alles schon gehabt

wer wird schon gerne von der seite oder von hinten angesprochen? ich nicht, noch dazu, wenn ich gerade fotografiere, weil ich dann immer so schön konzentriert bin und meine umgebung komplett vergesse. umgekehrt werde ich als fotografierende offenbar  für meine mitmenschen interessant (was gibts denn da zu sehen? was soll denn das werden? oooch, guck mal, mache ich auch gleich ein foto…). schon öfters haben sich dabei absurde kurzepisoden zugetragen. so auch heute. an diesem unscheinbaren hydranten, einem durchaus vertrauten alltagsgegenstand. während ich also knipse und an den einstellungen herumspiele, spricht mich plötzlich ein leicht benommen wirkender junger mann an, und es entspann sich sinngemäß folgender dialog:

er: das kannste aber nich machen. das hat schon die ehefrau von rainer schade (*maler, grafiker, prof an der burg in halle*) fotografiert.

ich: ich plane nicht, daraus ein kunstprojekt zu entwickeln.

er: die (*sylvia schade, fotografin*) hat da sogar schon ausstellungen mit fotos von hydranten gehabt.

ich: ich mache keine kunst. ich fotografiere das für eine foto-community auf flickr (*faces in places*), die gegenstände mit gesichtern abbildet. für mich sehen die anschlußöffnungen aus wie ohren. eine abstrakte gesichtsform.

er: aha. ja, aber… ach, jetzt seh ichs auch… hm. jaja, jetzt seh ichs auch. ähmmm. ich mach dir ’nen vorschlag. da drüben hat der schnee noch keine spuren. da kannste mit den füßen ein gesicht malen und dann fotografieren.

ich: aha, toll. danke.

er (ab).

ich glaube ja, wir erklärten uns gegenseitig für völlig bescheuert. er schien mir dann doch etwas gelangweilt von der welt und schien sich in die alles-lustig-mit-kiffen-sphären verabschiedet zu haben. breit, drogenfrei grinsend und unbeirrt habe ich weiter fotografiert. und grinsend lief ich heim, freilich ohne fratzen in den schnee zu kratzen. unterwegs wurde mir klar, daß mich dieser kurze wortwechsel unfreiwillig auf das thema urheberrecht und ideengeber für bilder stieß. darf ich etwas fotografieren, was andere schon lange vor mir fotografiert haben? selbst wenn ich nichts davon weiß? obwohl ich mitten im zeitalter der vervielfältigung lebe, darf ich der welt etwas abgewinnen, es festhalten, dokumentieren, meinen eigenen blickwinkel darauf werfen? ich entschied mich für: ja klar! und zwar aus mehreren gründen. ich kann die welt nicht täglich neu erfinden, sonst fände ich mich sehr schnell nicht mehr in ihr zurecht. das derzeitige entwicklungstempo ist schon so rasant, daß ich mir manchmal wie eine abgehängte hechlerin vorkomme und dann die aufholjagd beginne. wollte ich alle „trends“ kennen, nicht nur ausprobieren, sondern auch nutzen, müßte ich mein schlafpensum gen null absenken. selbst dann noch könnte ich das wissen der welt nicht vollständig in mir aufnehmen.  fällt also aus, weil ich nicht neo aus matrix bin. ich stehle nicht bewußt ideen, ich schreibe bewußt nicht ab, ich kopiere nicht bewußt irgendeinen stil. dennoch könnte ich mich dem einfluß meiner umgebung nur durch unterbringung in einer isolationszelle oder in einer einsamen berghütte, das ist vielleicht nicht ganz so weit hergeholt, vollkommen entziehen. natürlich ohne internetanschluß det janze. wäre ich damit aber schon meine prägung los? nein. wollte ich die kulturelle prägung gar ablegen? nein. im gegenteil, ich will mehr. ich trinke neu:gier und lebe schau:lust jenseits der katastrophe. ist das schon verwerflich?

fernab der massenprodukion gibt es kaum gleiches, es gibt sehr viel mehr ähnlichkeiten und im verhältnis zu dem bereits vorhandenen sehr wenig wirklich neues. ich bin kein genie. ich bin nur da. ich sehe. ich fühle. ich höre. ich rieche. ich schmecke. ich lebe und schreibe mein erleben. ich bin. ich denke. ich handle. ich verfehle. und bin irgendwann nicht mehr. aber noch bin ich ich. ich sehe abweichungen und ähnlichkeiten. weil ich bin, wie ich bin. ich bin, was in mir ist und was um mich ist. bin ich deswegen ein weltdieb? geboren, nicht um zu lernen, sondern nur um ideen zu rauben? ich sehe da ja nach wie vor eine kluft zwischen inspiration, nachahmung und kopie. so sehe ich das. wahrnehmung der welt mit den eigenen, erlernten und noch zu erlernenden mitteln. andere sehen das anders. und das darf, kann und muß ich täglich erleben.

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