht mikrobiologisch klein. es war so ein  moment, in dem man nicht mehr stundenlang alternativen durchkauen kann, sondern der eine unverzügliche entscheidung von mir abverlangte und in dem ich auch gar keine andere wahl hatte, wollte ich mich nicht wissentlich mit dem ungleichen gegner mortalität anlegen, was mir dann doch recht aussichtslos erschien und immer noch genauso erscheint. es sind die mir so allseits und jederzeit verhaßten situationen, in denen du die kontrolle über dein leben verlierst, in denen du äußerlichen zwängen unterliegst, weil dein innerstes völlig verrückt spielt, dein körper nicht mehr tut, wie er sollte und könnte und dennoch der konjunktiv die oberhand über das nicht zu ändernde zu gewinnen versucht.

was gibt es also schöneres als die aussicht, die osterfeiertage im krankenhaus zu verbringen? mein umfeld kommentierte das einhellig mit: das ist ja totale scheiße! einmal durchdacht heißt das aber: das krankenhaus ist an keinem tag des jahres der ort, an dem ich unbedingt sein wöllte. von diesem grauen gibt es nur noch eine steigerungsform, die für mich heißt, irgendwo wider willen eingeschlossen zu sein. im krankenhaus tun ärzte und pflegepersonal ja wenigstens so, als würdest du jederzeit gehen können (das zauberwort lautet selbstentlassung). wohingegen gute führung dir an dem unvergitterten schnippelort nicht viel nützt. solltest du versuchen, noch blutig aus dem bett zu hüpfen, könnte das schnell in der aufbereitung für die ewigkeit im institut heimkehr enden, aus dem eigentlich nur die angestellten den heimweg finden. diesen namen sollten lebenswillige dann doch lieber nicht wortwörtlich nehmen.

nur sehr kurze zeit hielt ich es für einen aprilscherz, um 5.45 uhr aufzustehen, zu duschen und ohne nuttenfrühstück (kippchen und käffchen) nüchtern ins taxi zu steigen, um nur minuten später einen dieser kleingemusterten, rückenfreien op-kittel anzuziehen, von einem ärzteteam angeglotzt und als eingriff xxx betitelt zu werden. dann rückten im minutentakt krankenschwestern an, zapften blut, legten eine flexüle in die vene, maßen den blutdruck, klemmten mich an einen tropf an. elektrolyte tropften kühl in meinen arm.  dann passiert stundenlang nix. ich schließe die augen, versuche den unruhigen nachtschlaf nachzuholen, aber hypnos und morpheus lassen mich im stich. die gier nach nikotin wird stärker. die unterzuckerung wütet in meinem körper. die dehydrierung trocknet meinen mund aus. endlich ist es 12.30 uhr, zeit meine pharmadroge zu schlucken und endlich wird mir alles egal. im op aber läuft nichts nach zeitplan. und so karrt man mich erst gegen 15 uhr in den unterirdischen op, damit ich eine kleine kostprobe von six feet under bekomme. und wie immer stoße ich auf eine ärztin, die der meinung ist, eine flexüle in der armbeuge würde mich nur stören und ohnehin sei diese im falschen arm. immer noch halb belämmert erkläre ich aus erfahrung, daß die einstichstellen an der hand oder auf dem unterarmknochen sofort anschwellen und nach zwei stunden nichts mehr durchlaufen kann. das ignoriert die umfassend verschulmedizinerte geflissentlich und jagt mir noch so ein gerät in die vene am unterarm, womit ich zum patienten mit sonderausstattung aufsteige. es entsteht innerhalb von minuten eine schwellung, die sich nach vier tagen immerhin schon hellgrün färbt… ich reagiere so ungehalten, daß man mir schon mal vorzeitig den anästhesisten schickt, der mich wieder mit medizinisch „notwendigen“ drogen ruhigstellt. ich muß mich wohl oder übel ergeben, merke noch, wie man mich in den op schiebt, sehe noch meinen arzt, blinzle in das grelle licht der op-lampen, sehe eine atemmaske, atme noch etwa dreimal bewußt. und dann ist alles weg.

