abgedreht

linoldruck, postkarte von janka havighorst (6 jahre) aus "um hülfe", nacherzählung von märchen, (c) buchkinder leipzig

es war einmal… faaalsch, vollkommen falscher anfang, zu märchenhaft. am set für den neuen blockbuster self-pity woman, der auf einer wahren geschichte basiert (*man, ist das drehbuch zum kotzen*), schreit sich der cholerische regisseur in einem anfall von hysterischer resignation die seele aus dem leib und stampft, wüste verwünschungen ausstoßend, wie ein wild gewordener waldgeist auf den boden. dann wechselt er zwischen schlägen mit der flachen hand vor den eigenen kopf und spitzfingriger massage der schläfen, die von unbefriedigten grunzlauten kommentiert wird. zwischen seinen beiden hauptdarstellern wollte in der hoch romantisch angelegten szene einfach kein funke mehr überspringen. dabei hatten die beiden sich beim casting noch regelrecht mit den augen ausgezogen, daß es nur so erotischen zunder sprühte und ihm schon vom zuschauen heiß wurde. er hatte keine sekunde gezögert und die frischgebackenen absolventen der schauspielschule vom fleck weg engagiert. nun stellte sich heraus, daß die gefühle wohl damals nicht vorgetäuscht, sondern echt waren, aber die beiden nun als mimen nichts taugten.

er zog sich wutschnaubend in seinen wohnwagen zurück, um nach einer lösung zu suchen. seine regieassistentin zuckelte verzagt hinterdrein und klebte an die tür das schild: ruhe! der meister macht denkpause! der altmeister kramte in seiner erfahrungsschatztruhe, bis er an den doppelten boden gelangte, öffnte das geheimfach und dachte laut: ich hab den schlüssel. ich habs. hätten die beiden gestern bloß nicht gefickt. wie bescheuert ist das denn! die regieassi lugte verständnislos hinter dem drehbuch vor, das sie als schutzschild gegen meterweit gesprühte spucke vor sich hielt. ja, sie ist eine von diesen hyperhygienischen, die sich vor fremden körperflüssigkeiten ekeln, dachte der regisseur, angewidert von ihrem duckmäusertum. hätten seine akteure nur vor dem akt ihre zwangsgedanken der trieberfüllung  in angst vor verseuchung kanalisiert. ein regisseur darf einfach über nichts und niemanden die kontrolle verlieren, resümmierte er und richtete die schuhspitzen im regal neu aus. er schrieb einen einkaufszettel, reichte ihn seiner assistentin und ranzte sie an: aber flott! marsch, marsch den hübschen arsch richtung supermarkt bewegen.

kurze zeit später rührte er an seiner aphrodisierenden zauberspeise und gedachte den hadernden einen ordentlichen hieb seines liebeselixiers zu kredenzen. schließlich war bis auf zwei bettszenen alles im kasten. das wäre doch gelacht, wenn die zwei sich plötzlich so zieren. willig will ich sie und frei von jeglichen starallüren. bevor er aufzutafeln begann, schickte er seine assistentin nach den in der vereinigung entzweiten. rainer dölig folgte mürrisch den instruktionen, während sich diana krönemann zierte und ausrichten ließ, sie fühle sich nicht so gut, was den regisseur wiederum zum geifern reizte.

er stürmte zum wohnwagen der jungdiva und erstarrte bereits, als er davor auf der matte stand. der abtreter war mit einer krone dekoriert. das gehört ja wohl nicht zu unserem equipment, sinnierte er viel zu flüchtig und klopfte an der wohnwagentür. wer da?, hauchte es schwächlich-gekränkt aus dem tiefsten inneren. wer schon, raunte er mit verstellter stimme, genesius. die tür öffnete sich einen spalt, in dem ein gesicht mit flunsch sichbar wurde. ach sie! hereinspaziert in die karge kemenate, moserte sie. tapfer schritt er über die schwelle und wußte nach eingehender musterung der höllenhöhle, daß er auf der stelle bei der agentur ein body double ordern sollte. aus jeder ecke knallte ihm der verlängerte kindheitstraumtanz entgegen: bett mit kissenburg und himmel aus tüll, der rest der einrichtungsgegenstände und haushaltsartikel war entweder mit kronen gekrönt oder mit dem schriftzug prinzessin. nein, also was die kosten für ein double anginge, würde er nun sicher nicht zum erbsenzähler werden. während er sich langsam, rückwärts laufend dem ausgang näherte, haspelte er noch schnell: abgedreht. wir brauchen sie nicht mehr am set. sie erhalten die volle gage. aber tun sie mir einen gefallen? nehmen sie unbedingt ihre blaublütigen devotionalien alle mit. ich schicke ihnen auch gerne vor der premiere im frühjahr einen riesigen strauß narzissen. ihre antwort war ein empörtes: pöh.

er hatte ja selbst einen ordentlichen knall, den er nicht mal verheimlichte. bei seiner arbeit als regisseur profitierte er letztlich immer von seinem  liebevoll gehegten und gepflegten garten des wahnsinns. seine gefährten dirigierte er stets subtil, ließ unsichtbar marionetten taumeln und straucheln. er liebte es, menschen eingehender zu studieren, die sich nicht sofort vor ihm entblößten, die sich nicht in einem einzigen blick zu erkennen gaben. er liebte es verhüllt, ahnungsvoll, dezent, verrat in sekundenbruchteilen durch eine schwäche, die sich in der körpersprache manifestiert. aber dieser plakatierte schrei der aktrice nach aufmerksamkeit, das demonstrative des nur noch nicht erkannten, ganz besonderen wesens jagten ihm schauer durch den körper. sein schwanz schrumpfte instinktiv, als ob er kalt geduscht hätte. er kehrte in seinen wohnwagen zurück, klopfte rainer dölig kumpelhaft auf die schulter, zeigte mit zwei fingern seinen penisrückzug an und kommentierte: bei der in der hütte wird es dir vor lauter prinzessin sooo kalt!

und wenn sie nicht gestorben ist, dann altjungfert sie noch heute.

auszug aus der rezension einer filmkritikerin: bei mir löst immobile inflation, welch angestauter sammelobjekte auch immer, seien es nun pinguine, kühe, porzellan-nippes…,  umgehend fluchtreflexe aus, weil ich zwischen den ganzen lieblingsstücken keinen raum für mich erkennen kann. so viel zum thema selbstbekenntnisse.

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