stahl/rösser

links die rote brücke an der autobahn 38, mittig ein ausrangierter abraumbagger des ehemaligen tagebaus espenhain, im hintergrund rauchen die schlote des kraftwerks böhlen/lippersdorf, im vordergrund der markkleeberger see.

lange kann eine wortfeile nicht auf der faulen haut liegen (zwar hat sie fast eine staffel chuck geschaut und wird die serie nicht weiter verfolgen, die man in wenigen worten so zusammenfassen kann: we have a situation here und schlecht auf ängstlich getrimmte aaaahhh-rufe).  aber wenn draußen strahlender sonnenschein lockt und temperaturen von 21 grad plus wie am freitag, klammert sich eine wortfeile nicht am sofa fest oder mummelt sich frühjahrsmüde ins bett. nach einer langen winterpause mit radfahrentzug und ersten kurzen arbeitswegen legte ich gleich  mal eben untrainiert das zehnfache der sonst üblichen strecke zurück, von leipzig mit einem schlenker zum cospudener see, dann zum markkleeberger see und zurück auf dem pleißeradweg, schlappe 30 km (vorwiegend in den beinen und mit leicht überstrapaziertem sitzfleisch).

mit nur vereinzelt blühenden weidenkätzchen und sonst derzeit überwiegenden grau- und brauntönen erinnert das leipziger neuseenland sehr an die verlorenen orte. dem ehemaligen tagebaugebiet espenhain mußten u.a. die dörfer crostewitz und cröbern weichen. devastierung bedeutet hier nicht nur verwüstung der landschaft, zerstörung der wohnhäuser, sondern auch umsiedlung von über 8000 einwohnern, um raubbau betreiben zu können. manchmal im winter kann man die kohleöfen noch in der nähe un- bzw. teilsanierter häuser riechen. und erst dann wird mir klar, wie sehr sich die umwelt seit 20 jahren doch bereits regeneriert hat, während dieser gigantische abraumbagger wie ein mahnmal inmitten der abraumhalden weithin sichtbar als stahlmonster von der ausbeutung der natur zeugt.

auf dem schild ist zwar zu lesen: "anlage unter spannung", der windschiefe zaun und auch das dröhnen aus dem inneren der mir unbekannten maschine erzeugten eher einen nicht unbedingt vertrauenswürdigen eindruck.

verloren fanden wir uns auch deshalb, weil kaum eine menschenseele unterwegs war, ein paar andere radfahrer, ein paar spaziergänger, ein paar inlineskater, ein paar kanuten auf der wildwasserbahn und auf dem markkleeberger see, ein paar dem kalten wasser trotzende hunde im see. die gegend wirkte verödet, verlassen, wenig verträumt und noch halb im winterschlaf. vom see wehte manchmal eine eiskalte brise zu uns, was mich zu ständigem wechsel von an- und ausziehen der jacke trieb. auch die noch wenig frequentierte ferienhaussiedlung strahlte in ihrer legoland-reihenhausbauweise eher unterkühlung aus. ich fragte mich, ob ich als urlauber wegen der baugleichheit vollkommen desorientiert nach der gemieteten hütte suchen müßte, obwohl ich mich auch in ferner zukunft nie in so einem spießbürgerlichen kastenhaus nächtigen sehe. selbst auf den terrassen stand überall die gleiche gartenmöbelgarnitur, modell stahlgeflecht (damit sich das erhitzte muster besser in die nackte haut brennt). das ganze stuhl-tisch-gedöns in granitgrau. trostlose stereotypen. kein brennendes verlangen, mögliche gäste näher kennenzulernen. so werden visionen von geldmacherei und vermeintliche touristenattraktionen für mich zum realen horror.

kleiner mann auf hohem roß, daneben auch unnatürliche pferdestärken.

zugegeben, ich habe ein faible für altbauten, möglichst unsaniert oder wenn doch, dann auf jeden fall nachhaltig. ich liebe verwilderte gärten, verpöne englischen rasen, finde wenig gefallen an geradlinigkeit. ich fühle mich in diesen aus den boden gestampften orten einfach nicht wohl. ihnen fehlt die geschichte, und wenn sie eine bekommen sollten, so interessiert sie mich nur wenig. der ganze landstrich ist karg, kahl und abweisend. will man in einem der seen baden, so mag das noch angehen. aber bis die angepflanzten bäumchen mehr schatten als stöcke spenden, wird noch viel zeit vergehen. im moment gilt hier noch: wo licht ist, findet sich kein schatten. es war fast wie ein kurztrip durch eine virtuelle,  artifizielle und ebenso sterile welt. und doch hatte ich staubkörner im auge und fühlte mich nicht größer als ein solches. deplaziert, aber immerhin frühlingsfrisch.

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