als ich wieder zu mir komme, sehe ich die umgebung wie im nebel. die worte wollen nicht zueinander passen. sie fetzen sich mit dem ganzen chirurgenschmerz, den schmerzmitteln, der nur langsam abklingenden vollnarkose und einem so niedrigen blutdruck, der die schwestern in aufruhr versetzt, weil ich eigentlich kaum die augen aufmachen dürfte, wenn ihre geräteanzeigen stimmen. andauernd höre ich: oh gott (ich war in einem katholischen krankenhaus), vor meinen augen verschwimmen vorbeieilende kittel, ich spüre hände auf meinem arm, eiligst herbeizitierte oberschwestern hantieren am tropf, versuchen den kreislauf medikamentös zu stabilisieren. bis ich endlich die ersten worte über die trockenen lippen bringe: der ist immer niedrig, also alles normal. wann kann ich wieder trinken? nein, das ginge frühestens drei stunden nach der narkose. ich habe solchen durst. dann darf ich endlich trinken und will zur toilette. auch das darf ich nicht alleine. ich werde von vorne bis hinten, von oben bis unten bekrankenschwestert. keine chance für eigene wünsche oder eigene bedürfnisse. als frischoperierte patientin bin ich nun einem medizinschen ablaufplan und der krankenhausdisziplin unterworfen, der sich am unterschiedlichen wagenrollen vor der tür bereits erhören läßt. jetzt rollen die schmerzmittel heran. morgens folgen die bettenmacher und wäscher, die fieber- und blutdruckmesser, die visite und endlich der frühstückswagen. vollkommen ausgehungert taumele ich noch immer leicht wattig und erwartungsvoll vor die zimmertür. dort bellt mich der ernährungsgeneral an, daß ich jetzt nur eine puddingsuppe bekäme, weil ich ja kotzen könnte, und das würden dann mehr arbeit bedeuten, was man um jeden preis zu verhindern wisse. meine bettnachbarin erbarmte sich meiner und organisierte mir konspirativ ein trockenes brötchen, das eiligst in meinem rumorenden magen verschwand und keinen rückwärtsgang einlegte. mir scheint zwar, daß ärzte wohl wissen, wie unterschiedlich menschliche organe und krankheitsverläufe sind, das ändert aber nichts an einem starren, vereinheitlichen regenerationsprogramm nach dem schema f, das keinerlei abweichung duldet (in meinen augen ein offenkundiger widerspruch). mein mund blieb ob der bevormundung pawlowsch wässrig und ich harrte zunächst sehnsuchtsvoll dem mittagessen entgegen.

dann entschied ich mich anders. ich hatte keine lust mehr, mich über diese rigorose reglementierung meines tagesablaufs zu ärgern. es würde ohnehin nichts ändern, nur meinen heilungsprozeß verlangsamen. ich schlief, bis jemand an die tür klopfte, befriedigte automatenhaft lebensnotwendige, menschliche bedürfnisse und ratzte weiter bis zum nächsten klopfen, weshalb ich auch den gottesdienst am karfreitag „leider“ verpaßte, der mich auch im gesunden zustand nicht aus dem bett gekriegt hätte. so habe ich in nur drei tagen etwa das schlafpensum einer arbeitswoche erfüllt. nur einmal versuchte ich am zweiten tag kurz aufzubegehren, weil die nikotinsucht mich aus dem bett trieb. nach drei zügen war ich so platt, daß ich die kippe nicht durchziehen konnte und freiwillig in mein durchgelegenes krankenhausbett zurückkroch. noch eine schlaftablette zur nacht, damit ich nicht bei jedem auftritt der nachtschwester im bett säße, und ich schlief ungestört bis zum nächsten morgen weiter. das hatte den positiven nebeneffekt, nicht wie sonst üblich länger als notwendig am ort der zwangsverwahrung zu verweilen, sondern tatsächlich am dritten tag wieder in mein eigenes bett kriechen zu können. und so bestimme ich endlich wieder selbst meinen tagesablauf, gönne mir kaffee und essen, wann immer ich lust darauf habe, die zigaretten schmecken auch schon wieder. ich fröne schamlos dem alten laster genuß/sucht, was ich im anbetracht scheinheiliger moralapostel vergleichsweise harmlos empfinde. ich bin froh, nur ein wenig zerschnippelt den fängen der gesundheitsapostel entkommen zu sein.  in kranken zeiten wie diesen fällt es mir ganz besonders schwer, persönliche rituale aufzugeben, selbst wenn sie eindeutig meiner gesundheit abträglich sind. da gibt es nichts zu beweihräuchern, aber auch nichts zum passivrauchen. somit ist die schuldfrage wenigstens bei mir glasklar.

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4 Antworten zu “tage der bevormundung

  1. Ich bewundere sehr, wie Du das, was ich ähnlich erlebt habe, in so tolle Worte kleiden kannst. (Es unterscheidet uns nur die Art der Erkrankung/Operation und die Nikotinsucht 😉 )

    Sehr lieb gemeint: Du armes Schweinderl 😉

    • liebe ruthie,

      die herangehensweisen und der umgang mit patienten ähneln sich. da ich keine ahnung habe, wie es in privatkliniken gehandhabt wird, kann ich dazu kein wort verlieren. vielleicht ist das auch ein schutzmechanismus des personals. man hat in diesen medizinischen verwaltungskästen kaum rechte und viel zeit über das, was gerade mit dir passiert, nachzudenken.

      dafür kannst du besser mit blumen :mrgreen:.

      arm wird man dabei auch :roll:!

  2. jenau, auch mal freuen :lol:.

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