wartehallenhölle

schizophren anmutende gegensätze boten sich vor genau einer woche am ersten tag der leipziger buchmesse zwischen den messehallen. besucher in sommerlichen t-shirts, dazu ein letzter schneeberg. ich gehöre ja nicht zu der sorte mensch, die beim ersten sonnenstrahl übergangslos von warmen hüllen zu nahezu unbedeckter haut wechseln, deswegen treffe ich diese menschen auch eine woche nach dem lang ersehnten frühlingswetter mit schniefnasen im wartezimmer wieder. leider hatte ich die wetterbedingungen nicht bei der planung meiner arzttermine berücksichtigt, so weitsichtig bin ich dann doch nicht, sondern lediglich mein eigenes zeitfenster im auge. das sagte mir eindeutig: wenig arbeit, kaum termine, zeit für dinge, zu denen man im alltag nie kommt, weil die praxen lange vor meinem aufstehen öffnen und lange vor meinem feierabend wieder schließen. das trifft sich eben fast nie. mit einem anflug leichten ekels beobachtete ich die wartenden, wie sie ihre keime in den ausliegenden zeitschriften verbreiteten und fremde hinzukamen, manche leckten sich währenddessen und danach sogar die finger, als handelte es sich bei den bakterien um das rechts- oder linksdrehende dessert. die pure hygien(i)e!

ich hatte mich also drei monate vor dem nächsten techno-industrial-sound-termin anmelden müssen, wobei ich mich manchmal frage, ob ich wohl schneller in die mrt-röhre geschoben worden wäre, wenn mir das hirn schon aus dem kopf gequollen wäre oder ob man mich dann bereits für hirntod erklärt hätte, um kosten zu sparen. schließlich wollte meine ärztin ja nur wissen, ob meine bewußtseinsstörungen und denkaussetzer irgendetwas mit einem eingeklemmten nerv an der halswirbelsäule zu tun haben. wobei ich mit dieser diagnose deutlich glücklicher wäre, als mit dem vorher vermuteten hirntumor. und wenn man dann noch die zeitspanne kennt, die zwischen dieser andeutung und dem ausschluß liegen, kann man sich vielleicht eine vorstellung davon machen, daß die dicke meines geduldsfadens in etwa so schnell dahingeschmolzen war, wie der schnee bei plusgraden. ein häufig überflüssiges argument in solchen situationen lautet übrigens: mach dir keinen kopf. nee, bloß nicht! denn das ungewisse erklärt der von ganz alleine zur achterbahnfahrt.

nichtsahnend betrete ich also überpünktlich das wartezimmer und sehe mich in einem kreis von cirka 15 rentnern umzingelt, die alle noch vor mir dran sind, während ich aber wiederum nur drei untersuchungskabinen für die patienten ausmachen kann. das kann dauern. die zeit tickt bombenartig. leider fehlt mir die fernbediednung, um bis zu der stelle kurz vor der explosion in dem actionstreifen vorzuspulen. derweil fallen gehstöcke und krücken, becher und meine olfaktorische schmerzgrenze wird deutlich überschritten, weil sich kein fenster öffnen läßt, sich aber leider ein patient mit künstlichem darmausgang im raum befindet. ich vermisse den zeitpunkt der geruchlichen adaption und frage mich, welcher wissenschaftler dieses phänomen entdeckt haben will, während es stinkt und stinkt und weiter stinkt und ich wegen flachatmung kurz vor einer ohnmacht stehe. just in diesem moment des schlecht sitzenden nervenkostüms werde ich aufgerufen und fliehe einigermaßen begeistert in die duftwolke aus desinfektionsmitteln und ertrage die akustische beschallung und die enge röhre ohne jedes beruhigungsmittel. hinterher bedankte ich mich höflich für den gelungenen technovormittag, denn ja, man kann sich an vieles, aber nicht an alles gewöhnen. das weiß auch die sängerin charlotte gainsbourg hier zu berichten, die sich nach einer kopfverletzung sechs monate lang immer wieder dieser klopfgeräuschigen prozedur unterziehen mußte. endlich ist diese akustische erfahrung auch in ihren song irm des gleichnamigen albums eingeflossen. die musikalische zusammenarbeit mit beck hat dazu geführt, das süßliche ihres debütalbums 5:55 vergessen zu machen. jetzt müssen nur noch die ärzte und krankenschwestern einen weg finden, die musik während der behandlung abzuspielen und sich bei der terminvergabe weniger am unmöglich zu bewältigenden pensum zu orientieren.

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